Das Märchen vom leer zu essenden Teller und den hungernden Kindern in Afrika

14.03.2012

Wassersparen lohnt sich in trockenen Gebieten, hat aber in Deutschland schädliche Auswirkungen

Derzeit findet in Marseille das sechste "Weltwasserforum" statt. Dort sprechen Regierungsvertreter aus über 100 Ländern mit Vertretern internationaler Organisationen und Abgesandten großer Wirtschaftsunternehmen. Zu Anfang der Veranstaltung wurde eine UNESCO-Studie vorgestellt, der zufolge das Trinkwasser von 900 Millionen Menschen verunreinigt ist und 2,6 Milliarden Menschen ohne "adäquate sanitäre Einrichtungen" auskommen müssen. Wegen des Wachsens der Weltbevölkerung befürchtet die UNESCO einen Anstieg gewaltsamer Auseinandersetzungen um Süßwasser.

Allerdings gibt es auf der Welt nicht nur trockene, sondern auch eher feuchte Gebiete. Dazu zählt auch Deutschland: Dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BdEW) zufolge verbraucht die öffentliche Wasserversorgung lediglich 2,7 Prozent der 188 Milliarden Kubikmeter Wasser, die hierzulande zur Verfügung stehen. Das Wasser über Leitungen in trockenere Gegenden zu leiten, wäre extrem unwirtschaftlich. Und es wäre kein Trinkwasser mehr, bis es dort ankommt. Deshalb nützt das Sparen von Wasser in Deutschland zur Vermeidung von Konflikten im Sudan in etwa in dem Ausmaß, in dem hungernde Kinder in Afrika davon profitieren, dass deutsche ihren Teller leer essen.

Wasserspülung in einem Tiefspülklosett. Foto. Jarlhelm. Lizenz: CC-BY-SA.

Das Märchen vom leer zu essenden Teller und den hungernden Kindern in Afrika findet in der deutschen Erziehung heute deutlich weniger Anwendung als früher. Aber Medien wie das ZDF verbreiten in ihrer Berichterstattung zum Weltwasserforum immer noch vermeintliche Schreckensmeldungen über den im Weltvergleich hohen Wasserverbrauch in Deutschland. Früher stand hinter solchen Geschichten ein PR-Interesse von Konzernen wie Vivendi, die eine Privatisierung der Wasserversorgung als Öko-Politik propagierten. Nachdem sich aber entsprechende Maßnahmen von Argentinien bis London als Katastrophe erwiesen, scheinen sie in Deutschland heute schwer durchsetzbar. In Berlin denkt man sogar über die Rücknahme einer Teilprivatisierung nach.

Die Indoktrination zeigte jedoch insofern Wirkung, als sich die Deutschen aufgrund des schlechten Gewissens, das ihnen die PR-Kampagnen machten, massenhaft neue Wasserhähne, Duschen und Klospülungen kauften. Dem Statistischen Bundesamt zufolge sank deshalb der Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser zwischen 1990 und 2007 von 144 auf 122 Liter täglich.

Ein geringerer Wasserdurchfluss macht Sanitärgeräte allerdings nicht unbedingt funktionstüchtiger. Manche Mieter haben deshalb ständig einen vollen Wassereimer neben der Kloschüssel, mit dem sie der Sparspülung nachhelfen. Darüber hinaus kann das Wassersparen in von der Natur gut bewässerten Ländern auch Schaden an der öffentlichen Infrastruktur anrichten: Wegen des geringeren Wasserdurchflusses müssen manche deutschen Kommunen inzwischen die Abflussrohre mit Frischwasser spülen, weil nicht mehr genug Abwasser nachfließt. Andernfalls drohen Gestank und Verstopfung.

Für die Verbraucher führt das Wassersparen deshalb nur bedingt zu niedrigeren Kosten, weil die Spülungen den Grundlastanteil erhöhen, der auf alle Anschlüsse umgelegt wird. Ein Rückbau der Rohre, der manchmal als Alternative zu den Spülungen genannt wird, würde dazu führen, dass das Abwasser bei starkem Regen, während der Schneeschmelze und zu Stoßzeiten nicht mehr abfließen kann. Zudem würde solch eine Durchmesserverkleinerung (deren ökologischer Nutzen bei einer Gewässer- und Grundwasserstruktur, wie sie in der Bundesrepublik vorliegt, gleich null ist) immense Summen an Steuer- und Gebührengeldern verschlingen.

Wird weniger Wasser verbraucht, steigt zudem der Grundwasserspiegel in Städten, was schwere Schäden an Gebäuden verursachen kann. In Berlin musste man deshalb sogar eine Grundwassersteuerungsverordnung erlassen und für viele Millionen Euro Regulierungsanlagen bauen, die den Grundwasserspiegel künstlich niedrig halten.

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