Ist eine Helmpflicht für Fahrradfahrer ethisch zu rechtfertigen?

09.03.2012

Zwei britische Mediziner wenden sich gegen eine Helmpflicht für Erwachsene, zumal der Schutz vor schweren Kopfverletzungen weniger eindeutig sei, als Befürworter glauben

Das Thema einer Helmpflicht für Fahrradfahrer erregt regelmäßig die Gemüter. Nun haben es auch britische Medizinethiker aufgegriffen, da die Helmpflicht auch in Großbritannien wieder diskutiert wird. Allerdings sind zwei Versuche, diese 1998 und 2004 einzuführen, gescheitert. In einem Artikel sprechen sich zwei Mediziner gegen die Helmpflicht aus, weil der empirische Nachweis fraglich sei, ob sie wirklich signifikant vor Kopfverletzungen schützen. Zudem sollten Erwachsene prinzipiell selbst darüber entscheiden können, welche Risiken sie eingehen wollen.

Damals hat die British Medical Association (BMA) sich geweigert, die Gesetzesvorschläge zu unterstützen. Seit 2010 spricht sich der Ärzteverband jedoch dafür aus, in Nordirland hat sich das Parlament für einen entsprechenden Gesetzesvorschlag ausgesprochen, aber die endgültige Abstimmung steht noch aus. Nach Ansicht von Carwyn Hooper (University of London) und John Spicer (London Deanery) wird die Helmpflicht daher auch wieder in Großbritannien zum Thema werden, weswegen sie in ihrem Artikel Liberty or death; don't tread on me im Journal of Medical Ethics der Frage nachgegangen sind, ob damit tatsächlich, wie von den Befürwortern behauptet, die Zahl der schweren oder tödlichen Kopfverletzungen vermindert werden kann.

Bild: F.R.

Wenn Helme tatsächlich Schäden für Kopf und Gehirn in nicht marginaler Größenordnung reduzieren, dann spräche dies, so die Autoren, für einen Helmzwang auch für Erwachsene. Allerdings sei die Wirksamkeit der Helme für Erwachsene nicht so klar gesichert, wie viele Befürworter glauben. Anders sei dies bei Kindern. Hier spreche mehr für eine Helmpflicht, zumal sie aus ethischer Sicht auch noch nicht reif seien, solche Entscheidungen selbst zu treffen.

Die Autoren weisen auf eine Reihe von Studien hin, die die Wirksamkeit von Helmen in Frage stellen. So zeige eine Studie, dass in Australien, wo es eine Helmpflicht gibt, 80 Prozent der bei Unfällen getöteten und 80 Prozent der schwer verwundeten Radfahrer Helme aufgehabt hätten. Und ganz allgemein sei das Risiko für Radfahrer mit oder ohne Helm relativ gering. In Großbritannien wurden 2008 17.064 Fahrradunfälle gemeldet, dabei starben 104 Menschen und wurden 2.606 schwer verletzt. Das seien angesichts der jährlich mit dem Fahrrad gefahrenen Kilometer keine großen Zahlen, sagen die Wissenschaftler. So seien 2008 etwa 35.000 Menschen in Großbritannien an Lungenkrebs gestorben.

Während für Motorradfahrer die aus härterem Material hergestellten und daher auch schwereren Helme tatsächlich den Schutz des Schädels oder des Gehirns verbessern, sei dies bei Fahrradhelmen nicht so. Die würden vor allem dann einen Schutz vor Kopfverletzungen bieten, wenn die Fahrer einfach von ihren Rädern fallen, wie dies bei kleinen Kindern öfter geschieht. Das räume auch die BMA ein. Die meisten Fahrradunfälle würden jedoch mit einem Aufschlag auf andere Fahrzeuge einhergehen. Hier sei noch wenig bekannt, inwieweit die Helme wirklich einen Schutz bieten. Das Tragen von Motorradhelmen sei für Fahrradfahrer aber nicht geeignet.

