Skandalmaterial-Inflation und datenschützende Datenkraken

09.03.2012

Christian Heller über Post-Privacy und die Spackeria

1999 schrieb der amerikanische Science-Fiction-Autor David Brin ein Sachbuch, in dem er postulierte, dass sich das Ende der Privatsphäre angesichts der technologischen Entwicklungen ohnehin nicht mehr aufhalten lässt. Deshalb schlug er vor, sich offensiv für mehr Transparenz einzusetzen, damit man nicht nur selbst kontrolliert wird, sondern auch die Überwacher kontrollieren kann. In Deutschland entwickelte sich aus Brins Buch eine Bewegung, die "Spackeria". Über deren Utopie hat der Berliner Christian Heller ein Buch geschrieben: Post-Privacy - Prima leben ohne Privatsphäre.

Herr Heller, sind Sie ein Teil der "Spackeria"?

Christian Heller: Nun, ich hänge jedenfalls regelmäßig in ihrem IRC-Kanal rum (#spackeria auf Freenode), habe Beiträge für ihr Blog geschrieben, einige Tweets vom Twitter-Account @spackeria formuliert und die letztjährige Spackeria-Konferenz zu kleinem Anteil mitorganisiert. Eine formelle Mitgliedschaft kennen wir zwar nicht, aber ich glaube, die genannten Umstände machen mich mehr oder weniger zu einem Teil von ihr, zumindest für den Zeitraum, in dem sie gegeben waren/sind.

Was verbindet die Spackeria (abgesehen von der Teilnahme an diesen Kanälen)?

Christian Heller: Ich glaube, ich habe mit der Beschreibung meiner eigenen Verbindungslinien zur Spackeria den Großteil von dem aufgelistet, was die Spackeria organisatorisch verbindet beziehungsweise als Gruppe definiert. Inhaltlich verbindet die Spackeria wohl eine Einstellung, die dem Datenschutz gegenüber skeptisch/kritisch gesonnen ist und den Möglichkeiten größeren Datenflusses zwischen den Menschen gegenüber tendenziell optimistisch. Das ist jetzt etwas vage formuliert: Einzel-Positionen sind da vielleicht etwas konkreter datenschutzreformistisch bis datenschutzfeindlich, oder auch eher verhalten optimistisch ("die Entwicklung, die der Datenschutz bedenklich nennt, hat auch positive Seiten") bis bejubelnd ("lasst uns alle Post-Privacy machen, denn dadurch wird die Welt eine bessere!").

Wobei wir prinzipiell auch offen gegenüber Kritikern der genannten Positionen sind, die wir, wenn wir gut gelaunt sind, auch schon zur Spackeria rechnen - einfach nur deshalb, weil sie an der Debatte mit ihren eigenen Argumenten teilnehmen, anstatt sie rundheraus abzulehnen. Ganz überdehnt könnten wir dann sogar Thilo Weichert zur Spackeria zählen, so wir den Eindruck hätten, er würde sich mit unseren Argumenten ernsthaft auseinandersetzen.

Christian Heller. Foto: Fiona Krakenbürger. Lizenz: CC-BY.

Spekuliert die Spackeria auf eine Skandalmaterial-Inflation, in der Besoffenenfotos auf Facebook keinen Personalchef mehr interessieren, weil es die dann von allen Leuten gibt?

Christian Heller: "Skandalmaterial-Inflation", das ist ein schöner Begriff. Ja, unter Post-Privacy-Apologeten ist Skandalmaterial-Inflation etwas, das erwartet und empfohlen wird - unter der Annahme, dass so das Skandalisierungspotenzial diverser Verhaltensweisen abnimmt oder abstumpft. Ich glaube, dass das tatsächlich in vielen Bereichen funktioniert - und auch schon funktioniert hat (siehe etwa der Abbau von Tabus in der Diskussion vielfältiger Sexualitäten). Gleichzeitig räumt es aber nicht jedes Skandalisierungspotenzial, jede Intoleranz, jedes Diskriminierungspotenzial beiseite; dafür ist es ein noch zu einseitiges, spezielles Mittel.

Ich denke, Skandalmaterial-Inflation ist eine der Taktiken, die sich unter den Bedingungen eines Post-Privacy-Trends anbieten, aber bei Weitem keine Lösung für alle Probleme in Sachen Intoleranz, Diskriminierung und so weiter. Man sollte ihr Potenzial austesten und positiv nutzen, aber blind auf sie verlassen sollte man sich nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass immer mehr Skandalisierbares ans Licht dringt und möglicherweise Widerwillen, Aggression, Repression als Entgegnung auf sich zieht, müssen wir uns auch noch nach anderen Wegen umschauen, um diesen Druck aufzufangen. Post-Privacy kann hierbei Beiträge liefern, zum Beispiel durch die Ermöglichung von mehr Aufklärung, oder auch von größerer Sichtbarkeit von Intoleranz. Aber auch an anderen Fronten müssen wir für eine offenere, tolerantere Welt kämpfen, wenn wir eine solche Entwicklung hin zu größerer Transparenz auch all der weniger vornehmen Dinge aushalten wollen.

Müsste man für ein Funktionieren dieses Modells nicht erst einmal das Strafrecht gründlich von solchen Delikten säubern, die jeder begeht?

