Die Energiewende nach einem Jahr Atommoratorium

13.03.2012

Die Energie- und Klimawochenschau: Chancen genutzt? Oder rudert Deutschland bereits wieder ängstlich zurück?

"Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen ... Es gibt bei dieser Sicherheitsprüfung keine Tabus. Genau aus diesem Grunde werden wir die erst kürzlich beschlossene Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke aussetzen." Mit diesen Worten begann vor einem Jahr das Atommoratorium in Deutschland. Eine mutige Erklärung von Angela Merkel in ihrem Koalitionsumfeld, das eigentlich angetreten war, einen Ausstieg aus der Atomkraft zu verhindern. Das Moratorium war ein starkes Signal, um der lange angekündigten Energiewende einen Schub nach vorne zu geben. Denn nun bestand die Chance nachzuweisen, dass die AKWs für die Stromversorgung sofort entbehrlich und dass die Erneuerbaren in der Lage sind, nicht nur das Netz zu stützen, sondern nach und nach auch immer größere Anteile der fossilen Energieträger zu ersetzen.

Foto: Gabriele Niechziol

Meilensteine im Flug genommen

Und tatsächlich, drei Meilensteine wurden von den Erneuerbaren innerhalb nur eines Jahres im Eiltempo passiert:

Der Atomstrom wurde ersetzt und Deutschland ist seitdem sogar weiterhin Stromexporteur geblieben;

Erneuerbare liefern seit einem Jahr mehr Strom als die Steinkohlekraftwerke;

Erneuerbare liefern jetzt auch mehr Strom als die Wasserkraft.

Ja, es wurde auch von Strommangel im kalten Februar 2012 berichtet und davon, dass ja wohl gemogelt worden sei bei der Strombilanz und Deutschland jetzt auf das Anwerfen der Kaltreserve aus Österreich angewiesen gewesen sei. Doch schnell wurde klar, dass die Gefährdung der Netzsicherheit keine technischen Ursachen hatte, sondern von Stromkäufern verursacht worden war. Einerseits um ein paar Euros zu sparen, die sonst für zusätzlichen Börsenstrom fällig geworden wären. Und andererseits, weil es lukrativer war, deutschen Windstrom zu dem Zeitpunkt als Spitzenstrom Richtung Italien zu exportieren und statt dessen Vertragsstrom aus der österreichischen Kaltreserve zu kaufen (Schachern bis zum Blackout?).

Die Stromproduktion der deutschen AKWs fiel 2011 um 23%. Dennoch blieb Deutschland auch 2011 Stromexporteur. Der Stromaustauschsaldo mit den europäischen Nachbarländern weist Ende 2011 einen Ausfuhrüberschuss in Höhe von 5 Terawattstunden (TWh) auf. Grafik: M. Brake. Daten: Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen

Konventionelle Stromproduzenten sind nicht gut zu sprechen auf die Fotovoltaik, denn sie drückt die Börsengewinne für konventionellen Strom

Besonders die viel gescholtene Solarenergie hatte in den letzten Monaten einen weiteren Effekt. Sie senkt immer deutlicher die Strompreise. Zwar macht Solarstrom im Netz insgesamt "erst" 4% aus, doch was ihm bisher als Nachteil angekreidet wurde, entpuppt sich immer mehr als Vorteil: Der größte solare Stromertrag fällt in die Mitte des Tages, die Zeit des größten Verbrauchs und der hohen Preise an der EEX.

Letzte Woche wurden die Börsenstrompreise nach hohen Prognosen für die Solarstromeinspeisung zeitweise bereits unter das Nachtniveau gesenkt. So fiel der Preis am 7. März in der Stunde zwischen 12 bis 13 Uhr auf 35,36 Euro pro Megawattstunde (MWh). In der Nacht hatte der tiefste Preis dagegen etwas höher, bei 35,73 Euro pro MWh gelegen. Hintergrund der Preisentwicklung: Für diesen Tag hatte die Prognose über die Solarstromeinspeisung zur Mittagszeit bei knapp über 14 Gigawatt gelegen. Infolgedessen sank die Nachfrage nach konventionellem Strom im Day-Ahead-Handel für die Region Deutschland und Österreich drastisch.

Aufgrund des Preisdrucks der Fotovoltaik haben die konventionellen Stromproduzenten alleine an diesem Tag 7,5 Mio. Euro an Börsenspekulationseinnahmen eingebüßt. Zum Vergleich: In Frankreich lag der Strompreis für die Lieferung zur Mittagszeit von 12 bis 13 Uhr mit 58,21 Euro pro MWh gut 60 Prozent höher als in Deutschland, in der Schweiz mit 65,14 Euro sogar 84 Prozent. Ganz klar also, warum einige nicht gut zu sprechen sind auf die Fotovoltaik, die die Gewinne für konventionellen Strom drückt.

