Gesünder mit genveränderten Orangen?

14.03.2012

Britische Wissenschaftler haben das Gen, das in Blutorangen, die nur in Sizilien gedeihen, für die Farbe sorgt, verändert und in normale Orangen eingebaut

Bislang haben genveränderte Pflanzen als Lebensmittel den europäischen Markt nicht erobert. Britische Wissenschaftler versuchen nun, u.a. gefördert durch die EU im Rahmen des ATHENA-Projekts, mit Orangen, die ein Gen von Blutorangen enthalten, vielleicht einen Durchbruch zu schaffen, zumindest aber eine neue, profitable Organgensorte für den nicht ganz so gegen Genveränderung aversiven Weltmarkt zu entwickeln.

Durch Gentechnik lassen sich aus normalen süßen Orangen Blutorangen machen. Bild: John Innes Centre

Blutorangen haben durch Anthocyane, das sind Bioflavonoide, die in vielen Pflanzen vorkommen und für die rötliche oder blaue Farbe verantwortlich sind, nicht nur ihre bekannte rötliche Färbung des Fruchtfleisches. Sie sollen gesundheitlich gut sein, beispielsweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken oder durch die Bindung von freien Radikalen in den Zellen deren Alterung und Mutationen vorzubeugen. Die Pflanzen schützen sich damit vor den Folgen intensiver Sonneneinstrahlung und locken durch die Farbe Tiere an, um sich zu verbreiten.

Anthocyane kommen, wie gesagt, in vielen Landpflanzen und in vielen Früchten wie Kirschen, blauen Trauben oder Beeren sowie etwa in Auberginen, Rotkohl oder Roter Bete vor. Viele dieser Pflanzen gedeihen auch in Großbritannien. Aber die Wissenschaftler vom John Innes Centre im Norwich Research Park weisen auf Studien hin, die gezeigt hätten, dass Blutorangen gesundheitlich besonders gut sind. Sie würden das Risiko für Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Wenn der Saft von Blutorangen getrunken wird, würde sich etwa der oxidative Stress bei Diabetes-Patienten mindern. Bei Mäusen habe man beobachtet, dass durch Blutorangensaft, aber nicht durch normalen Orangensaft oder Wasser die Bildung von Fettzellen beschränkt und eine Gewichtszunahme reduziert werde.

Allerdings gedeihen Blutorangen nur unter bestimmten Bedingungen. Die Früchte müssen in trockenen und warmen Gebieten wachsen, aber Nachfrösten oder Temperaturschwankungen ausgesetzt sein, weswegen sie vor allem in Sizilien angebaut werden. Das schränkt den kommerziellen Anbau erheblich ein und macht Blutorangen zu einer knappen Ware. Auch nach intensiver Suche haben die Wissenschaftler, wie sie sagen, keine Arten gefunden, die ohne Kälteeinfluss das Pigment mit den begehrten Eigenschaften auf Dauer bilden können. In manchen Gegenden Japans, Südafrikas oder Irans können ein paar Jahre lang Blutorangen geerntet werden, dann aber wachsen die Früchte nicht mehr.

Blutorangen stammen von den normalen süßen Orangen ab, die zuerst in China aus der Kreuzung von Mandarinen mit Pampelmusen gezüchtet worden sind. Nach ihrer ergebnislosen Suche nach einer nicht auf Nachfrost angewiesenen Sorte haben die Wissenschaftler zunächst das Gen identifiziert, das für die Pigmentierung bei den Blutorangen verantwortlich ist, und ihm den Namen Ruby gegeben. In Kürze wird ein Artikel in der Zeitschrift Plant Cell erscheinen, in dem sie ihre Forschungsarbeit vorstellen. Das Gen wird, so sagen sie, durch "mobile genetische Elemente" reguliert, die durch den von der Kälte ausgehenden Stress aktiviert werden. Zudem haben sie nach eigenen Angaben das Gen auch so verändert, dass für die Bildung der Anthocyane die Temperaturschwankungen nicht mehr notwendig sind. Das derart veränderte Gen haben sie in Valencia-Orangen eingebaut und hoffen nun, die ersten genveränderten Blutorangen Ende des Jahres ernten und schmecken zu können. Dann könnte man derart neue Blutorangen auch in warmen Gegenden anbauen, wo die normalen Orangen gedeihen.

Prof. Cathie Martin vom John Innes Centre, die die Forschung geleitet hat, meint optimistisch: "Hoffentlich haben wir in naher Zukunft Blutorangenarten, die in den großen Anbaugebieten wie Florida oder Brasilien wachsen, sodass Blutorangen weltweit verbreitet werden und ihre gesunden Eigenschaften mehr Menschen zugute kommen können." Noch ist das freilich ganz Zukunftsmusik und eine interessante gentechnische Spielerei, deren Nutzeffekt aber ebenso zweifelhaft ist wie der Gesundbrunnen des Blutorangensaftes.

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