Nachrichten aus Fett-Land

28.03.2012

Die Menschen Neuseelands zählen heute zu den übergewichtigsten Bewohnern der Erde

Das ist freilich kein Zufall. Es sieht mehr nach dem Resultat eines gesellschaftlichen Experiments aus, das man sehr leicht in den kontrollierten Laboratoriums-Bedingungen von Neuseeland abziehen konnte. Mit gutem Grund wird New Zealand daher oft auch New Zea-LAB genannt.

Als der hünenhafte und schwergewichtige [2m, 130kg] "Mr. Mega-Upload", Kim Dotcom, in Neuseeland verhaftet wurde, liefen im deutschen Fernsehen Bilder, die den "schweren Jungen" im Beisein und unter Bewachung eines ebenso massiven Polizeibeamten zeigten. Vielleicht eines Samoaners, meinte mein deutscher Informant. In den neuseeländischen Medien und auf YouTube war dieses Bild nicht zu finden.

Kim Dotcom (München, 1996). Bild: Andreas Bohnenstengel. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Falls ein solches Bild in Deutschland tatsächlich gezeigt wurde, ist klar, warum das geschah: Der Dicke aus Kiel wurde durch den polynesischen Bewacher eindeutig erkennbar in Neuseeland verortet. Das Bild erhielt also Lokalkolorit - und es wurde klar gemacht, dass man den als Kriminellen Identifizierten an einem mindestens ebenso schweren Polizeibeamten anbinden musste, um seine mögliche Flucht zu verhindern. In Neuseeland wurde es nicht gezeigt, weil der humorige Unterton (man denkt hier leicht an "Tweedle Dee und Tweedle Dum", die beiden Dicken aus Alice im Wunderland) gewissermaßen die Autorität des Polizeiapparats desavouieren würde. Zudem würde es als rassistische Verunglimpfung empfunden werden, einen besonders dicken Polynesier in diesem Kontext zu zeigen - selbst wenn es den Tatsachen und der Realität entspricht, dass viele Maori und Samoaner an extremer Fettleibigkeit und den damit verbundenen Begleiterkrankungen leiden.

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Tja, die Samoaner. Deutsche Leser wissen vielleicht, dass Samoa einst eine deutsche Kolonie war; deutsche Nachnamen gibt es dort zuhauf, weil die braven Seeleute, zumeist wohl Lutheraner, die dort Dienst taten, ihre einheimischen G’schpusis nicht nur schwängerten, sondern auch ehelichten; und natürlich hat die Geschichte vom Papalagi (ausgesprochen "Papalangi", das Wort bedeutet soviel wie "Der Weiße", also der Europäer) in deutschen Landen gleich zweimal den Bestseller-Gipfel erklommen - zweimal im Abstand von zwei Generationen, mit deutschen Druckauflagen von 1.7 Millionen. Ein ungewöhnlicher Rekord. Dies ist eine imaginäre Ethnographie, also eine fiktive Beschreibung des Europäers (etwa des Berliners) zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verfasst von einem vorgeblichen Samoaner-Hauptling namens "Tuiavii" ("Tuiavii" bedeutet indessen einfach nur "Häuptling") von der samoanischen Insel Tiavea. Wie würde ein Samoaner, der nach Berlin reist, die Leute dort sehen, von seiner Warte aus? - Das war die Prämisse. In Wirklichkeit wurde diese romantische, leicht jugendbewegte Zivilisationskritik des kranken Europäers von einem Deutschen - Wikipedia nennt ihn einen "Maler und Schriftsteller" - namens Erich Scheurmann verfasst. Dessen Name wurde anfangs unterdrückt, um den Wahrhaftigkeitseindruck der Fiktion zu verstärken, dass eine außereuropäische Sichtweise des Europäers, aus der Perspektive eines Naturmenschen, tatsächlich so aussähe wie eben die im "Papalagi" geschilderte.