Noch bewirkt das EEG so viel Eigendynamik, dass der Stromanteil aus EE, trotz der momentanen Energiepolitik, steigt. Anders sieht es bei der regenerativen Wärme- und Treibstoffversorgung aus, beide Sektoren stagnieren, bzw. der Anteil der EE fällt bei ihnen. Grafik: M. Brake. Daten: Erneuerbare Energien in Zahlen 2011

Panik bei der nuklearen Energiewirtschaft

In diesem Umfeld muss man den Versuch sehen, die so gut begonnene Energiewende so schnell wie möglich abzuwürgen. Bezeichnend ist es deshalb, dass ausgerechnet der Bundesumweltminister letzten Freitag bei der Debatte über die Kürzungsbeschlüsse im Bundestag fehlte. Das wundert kaum, denn erstens wäre es ihm nicht möglich gewesen, die Kürzungen sachlich zu begründen. Er hat ja sogar extra einen Ermächtigungspassus in den aktuellen Gesetzentwurf einfügen lassen. Will heißen, wenn es nach ihm ginge, würde die Kürzung der Vergütung oder der vollständige Ausschluss erneuerbarer Energieträger aus dem EEG zukünftig per Verordnung und ohne parlamentarische Kontrolle geschehen. Und dahin scheinen die Pläne für die PV zu gehen. Die statt Röttgen zur Debatte geschickte Staatssekretärin Katharina Reiche formulierte die Intention euphemistisch so:

Die Photovoltaik ist in Deutschland in einem Ausmaß gewachsen, das in dieser Geschwindigkeit und diesem Volumen niemand für möglich gehalten hätte. Man kann auch sagen, dass die Photovoltaik erwachsen geworden ist und wenn man erwachsen ist, dann muss man Verantwortung übernehmen und auf eigenen Füßen stehen.

Katharina Reiche
Die panikartigen Installationen von Fotovoltaikanlagen vor jeder weiteren angekündigten EEG-Kürzung täuschen leicht über den allgemeinen Vertrauensverlust in die aktuelle Energiepolitik hinweg. Es herrscht Verunsicherung die sich seit einem Jahr auch deutlich in den sinkenden Investitionen in die Errichtung von EE-Anlagen widerspiegelt. Grafik: M. Brake. Daten: Erneuerbare Energien in Zahlen 2011

Soll das heißen, die Fotovoltaik soll als erste regenerative Energiequelle aus dem EEG gekickt werden? Wie, bitteschön, sollen dann die vielen tausend Betreiber von Solaranlagen ihren Strom vermarkten? Ein Aufheben der beiden Kernelemente des EEG

vorrangige Abnahme des EE-Strom

eine kostendeckende Vergütung für den Strom

ermöglicht es doch gerade erst, dass sich so viele Bürger an der erneuerbaren Energieversorgung beteiligen. Wenn jetzt jeder Einzelne für seine paar Kilowattstunden zum Verkäufer, Netzbetreiber und Börsenhändler an der Strombörse werden soll, heißt das nichts anderes als den Einstieg in den Ausstieg aus der gerade erst so hoffnungsvoll und furios begonnenen dezentralen erneuerbaren Energieversorgung. Die EE würden so in eine zentralisierte Erzeugerstruktur gepresst werden, die wieder zurückkehrt zur Versorgung per Großkraftwerk durch Konzerne. Das würde die bisherige Bürgerbeteiligung beenden. Gregor Gysi sagte dazu in der Debatte am Freitag: "Jetzt die Solaranlagen auszubremsen, wie Sie das machen, bedeutet nichts anderes, als im Interesse der fossil nuklearen Energiewirtschaft zu handeln und das ist gesellschaftspolitischer Irrsinn."

Es gibt keine Renaissance der Atomkraft

Doch auch, wenn jetzt einige hoffen, die Entwicklung ließe sich einfach umkehren, dem wird nicht so sein. Die Sicherheitsprüfungen der deutschen Atomkraftwerke hatten als mageres Resultat vor allem zur Errichtung höherer Mauern und zur Erneuerung der Werkstore an den Zwischenlagern. Die letzten AKWs sollen in Deutschland auch erst in 10 Jahren vom Netz gehen, dennoch ist von einer Renaissance der Kernkraft, auch weltweit, keine Rede.

John Rich, Generaldirektor der World Nuclear Association (WNA), spricht, wie der Deutschlandfunk berichtet von weltweit derzeit 435 Kernkraftwerken, die 360 GW liefern, und träumt von mindestens 1.000 AKWs bis 2050. Bis Ende des Jahrhunderts sollen es dann gar 3.000 sein.

Doch der Atomexperte Mycle Schneider, Träger des alternativen Nobelpreises, hält dem die tatsächliche Entwicklung entgegen. Italien, Belgien oder die Schweiz sind nur einige der Länder, in denen nach Fukushima der Ausstieg der Atomkraft beschlossen wurde bzw. kein Ausbau mehr stattfindet. China hat nach Fukushima de facto alle neuen AKW-Projekte eingefroren. Gleichzeitig gehört China zu den Ländern, die Tempo machen beim Ausbau der erneuerbaren Energien im eigenen Land und gleichzeitig die Komponenten für den Ausbau u.a. in Deutschland produzieren.