Selbst wenn Helme einen gewissen Schutz bieten, dann könne das Tragen auch ungewollte Folgen haben. Hingewiesen wird auf Studien, nach denen Autofahrer bei behelmten Fahrradfahrern nicht so aufpassen, während die Fahrradfahrer selbst auch riskanter fahren könnten, weil sie sich geschützter fühlen. Studien hätten zwar gezeigt, dass mehr Menschen einen Helm aufsetzen, wenn eine Helmpflicht eingeführt wurde, und dass Kopfverletzungen zurückgingen. Der Grund dafür könne aber auch sein, dass aufgrund der Helmpflicht die Zahl der Fahrradfahrer zurückgegangen ist, wofür es Hinweise gebe. Theoretisch möglich sei auch, dass das Tragen von Helmen die Menschen erinnert, dass Fahrradfahren gefährlich sein kann, und sie deshalb vorsichtiger fahren, aber dafür würde es keine Belege geben.

Wenn eine Helmpflicht aus utilitaristischen Gründen - Reduzierung der schweren Kopfverletzungen für die Fahrer und der Kosten für die Gesellschaft - vorgeschrieben würde, kämen zu dem Nachweis der Wirksamkeit noch ethische Probleme. Ein solches Helmgesetz sei "paternalistisch" und verletze das Recht erwachsener Bürger, selbst zu entscheiden, welche gesundheitlichen Risiken sie eingehen wollen. Man könne zwar sagen, das Recht, keinen Fahrradhelm tragen zu müssen, sei unwichtig, vor allem, wenn die Risiken sehr hoch sind. Aber das Recht, über seine Gesundheit selbst zu entscheiden, sei nicht trivial und sollte wirklich nur bei extremen Risiken eingeschränkt werden, meinen die Autoren. Als Beispiele werden die Folgen des Heroinkonsums oder des Fahrens ohne Motorradhelm genannt. Es sei aber sehr schwierig, hier eine Grenze zu ziehen, ab der das Risiko ein Verbot oder eine Pflicht rechtfertigt. Beim Fahrradfahren sei sie jedenfalls nicht erreicht.

Die Gefahr bestehe auf jeden Fall, dass bei einer Helmpflicht die Lust am Fahrradfahren sinken könnte. Zwar hätten sich die meisten auch an die Gurtpflicht im Auto gewöhnt, bei Fahrradhelmen sind die Autoren hingegen skeptisch. Und sie weisen auch das Argument zurück, dass riskantes Fahren ohne Helm eine Belastung für die Gesellschaft darstelle, weil der Nutzen für die Gesundheit das Risiko, getötet oder verletzt zu werden, um ein Vielfaches übersteige.

Aus normativer Sicht hingegen müsste man, wenn eine Helmpflicht zur Risikosenkung eingeführt würde, auch vergleichbare Auflagen für andere Aktivitäten gemacht werden:

Aus Konsistenz- und Fairnessgründen müsste jeder gezwungen werden, vergleichbare Risiken in anderen Lebensbereichen zu reduzieren. Beispielsweise müssten Skifahrer, Skateboarder, Fallschirmspringer, Mitfahrer in Autos und selbst Fußgänger genötigt werden, ebenfalls Helme zu tragen. Menschen, die manchen dieser Aktivitäten nachgehen, könnten sogar gezwungen werden, einen Wirbelsäulenschutz und je nach der Art der Aktivität andere Schutzvorrichtungen zu tragen.

Weil das aber politisch und praktisch unmöglich sei, empfehlen die Autoren, keine gesetzliche Helmpflicht einzuführen, aber die Bürger weiter über den möglichen Nutzen von Helmen zu informieren und sie selbst darüber entscheiden zu lassen, ob sie einen Helm aufsetzen oder nicht. Und sie werden dabei auch noch ziemlich pathetisch:

Wenn entscheidungsfähige Erwachsene Fahrrad fahren und ihre Haare oder ihre glänzende Glatze dem Wind, dem Regen und dem Himmel aussetzen wollen, dann sollten sie dies ohne Einmischung des Staates oder von irgendjemandem sonst machen können.

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