Als das Buch in den 70er/80er Jahren ein zweites Mal die Auflagengipfel erklomm, war hinten auch ein Foto des vorgeblichen Verfassers zu sehen. Ich schickte einmal eine starke Vergrößerung dieses Bildes nach Tiavea, um die Wahrhaftigkeit des Fotos zu überprüfen. Ich nämlich hatte zufällig den Häuptling ("Sam Tuiavii", der Titel war zum Nachnamen mutiert) von Tiavea in Wellington kennengelernt; er arbeitete dort als Taxifahrer - aber niemand unter den Lebenden kannte den Herrn auf dem Foto, und die älteste Dame am Ort, eine 92jährige, die ihn vielleicht noch aus ihrer Kindheit hätte erinnern können, war inzwischen erblindet. Versuche, ihr das Bild verbal zu schildern, führten zu keiner Identifikation des Abgebildeten. Immerhin aber bestätigte man mir ein authentisches Detail. Das Kanu des Häuptlings, das im Bildhintergrund zu sehen war, war auf einem Doppelbock aus zwei hölzernen Fässern aufgebahrt. Solche Fässer waren zum Ende der deutschen Kolonialzeit in Samoa durchaus üblich gewesen und galten dort als Prestigeobjekte. In ihnen wurde das eigens für die Pazifikinseln zubereitete Corned Beef zu seinen Bestimmungshäfen geschippert. Es war ein Rindfleisch, das zumeist aus Schabfleisch und Fleischabfällen bestand, stark gesalzen, um der Verwesung entgegenzuwirken, wie eben bei Pökelfleisch üblich, und mit einem ungewöhnlich hohen Prozentanteil von purem Fett versehen - ebenfalls zu Konservierungszwecken.

Was Scheurmann also in seinem wirklich ziemlich bescheuerten Buch zu erwähnen vergaß (beziehungsweise überhaupt unterschlug) war, dass der vorgeblich so gesunde Naturmensch aus Samoa bereits seit zwei oder drei Generationen an den übelsten degenerativen Krankheiten westlicher Provenienz litt. Da Samoaner üblicherweise ein großer Menschenschlag sind, sehen heute bereits 13jährige Jungen oder Mädchen in etwa so aus wie Kim Dotcom persönlich. Und der alte Spruch, der in Samoa einst durchaus Gültigkeit besaß - "du bist fett, du siehst gesund aus" - hat sich heute in seine eigene groteske Parodie verwandelt.

Nicht anders die Maori auf Neuseeland. Als der Seefahrer Captain Cook hier einst anlegte, bewunderte er die kräftigen, gesunden Einheimischen. Im Vergleich zu ihnen sahen die Engländer an Bord der "Endeavour" eher mickrig und abgefuckt aus. Zum Dank für ihre Gastfreundschaft hinterließ Cook den Leuten vor Ort ein paar Eimer Kartoffeln und ein paar Schweine. Die ackerbaulich gewieften Südpazifik-Bewohner schafften es darauf hin, innerhalb einer einzigen Generation zur Karikatur ihres früheren Selbst zu mutieren. Auch heute sieht man überall Maori, die locker 150 Kilo Gewicht auf einem Skelett von 1.70 Metern balancieren.

Im deutschen Touristenmekka, der wunderschönen Maori-Metropole Rotorua, sollte man auch einmal bei McDonald’s einkehren. Ein Fast-Food-Restaurant mit Schnitzereien versehen, wie ein althergebrachtes Marae, ein Gourmand-Tempel der Sonderklasse. Hier gab es schon vor Jahren die Unterteilung in Raucher und Nichtraucher. Fast, als stünde dort "Whites Only" und "Blacks Only". Eine kulinarische Apartheid - natürlich völlig unbeabsichtigt. Im Nichtraucher-Abteil zwei weiße Sekretärinnen, die zu ihrem Salat einen Kaffee schlürfen, im Raucher-Abteil mehrere schwergewichtige Maori-Familien, die hier ihren Doppel-Burger-Pack zum Preis von einem, nebst den extragroßen Kartoffel-, Cola- und sonstigen Beilagen verdrücken. Glimmstengel jeweils in Wartehaltung.

