Eine haarige Geschichte

25.03.2012

Hedy Lamarr und die Erfindung der Haarigkeit

Unlängst konnte man in den vermischten Nachrichten wieder mal lesen, dass Hedy Lamarr - einst eine der schönsten Frauen Hollywoods - nebenher auch eine technisch begabte Erfinderin gewesen sei. Ohne Hedy heute kein WiFi. Ihr wichtigster Beitrag für unsere Zeit ist und bleibt aber wahrscheinlich die Erfindung der Haarigkeit.

Obwohl, ich erwähne es nur gleich einmal vorneweg - natürlich bleiben einem, was Hedy Lamarr betrifft, erstmal die Tratsch-Geschichten unvergesslich im Gedächtnis haften. Zum Beispiel: Wie die angeblich 16jährige, unbeleckt von jeglicher Kenntnis des "Großen O", in einem ihrer ersten Filme, Ekstase von 1933, eine Nackt- und eine Orgasmus-Szene spielte, bei der der Regisseur ihr zusicherte, sie würde im richtigen Moment schon das Richtige tun. Und er piekste sie dann, von unten, außerhalb des Blickfelds, mit einer Stecknadel in den Po. Ihr Aufbäumen, vor der Kamera, galt, auf Jahre hinaus, als der unzüchtigste Film-Orgasmus überhaupt. Ihr Ehemann, ein jüdischer Waffenlieferant, der mit den Faschisten Geschäfte machte, versuchte alle Kopien des Films aufzukaufen und zu zerstören. Was natürlich schon damals ein Ding der Unmöglichkeit war.

Hedy Lamarr in "Ekstase"

Bei Wikipedia ist sie statt 16 schon 19 - und das Ganze wirkt auch etwas weniger aufregend als in Kenneth Angers Hollywood Babylon, aber man sieht, dass die kleine Hedwig aus Wien ihre Karriere schon früh klar vor Augen hatte. In ihrer Autobiografie schrieb sie Mitte der Sechzigerjahre etwas melancholisch, sie habe mit ihren Filmen 30 Millionen eingenommen und ausgegeben - und nun habe sie nicht mal genug Geld, um sich ein Sandwich zu leisten. (Sie war soeben wegen Ladendiebstahls vor den Kadi gekommen.)[1]

Oder nehmen wir die Geschichte mit Groucho Marx. Hedy Lamarr spielte an der Seite von Victor Mature in Samson and Delilah (1949), einem der erfolgreichsten jener Bibelfilme, die dann die ganzen Fünfziger- bis in die frühen Sechzigerjahre überschatten sollten. Victor Mature, er hieß tatsächlich so, mit richtigem Namen, erschien im Film als Muskelprotz, der allerdings wenig Neigung zeigte, beispielsweise mit dem zahmen Filmlöwen in echt herumzubalgen. Groucho Marx jedenfalls erschien zu einer privaten Vorführung vor der Premiere und wurde nachher gefragt, wie er denn den Film so gefunden hätte.[2] "Das wird ein Reinfall", meinte Groucho. "Victor Mature hat ja viel größere Titten als Hedy Lamarr."

Nun also, zum haarigen Teil der Geschichte. Bei Samson und Delilah ging es, kurz gesagt, darum, dass sie ihm das üppige Haupthaar abschneiden ließ - und dann war es mit seiner Kraft vorbei. Aber später, im Karzer, unbeachtet, wuchs es wieder nach - und dann konnte er sich auf dramatische Weise mit Superkraft rächen. Die Szene, wie Samson die Säulen des Tempels der Philister zum Einstürzen bringt, gilt seither als Ikone der Filmgeschichte.

Und die Sache mit den Haaren gehört seitdem ebenso zu den unverzichtbaren Grundmythen der - gesamten westlichen Welt.

Aber zunächst ließ sich die Sache vermutlich so an. Der Film hatte seine Uraufführung zu Weihnachten 1949, und es ist denkbar, dass eine ganze Menge Paare durch den Schnee nach Hause liefen und dort nach dem Kino ihre Biberfellmützen vom Kopf nahmen. Dann sagten die Frauen zu ihren Männern, die immer noch, als ehemalige Kriegsteilnehmer, ihren militärisch kurzen Crew Cut zur Schau trugen: "Weißt du Bob, ein etwas längerer Haarschnitt würde dir gaaar nicht schlecht stehen."

