Schädlicher "Ökofimmel"

19.03.2012

Alexander Neubacher über den Geist, der stets das Gute will - und oft das Böse schafft

Vor zwölf Jahren beschrieb der Soziologe Paul Ray das Phänomen der "Lohas" - Gutverdiener, die mit einem "nachhaltigen" Lebensstil sich und der Umwelt Gutes tun wollen. Wie Alexander Neubacher in seinem eben erschienenen Buch Ökofimmel darlegt, scheitern sie und viele andere Menschen jedoch häufig an diesen Ansprüchen und fördern teilweise sogar das Gegenteil dessen, was sie wollen.

Herr Neubacher - Sie schreiben, dass im Zuge der Ökobegeisterung bei den Lohas "Omas Kurbelwaschmaschine" wieder in Mode kommt. Aber nur als Dekoration - oder wird sie von der Putzfrau aus Osteuropa bedient?

Alexander Neubacher: Wir haben tatsächlich so eine alte Maschine im Keller - als Fitnessgerät vermutlich nicht schlecht. Aber ich gebe zu: Wäsche habe ich damit noch nicht gewaschen.

Wo die Öko-Handarbeit nicht ganz so anstrengend ist, scheint sie aber tatsächlich mit einer gewissen Distinktionsfunktion einherzugehen. Durch den technischen Fortschritt in der maschinellen Trennung würden heute zwei Mülltonnen ausreichen: Eine für feuchten und eine andere für trockenen Abfall. Behält man die vielen anderen Tonnen - vielleicht unbewusst - auch deshalb bei, damit Leute sich besser fühlen können, wenn sie Müll trennen?

Alexander Neubacher: Ja, vermutlich ist es so. Es verschafft uns eine gewisse Befriedigung, wenn wir wenigstens eine Sache in unserem Leben in Ordnung bringen können, und sei es der gelbe Sack. Unser Glaube an die Wiedergeburt des Joghurtbechers hat ja auch etwas religiöses.

Der sorgfältig gespülte Joghurtbecher wird aber - wie Sie informieren - in Wirklichkeit nicht wiedergeboten, sondern zu 64 Prozent verbrannt. Liegt es nur am Religionscharakter, dass diese Tatsache so wenig bekannt ist?

Alexander Neubacher: Dass sich hinter dem schönen Wort von der "thermischen Verwertung" die schnöde Müllverbrennungsanlage verbirgt, haben die meisten von uns wahrscheinlich schon mal gehört. Ein Misstrauen ist also durchaus vorhanden. Aber wenn ich daran denke, wie meine Kinder schon im Kindergarten darauf trainiert werden, ihren Abfall auf möglichst viele bunte Tonnen zu verteilen, ist klar, warum wir unsere Gewohnheiten nicht ablegen, nur weil sie unsinnig sind.

Inwieweit nutzt die die Öko-Religion ihrer Ansicht nach wirtschaftlichen Partikularinteressen - zum Beispiel denen von Siemens-Osram und Philips beim Verbot der Glühbirne?

Alexander Neubacher: Die Glühbirnenhersteller haben jedenfalls vom Glühbirnenverbot enorm profitiert - im Gegensatz zur Umwelt und zu uns Verbrauchern. Jetzt müssen wir dreimal so teure Energiesparbirnen kaufen, die giftiges Quecksilber enthalten und natürlich längst nicht so lange halten, wie man uns zunächst versprochen hat.

Auch das Dosenpfand hatte, wie sie in Ihren Buch feststellten, die gegenteilige als die gewollte Wirkung und senkte die Mehrwegquote, weil die Plastik-Pfandflaschen meist nicht wiederverwendet werden. Was würde einem Politiker passieren, der fordert: "Wir schaffen es ab!"

Alexander Neubacher: Das Dosenpfand war bei seiner Einführung sehr umstritten. Selbst der von der Regierung eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen, also die Ökoweisen, war damals dagegen, wurde mit ihren Warnungen aber ignoriert. Heute, nachdem das Dosenpfand nachweislich gescheitert ist, findet überraschenderweise überhaupt keine Debatte mehr statt. Alle haben sich arrangiert. Die Umweltpolitiker scheuen sich zuzugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben. Und die meisten von uns wissen ja gar nicht, dass das Dosenpfand in Wahrheit die Mehrwegflasche gekillt hat. Ich selbst habe lange Zeit ja auch geglaubt, dass diese wabbeligen Plastikflaschen irgendwie wiederbefüllt werden. Ist ja schließlich Pfand drauf. Aber so ist es natürlich nicht: Die Dinger werden erst aufgeschlitzt und dann zerquetscht.

Die Sommerzeit brachte ebenfalls nicht die versprochenen Energieeinsparungen. Seit dem letzten Jahr organisiert sich auf Twitter eine kleine Gruppe um die CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär, die die Abschaffung der Zeitumstellung fordert - hat diese Gruppe Wachstumschancen? Oder wird sie am Öko-Glauben scheitern?

Alexander Neubacher: Ich habe vier Kinder, die morgens sowieso viel zu früh aufwachen und Remmidemmi machen. Die Tage nach der Zeitumstellung sind besonders hart. Ich wäre also sehr dafür, den Quatsch endlich wieder abzuschaffen. Ich sehe allerdings ein, dass es dafür ein internationales Abkommen mindestens in der EU braucht, und die Mühlen in Brüssel mahlen ja nicht so schnell.

Warum setzte sich Ihrer Ansicht nach Bruce Sterlings Viridianismus nicht durch, der eine Senkung des Ressourcenverbrauchs durch das Internet, Telearbeit und Videokonferenzen propagierte? Stattdessen ist Reisen bei den Lohas weiterhin so beliebt wie in den 1970er Jahren.

Alexander Neubacher: Wir glauben: Weil wir Energiesparlampen benutzen und so prima unseren Müll trennen, dürfen wir an anderer Stelle ruhig großzügig mit uns sein, also mal schnell zum Trekkingurlaub nach Südamerika fliegen. Psychologen nennen das den Lizenzeffekt. Wer sich moralisch im Plus wähnt, nimmt sich Dinge raus, die sonst nicht in Ordnung wären. Charity-Partys funktionieren nach diesem Prinzip, Motto: Schampus saufen ist okay, wenn auch die Dritte Welt was davon hat.

Während die arme Rentnerin unbewusst den ökologischsten Lebensstil lebt, ohne jemals einen Bioladen zu betreten. Wird sie irgendwann einmal zum Vorbild? Oder eher nicht?

Alexander Neubacher: Für die Umwelt wäre es jedenfalls von Vorteil, wenn wir dem Vorbild der armen Rentnerin nacheiferten statt den Privatflugzeugvielfliegern Al Gore oder Prinz Charles. Aber seien wir doch ehrlich: In Wahrheit geht es uns doch gar nicht um Weltverbesserung, sondern um Selbstveredelung.

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