Rotorua. Bild: Carl Lindberg. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die in den letzten zehn Jahren hinzugekommenen Somalier, die anfangs von Kopf bis Fuß unter den Schatten ihres eigenen Hutes passten - spindeldürre Männer, die, wie man in Neuseeland sagt, unter der Dusche von einem Tropfen zum nächsten hüpfen müssten, um überhaupt nass zu werden - beginnen mittlerweile auch in die Breite zu gehen. Ihre Frauen deutlich stärker - und zwar nicht allein, weil sie scheinbar immerzu schwanger sind. Die "Zivilisationskrankheit" Übergewicht hat auch sie erreicht. Das Gleiche gilt für die Inder, Südafrikaner, und - Chinesen.

Das wird in der Wissenschaft gern der Anfälligkeit der Nicht-Europäer für Diabetes zugeschrieben. Mir scheint eher, dass die gesamte Ernährungskultur des Landes im Argen liegt. Denn gerade auch die weißen Neuseeländer sind heute - wie ihre weißen amerikanischen Pendants - die in Supergröße daherwatschelnden Fatlanders.

Bis vor 40 Jahren sah der typische weiße Neuseeländer ungefähr so aus wie der Mount-Everest-Besteiger Sir Edmund Hillary. Hillary entsprach idealtypisch dem neuseeländischen Selbstbild. Sogar als 50jähriger, leicht angeglatzt, oder mit fehlerhaftem Gebiss und den allerseits üblichen Schäden nach schweren Stürzen vom Motorrad sah der typische neuseeländische Mann sehnig und fit aus, trinkfest, arbeitsfähig, lesefreudig, lernbegierig. Mehr oder weniger Identisches ließ sich über die Weiblichkeit des Landes sagen. Allgemein etwas rundlicher um den Po herum, aber dafür kannte jeder auch das Hemingway-Zitat, von dem Kissen, das man nun nicht mehr unterschieben musste.

Edmund Hillary auf der neuseeländischen 5-Dollar-Note

Heute kann man in Neuseeland an jedem Straßencafé mit einem Bekannten sitzen, die gleiche übelschmeckende Brühe, "Latte" genannt, schlürfen, und wetten, wer in zehn Minuten mehr massiv übergewichtige Frauen oder Männer zählt. Halten wir Ausschau nach - nicht eben sonderlich hochgewachsenen Müttern, die weder vorne noch hinten "schwanger" sind, aber dennoch zwei englische Hundertgewichte auf die Wage bringen, während sie schwerschnaufend ihre Kinder-Buggies vor sich herschieben? Kleinigkeit, hier kommen sie gleich im Dutzend. Die Frauen mit dem Karren voller Dickmacher, wo man sagen möchte: "Sind Sie denn noch immer nicht fett genug?" In jedem Supermarkt, scheffelweise. Und die Männer? Ebenso! Michelin-Männchen mit schweren Schwimmringen um die Körpermitte, oft eher noch den Unterbauch in Stehauf-Männchen-Form. Menschliche Groteskerien, die man sich nicht beim auf-die-Toilette-gehen vorstellen möchte. Und wenn man einmal von der Kategorie der Super-Dicken absieht und nur die irgendwie hausschweinern 100-Kilo-kugeligen Normalos in Betracht zieht, dann springen sie einem auch schon wie lustig purzelnde Bälle in irgendeinem Kinderspiel von allen Seiten entgegen.