Auch weitere Länder wenden sich von der Atomkraft ab. So beendete im Februar Kuwait seine Pläne, bis 2022 4 Atomreaktoren zu bauen, und auch Tschechien gab seine hochtrabenden Pläne auf für bis zu 18 neue AKWs. Bei diesen Entscheidungen waren nicht Sicherheitsbedenken das Hauptmotiv, sondern Schwierigkeiten bei der Finanzierung. So werden es die Kosten für AKW-Neubauten sein, die das Ende der Kernkraft noch beschleunigen werden.

Die Reaktoren der jüngsten Generation wie der EPR Reaktor, den zur Zeit Électricité de France (EDF) in Flamanville baut, werden nach Angaben von EDF selbst Strom zu Kosten von 6-9 ct/kWh produzieren - teurer als heutiger Windstrom. Denn eine doppelte Außenhülle und ein "Core-Catcher" genanntes Keramikbecken, das die Kernschmelze beim GAU auffangen soll, machen den Bau teuer. EDF hofft, dass der Reaktor dafür "zehnmal so sicher" sein wird als herkömmliche Reaktoren. So könnte es dazu kommen, dass Kernkraft in Zukunft nur noch als aus der Zeit gefallenes Prestigeprojekt weiter betrieben wird, so wie es der Iran vormacht oder Polen gerade plant.

Bei den Erneuerbaren wurde trotz der momentanen Energiepolitik viel erreicht

Doch wie sieht die Energieversorgung mit Erneuerbaren bei uns heute aus, jenseits der Lobbyarbeit der Vertreter einer zentralen Energieversorgung? Nach Berechnungen des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) und der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) haben regenerative Energien im Jahr 2011 Brennstoffimporte in Höhe von 11 Milliarden Euro ersetzt und die Freisetzung von 127 Mio. Tonnen CO2 vermieden.

Insgesamt stieg der Anteil der Erneuerbaren am Endenergieverbrauch (Wärme und Strom) im letzten Jahr in Deutschland auf 11,9 Prozent. Der Anteil am Strommix stieg 2011 um weitere 4 Prozent auf 20,1 Prozent. Abwärts ging es dagegen für die solare Wärmeversorgung, ihr Anteil fiel auf 9,4 Prozent (2010: 9,6 Prozent). Und auch der Anteil von Biosprit und -diesel sank auf 5,5 Prozent (2010: 5,8 Prozent).

Am meisten EE-Strom lieferte mit 48,1 Terawattstunden (TWh) wieder die Windenergie, gefolgt von der Fotovoltaik (19,5 Twh), der Wasserkraft (19,0 TWh) und der Stromerzeugung aus Biogasanlagen (17,5 TWh). Rund 11,3 TWh Strom wurden 2011 aus fester Biomasse gewonnen. Insgesamt lag die Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien im Jahr 2011 bei 122,3 TWh (2010: 104,4 TWh).

Die hintersinnige Kopplung der Anreizprogramme für die Gebäudesanierung an die CO2-Zertifikatspreise ließ die Finanzierung einbrechen und signalisiert deutlich das Desinteresse der momentanen Entscheidungsträger an verantwortungsvollen Lösungen für Fragen der Energieeffizienz, -suffizienz und der regenerativen Wärmeversorgung - allesamt konzernferne Energiestrategien. Bild: Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen

Doch ein Jahr nach Fukushima zieht der BEE trotz dieser Fortschritte eine ernüchterte Bilanz der momentanen Energiepolitik. Was nach der Erkenntnis von Fukushima furios mit Merkels Ankündigung startete: "Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen", ist in den letzten Monaten immer mehr im Klein-Klein der Bürokraten, Bremser, Zauderer und Lobbyisten versackt. BEE-Präsident Dietmar Schütz:

Statt den mutigen Ankündigungen zur Energiewende die entsprechenden Taten folgen zu lassen, blockiert die Bundesregierung den Umbau unserer Energieversorgung an entscheidenden Stellen.

Und damit meint er nicht nur die geplante Demontage der Fotovoltaik, sondern ebenso das Einfrieren der Förderprogramme für die Solarthermie und die hintersinnige Kopplung von Anreizprogrammen an die fiktiven, immer weiter fallenden Zertifikatspreise an der CO2-Börse. Auch das Schüren von Ängsten unter dem Motto: "Wer Erneuerbare will, muss Hochspannungstrassen durch sein Nacherholungsgebiet dulden", zeugt von einem Tunnelblick, der sich Energieversorgung nur als zentral gelenkte Veranstaltung vorstellen kann. Mut und Aufbruchsstimmung für die selbst beschworene Energiewende und für "Zukunftsstrom" sehen anders aus. Zum Glück haben die Erneuerbaren mittlerweile so viel Eigendynamik entwickelt, dass sie die momentane Durststrecke überstehen werden.

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