Wargame im Pentagon über die Folgen eines israelischen Angriffs auf iranische Atomanlagen

21.03.2012

Es käme zu einem Krieg, die USA würden hineingezogen, so das Ergebnis. Khameini kündigte gestern Gegenschlag für jeden Angriff an

US-Präsident Obama drohte zwar kürzlich unter dem Druck des israelischen Regierungschefs Netanjahu, falls notwendig, auch einen Militärschlag gegen den Iran an, aber ganz offensichtlich versucht die US-Regierung alles, um Israel von einem Angriff abzuhalten. Ein militärischer Angriff auf die iranischen Atomanlagen dürfte mindestens die ganze Region in Aufruhr versetzen und würde die USA in einen neuen Krieg hineinziehen. Zudem ist keineswegs sicher, dass der Iran überhaupt an Atomwaffen baut.

Ähnlich sieht dies der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der gestern beim Besuch des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak für weitere weitere Verhandlungen plädierte und erklärte, eine militärische Aktion führe zu unkalkulierbaren Risiken. Barak sagte, Israel werde einen atomar aufgerüsteten Iran nicht akzeptieren. Allerdings versicherte de Maizière Barak ähnlich, wie dies Obama gegenüber Netanjahu machte, dass Deutschland mit Israel solidarusch bleibe. Ob dies auch eine militärische Unterstützung einschließt, ließ er offen.

Aber auch im Fall von Deutschland wirkt die permanente Beschwörung der Gefahr. Israel erhält ein weiteres U-Boot von Deutschland, das auch mit atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen ausgerüstet werden kann. Deutschland unterstützt den Kauf mit der Übernahme eines Drittels der Kosten. Damit hat Israel bereits das vierte U-Boot unter diesen Bedingungen aus Deutschland erhalten, zwei weitere werden demnächst geliefert. Alle können mit Mittelstreckenraketen und nuklearen Sprengköpfen bestückt werden, mit denen sich iranische Ziele erreichen lassen.

Immerhin bezweifelt dies nicht zum ersten Mal auch die CIA. Schon vor Jahren hieß es aus dem Geheimdienst, der Iran, zusammen mit dem Irak und Nordkorea zur damaligen Achse des Bösen zählend, habe 2003 wohl auch unter dem Eindruck des Irak-Krieges sein Atomwaffenprogramm eingestellt. Selbst der israelische Geheimdienst Mossad ist sich nicht sicher. Zwar kann der Iran Uran anreichern, aber ob dies zur Herstellung von waffenfähigem Uran in ausreichender Menge reicht, ist nicht bekannt, sondern nur Thema von Spekulationen.

Aber das Gespann USA-Israel ist schon lange nicht mehr harmonisch vereint. Schon während der Bush-Präsidentschaft hatte die israelische Regierung entdeckt, dass sich die Ankündigung, den Iran anzugreifen, politisch nutzen lässt, um das Weiße Haus zu "überzeugen", beispielsweise davon, nicht zu viel Druck auf den Friedensprozess oder einen Siedlerstopp auszuüben. Man darf allerdings vermuten, dass auch Netanjahu und Co. wissen, welches Wagnis Israel mit einer Bombardierung der Atomanlagen eingehen würde. Das wäre nicht mehr so einfach zu erledigen wie 1982 die Bombardierung des irakischen Atomkraftwerks Osira.

Damals handelte es sich nur um eine einzelne oberirdische Anlage, der Reaktor war auch noch nicht befüllt. Im Iran müssten nicht nur mehrere Anlagen, die zudem teils tief unter der Erdoberfläche liegen, bombardiert werden, eine Zerstörung der Reaktoren, die in Betrieb sind, würde auch Radioaktivität freisetzen. Selbst wenn Israel alle vermeintlich mit dem iranischen Atomwaffenprogramm zusammenhängenden Anlagen zerstören oder beschädigen könnte, so wäre dies nur ein Gewinn auf Zeit - und die Möglichkeit von Verhandlungen endgültig verspielt.

Nachdem Natanjahu bei seinem letzten Besuch im Weißen Haus erneut betont hat, dass sich Israel stets das Recht vorbehält, zu den Waffen zu greifen, wenn dies die Regierung zur Selbstverteidigung für notwendig erachtet (Israels Regierung erpresst mit Kriegsdrohungen gegen den Iran die US-Regierung), muss sich die US-Regierung auf einen möglichen Alleingang Israels oder auf einen eigenen Angriff vorbereiten. Das Pentagon hat bereits, wie die New York Times berichtet, eine geheime Kriegssimulation durchgeführt, um zu sehen, welche Folgen ein israelischer Angriff haben könnte. Wenig verwunderlich wird vorhergesagt, dass dies zu einem größeren Krieg in der Region führen und die USA in diesen unweigerlich hineingezogen würde.