Blättert man durch die Weekend-Beilage des Wellingtoner Hauptstadt-Blattes, der aus "Dominion" und "Evening Post" zusammengelegten "Dominion Post" - so begegnet einem dort beispielsweise unter dem Titel "Chewing the Fat" ("Das Fett kauen") ein Artikel über die eben mal im Lande auf Vortragsreise umherschwirrende amerikanische Ernährungs-Nicht-Expertin, Sally Fallon Morell, die den Neuseeländern zu einer gesunden Steinzeit-Diät rät. Viel Fett, viel rotes Fleisch … man ahnt schon, wie das weitergeht. Dass der Ötzi trotz naturnaher Lebensweise und einer ebensolchen Diät unter Herzproblemen, einer Laktoseunverträglichkeit und einer Raucherlunge litt, hat sich zu der Fett-Fürsprecherin - bis nach Washington DC - offenbar noch nicht durchgesprochen. Kein Wunder. Ihre "Bibel" ist das ernährungswissenschaftliche Elaborat eines amerikanischen Zahnarztes - aus dem Jahr 1939. Gleich daneben sieht man das Bild eines dicken Mannes mit Glatze, der mit stierem Blick in die Kamera offenbar ein Glas Milch ausleert. Der putzige Zweijährige in seinem Arm trägt ein Milch-Bärtchen wie aus der TV-Werbung von Anno Dunnemals. Sieht allerdings eher so aus, als hätte ihm die Maske das Bärtchen aus Butter aufgespachtelt. Im Bildtext erfährt man, das Gemisch, das Vater und Sohn hier genießen, sei "fermentierte rohe Milch (Kefir), Dorschlebertran und mehrere Ei-Dotter". Grusel! Schauder! Möchte man da ausrufen. Aber vor allem: Wo kriegen die den Dorsch her, für ihren Lebertran? Kanadas "Cods"-Bänke sind leergefischt! Na, egal. Hauptsache der Dicke ist ein Anhänger der Fett-Filosofin.

Ja, das mit dem vielen Fett hat natürlich in Neuseeland Tradition. Einst, als das Land noch ein Agrarexportland mit Wohlfahrtsprogramm für alle war, gab es beispielsweise die Schulmilch für alle Schulkinder des Landes umsonst - denn das Zeug gab es ja in Hülle und Fülle. Auch alle übrigen Milchprodukte, darunter Butter und Käse, wurden subventioniert. Man konnte also kaum verhungern. Dann schaffte Maggie Thatcher die Schulmilch in England ab. In Neuseeland wurde die Schulmilch ebenfalls abgeschafft, dafür gab es nun Schul-Cola, aber freilich nicht umsonst. Da der hohe Zuckergehalt den Unterrichtsverlauf behinderte, wurde in sämtlichen Schulen Cola mit künstlichem Süßstoff eingeführt. Mit einem Süßstoff, der in Amerika mehr als nur ein bisschen im Verdacht steht, Krebs zu verursachen. Aber wie könnte es anders sein? Ich vermute, die neuseeländischen Kids sind bereits Teil einer großangelegten amerikanischen Studie.[1]

Käse und andere Milchprodukte werden in Neuseeland nach wie vor eifrig produziert, aber nicht mehr subventioniert. Man verkauft sie am heimischen Markt "zu Weltmarktpreisen" - unabhängig davon, dass neuseeländischer Käse in Deutschland zum halben Preis angeboten wird. Wer in Europa beispielsweise zwischen Tilsiter, Schweizer, Gouda, Emmentaler und dergleichen zu wählen gelernt hat, findet die vier elementaren Arten von Butterkäse in Neuseeland wohl etwas lasch im Geschmack. Üblicherweise in Form eines Ein-Kilo-Ziegels in Plastik verpackt, wirken die Käse-Sorten "Mild", "Tasty", "Colby" und "Edam" wie gefärbter Talg - wobei man bei der stärker gesalzenen, stark brüchigen "Tasty"-Variante eher auf Grabbeigaben von altgermanischen Moorleichen als auf einen gereiften Cheddar schließen möchte. Insgesamt kann man sagen: eine ungesunde Sache. Natürlich schützt der hohe Preis vor übermäßigem Konsum, allerdings verführt die Tradition dazu, dass die Durchschnittsfamilie genauso viel für Milch-Produkte ausgibt wie für das Benzin fürs Auto. Zum Ausgleich joggen dann Alte und Junge über den Asphalt, bis die Kniegelenke schmelzen oder die Hüfte zu Bruch geht.

