Plebejer müssen draußen bleiben

21.03.2012

Studie weist hohe soziale Auslese bei Journalistenschulen nach

Was passiert, wenn "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von Guttenberg trifft? Nein, es gesellt sich nicht nur Haar-Gel zu Haar-Gel und Kaschmir-Pullover zu Kaschmir-Pullover, sondern dann geht es auch um die Verständigung der Macht-Eliten, die sich gegenseitig quasi am Geruch erkennen. Woher diese Eliten im journalistischen Feld kommen, hat Klarissa Lueg, Doktorandin an der TH Darmstadt in ihrer Dissertation "Habitus, Herkunft und Positionierung: Die Logik des journalistischen Feldes" untersucht. Danach ist an Journalistenschulen, die als Rekrutierungsanstalten für journalistische Karrieren gelten, die soziale Auslese besonders gravierend: Mehr als zwei Drittel der Schüler stammen aus einer "hohen Herkunftsgruppe". Kinder von Facharbeitern etwa kommen gar nicht vor. Die Autorin sieht aufgrund dieser Auslese eine Gefahr für eine "kompensatorische, anwaltschaftliche Berichterstattung".

Die Geschichte geht prinzipiell so: Die wirklich guten Jobs an der Spitze mit hohem Einkommen und Renommee werden seit jeher unter den Angehörigen der Eliten weitergegeben. Damit das funktioniert, sind auf den Zufahrtsrampen für den Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden, des Bundesverfassungsrichters, des Universitäts-Dekans oder des Chefarztes kleine unsichtbare Ampeln aufgestellt, die regelmäßig auf Rot gestellt werden, wenn ein Plebejer des Weges kommt.

Diese Ämpelchen funktionieren seit der Demokratisierung des Bildungswesens informell, zwar kann Hinz und Kunz jetzt auf die Uni und womöglich gar promovieren, die Spitzenjobs aber werden nach dem Habitus vergeben, also der Gesamtheit der Manieren und Verhaltensweisen, die einem im großbürgerlichen Elternhause mitgegeben werden und die man nicht in der Schule und auf der Uni erlernen kann.

Sagt zum Beispiel der Elitenforscher Michael Hartmann, der dies für Spitzenkarrieren in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft nachgewiesen hat ("Der Mythos von den Leistungseliten"). Ihm nachgetan hat es jetzt Klarissa Lueg in Sachen Spitzenkarrieren im Journalismus. Sie untersuchte die soziale Herkunft von Schülern dreier Journalistenschulen und befragte die Schulleiter. Hintergrund ist der Befund, dass die Absolventen dieser prestigeträchtigen Schulen quasi ein Karriereticket in der Tasche haben. "Also, wer es geschafft hat, auf eine Journalistenschule zu kommen, hat es im Grunde genommen in diesem Beruf bereits geschafft", so einer der befragten Schulleiter.

Was ist eine "journalistische Persönlichkeit"?

Im Zentrum der sozialen Auslese, so Lueg, steht dabei die Persönlichkeitsprüfung im Auswahlgespräch. Es ist der Mechanismus, über den der Habitus in Anschlag gebracht wird und der als Filter dient, um die Plebejer auszusieben. Dabei geht es um verschiedene Merkmale einer "journalistischen Persönlichkeit" wie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, Sprachgefühl und Gesprächsführungskompetenz oder ein "Vertrauen erweckendes Wesen". "Insgesamt formen diese fünf Merkmale eine journalistische Persönlichkeit, die durch eine bürgerliche Sozialisation und den daraus resultierenden Habitus begünstigt wird. Diese Merkmale können weniger durch schulische oder universitäre Sozialisation erworben werden", so die Autorin.

Die Folgen dieser Art "Gesichts"- oder Habituskontrolle sind eine hohe soziale "Auslese" oder andersherum, der Ausschluss von Angehörigen nichtbürgerlicher Schichten aus der Schule respektive dem Journalismus. Denn die Journalistenschüler stellen eine "überwiegend geschlossene Herkunftsgruppe" dar, 68 Prozent entstammen einem "hohen" Herkunftsmilieu. Diese Journalistenschüler kommen in der Regel aus akademischen Elternhäusern mit hohen Anteilen promovierter oder gar habilitierter Väter, oft kombiniert mit klassischer geschlechtlicher Rollenverteilung.

Während bereits 51 Prozent aller Studierenden ein Elternteil mit Hochschulabschluss haben, sind es bei Journalistenschülern sogar 71 Prozent. Wen wundert es dann, dass an Journalistenschulen keine Schüler aus der Herkunftsgruppe "niedrig" zu finden sind: "Kinder von Facharbeitern oder ungelernten Arbeitern, mit dem Blickwinkel und dem Erfahrungshorizont dieser Gruppe, existieren an den Journalistenschulen nicht."

Die Welt der Journalistenschüler ist also eher die Welt des Gleitens über dicken Teppiche, als die Welt der Linoleumböden, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu ausdrückte, der auch den theoretischen Hintergrund der Studie von Lueg bildet. Weil diese Gruppe der Journalistenschüler mit ihrer großbürgerlichen Herkunft eben auch eine großbürgerliche Sicht auf die Welt hätten, bestehe die Gefahr, dass bestimmte Themen überhaupt nicht wahrgenommen würden und den Lesern von diesen Journalisten ein "einseitiges Angebot" unterbreitet würde: "Berichtet wird spiegelbildlich, wie die Mittelschicht die Welt sieht."

Wie das aussieht, ließ uns etwa Tobias Haberl vom Magazin der "Süddeutschen" wissen: "In meiner Familie ist keiner arbeitslos, keiner in einer Gewerkschaft, die meisten sind selbständig, gut situiert, viele Ärzte, ein paar Anwälte." Der Journalist schenkte der Öffentlichkeit in einem Artikel über die sozialen Niederungen der Linkspartei sogar einen tiefen Einblick in die Bürgerseele, gleichsam als Illustrierung zur Studie von Klarissa Lueg: "Ich weiß noch, wie erschrocken ich bin, als ich zum ersten Mal einen Schulfreund besuchte, der mit seinen Eltern in einer 75-Quadratmeter-Mietwohnung lebte."

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