Medikament gegen Rassismus oder Ausländerhass?

16.03.2012

Der Betablocker Propranolol soll nach einer Studie als Nebenwirkung angeblich toleranter machen

Wissenschaftler scheinen immer mehr getrieben oder verführt zu sein, mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele und vor allem spektakuläre Forschungsergebnisse veröffentlichen zu können. Die Fachpublikationen machen gerne mit. Die Presseabteilungen der Universitäten helfen nach, um es den Medien noch schmackhafter zu machen.

Ein Paradebeispiel dafür ist die in der Zeitschrift Psychopharmacology veröffentlichte Studie von Psychologen, Neurowissenschaftler und Philosphen der Universität Oxford. Sie wollen herausgefunden haben, dass der Betablocker Propranolol nicht nur den Blutdruck senkt, Muskeltremor reduziert oder auch als Psychopharmaka gegen Angststörungen eingesetzt wird, sondern als Nebeneffekt angeblich auch impliziten Rassismus unterdrückt, also nicht bewusst kontrollierte, automatisch entstehende Assoziationen, wie sie vom Impliziten Assoziationstest (IAT) erfasst werden. Dabei müssen die Versuchspersonen positive oder negative Worte so schnell wie möglich Bildern von schwarzen und weißen Personen zuordnen.

Der explizite Rassismus werde aber nicht geschmälert, auch insgesamt verändere sich die emotionale Befindlichkeit nicht. Auch ansonsten auf Nichtdiskrimierung und Gleichheit setzende Menschen können unbewusst rassistische Vorurteile haben und womöglich entsprechend handeln. Man könne, so sagt die Philosophieprofessorin und Mitautorin Julian Savulescu als Konsequenz, vielleicht unbewusste rassistische Einstellungen mit Drogen beeinflussen, wenn auch nicht "heilen", das aber erfordere eine sorgfältige ethische Analyse. Biologische Forschung, die Menschen moralisch besser machen wollte, hätte schließlich eine "dunkle Geschichte". Andererseits könnte sich die Einnahme von Betablockern ungewollt auf Einstellungen zu Menschengruppen auswirken. Daher müsse man "zumindest besser verstehen, welche Nebenwirkungen dies sind", was unschwer als Forderung zu verstehen, dass die Forschung doch weiter unterstützt werden müsste. Diese Studie wurde vom britischen Wellcome Trust finanziell gefördert.

Stehen wir also kurz davor, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Islam- bzw. Ungläubigenhass oder andere Vorurteile gegenüber Gruppen mit der Gabe eines Betablockers mildern zu können? Andere überlegen bereits, ob man nicht die Selbstmordrate durch die Zugabe von Lithium im Trinkwasser senken könnte (Lithium im Trinkwasser senkt die Suizidrate)? Oder ob man durch Einsatz des Hormons Oxytocin die Menschen vertrauensvoller machen oder gar Konflikte schlichten könnte, während man mit Testosteron Misstrauen stärkt? Stanislaw Lem hat diese Träume über einer gezielte chemische Beeinflussung des Verhaltens und des Denkens, die immer mal mit neuen Wundermitteln aufkommen und gerne auch vom Militär oder Sicherheitskräften verfolgt werden, in seinem Buch "Der futurologische Kongress" im Extrem durchgespielt und auf die Schippe genommen.

Die britische Studie beruht auf Tests, denen gerade einmal 36 weiße Versuchspersonen, meist britische Studenten, unterzogen wurden. Am Versuchstag sollten sie erscheinen, ohne Kaffee oder Alkohol getrunken zu haben. Sie wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt, die eine erhielt ein Placebo, die andere 40 mg Propranolol. Während des ganzen Versuchs wurde der Puls gemessen. Danach gab es eine Ruhephase. Die Versuchspersonen sollten ihre emotionale Befindlichkeit vor der Einnahme der Pille, eine Stunde und dann noch einmal drei Stunden danach auf einer Skala für angespannt, ärgerlich, glücklich, traurig, müde und wach einordnen. Um explizite Vorurteile zu messen, sollten sie zudem auf einem Thermometer, das von 0 bis 100 Grad reicht, markieren, wie "warm" sie sich gegenüber bestimmten Gruppen (Weiße, Schwarze, Homosexuelle, Muslime, Christen und Drogenabhängige) fühlen. Schließlich wurden sie dem schon erwähnten Impliziten Assoziationstest unterzogen.

Wenig erstaunlich ist, dass die Einnahme des Betablockers den Puls bei den Versuchspersonen stärker senkte als bei denjenigen, die ein Placebo eingenommen hatten. In beiden Gruppen ergaben sich keine Unterschiede bei expliziten Vorurteilen. Die Placebo-Versuchspersonen neigten jedoch beim IAT unbewusst eher und in schnellerer Reaktionszeit zu den kongruenten Assoziationen (Schwarze-schlecht/Weiße-gut) als die Propranolol-Versuchspersonen. 34 Prozent der Propranolol-Vedrsuchspersonen, also gerade einmal ein Drittel, mithin 6 Personen, reagierten hingegen schneller auf die inkongruenten Assoziationen (Schwarze-gut/Weiße-schlecht).

Daraus ziehen die Wissenschaftler den Schluss, dass "Propranolol signifikant implizite, aber nicht explizite rassistische Vorurteile reduziert". Der Betablocker habe nicht sediert und wirke sich nicht auf kognitive Leistungen aus. Wie aus anderen Studien hervorgehe, würde sich die einmalige Einnahme einer Dosis Propranolol auf emotionales Lernen und Wahrnehmen auswirken, aber es gebe wohl noch weitere neuropsychologische Effekte. Jedenfalls würde durch die Ergebnisse die Hypothese gestärkt, dass irgendwie eine "durch Noradrenalin gesteuerte emotionale Reaktion bei der Bildung von impliziten negativen rassistischen Einstellungen eine Rolle spielt".

Studien hätten auch gezeigt, dass der Betablocker die Reaktion der Amygdala auf visuelle Stimuli dämpfe, die mit Angst oder Furcht zu tun haben. Daher könnte diese Angstunterdrückung, auch für den unbewussten antirassistischen Effekt verantwortlich sein, was schon eine kühne Spekulation ist. Auch sonst spekulieren die Autoren noch über mögliche Zusammenhänge, um den vermeintlichen Einfluss von Propranolol bei einem Drittel der Versuchspersonen hervorzuheben. Natürlich wird stets auf weitere Forschung verwiesen, um irgendwelche kausalen Zusammenhänge zu belegen, die bislang nicht vorliegen. Es ist nicht einmal klar, ob eine wiederholte Einnahme des Betablockers außerhalb von Testbedingungen noch dieselbe geringe Wirkung haben würde.

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