Ich habe derweil weiter geblättert. Hier eine Restaurant-Kritik: Der 60jährige Lockenkopf im schlank machenden schwarzen Anzug (ich kenne ihn natürlich persönlich) schreibt genießerisch vom Schlemmen in einem neuen französischen Diner, dessen Ambiente im Foto an eine Bahnhofs- oder Leichenhalle circa 1930 erinnert. Schon auf der nächsten Seite lächelt mich eine wirklich dicke Dame an. Ihr Beitrag trägt den Titel "Chocolate Heaven". Es geht dabei um irgendwelche Frucht-Alkohol-Drinks, in die man als Geschmacksverstärker Schokolade hineinpüriert. Und - Oh! Ich vergaß die Supermarkt-Werbung: Schinken, Käse, Wein, Pizza. Danach ein Beitrag übers Joggen im Gebirge, denn, wie gesagt, man muss ja das Fett irgendwie auch wieder loswerden. Und so immer weiter. "Konsumieren, Konsumieren!" lautet die Parole. Dabei wäre klarerweise Konsumverzicht das einzig Wahre.

Was wird, fragt man sich an dieser Stelle, in Neuseeland eigentlich noch produziert? Nun ja - da sind die Filme von Peter Jackson, Hobbit und Tintin. In letzterem spielt "Tim" (von Tim und Struppi) eine Hauptrolle - und wenn man sich nun einmal das Bild vom Herrn Dotcom mit dem Bürzel an der Stirn genauer betrachtet, dann erkennt man natürlich eine aufgedunsene Ähnlichkeit mit dem Film-Helden. Ob das der Grund ist, warum er in den Medien so oft erwähnt wird? Verzerrte Menschengestalten sind eben eine Spezialität des neuseeländischen Films, siehe Avatar. Auf jeden Fall: DAS können die Neuseeländer, und sie machen es auch billig, weswegen sie in Amerika als "Mexikaner mit Handys" gelten.

Ansonsten? Vor 30 Jahren konnte man noch sagen, die eine Hälfte der Bevölkerung unterrichtete die andere Hälfte. Jeder zweite Neuseeländer war irgendwann einmal Lehrer gewesen oder würde irgendwann einmal Lehrer werden. Lesen, Rechtschreibung und dergleichen Dinge haben sich inzwischen längst aus dem inneren Herzen der Bevölkerung verabschiedet, auch wenn mittlerweile jeder "mit dem Daumen reden" und die Apostrophen falsch setzen kann. Wenn die "Dominion-Post" in diesem Jahr - es ist das Jahr, in dem Neuseeland auf der Frankfurter Buchmesse groß herausgestellt werden wird - einige Prominente nach ihren durchschlagenden Lese-Erlebnissen fragt, so antworten sie: "Enid Blyton", "Pony-Bücher" und "Der Walreiter". Ein Sportler liest zwanghaft immer wieder den Grafen von Monte Cristo. Und der Führer der Opposition nennt als sein umwerfendstes Literatur-Erlebnis Hundert Jahre Einsamkeit. Der Titel umreißt, wie mir scheint, das intellektuelle Klima des Landes - unabsichtlich, aber doch recht zügig.

