"Er ist einfach übergeschnappt"

16.03.2012

Alkohol, kriegsbedingter Stress und Familienprobleme sollen Auslöser für den Amoklauf in Afghanistan gewesen sein. Zudem verschwimmen Grenzen zwischen psychisch gestörtem Verhalten und Alltags-Brutalität

Der amerikanische Soldat, der am vergangenen Sonntag 16 afghanische Zivilisten getötet hat, war während seiner Tat betrunken. Wahrscheinlich hat auch die psychische Überlastung des Mannes, der im vierten Kriegseinsatz stand, dazu beigetragen, dass der Soldat überschnappte. Möglicherweise kamen Eheprobleme dazu - so das Bild, das sich aus Aussagen eines hochrangigen US-Vertreters, einem Pentagonmitarbeiter auf Führungsebene und zweier anderer Soldaten, die mit dem Sergeant in der Nacht vor dessen Amoklauf getrunken hatten, ergibt.

"When it all comes out, it will be a combination of stress, alcohol and domestic issues — he just snapped," said the official.

Die Zeitung stellt dem die Aussagen des Anwalts des Soldaten gegenüber. Dieser streitet die Eheprobleme seines Mandaten ab und stellt wegen der "Ungenauigkeit dieser Behauptung" auch den Vorwurf der Trunkenheit infrage. Stattdessen verweist der Anwalt darauf, dass ein Soldat der Einheit, der der Amokläufer angehört, am Tag zuvor schwer verletzt worden sei. Jeder in einer solchen exponierten Militärbasis in Afghanistan sei Stress ausgesetzt, die Regierung aber wolle die Schuld bei einer einzelnen Person suchen statt beim Krieg.

Der Verweis des Anwalts auf den ganz großen Zusammenhang klärt aber nicht die wichtigen Fragen, die der Einzelfall aufwirft. Davon abgesehen, dass sich noch immer Versionen vom Tathergang halten - gestützt auf nicht näher beschriebene afghanische Augenzeugen -, wonach der Soldat nicht alleine, sondern zusammen mit anderen, ebenfalls betrunkenen US-Soldaten, die blindwütige mörderische Razzia unternahm (Hat wirklich nur ein einzelner US-Soldat das Blutbad angerichtet?), ist nach wie vor nicht beantwortet, wie ein schwer bewaffneter Soldat, der offensichtlich nicht bei Sinnen ist, ohne dass er aufgehalten wird, aus der Militärbasis marschieren kann. Wie ist es eigentlich um die Sicherheitsvorkehrungen bestellt?

Zu diesem Problemfeld gehört auch die Frage nach dem Umgang des amerikanischen Militärs mit dem Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD), möglicherweise wird da einiges verharmlost:

The Pentagon still has 'no consistent diagnosis, no consistent tools and different levels of professionals' working on solutions, Sen. Patty Murray, chairwoman of the Senate Veterans Affairs Committee, said in an interview.

Laut Nachrichtenagentur Bloomberg, die sich auf Kongressangaben und Schätzungen des Think Tank Rand Corp. bezieht, sollen auf 20 Prozent der 2,4 Millionen US-Soldaten, die in Afghanistan und Irak eingesetzt waren, PTSD-Kriterien zutreffen.

Fatal für die USA in Afghanistan ist, dass die Grenzen zwischen psychisch gestörtem Verhalten ihrer Soldaten und der "normalen Brutalität" verschwimmen (Videos von US-Soldaten, die auf Getötete urinieren, tragen nicht zur besseren Unterscheidung bei). Dass sich Erzählungen halten, wonach der Amokläufer nicht alleine war, sondern mit anderen loszog, hat wahrscheinlich auch mit der Erfahrung der normalen Razzien zu tun. Die Hausdurchsuchungen, wie sie von der US-Armee seit der Truppenaufstockung, dem Surge Obamas, als wichtiges strategisches Mittel praktiziert werden, sind in der Bevölkerung gefürchtet. Weil alles mögliche Entsetzliche passieren kann, die Feuerwaffen locker sitzen und die Zivilisten den nervösen Soldaten, die manchmal nicht abschätzen, wen sie vor sich haben, schutzlos ausgeliefert sind.

Dass Karsai in häufigen Einlassungen und seit geraumer Zeit versuchte, diese Hausdurchsuchungen einzudämmen, zeigt, wie sehr sie von der Bevölkerung als unerträglich aufgefasst werden. Nach dem Massenmord von Sonntag musste er diese Forderung neu stellen. Ob die Amerikaner ihr jedoch nachkommen, ist ungewiss.

Die Wahrnehmung der hausdurchsuchenden US-Soldaten als brutal und unberechenbar korrespondiert fatalerweise nach Erfahrungen des Deutschen Thomas Ruttig (Autor des lesenswerten Afghanistan Analysts Network), der sich seit längerem in Afghanistan aufhält, mit der Einstellung mancher Soldaten im Einsatz:

Those of us who have been working in Afghanistan for a while and talked to western soldiers in Afghanistan know (as their superiors will) that many of them say very openly that they simply want to ‘kick ass’ here because they are ‘trained to kill people’. In the stress of an environment of escalated violence.

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