Hat wirklich nur ein einzelner US-Soldat das Blutbad angerichtet?

15.03.2012

Das Pentagon hat nach Medienberichten afghanischen Behörden Bilder einer Überwachugskameras vorgelegt, was allerdings die Vermutung bestärkt, dass es weitere geben könnte

Der angeblich wegen einer im Irak erlittenen Kopfverletzung psychisch gestörte Stabsunteroffizier, der am Sonntag um drei Uhr früh in dem Ort Zangabd in der Provinz Kandahar in drei Häuser eingedrungen war und dort scheinbar wahllos und kaltblütig in einer Art Amoklauf 16 Männer, Frauen und Kinder getötet hatte (Amoklauf eines US-Soldaten in Afghanistan), um dann ruhig zum Stützpunkt zurückzukehren und seine Waffe niederzulegen, wurdenach Kuwait ausgeflogen. Das sei aus juristischem Rat erfolgt, teilte das Pentagon mit, es habe Sicherheitsbedenken gegeben. Dass das US-Militär in Afghanistan keine Möglichkeit habe, einen Gefangenen länger zu inhaftieren, dürfte wohl ein vorgeschobener Grund sein. Vielleicht hat man Angst, dass aufgebrachte Afghanen oder Taliban den Aufenthaltsort ermitteln und versuchen könnten, den Soldat in die Hände zu bekommen.

Gestern kam auch es wieder zu Protesten gegen das US-Militär in der Provinz Zabul und versuchte ein afghanischer Übersetzer, einen Anschlag mit einem entwendeten Fahrzeug auf Marines auf dem Militärflughafen zu begehen, auf dem der US-Verteidigungsminister landete. Nur der Attentäter selbst kam bei der sinnlosen (Rache?)Aktion ums Leben. Das Motiv ist nicht bekannt.

Der Schritt, den US-Soldaten außer Landes zu bringen, dürfte allerdings die Spannung in Afghanistan weiter verschärfen. Die afghanische Regierung hatte verlangt, er müsse im Land zur Rechenschaft gezogen werden. Politiker fordern einen Prozess nach afghanischem Recht und eine lückenlose Aufklärung. Die blutige Aktion des US-Soldaten, dessen Name noch nicht bekannt gegeben wurde und gegen den noch ermittelt wird, wirft weiterhin unbeantwortete Fragen auf.

So hatten schon kurz nach dem Massaker Bewohner der Ortschaft gesagt, dass es eine ganze Gruppe von betrunkenen US-Soldaten gewesen sei, die die Tat begangen hätten. Dabei seien die schlafenden Afghanen, darunter neun Kinder, nicht nur erschossen, sondern einige Leichen auch angezündet worden. Das Pentagon betont jedoch, es habe sich um die Tat eines Einzelnen gehandelt, der sich des Nachts aus dem Stützpunkt entfernt habe.

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Sayed Mohammad Akhund, ein Abgeordneter aus der Provinz Kandahar, verdächtigt die USA, den Vorfall zu verschleiern. Für ihn handelt es sich nicht um einen Einzeltäter, sondern um einen geplanten Angriff mit Luftunterstützung, also wohl um eine der üblichen nächtlichen Razzien der US-Truppen, bei denen immer wieder Zivilisten ums Leben kommen und die die afghanische Regierung seit Jahren scharf kritisiert. Das dürfte eher unwahrscheinlich sein, allerdings nährt das Pentagon das Misstrauen durch mangelnde Transparenz.

Um zu beweisen, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, wurde afghanischen Vertretern, die den Vorfall untersuchen, vom Pentagon ein Ausschnitt aus einem Video vorgelegt, das von einer Überwachungskamera auf einem über dem Stützpunkt und dem nahe gelegenen Ort schwebenden Luftschiff (Reuters, s.a. Luftschiffe für die Dauerüberwachung) oder einem Ballon (Washington Post) gemacht wurde. Möglich wäre auch, dass die Kamera auf einem Mast angebracht war, wie dies auch oft bei Stützpunkten im Irak und in Afghanistan im Rahmen des RAID-Programms (Rapid Aerostat Initial Deployment) gemacht wurde, um die Umgebung zu überwachen und zu sichern (Überwachungstürme für den Irak). Jedenfalls liefern diese Überwachungskameras laufend Bilder.

Mast mit Überwachungsgeräten. Bild: US Army

In dem Ausschnitt ist allerdings nur der Moment zu sehen, als der US-Soldat in den Stützpunkte zurückkehrte, seine Waffe niederlegte und seine Hände in die Höhe hebt, um sich zu ergeben. Interessanter wäre freilich, was das Militär bislang vermutlich nicht zeigt. Weitere Videoaufnahmen könnten nämlich beweisen, dass nur dieser US-Soldat im Dorf unterwegs und in die Häuser eingedrungen war, in denen Menschen niedergeschossen wurden, und weitere Soldaten den Stützpunkt während dieser Zeit nicht verlassen oder betreten haben. Bislang will das Militär aber kein weiteres Videomaterial herausgeben. John Kirby, der Sprecher des Pentagon, wollte bislang auch keine anderen Beweise vorlegen oder über diese sprechen.

Wired verweist darauf, dass schon mehrere blutige Aktionen, die von US-Militärs begangen wurden, mit Kameras aufgenommen wurden. Es könnte, bei der Dichte an Drohnen wie im afghanischen Luftraum nicht unwahrscheinlich, auch noch weitere Aufnahmen der Ortschaft und des Stützpunktes geben. Das bekannteste Video ist wohl das von WikiLeaks veröffentlichte "Collateral Murder", in dem US-Soldaten von einem Hubschrauber aus Jagd auf irakische Zivilisten machen. Es könnten also auch hier solche Aufnahmen vorliegen, die das Pentagon lieber nicht herausgeben will, um nicht noch mehr Aufruhr zu verursachen und es bei einem "wirren" Sündenbock zu belassen können, wie dies die übliche Strategie ist. Kirby leugnete nicht die Existenz von Bildern anderer Kameras, erklärte aber, er wisse davon nichts.

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