Heute kann man sagen, die eine Hälfte der Bevölkerung FÜTTERT die andere Hälfte. Nicht, dass das ehemalige Agrarland heute als Agrar-Riese dastünde. Am Gemüsemarkt kauft man US-amerikanische Import-Zitronen zum halben Preis der einheimischen. Vieles von dem, was man im Supermarkt kauft, ist importiert aus China, oder importiert aus China auf dem Umweg über Australien. Kaum eine Geschäftskette, die in Neuseeland ihr Business betreibt, ist tatsächlich noch in neuseeländischer Hand. Geht man eine beliebige Straße entlang, findet man dort ein kleines Café neben einem Fast-Food-Laden neben einer anderen Futterkiste und noch einem Fresstempel. Erst unlängst betrat ich eine innerstädtische Bäckerei mit Café. Zu deutlich überhöhten Preisen (8 Dollar und mehr) gab es hier belegte Brötchen und ungenießbaren Kaffee - er ist wirklich überall ungenießbar. Publikum: Mittdreißiger im mittleren Management, sogenannte DINKS. Double Income No Kids. Manchmal auch schon mit zwei Kids. Der blonde Rasta-Mann am Kaffee-Ausschank schreckte mich weniger - ich war ja von den Cafés aus Wien so manchen Horror-Ober gewohnt. Aber man konnte vom Gastraum auch durch eine Glaswand in die daneben liegende Bäckerei blicken. Das auf dem Fußboden verstreute Mehl konnte das Café-Publikum wohl im Sitzen nicht sehen. Dass man in der Bäckerei Schirmkappen trug, war auch nur recht und billig, allerdings hätte ich mir bei dem Wuschelkopf, der das Blech mit den nächsten Sandwiches hereintrug, auch gerne ein Haarnetz gewünscht. Dann stand er da und rieb sich zunächst gedankenverloren die Ohren, bevor er anschließend mit zärtlich gespreizten Pianistenfingern die Sandwiches zurechtschob. Ich beschloss, lieber ungespeist dem Ausgang zuzueilen.

Das Zeug, was Neuseeländer in sich hineinstopfen, ist eindeutig ungesund. Erdnussbutter aus China mag unschädlich sein, aber die Hygiene-Bedingungen dort (Stichwort: tödliches Milchpulver für Babys) sind sicherlich nicht geeignet, einem Zuversicht in diesem Bereich einzuflößen. Im Grunde ist alles, was in den Supermärkten angeboten wird potenziell giftig. Einzig ihre Super-Profite sind eindeutig, klar, überhöht, ungerechtfertigt. Dass in den kleinen Futterkrippen weder "Bio"-Kost noch professionell zubereitete Speisen angeboten werden, versteht sich von selbst. Amateure wurschteln mangels anderer Job-Möglichkeiten, in heimischen Küchen - in der Hoffnung, mit irgendwelchen Billig-Zutaten einen möglichst guten Schnitt zu machen. Ich weiß nicht, wie viele gerollte Fladenbrot-Sandwiches mit geraspelten Karotten und kaltem Hühnerfleisch/Tofu ich noch essen müsste, bis ich die nächste Wand anspeie. Ist es die Soja-Soße, die mir den Arm entlang zum Ellenbogen tröpfelt, ist es das Ingwer-, Knoblauch- und Zwiebel-Chutney, bei dem sich mein Magen zusammenkrampft?

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass diese ganze Fresserei - die Café-Kultur, ebenso wie das Volladen der Kühlschränke und Tiefkühltruhen mit kleinen Snacks und den Mammut-Steaks längst verstorbener Tiere im heimischen Kreis - den Neuseeländern nicht bekommt. Hormon-Fleisch, das wusste man schon vor Jahrzehnten in Deutschland, ist ungesund. Wer kennt nicht das Verslein von den Gefahren der amerikanischen Östrogen-Hähnchen, die man damals, weil so billig, in großen Mengen verschlang?

Der Zipfel schrumpft, der Busen schwillt. Bald ist er Muttis Ebenbild.

