Römisch-katholische Kirche unter Kastrationsverdacht

21.03.2012

In den 1950er Jahren soll der Eingriff angeblich zur "Heilung von Homosexualität" eingesetzt worden sein

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Kastration von Knaben zur Vorbereitung auf eine Sängerkarriere in Europa nicht unüblich. Nun wurden in den Niederlanden Vorwürfe laut, dass noch in den 1950er Jahren Jungen kastriert wurden, um deren Homosexualität zu "heilen". Besonders schwerwiegend sind diese Vorwürfe auch deshalb, weil es dem NRC Handelsblad zufolge in mindestens einem Fall einen nach damaligen Recht Minderjährigen traf, der sich vorher über sexuellen Missbrauch in seinem römisch-katholischen Heim beschwerte.

Dessen Anschuldigung führte zwar zur Verurteilung zweier Kirchenmänner, aber auch dazu, dass Henk H. von der Polizei in eine psychiatrische Klinik der römisch-katholischen Kirche und anschließend in das Sankt-Josephs-Krankenhaus in Veghel verbracht wurde. Dort wurde er Gerichtsdokumenten nach im Alter von zwanzig "auf eigenen Wunsch" kastriert. Volljährig wurde man damals erst mit einundzwanzig. Und seltsamerweise liegt kein Dokument vor, auf dem H. diesen angeblichen Wunsch mit seiner Unterschrift bestätigt.

Giorgio Vasari: Kastration des Uranus (1560).

Zeugen sagten dem Journalisten Joep Dohmen, der den Fall ans Licht brachte, dass solche Eingriffe in den 1950er Jahren bei Homosexuellen öfter vorgenommen wurden. Anhand von Aussagen ehemaliger Zöglinge, Briefen sowie ärztlichen und juristischen Dokumenten geht der NRC-Handelsblad-Mitarbeiter von mindestens neun weiteren Kastrationsfällen aus.

Nach der Veröffentlichung im NRC Handelsblad tauchten Protokolle auf, die nahe legen, dass Regierungsinspektoren davon wussten, dass Minderjährige in katholischen Einrichtungen kastriert wurden und dass man es nicht für nötig hielt, die Eltern der Betroffenen mit einzubeziehen. Mittlerweile beschäftigt der Skandal auch das niederländische Parlament und weitete sich auf den 1975 verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten Vic Marijnen aus, der 1956 das Heim in Gelderland leitete, in dem H. und andere Kinder missbraucht wurden. Der Christdemokrat soll erwirkt haben, dass mehreren wegen Kindsmissbrauch verurteilten Priestern das Gefängnis erspart blieb.

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Auch in anderen Ländern scheinen die Missbrauchsskandale noch kein Ende gefunden zu haben: Am Wochenende wurde ruchbar, dass Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofkonferenz, mindestens sieben auffällig gewordene Kirchenmänner nicht etwa in Klöstern sicherungsverwahrt, sondern (möglicherweise auch aufgrund von Personalmangel) auf Pfarrersposten in seiner Trierer Diözese einsetzt.

Ein Bistumssprecher meinte dazu, die Entscheidung über den Einsatz der teilweise Vorbestraften sei anhand der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz und unter Berücksichtigung forensischer Gutachten getroffen worden. Außerdem wäre dafür gesorgt, dass die Pädophilen nicht mit Minderjährigen in Berührung kommen. Fragen dazu, auf welche Weise dies genau geschah, ließ das Bistum Trier bislang ebenso offen wie solche zum Einsatz weiterer pädophiler Pfarrer. Im letzten Jahr hatte Ackermann öffentlich eine "Null-Toleranz-Linie" gegen Kindsmissbrauch in der Kirche angekündigt.

Im US-Bundesstaat Oregon meldete derweilen der Jesuitenorden wegen 200 anhängigen und aktuell drohenden Schadensersatzklagen gegen pädophile Priester Kapitel-11-Gläubigerschutz an. Den eingereichten Unterlagen zufolge stehen nahezu 62 Millionen Dollar an Forderungen einem Vermögen von etwa fünf Millionen Dollar gegenüber. Mit dem Insolvenz-Äquivalent lässt sich Provinzial Patrick Lee zufolge sicherstellen, dass "allen Klägern eine faire finanzielle Regelung angeboten werden kann", was Anwälte bezweifeln. Sie halten das Vermögen des katholischen Ordens in den eingereichten Unterlagen für viel zu niedrig angesetzt.

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