Internet-Interventionismus

13.03.2012

Ein Blick hinter die Fassaden der in Sozialen Netzwerken losgetretene Kampagne "Kony 2012"

Die Lord's Resistance Army (Widerstandsarmee des Herrn - LRA) kann getrost als eine der brutalsten Milizen des subsaharischen Afrikas bezeichnet werden. Gegründet wurde die LRA von ihrem Anführer Joseph Kony im Jahr 1987, der sich als einen gottgesandten Messias halluziniert, dessen göttliche Mission in der Errichtung einer christlichen Theokratie auf dem Gebiet des heutigen Uganda bestehen soll. Bei ihrem Kampf um einen auf Grundlage der zehn biblischen Gebote zu errichtenden Gottesstaat ging die LRA ab den frühen 90ern zu brutalstem Terror gegen die Zivilbevölkerung (Metzeln im Namen Gottes) und massenhaften Entführungen von Kindern über. Die Banden der "Gottesarmee" stürmten oft Dörfer, ermordeten oder verstümmelten die erwachsene Bevölkerung, und verschleppten die Minderjährigen. Die Jungen wurden zu Kindersoldaten ausgebildet, die Mädchen oft sexuell missbraucht. Bis zu 60.000 Kinder sollen von der LRA verschleppt worden sein.

Somit schien die Kampagne Kony 2012 ein nobles Ansinnen zu verfolgen, das darin besteht, den LRA-Anführer Joseph Kony zur Verantwortung ziehen. Die fachkundig initiierte Aktion breitete sich explosionsartig in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook aus, sodass der selbst ernannte ugandische Messias inzwischen den Bekanntheitsgrad eines viralen Internetphänomens erreicht hat.

Plakat von Invisible Children mit den Bösen der Bösen

Das wichtigste Mobilisierungsmittel dieser politischen Kampagne, bei der das Internet auf die Jagd nach dem berüchtigten Rebellenführer geht, besteht aus einem professionell hergestellten Dokumentarfilm, den inzwischen mehr als 80 Millionen Menschen gesehen haben. Das rund halbstündige Video thematisiert in aufwühlenden, stark emotionalisierenden Bildern die Schrecken des ugandischen Bürgerkrieges und die Schicksale der Opfer der LRA. Dabei wird Joseph Kony als der alleinige Verantwortliche für das massenhafte Abschlachten in diesem Bürgerkrieg dargestellt.

Millionen von Internet-Usern haben inzwischen die entsprechenden "Like-Buttons" gedrückt, um sich als Teil einer großen, für das Gute kämpfenden Gemeinschaft fühlen zu können. Und die Teilnehmer der Kony 2012 Kampagne finden sich tatsächlich in einer wahrhaft illustren Gesellschaft: Da finden sich Größen der Kulturindustrie wie Angelina Jolie, Lady Gaga und Justin Bieber, Milliardäre wie Mark Zuckerberg, Warren Buffet sowie Bill Gates und auch mehr oder weniger honorige Politiker vom Schlage eines Bill Clinton, Mitt Romney und (kein Witz) George W. Bush.

Somit scheint das "Böse" dieser unseren massenmörderischen Welt - in der nach Unicef etwa 21.000 Kinder täglich an Hunger und Krankheit sterben - sich allein in Joseph Kony zu materialisieren, gegen dessen massenmörderische Umtriebe die globale Internetgemeinde Seit' an Seit' mit George W. Bush und Bill Gates ins Feld ziehen solle, um diesen der Justiz zu überstellen - so die Intention der Initiatoren dieser Kampagne.

Die hinter dieser sehr erfolgreichen Kampagne stehende Organisation Invisible Children hat auch eine sehr genaue Vorstellung davon, wie Kony der Justiz zugeführt zugeführt werden soll. Die Organisation unterstützt eine Militärintervention des Westens, um die ugandische Regierung bei ihrem Kampf gegen die Rebellen der LRA zu unterstützen:

Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass hier die US-amerikanischen Autoritäten als Ansprechpartner gewählt werden, um einen Konflikt in Uganda zu lösen, was auf ein neokoloniales Bewusstsein innerhalb der Initiatoren der Kampagne schließen lässt. Dabei hat die Intervention der US-Regierung in Uganda eigentlich bereits begonnen, da die Obama-Regierung Hunderte von Militärberatern nach Zentralafrika verlegte, um den Kampf gegen LRA zu koordinieren. Somit verwundert es auch nicht weiter, dass auch der Presseprecher von US-Präsident Obama die Kampagne befürwortet und den "hunderttausenden Amerikanern, die das Video weiterverbreiten und so zur Bewusstseinsbildung beitragen", gratuliert.