Neuseeland ist ein Rest Gondwanaland, auf dem der Mensch vor weniger als Tausend Jahren erschien. Die Pflanzen, die hier wachsen und wuchsen, sind dem Menschen in seiner gesamten Entwicklungsgeschichte nie begegnet - bis eben jetzt. Fast jeder Neuseeländer kämpft mit unzähligen Allergien. Chemie-Konzerne vergiften die Landschaft mit Herbiziden, das berühmte Agent Orange, mit dem Vietnam verwüstet wurde, entstand in Neuseeland - in dem zauberhaften Städtchen New Plymouth, in einer Dependance der Dow Chemical Company - und ist natürlich, als "völlig harmloses" Unkrautvertilgungsmittel, Jahrzehnte lang auch auf die hiesigen Äcker gesprüht worden.

Das immer feucht-kalte und auch wieder feucht-milde Wetter bringt es mit sich, dass sich die Neuseeländer, wenn sie nicht draußen in der freien Natur arbeiten - sondern eher in den Büros oder in ihren Wohnungen an den feucht-triefenden Gas-Heizungen sitzen - in den langen, kühlen Perioden von Anfang März bis Ende September immer wieder erkälten. Erkältungen führen ursächlich zu Asthma, weswegen auch in Neuseeland ein enorm hoher Prozentsatz der Bevölkerung an Asthma leidet. Besonders die Kinder. Oft werden hartnäckige Erkältungen und Hustenanfälle mit Antibiotika abgeschossen, die dann, beim ersten Zeichen einer Besserung, wieder abgesetzt werden und im Körper ein Chaos der verschiedenen Antikörper hinterlassen bzw. Immunität gegen gerade dieses Antibiotikum bewirken. Eine Folge davon, so scheint es, ist Candida - die Körper sind durchwachsen von verschiedensten Pilzkolonien, und man könnte gerade die oben erwähnten Übergewichtigen als Opfer solcher Symptome bezeichnen. Sie werden nie durch Joggen oder irgendwelche Diäten kuriert werden, sie sind einfach wandelnde Pilzkulturen. Immerhin aber gibt es ein nationales Gesundheitssystem in Neuseeland, bei dem die Patientendaten landesweit zusammengetragen werden - brillantes Forschungsmaterial für die amerikanische Pharmaindustrie, denn alle neuseeländischen Daten sind natürlich den lieben Kollegen aus Amerika zugänglich.

Das ist einer der Gründe, warum New Zealand auch unter dem Namen New Zea-LAB bekannt ist. Es ist ein Laboratorium, in dem Amerikanische Konzerne praktisch ungefragt - und meistens ungebeten - gesellschaftliche Experimente im größeren Stil durchführen können. Um Beispielsweise ihre eigenen genmanipulierten oder sonstwie patentierten Pflanzen den neuseeländischen Produzenten und Konsumenten aufs Auge drücken zu können, versuchten die Handlanger dieser Konzerne - sie werden hier als "die Regierung" apostrophiert - kurz vor Weihnachten einen sogenannten "Food Bill" - einen Gesetzesentwurf, der den Anbau heimischen Gemüses im Garten, aber eben auch in kleineren Gärtnereien, regulieren, bzw. reglementieren oder gar ganz verbieten sollte - im Schweinegalopp durch den Gesetzwerdungsprozess zu schassen. Irgendwie kam es dann doch nicht dazu. Meistens steht so ein Gesetz, kaum, dass man einmal weggeschaut hat, dann aber doch als feste Tatsache in der Landschaft. Dann heißt es hier, Schönes Neues Monsanto-Land - und wenn du deine eigenen Tomaten anbaust, kommt die Polizei.

PS: Ach ja, Tomaten. Wenn man die schönen Rispen-Tomaten aus dem Supermarkt einmal unters Wasser gehalten hat, ist der liebliche Duft von Tomaten-Pflanzen auch schon wieder verschwunden. Kann es sein, dass dieses Aroma nur aus der Dose aufgesprüht ist …?

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