Folgen sind unvorhersagbar und unkontrollierbar

Gleich wird natürlich beruhigt, dass die zweiwöchige Simulation "Internal Look" nicht dafür diente, sich auf einen Krieg wirklich vorzubereiten und dass die Folgen auch ganz anders ausfallen könnten. Doch die Simulation bestätigt, was alle wissen, die Kriegstreiber in den USA aber gerne beiseitewischen (Wenig dazugelernt!). Dabei ging die Simulation sogar noch von einem für die USA positiven Szenario aus. Der israelische Angriff auf die iranischen Atomanlagen war nämlich gelungen, wie die New York Times erklärt, und habe das Atomwaffenprogramm um ein Jahr verzögert (woran man andererseits auch sieht, wie wenig Sinn dies macht, wenn das Land nicht ins Mittelalter zurückgebombt oder die iranische Führung durch eine Invasion gestürzt würde). Dann hätten, weil Teheran Israel und die USA als Komplizen ansah, iranische Raketen ein US-Kriegsschiff im Golf getroffen, wodurch 200 Soldaten starben. Zur Vergeltung griff die US-Regierung zu fortgesetzten US-Angriffen auf die iranischen Atomanlagen, die das unterstellte Atomwaffenprogramm noch einmal über zwei Jahre verzögerten.

Die Simulation sollte primär testen, ob die Kommunikation zwischen dem Hauptquartier und dem Kommando im Golf während eines Konflikts funktioniert, aber jedem ist klar, dass ein Krieg mit dem Iran mit den Einsätzen in Afghanistan und im Irak nicht zu vergleichen ist, die trotzdem zu keinen langfristigen Erfolgen im Sinne der USA führten. Klar sei den Militärs nur geworden, so erfuhr die Zeitung von Beteiligten, wie unvorhersagbar und unkontrollierbar ein israelischer Angriff und die Antwort Teherans sein könnten.

Khamenei droht mit Gegenschlag, Obama will die "elektronische Mauer" um den Iran durchlöchern

Weil der iranischen Führung der Konflikt mit Israel, den USA und dem Westen überhaupt politisch ebenfalls gelegen kommt, um nationale Einheit zu erzwingen, die Opposition zu unterdrücken, die Rüstungsindustrie hochzukurbeln und sich als Regionalmacht und als wehrhaftes Opfer zu stilisieren. Ajatolla Seyyed Ali Khamenei, der oberste geistliche und politische Führer Irans, drohte gestern in einer Rede zum neuen Jahr (Nowruz) wieder einmal, dass der Iran auf jeden Angriff von den USA oder Israel reagieren werde. Man habe zwar keine Atombombe und werde auch keine bauen, aber man werde auf jeden Angriff mit derselben militärischen Kraft antworten.

Der Konflikt habe sowieso nichts mit dem behaupteten, aber nicht existierenden iranischen Atomwaffenprogramm zu tun, es gehe in Wirklichkeit ums Öl, sagte Khamenei, und um die Einschüchterung des iranischen Volkes. Wegen der "weisen Entscheidungen" der iranischen Führung seien aber die Pläne der iranischen Feinde bislang gescheitert. Die würden die Iraner gerne als inkompetent hinstellen, Iran aber habe gezeigt: "It can."

In Übungen der Luftwaffe sollte demonstriert werden, dass Iran Angriffe mit Kampfflugzeugen oder Drohnen abwehren kann. Man werden die Luftabwehr so verstärken, dass sie jeden möglichen Angriff parieren könne, versicherte ein Kommandeur.

US-Präsident Obama versuchte, sich in einer Videobotschaft an das iranische Volk zu wenden. Zwischen dem amerikanischen und dem iranische Volk müsse es keine Konflikte geben, sagte er, und hob die "reiche Kultur" Irans hervor. Aber die iranische Führung isoliere die Menschen im Land von der übrigen Welt und kontrolliere den Informationsfluss durch eine "elektronische Mauer", die dem "Eisernen Vorhang" des Kalten Krieges gleiche. Die Iraner hätten jedoch ein Grundrecht auf den Zugang zur Information und sich frei online zu versammeln, was die iranische Führung zunehmend unterbinde und dafür Techniken wie Überwachung und Filterung des Internet oder Zugangsbeschränkungen verwende. Zudem werde eine "Kultur der Angst" unter den Internetbenutzern durch strenge Gesetze und harte Strafen geschaffen. Medien aus dem Ausland würden blockiert. Obama versicherte, die USA würden weiterhin versuchen, den iranischen Bürger mit Programmen und Techniken zu helfen, die elektronische Mauer zu überwinden. Dazu gehöre auch die "virtuelle Botschaft" oder die jetzt veröffentlichte Richtlinie, nach der es amerikanischen Firmen erlaubt, Dienste und Software zu exportieren, wenn diese an iranische Bürger geliefert werden.

Für die iranische Führung ist das wieder eine Möglichkeit, die Überwachung und Kontrolle etwa durch das geplante Halal-Internet zu verstärken, weil man sagen kann, dass die US-Regierung versuche, die iranische Kultur und Nation zu zersetzen (Ajatollah Khamenei ordnet Einrichtung eines "Hohen Rats für den Cyberspace" an).

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