Schon gab es den ersten Krach, weil die Männer natürlich verstanden, dass diese Anzüglichkeit, wie bei "Samson" auf ihre schwächelnde Leistung im Bett verweisen sollte. Und so taten sie ihre Pflicht dann mal wieder mit Supereifer, um die "Little Lady" für ein Weilchen ruhig zu stellen. Ich vermute, dass man in den Baby-Statistiken der Boomer-Zeit einen besonderen Peak etwa für September/Oktober 1950 feststellen kann.

Danach schien es klar, dass Kahlheit irgendwas mit Sexualität zu tun hatte - vielleicht mit zu viel Sex oder zu viel Masturbation - auf jeden Fall aber in einem negativen Sinne. Ike Eisenhower schaffte es Anfang 1953 als letzter Kahlkopf seitdem, eine amerikanische Präsidentschaftswahl zu gewinnen (und brauchte nur wenige Wochen, um gleich sein bösartiges Naturell unter Beweis zu stellen, indem er einen CIA-Coup im Iran anzettelte und den Playboy-Kaiser Mohammad Pahlawi als Schah in Amt und Würden einsetzte). Rechtzeitig zu Eisenhowers zweitem Wahlantritt produzierte Hollywood ein Kahlkopf-Schmankerl mit Yul Brynner, The King and I, 1956. Nochmal Samson und Delilah wäre nun schon fast wie eine "lèse majesté" erschienen. Wie eine Beleidigung des Staatsoberhaupts.

Dwight D. Eisenhower. Bild: White House

Freilich, Eisenhower hatte den Weltkriegsbonus. Und er war zu einer Zeit der wirtschaftlichen Blüte so was wie der Opa der Nation. Es war "okay", dass ihm am Kopf nur ein müdes Fähnchen wehte. Mamie Eisenhower galt als langweiliges Hausmütterchen. Und Eartha Kitt sang: "... sogar Ike mag mich ... wie langweilig!"

Die Jugend in den Fünfzigern gerierte sich aufmüpfig und trug die Haare im "Pompadour"-Stil - wie einen über der Stirn vorragenden Satz von Segeln bei einer Viermastbark, wobei die gesamte Haarmenge mit Haargel (Pomade) zusammengehalten wurde. Noch revolutionärer führten sich Tick, Trick und Track auf, die in brüderlicher Dreieinigkeit sangen: "Wir pfeifen auf Pomade, auf Seife, Kamm und Schwamm, wir bleiben lieber dreckig und wälzen uns im Schlamm." Die Siebzigerjahre kündigten sich hier von fern her an.

Zunächst jedoch musste der jugendlich-vollbehaarte John F. Kennedy seinem eher unter geringerer Tagelage angetretenen Gegner "Tricky Dick" Nixon eine weitere Niederlage in dessen langer Reihe von Niederlagen bereiten. Kennedy selbst (bei seiner Amtseinführung 1961 ohne Zylinder erschienen, überhaupt hutlos, baren Hauptes, aber eben mit vollem Haar) machte solcherart gleich eine ganze Hutmacherriege arbeits- und den Glatzkopf in der amerikanischen Politik auf Jahrzehnte hinaus chancenlos.

Am 22. November 1963, zufällig am selben Tag, als Kennedy ermordet wurde, brachten die Beatles in Amerika ihre erste Schallplatte heraus - und wenige Wochen später traten sie mit "wild" nach vorne gekämmten Haaren erstmals in Amerika auf. "Beatlemania" ward geboren, die Dekade der zunehmenden Langhaarigkeit hatte begonnen.

Astrid Kirchherr, die Hamburger Freundin der Beatles, soll den Liverpooler Jungs diesen Haarschnitt verpasst haben, der damals allerdings in Deutschland bereits gang und gäbe war. Intellektuelle älteren und jüngeren Kalibers kämmten sich die spärlichen Haare im Cäsarenstil nach vorne: Brecht, Enzensberger und so weiter. Auch Deutschlands beliebtester Kinderstar, Oliver Grimm, trug die Beatlesfrisur in Perfektion lange vor den Beatles. Bei einem Jugendlichen signalisierte diese Frisur, statt mühsamer Verkleidung der Halbglatze nunmehr überbordende Potenz (und ebenso Wildheit und Primitivität) erinnerte der Schnitt doch an "Wilde" aus dem Amazonasgebiet - zugleich aber verwischte diese Haartracht jedoch auch intellektuelle Unterschiede, da nun das charakteristische Merkmal, an dem man sich hier gern orientierte, die hohe oder niedere Stirn, nivelliert wurde.

Schwarze Amerikaner, die sich jahrzehntelang ihr kräuseliges Haar niedergebügelt oder mit Gel an den Kopf geklatscht hatten, ließen sich auf einmal wilde "Afros" wachsen. Auch sie gaben mit den Antennen an ihren Köpfen zu verstehen, dass sie die gleichen Wellen empfingen, die damals rund um den Globus herum gesendet wurden.

