Handelsblatt-Leser schlecht beraten

13.03.2012

Die Zeitung warb 2010 mit Redakteuren, Politikern und Wirtschaftsführern für den Kauf griechischer Staatsanleihen

Kriegsanleihen sind ein riskantes Geschäft. Deshalb wurde für sie in der Vergangenheit häufig mit pathetischen Appellen an den Patriotismus geworben. In einem ähnlichen Duktus war im Mai 2010 eine Kampagne gehalten, in der der Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart, sein Stellvertreter Hermann-Josef Knipper und eine Reihe von Wirtschaftsführern und Politikern für den Kauf griechischer Staatsanleihen warben, die heute nur noch die Hälfte wert sind.

Weil es das von Steingart mit öffentlichen Bedarfshymnen herbeigesehnte neue Monopolrecht für Presseverleger noch nicht gibt, lässt sich das nicht nur behaupten, sondern auch mit Zitaten aus dem Handelsblatt untermauern: So meinte etwa Steingart selbst, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro "den Anfang vom Ende der heutigen Union bedeuten", das "Fundament des Europäischen Hauses erschüttern" und den "Gemeinsamen Markt in Frage stellen" würde, weshalb sein Blatt "eine Stimme der Vernunft sein" wolle und deshalb zu Aktion "Ich kaufe griechische Staatsanleihen" aufgerufen habe.

Drei Jahre vorher hatte der ehemalige grüne Finanzpolitiker den Helmut-Schmidt-Journalistenpreis der Direktbank ING-DiBa verliehen bekommen und war in diesem Rahmen als "herausragendes Beispiel für kritischen Wirtschafts- und Verbraucherjournalismus" gelobt worden. Etwas missverständlicher als Steingart formulierte 2010 sein Stellvertreter Hermann-Josef Knipper. Er schrieb, er kaufe Griechenlandanleihen, "weil der Euro das beste europapolitische Projekt seit dem Zweiten Weltkrieg ist".

Bert Rürup. Foto: lexisnexis-sv. Lizenz: CC BY 2.0.

Bert Rürup, einer der wichtigsten Berater des Kabinetts Schröder, zeigte sich in seinem Textabsatz zur Aktion nicht nur der Überzeugung, dass die Idee einer europäischen Gemeinschaftswährung "groß und richtig" und ein Abschied Griechenlands aus der Euro-Zone "allenfalls eine akademische Option aber definitiv keine sinnvolle realpolitische Lösung" sei, sondern auch "dass die Unterstützung dieses Landes und damit der Beitrag Deutschlands nachhaltig Erfolg haben" würde. Und der PR-Manager Tasso Enzweiler, der bis 2006 Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft war, meinte, Griechenlandanleihen würden sich "auszahlen", weil die griechische Regierung "die Herausforderungen konsequent angehen" werde und "grundsätzlich ein verlässlicher Schuldner" sei.

Auch Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer ließ sich vom Schicksal der AOL-Aktien (die ihm Steingart nach eigenen Angaben 2000 als konservative Anlage empfohlen hatte) nicht warnen und postulierte 2010 öffentlich, er werde für einen Tausender Griechenlandanleihen kaufen. Lediglich der Ifo-Chef Hans-Werner Sinn gab sich damals skeptisch und meinte, er könne den Kauf griechischer Staatsanleihen trotz aller Sympathien für das Land "nicht guten Gewissens empfehlen". Anstatt dieses Risiko einzugehen, sollen Deutsche lieber Urlaub in der Ägäis machen, denn dabei wisse man, "dass man etwas für sein Geld kriegt".

Auch vor der Eurokrise war man nicht unbedingt gut beraten, wenn man sich an die Anlagetipps von Politikern und Zeitungen hielt: Anfang Januar 2008 hatte beispielsweise die Wochenzeitung Die Zeit geschrieben, die Politik wolle nun "Skepsis, Frust und Enttäuschung" aus dem "Zwischentief um die Jahrtausendwende" entgegenwirken. "Volksvertreter aller Couleur" würden deshalb "beklagen", dass der Bevölkerung durch diese Zurückhaltung "enorme Chancen" entgingen. Wirtschaftsminister Michael Glos sei sogar regelrecht "frustriert" darüber und plane deshalb über Belegschaftsaktien, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Ähnlich äußerte sich sein SPD-Kollege Peer Steinbrück, der laut das "Deutschlandfonds"-Modell seiner Partei pries. Die Grünen wollten zwar niemanden direkt zwingen, kritisierten aber die Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge, als schädlich für die "mühsam aufgepäppelte Aktienkultur".

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