Organisierte Verantwortungslosigkeit

21.03.2012

Die Energie- und Klimawochenschau: Von Märchen und Legenden, liberalen Eigentoren und nuklearer Verantwortungslosigkeit

Es gibt ja eine Reihe von Mythen, die sich trotz der Möglichkeiten zur schnellen Aufklärung, welche das Internet heute bietet, ziemlich hartnäckig halten. Manche vielleicht auch nicht trotz, sondern wegen des Internets, weil sie so attraktiv sind, dass sich immer wieder Menschen finden, die ihnen nur allzu gerne aufsitzen und sie nacherzählen. Und andere, weil sie von interessierter Seite wider besseres Wissen verbreitet werden.

Dem Urteil des Lesers sei überlassen, in welche Kategorie die Legende von den wegen des Atomausstiegs steigenden deutschen CO2-Emissionen gehört. Letzte Woche wurde ich auf einem Anti-AKW-Forum in Hongkong gefragt, ob es denn stimme, was dortige Zeitungen über Deutschland schreiben, nämlich dass nun mehr Kohle verbrannt werden müsse. Auch Gordon Edwards von der Canadian Coalition for Nuclear Responsibility hatte in Kanada die gleiche Geschichte schon gehört und fragte danach.

In Großbritannien wird sie derzeit sogar als Argument für den Bau neuer Atomkraftwerke eingesetzt. Fünf prominente Kommentatoren und Journalisten, von denen sich einige wie George Monbiot und Fred Pearce auch über die Landesgrenzen hinweg einen Namen als Aufklärer und Mahner in Sachen Klimawandel gemacht haben, wenden sich in einem offenen Brief an den britischen Premier David Cameron. Darin fordern sie ihn auf, sich nicht durch die Einwände von Umweltschützern beeindrucken zu lassen und an den AKW-Plänen festzuhalten.

Die britische Regierung will acht neue AKWs bauen lassen, einige davon soll die französische EDF übernehmen, die bei dem ebenfalls französischen Konzern Areva sogenannte European Pressurized Reactors bestellen wird. Diese wenig erprobte Baureihe ist bisher vor allem durch jahrelange Verzögerungen und explodierende Kosten aufgefallen ("Laufzeitverlängerung ist eine Sackgasse"). Die Autoren des Briefs an Cameron argumentieren, dass ohne Atomkraftwerke kein Ausstieg aus der Kohlekraftnutzung möglich sei. Als Beispiel dafür werden Japan und Deutschland angeführt: "... die Wahrheit ist, dass beide Länder die Nutzung fossiler Brennstoffe verstärken, um den Ausfall der Atomkraftwerke abzudecken, und entsprechend steigen die Kohlenstoff-Emissionen und werden es auch weiter tun."

In Japan hat seit 2009 der Ausbau der Fotovoltaik angezogen. Die hier nicht berücksichtigten Zahlen der Japanischen Photovoltaik Energieassoziation (JPEA) zeigen für die ersten drei Quartale 2011 eine weitere Zunahme. Quelle JPEA

Für Japan mag das stimmen, denn dort ist die Entwicklung der Erneuerbaren Energieträger noch sehr weit hinter den Möglichkeiten zurück. Die letzten Regierungen haben den einstigen Vorsprung in Sachen Fotovoltaik leichtfertig verspielt, als sie ganz auf die atomare Karte setzten. Erst in jüngster Zeit hat der Ausbau der Sonnenenergie an Fahrt aufgenommen (Wohin geht Japan).

Aber wie sieht die Lage hierzulande aus? Was ist an der Geschichte dran? Werfen wir einen Blick in den Jahresbericht der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. Dabei ergibt sich folgendes Bild: 2011 hat die Verstromung von Braunkohle in der Tat zugenommen, und zwar um 4,9 Prozent. Ursache hierfür kann aber kaum das Stilllegen von acht Reaktoren gewesen sein, von denen zwei ohnehin seit mehreren Jahren keinen Strom mehr geliefert, wohl aber noch reichlich verbraucht hatten. Schaut man sich die Produktionszahlen nämlich genauer an, so zeigt sich, dass auch die Gas-, Öl- und Steinkohlekraftwerke weniger geliefert haben.

Im Einzelnen ergibt der Vergleich der Produktion in 2010 und 2011: Braunkohle +7,1 Terawattstunden (TWh, eine TWh entspricht einer Milliarde Kilowattstunden), Steinkohle -2,5 TWh, Gas -2,8 TWh, Öl -1,4 TWh. Unterm Strich ergibt sich, dass magere 0,4 TWh, weniger als ein Promille der deutschen Stromproduktion, 2011 mehr aus fossilen Quellen stammte. Der CO2-Ausstoß wird etwas stärker gestiegen sein, weil mehr Braunkohle zum Einsatz kam, aber das ist offensichtlich eher den Entscheidungen der Kraftwerksbesitzer als der Notwendigkeit nach dem partiellen Atomausstieg geschuldet.

Wie man sieht, wurde in Deutschland in den letzten 21 Jahren nicht nur der Einsatz von AKWs, sondern auch von Kohlekraftwerken deutlich zurück gefahren.

AKWs haben hingegen 2011 32,6 TWh weniger Strom geliefert als noch ein Jahr zuvor. Dennoch blieb Deutschland weiter ein Netto-Exporteur, und zwar wurden unterm Strich sechs TWh mehr ans Ausland geliefert als von dort bezogen. Die verminderte Produktion wurde vor allem durch Reduktion der Exporte um elf TWh sowie durch vermehrte Produktion der erneuerbaren Energieträger um 19,2 TWh ausgeglichen. Die Geschichte von den Kohlekraftwerken, die die AKWs ersetzen, gehört also ins Reich der Märchen und Legenden.