Christian Heller: Nun, zumindest würde Post-Privacy den Druck erhöhen, sich deutlich zu entscheiden, was geduldet und so erlaubt und was nicht geduldet und so verboten wird. Diverse Graubereiche würden infrage gestellt, diverse Formen des Wegschauens - weil es nicht mehr nur eine Sache wäre zwischen dem Ertappten und dem Polizisten, der ein Auge zudrückt, sondern auch der Rest der Welt zuschauen und das Verhalten beider bewerten würde. Es gibt viele Graubereiche, die von Verborgenheit leben - im guten wie im schlechten Sinne: Im Einzelfall ist es für mich sicher netter, dass der Beamte, der mich beim Kiffen erwischt, ein Auge zudrückt. Geschieht das oft genug, nimmt es aber auch den Druck weg zu einer vollständigen Legalisierung des Kiffens.

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Sie postulieren in Ihrem Buch eine theoretische Ähnlichkeit von Datenschutz und DRM. Aber in der Praxis enthalten DRM-Konzepte Bestandteile wie das Durchsuchen von Festplatten und das Kontrollieren aller Abspielvorgänge. Hat DRM da nicht mehr mit Post-Privacy gemeinsam?

Christian Heller: Insoweit DRM bestimmten Leuten einen Blick freimacht auf Dinge, die ihnen sonst verborgen wären, nimmt es diesen Dingen gegenüber diesen bestimmten Leuten die Privatsphäre. Im allgemeineren Sinne bezeichnet Post-Privacy aber eher die Offenlegung gegenüber dem gesamten Rest der Welt, allen Neugierigen und Interessierten. DRM setzt auf klassische privilegierte Überwachung: Ich werde nackt gemacht gegenüber Wenigen, um diesen eine Kontrolle über mich zu gewähren. Weder kann der Rest der Welt überprüfen, wie diese Kontrolle abläuft und ob sie legitim ist, noch kann ich einen Blick zurück auf meine Kontrolleure werfen. Im Ideal der Post-Privacy dagegen ist jeder für jeden Interessierten nackt, nicht nur für wenige Privilegierte.

DRM-Befürworter würden jetzt argumentieren, der Kunde hat ja mit dem "I-agree"-Button 10 Seiten Legalese abgeklickt und macht damit alles freiwillig …

Christian Heller: Dann haben DRM-Befürworter einen sehr speziellen Begriff von Konsensualität beziehungsweise Freiwilligkeit. Aber stimmt, man kann in 10 Seiten Legalese vielleicht tatsächlich das Recht zufriedenstellen. Dasselbe gilt ja auch für das Datenschutzrecht. "Wenn du diesen Dienst nutzen willst, stimmst du zu, dass wir mit deinen Daten Folgendes tun: [10 Seiten]."

Könnte man dem von Ihnen formulierten Grundsatz "Nacktheit den Großen, Privatsphäre den Kleinen" besser gerecht werden, wenn der Gesetzgeber besser zwischen natürlichen und juristischen Personen trennt?

Christian Heller: Ich glaube, mit dem Versuch, Teilnehmer des Netzes weiter rechtlich auszudifferenzieren, kommt man in Teufels Küche. Insofern sehe ich keinen großen Gewinn in der juristischen Aufdröselung natürlicher und juristischer Personen für Fragen der Daten-Ethik. Ich bin eher für eine Lockerung des Datenschutzrechts statt seiner weiteren Verkomplizierung. Davon abgesehen hindert uns als natürliche Personen nichts daran, uns selbst einen Kopf zu machen, ob wir es mit einzelnen Menschen oder zum Beispiel mit Staaten oder Unternehmen zu tun haben, deren Daten wir gefragt oder ungefragt weiterreichen oder offenlegen. Die Differenzierung sollten wir selbst wagen, wo sie sinnvoll erscheint.

Kann man das tatsächlich? Oder ist man Google und Facebook heute so ausgeliefert wie einem Staat?

Christian Heller: Naja, es ist denke ich noch nicht aller Tage Abend. Als soziales Gebilde schwächelt Google, man muss nicht wirklich ein Google-Plus-Konto haben: Ich selbst habe dort bewusst und offen gegen die Hausordnung verstoßen und verkrafte es durchaus, danach ausgestoßen worden zu sein. Bei Facebook ist es etwas härter: Dort zögere ich merklich, allzu offensiv wie bei Google Plus gegen die Hausordnung zu verstoßen, weil doch inzwischen recht viele sozial wünschenswerte Dinge darüber ablaufen. Insofern gerät Facebook, wie der Staat, zu einem wichtigen sozialen Dienstleister, und darin sogar zu einem Monopolisten.

Andererseits wird zu Facebook noch niemand mit vorgehaltener Waffe gezwungen, es ist in den meisten Fällen noch sehr viel leichter, sich Facebook zu entziehen, als dem eigenen Staat (mit seinen Beamten, Polizisten, Gesetzen). Ich glaube, es täte uns gut, wenn wir Facebook weniger Geschenke machen und stärker offene Alternativen nutzen. Warum nicht mehr Sozialleben ins offene Web verlagern? Blogs nutzen, statt Timelines, Blogrolls statt Freundeslisten, und so weiter und so fort - all das existiert. Nur eine Sache bietet das Offene Web nicht in dem Maße wie Facebook: Die Möglichkeit, einzustellen, wer meine Äußerungen sieht und wer nicht. Insofern entzieht der Privacy-Gedanke auf perverse Weise im Umweg über eine der größten Datenkraken dem Offenen Web Lebensenergie.

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