Die Initiatoren der Kampagne scheinen zudem ebenfalls eine missionarische Agenda zu verfolgen, wie der Auftritt des Mitbegründers von Invisible Children, Jason Russell, bei der evangelikalen Liberty University nahelagt. Hierbei legt Russell seine Strategie einer verdeckten Missionierungsarbeit dar, die auf die Gewinnung von Vertrauen und Zuneigung durch scheinbar wohltätige Tätigkeit abzielt. Es scheint, als ob hier evangelikale Fundamentalisten aus den USA ihre übereifrige Konkurrenz bei der durchaus erfolgreichen Missionierungsarbeit in Afrika loswerden wollen. Diese evangelikalen Netzwerke verfolgen ihrer ganz eigenen religiösen Obsessionen: Der Vormarsch der Homophobie ausgerechnet in Uganda - wo Schwulen schon mit der Todesstrafe gedroht wird - und anderen afrikanischen Staaten findet die aktive Unterstützung der dort aktiven US-Sekten.

Höchst problematisch ist auch die einseitige Darstellung des Konflikts in Uganda, da bei den blutigen Bürgerkriegen in Afrika nahezu alle Partien zu ähnlich grausamen Methoden wie die LRA griffen und auch die ugandische Regierung sich schwerster Menschenrechtsverstöße schuldig machte. Zudem werden die komplexen ethnischen Rivalitäten und Spannungen gänzlich ausgeblendet, die den Konflikt zusätzlich befeuerten, wie auch dessen geopolitischen Rahmen. So unterstützte der Sudan eine Zeit lang die LRA, um damit Vergeltung für die Hilfe zu üben, die Uganda den südsudanesischen Rebellen zukommen ließ. Schließlich gewinnt Afrika bei dem globalen Rennen um die letzten noch unberührten Rohstoffvorkommen inzwischen größere geopolitische Bedeutung, sodass ein verstärktes militärisches Engagement in der Region vielen Großmächten zupasskäme.

Das dubiose Milieu, in dem Invisible Children beheimatet ist und die zwielichtigen Intentionen dieser Gruppe sind längst in den Fokus der Kritik geraten. Inzwischen baut sich eine weitere virale Kampagne auf, die vehement die Initiatoren und die Agenda von Kony 2012 kritisiert. Es scheint, als ob in einer massiven Gegenbewegung die kritischen Potenziale des Internets durch eine spontane Graswurzelbewegung mobilisiert wurden. Die honorige Fassade von "Kony 2012" bröckelt in Rekordzeit. In einer Flut von Artikeln, Blogbeiträgen und Videos wurden die einseitige Darstellung des Konflikts in Uganda, die Betrugsvorwürfe gegen die Organisation oder deren Verbindungen zu Sponsoren wie JPMorgan, die wirtschaftliche Interessen in der Region haben, thematisiert.

Inzwischen wurden vor allem die Videos von Bloggern aus Uganda, die harsche Kritik an dem Kony-Film üben, ebenfalls von Millionen von Internetnutzern abgerufen. Die anfangs erfolgreiche virale Kampagne für einen neuen Internet-Interventionismus, die eine Blaupause für die künftige ideologische Vorbereitung von Angriffskriegen im Internetzeitalter zu liefern schien, könnte scheitern und sich gegen die Initiatoren zu wenden.

Der emotionalen Empörung über die Massaker in Uganda folgt innerhalb kürzester Zeit die Kritik der Motive und Mittel der Kampagnenmacher. Der freie und schnelle Fluss der Informationen innerhalb einer beständig wachsenden globalen Internetgemeinde scheint somit das beste Gegengift zu solchen Manipulationskampagnen zu sein. Es ist, als ob das Internet ein globales Bewusstsein, ein Weltbewusstsein zutage bringen würde, das genügend kritisches Potenzial entwickelt, um bei aller Empörung über das alltägliche Morden auch dessen Instrumentalisierung schnell als solche zu entlarven.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.