Solarboom

Einiges spricht übrigens dafür, dass auch im laufenden Jahr der Anteil der Erneuerbaren weiter wachsen wird. Zum einen werden wohl erneut Windkraftanlagen mit einer Leistung von etwa zwei Gigawatt (GW) hinzukommen. Außerdem sind rund vier GW solarer Kapazitäten erst in den zurück liegenden Wintermonaten ans Netz gegangen, haben also kaum zu den beachtlichen Zahlen von 2011 beigetragen. Und schließlich deutet derzeit einiges darauf hin, dass Wirtschaftsminister Philipp Rösler mit seinen Ausfällen gegen die Solarenergie ein veritables Eigentor geschossen hat.

DHIK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben erwartet, dass sich in diesem Jahr der Solarboom fortsetzt und acht GW installiert werden. Im vergangenen Jahr waren es nach vorläufigen Zahlen 7,5 GW, im Jahr davor 7,4 GW. In den ersten beiden Monaten 2012 soll bereits ein GW hinzugekommen sein. Offensichtlich versuchen viele potenzielle Anlagenbesitzer noch schnell vor den drastischen Einschnitten (Verschnaufpause für E.on & Co.), ihre Panele ans Netz zu bringen. Schon in den vergangenen Jahren hatte das Gerangel um zusätzliche Absenkungsschritte für die Einspeisevergütung stets zu einem neuen Schub bei den Installationen geführt.

Auch weltweit nimmt die Nachfrage nach Solaranlagen richtig Fahrt auf. 26 GW wurden weltweit nach einer jüngst in den USA veröffentlichten Studie installiert. Ein Jahr zuvor waren es 15,6 GW gewesen, eine Steigerung von 69 Prozent. Wegen fallender Preise wuchsen allerdings die Umsätze nur halb so schnell. Die meisten Hersteller haben wegen der scharfen Konkurrenz, die eine Folge erheblicher Überkapazitäten ist, rote Zahlen schreiben müssen, und mancher gab notgedrungen auf.

2012 wird es vermutlich in einem ähnlichen Tempo weiter gehen. War 2010 noch gut die Hälfte der weltweiten Installationen zwischen Rhein und Oder erfolgt, so sind inzwischen einige große neue Märkte hinzu gekommen. Insbesondere in China wird durchgestartet. 2011 sind dort zwei GW ans Netz gegangen, in diesem Jahr könnten es schon vier bis acht GW sein. Neue Einspeisegesetze mit garantierten Vergütungen machen es möglich.

Auch in den USA wird der Markt vermutlich weiter anziehen, und für Italien wird mit immer noch fünf GW Neuinstallationen gerechnet nach neun GW in 2011.

Nicht ganz so stürmisch, aber immer noch mit Rekorden, geht es bei der Windenergie zu. Mit 41,6 GW wurde ein neuer Rekord an Neuinstallationen erreicht. 18 GW gingen allein in China ans Netz. Das Land der Mitte war somit im dritten Jahr in Folge die Nummer eins in Sachen Ausbau der Windenergie. In der EU wurden rund zehn GW errichtet, in den USA sieben und in Indien drei GW.

AKW Brunsbüttel. Bild: Dirk Ingo Franke/Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Verantwortungslos

Die Atomindustrie scheint derweil wirklich weltweit die organisierte Verantwortungslosigkeit zu sein. Im Vattenfall-AKW Brunsbüttel sind, wie berichtet (Fahrlässig), stark angerostete Fässer gefunden worden. Nun ist herausgekommen, dass auch im AKW Krümmel, ebenfalls von Vattenfall betrieben, 1200 Fässer mit radioaktivem Müll einlagern. Und das schon seit mehreren Jahrzehnten unter Bedingungen, die vermutlich nicht für diesen Zeitraum geschaffen sind. Vor allem: Die Fässer wurden auf eine Art untergebracht, zum Teil in Kavernen unter dem AKW, die es nicht erlaubt, ihren Zustand zu überprüfen.

Aber es geht noch schlimmer. Per Zufall wurde kürzlich in Südkorea bekannt, dass in einem Reaktor die Kühlung ausgefallen war. Ein Abgeordneter des Stadtrats von Busan hatte beim Essen in einer Kantine zwei Mitarbeiter des betreffenden AKW darüber reden hören. Nach einem Bericht des Korea Herald war einer der Reaktoren des Kraftwerks zur Inspektion abgeschaltet gewesen, als die Stromzufuhr aus dem Netz unterbrochen wurde. Daraufhin hätte die Notkühlung anspringen müssen, denn ein Reaktor muss auch, wenn die Kettenreaktion unterbrochen ist, weiter gekühlt werden, da die radioaktiven Spaltprodukte des Urans ihrerseits zerfallen und dabei erhebliche Mengen an Wärme freisetzen.

Ein erster Notstromgenerator war allerdings funktionsuntüchtig. Der Mitarbeiter, der die Verbindung zum Netz versehentlich unterbrochen hatte, hätte nun einen anderen Generator einschalten müssen, was er allerdings zunächst unterließ. 12 Minuten lang versuchte er hingegen, die Verbindung zum Netz wieder herzustellen, während sich der Reaktorkern zu erhitzen begann. Erst dann wurde die Notkühlung aktiviert. Da hat offensichtlich jemand Russisch Roulette gespielt und hinterher nicht einmal die Atomaufsicht ordnungsgemäß informiert.

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