Amerikanische Präsidenten - und amerikanische Wähler, ich vermute, vor allem auch Wählerinnen - machten sich diese Einsichten zu eigen, und so hat es nunmehr seit Jahrzehnten keinen US-Amtsanwärter oder Inhaber mehr gegeben, der nicht über eine volle Haarpracht verfügte. Ronald Reagan, der als 70jähriger seine Präsidentschaft antrat[3] blieb bis 78 im Amt - senil, dement, aber mit vollem Haar. Natürlich gefärbt - immer ruhig mit die jungen Hunde, Herr [zensiert]! - aber natürlich sind es seine eigenen Kapillaren gewesen. Von Joe Biden, Obamas Vize, heißt es, er habe sein lichter werdendes Haupthaar wieder nachsähen lassen, so wie man die ausgetretenen Stellen auf einem Rasen wieder mit neuem Graswuchs auffrischt. Ein kahler 70jähriger, mit fahrigen Gesten und Gedächtnisverlust, würde den Wählerinnen wahrscheinlich ungeeignet für das jeweilige Amt erscheinen. Aber egal wie die intellektuellen Fähigkeiten des Anwärters aussehen mögen - ohne Haare hat der Mann keine Chancen.

Noch hat eine Frau in Amerika - selbst mit langem Haar bis an den Po - keine Chancen, und John McCains Kampagne 2008, in der Paarung mit der "süßen" aber "doofen" Sarah Palin, erwies sich gleich als doppelter Schuss in den Ofen. Ein schwachbehaarter Greis (72) Seite an Seite mit einer Perückenablage. Nein. Die Frontrunner bei den heutigen Gegenkandidaten Obamas kann man an ihren Frisuren erkennen: Newt Gingrich als der quasi-naderesque

Außenseiter, mit 72 fast chancenlos, aber ein Schraubenschlüssel zwischen den Speichen der anderen Kandidaten. Deren Amtseignung erweist sich ausschließlich aus der Qualität ihrer Frisur.

Newt Gingrich. Bild: Gage Skidmore. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Ähnlich bei Frauen. Hillary Clintons goofyähnliche Haar-Strähnen an der Seite ihres Gesichts signalisieren dem üblichen Politmenschen - in den Medien, in der Politik, beim Wähler - dass es sich hier um eine "Frau" handelt. Frauen in der Politik werden in Amerika eigentlich nicht ernst genommen, in vielen anderen Ländern ist es ebenso. Die deutsche Bundeskanzlerin beispielsweise fungiert als eine Art "verkleideter Mann": Die Frisur muss voll aber relativ kurz sein, die Kleidung darf sich nur minimal vom üblichen Anzug der männlichen Kollegen unterscheiden. In jeder anderen Uniform oder Erscheinungsform wäre jedes ihrer Worte automatisch der Lächerlichkeit preisgegeben.

Und auch in Deutschland sind Politiker mittlerweile dem Haarigkeitszwang unterworfen. Ein Bundespräsident Wulff ohne dichten Haarwuchs hätte möglicherweise echt mickerig gewirkt, ein böser Zausel, dem es nur ums Geld geht, usw. Mit dem edlen Pelz am Hirn blieb er bis zuletzt - in den Augen vieler Menschen - menschlich, politisch, glaubwürdig. Auch der Nachfolger, Gauck, würde ohne seine Lastwagenfahrerfrisur als bloßer politischer Gaukelspieler erscheinen. Das volle Haar signalisiert dagegen Durchsetzungsvermögen, Manneskraft, Samson-Qualitäten.

Haarlos in Teheran: Claudia Schiffer. Bild: Tom Appleton

Freilich sieht man in letzter Zeit einen Paradigmenwechsel sich ankündigen. Immer mehr Männer, gleichgültig welchen Alters, paradieren mit Sonnenbrillen und kahlem Kopf durch die Welt. Tätowierungen ranken sich um ihre Körper und "kahl" gilt auf einmal als "cool". Im Irak, wo sich, dank amerikanischer Intervention, bärtige und religiös fanatisierte Führer niedergelassen haben, werden heutzutage jugendliche mit abweichender Frisur zu Dutzenden ermordet.

Der abweichende Haarschnitt gilt immer noch als gesellschaftliche Unterscheidungsmarke. Ob ein geschorener Kopf im Irak die Gefährlichkeit mindern würde? Wer weiß? Haare bleiben immer ein haariges Thema.

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