Nach der Privatisierung der Schulen: Church of England fürchtet "religiösen Analphabetismus"

20.03.2012

Die Kirche will in Konkurrenz mit den "freien Schulen" von privaten Trägern Hunderte von neuen Schulen im Kampf gegen den Säkularismus einrichten

Die Church of England will die Chance nutzen, die das Rundum-Privatisierungsprogramm der britischen Regierung bietet. Da die anglikanische Staatskirche und ihre Anhänger einen "militanten Atheismus" in der Gesellschaft ausgemacht haben, will sie mit der Gründung von neuen Schulen die Heimat missionieren, indem den Kindern in noch mehr Kirchenschulen die Religion nähergebracht werden soll.

Um gemäß dem Programm-Slogan der "Big Society" Kosten zu sparen und den Staat zu verkleinern, sollen möglichst viele staatliche Einrichtungen, darunter auch die Schulen, privatisiert werden. Diese so genannten "freien Schulen", die aber keine Gewinne erzielen dürfen, werden staatlich gefördert, aber von Organisationen, Unternehmen oder auch Eltern betrieben und haben größere Freiheiten, was etwa die Bezahlung von Lehrern, deren Ausbildung oder die Inhalte des Unterrichts betrifft. Neben der Ideologie, dass privat betriebene Schulen bessere Arbeit leisten, hofft die Regierung, mit den freien Schulen besser die Kinder in den ärmeren Vierteln und Regionen erreichen zu können.

Gleich zu Beginn der ersten Gründungsphase vor zwei Jahren wurde beispielsweise eine Schule in Manchester beantragt, in der ehemalige Soldaten die Kinder unterrichten und ihnen Disziplin beibringen sollen (Soldaten sollen als Lehrer an die urbane Heimatfront). 24 freie Schulen wurden bereits im September 2011 eröffnet, darunter Schulen für Hindus, Juden, Christen, Sikhs, Anhänger der Maharishi-Sekte. Die Tendenz scheint klar zu sein, die verschiedenen Gesellschaftsschichten, Religionen und Ethnien schotten sich jeweils ab, den Zusammenhalt der "Big Society" dürften diese freien, aber stärker weltanschaulich gebundenen Schulen nicht fördern. Für September 2012 wurden 281 Anträge eingereicht und daraus 87 bewilligt.

"Wir haben ein populäres Produkt"

Anzeige

Die Church of England plant, in den nächsten fünf Jahren mehr als 200 weitere anglikanische Primär- und Sekundärschulen einzurichten, in deren Kern die "geistigen Werte" des Christentums stehen. Und man will sich mit anderen Kirchen zusammentun, um auch multireligiöse Schulen zu eröffnen. Schon jetzt ist die Kirche, die 4.800 von insgesamt 23.000 Schulen betreibt, der größte Anbieter schulischer Ausbildung. Ein Fünftel der britischen Schüler gehen auf Schulen der Church of England.

Aber man hat Angst, in der Konkurrenz mit anderen Schulbetreibern an Einfluss zu verlieren. Am liebsten würde man mit der Regierung ein neues Konkordat schließen, um die Kirchenschulen und den Religionsunterricht zu sichern. Letzterer soll für das 2010 eingeführte English Baccalaureate nicht mehr zwingend sein, was die Kirchenvertreter ärgert. Um die Schulen attraktiver zu machen, soll ein neues Branding her. Der Bischof von Oxford sagt, man habe schließlich etwas sehr Besonders anzubieten: "Wir haben ein populäres Produkt, das sehr erfolgreich ist. Und wir wollen das Beste daraus machen."

In einem Bericht, den die Kirche diese Woche noch veröffentlichen will, wird die Strategie ausgeführt, wie an der Schulfront der angeblich wachsende Einfluss des Säkularismus zurückgedrängt werden kann. Es sei eine große Reform notwendig, so John Pritchard, der Bischof von Oxford, der den Bericht vorstellen wird, um den "religiösen Analphabetismus" in der Gesellschaft zu bekämpfen.

Zwar hat die Church of England bereits Frauen nicht nur als Priesterinnen zugelassen, sondern auch beschlossen, dass Frauen auch ein Bischofsamt erlangen können. Das führte zu heftigen Konflikten in der Kirche, manche der verheirateten Priester sind aus diesem Grund zur katholischen Kirche übergetreten, die über das fehlende Zölibat gnädig hinwegsah. Auch eine neue Heirat nach einer Scheidung ist kein so großes Problem mehr. Aber im Umgang mit Homosexuellen und vor allem mit einer Homosexuellenehe, die die Regierung einführen will, hat die Church of England Schwierigkeiten. Partnerschaften seien schon okay, aber eine Ehe geht für sie zu weit: "The Church of England is committed to the traditional understanding of the institution of marriage as being between one man and one woman."

Vor kurzem stellte sich heraus, dass von Kirchen betriebene Schulen, vor allem solche von der Church of England, Kinder aus ärmeren Familien eher ausschließen. Der Anteil der Kinder aus Mittelschichtsfamilien ist höher als der im Schulbezirk, was sich anhand der Kinder ersehen lässt, die kostenloses Schulessen in Anspruch nehmen. Nichtreligiöse Primär- und Sekundärschulen bilden die soziale Struktur in ihrem Umfeld hingegen ab.

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36624/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Telepolis Gespräch

Wege aus der Krise

Sparen, Geld drucken oder Wettbewerbsfähigkeit steigern? Mit Heiner Flassbeck, Professor für Ökonomie.

Am Montag, den 5. Mai im Amerika Haus in München.

Anzeige
Die Bank sind wir Die Neurogesellschaft Die verspielte Gesellschaft
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS