Kanarische Inseln warnen vor einer schwarzen Flut

26.03.2012

Tausende demonstrieren gegen Ölbohrungen vor ihren Küsten und fühlen sich von Spanien als Kolonie behandelt

Die spanische Regierung hat in ein Wespennest gestochen. Die Bewohner der Kanarischen Inseln haben am Samstag deutlich ihre Ablehnung dagegen gezeigt, dass die neue konservative spanische Regierung dem Energiekonzern Repsol YPF genehmigt hat, vor Fuerteventura und Lanzarote nach Öl zu bohren. Zahllose Menschen gingen am Samstag auf allen Inseln auf die Straße und allein in Arrecife (Lanzarote) waren es etwa 25000, also fast 20% der gesamten Bevölkerung von Lanzarote. Ähnlich stark waren auch die Proteste in Puerto del Rosario (Fuerteventura) und in Las Palmas de Gran Canaria, die alle um 19 Uhr (Ortszeit) begannen. "Nein zu Ölfirmen – Ja zu erneuerbaren Energien" war auf Transparenten zu lesen.

Demonstration in Arrecife am Samstag. Bild: Cabildo de Lanzarote

Schon zuvor gab es kleinere Versammlungen auf den übrigen Inseln und Solidaritätskundgebungen in Madrid und Barcelona. Die Umweltorganisation Ben Magec war stolz darauf, dass sich auf der kleinen abgelegenen Insel La Palma 500 Menschen versammelten. "Wir haben mit schwarzen Plastikplanen simuliert, in einem vom Öl verseuchten Meer zu schwimmen", sagte ihr Sprecher Pablo Díaz.

Die Ängste sind vielfältig. Einige fürchten sich davor, dass Bohrinseln vor der Küste das Bild vom Urlaubsparadies zerstören und das Öl, das schon im normalen Betrieb einer Plattform ins Meer läuft, an den Stränden angespült wird und Touristen vergrault. Andere haben Angst um die Wasserversorgung, denn in Lanzarote wird fast das gesamte Wasser über Meerwasserentsalzungsanlagen gewonnen (Spanische Entsalzungsanlagen kaum im Betrieb). Die Umweltorganisationen beklagen, dass das Gebiet in einer Größe von 6.500 Quadratkilometern, in dem Probebohrungen durchgeführt werden sollen, auch die ökologisch wertvollsten Gebiete um die Inseln betrifft. Sie würden schon durch Probebohrungen "schwer geschädigt", ist Oceana überzeugt.

Viele Menschen haben aber auch Angst vor einer Ölpest, wie sie zuletzt die gesamte spanische Atlantikküste von Galicien bis ins Baskenland vergiftete, als der Tanker Prestige 2002 zerbrach und 60.000 Tonnen giftiges Schweröl ins Meer liefen. Und auf den Kanarischen Inseln hat man nicht vergessen, dass die größte Umweltkatastrophe Spaniens, die auch die Küsten in Portugal und Frankreich stark in Mitleidenschaft zog, durch das unverantwortliche Vorgehen der regierenden Volkspartei (PP) erst geschaffen wurde, die nun erneut in Spanien regiert.

Statt den vor der Küste havarierten Tanker an Land zu ziehen und das Öl abzupumpen, wurde er weit hinaus auf das Meer geschleppt. Dort zerbrach er und dadurch konnte sich die hochgiftige Fracht erst weiträumig verteilen (Großdemonstration und Generalstreik). Ein Unfall auf einer Bohrinsel könnte noch viel größere Ausmaße haben, wie die Ölpest im Golf von Mexiko gezeigt hat. Dort ist vor knapp zwei Jahren die Ölbohrplattform Deepwater Horizon explodiert, was zu einer der schwersten Umweltkatastrophen führte. Geschätzt wird, dass dabei etwa 700 Millionen Liter Rohöl ausgelaufen sind.

Ölfladen am Strand sind nicht tourismusfördernd. 2003 im baskischen Donostia-San Sebastian. Bild: R. Streck

Eine solche Katastrophe würde mit einem Schlag die Existenzgrundlage der Inseln, den Tourismus, vernichten. Deshalb sprechen sich auf den Urlaubsinseln trotz der schweren Wirtschaftskrise und einer sehr hohen Arbeitslosigkeit (31%) nicht nur die Umweltorganisationen gegen die Probebohrungen aus. Praktisch alle Sektoren der Gesellschaft sind empört über die Entscheidung aus Madrid. Ein schon altes Lied der lokalen Gruppe hat sich deshalb zur Hymne der Protestbewegung entwickelt. "Dieser Strand gehört nicht den Tankstellen, er gehört mir, denn ich habe ihn von meinen Großeltern geerbt", singt Kardomillo. Sie hat nun damit aus Protest einen Videoclip gemacht, in dem Repsol aufgefordert wird, dahin zu verschwinden, woher sie gekommen ist.

Auch für Josechu Armas, Direktor der Zeitung "Cronica de Fuerteventura" handelt es sich um einen "Angriff" auf die Inseln, denn die "Wirtschaft und die Kultur basieren auf dem Umweltreichtum", argumentiert der Journalist. So sieht es auch der Präsident der Regionalregierung. Paulino Rivero und seine Koalition Coalición Canaria (CC), die sich ebenfalls gegen die Pläne stellen und die Bürger zum Protest aufriefen, damit die Stimme der Kanaren in Madrid Gehör findet. "Wir werden bis zur letzten Konsequenz gehen, um zu verhindern, dass unsere Zukunft gefährdet wird", erklärte er. Rivero wird von Reiseveranstaltern bestärkt. TUI, einer der größten Anbieter, hat eindrücklich gewarnt. In einem Schreiben an die Madrider Zentralregierung schreibt das deutsche Unternehmen: "Eine Ölkatastrophe würde auf Jahre hinaus mit der Marke Kanarische Inseln verbunden werden."

Rivero wirft der regierenden Volkspartei (PP) in Madrid vor, die die Inselbewohner nun "Partido Petroloero" nennen, nicht der Allgemeinheit zu dienen. Sie diene einem privaten Unternehmen, dem "Gewinne zugeteilt werden". Er fragt sich auch, warum die Ausbeutung des Öls nicht unter staatlicher Regie wie in Norwegen oder Brasilien geschieht, damit auch die Erlöse der Bevölkerung zugutekommen. Obwohl seine CC mit der PP kooperiert, ist er besonders empört darüber, zu der Frage nicht einmal gehört worden zu sein: "Man behandelt uns wie in früheren Zeiten so, als wären wir noch immer eine im Atlantik verlorene Kolonie."

Rivero weist auch die Darstellung der Regierung zurück, dass in etwa 60 Kilometer entfernt von den Inseln gebohrt würde. "Lassen wir uns nicht täuschen." Es könne bis zehn Kilometer vor der Küste gebohrt werden, sagt er. Repsol dementiert diese Einschätzung nicht. Das Unternehmen erklärt nur, dort solle nicht gebohrt werden, weil so nahe an den Inseln kein Öl zu finden sei. Warum lässt man sich dann aber ein so großes Gebiet genehmigen, fragt man sich auf den Kanaren.

Der Umgang mit den Inseln ist erstaunlich, denn der große Verfechter des Vorhabens ist José Manuel Soria. Der heutige Minister für Industrie, Tourismus und Handel im Kabinett von Ministerpräsident Mariano Rajoy stammt aus Las Palmas de Gran Canaria. Er war bis 2010 Vizepräsident der Regionalregierung von Rivero und hat nicht einmal versucht, mit seinem früheren Partner ins Gespräch zu kommen. Soria glaubt, die Kanaren könnten sich diese Möglichkeit nicht entgehen lassen, die Wirtschaft zu diversifizieren. "Die Kanaren können nicht allein vom Fremdenverkehr leben, sie benötigen andere Einkommensquellen", betonte er. Er glaubt, dass 140.000 Barrel täglich gefördert werden könnten, womit Spanien 28 Milliarden Euro einsparen könne.

Dabei ist ohnehin unsicher, ob bis zu 3500 Meter unter dem Meeresspiegel überhaupt Öl zu finden ist. Sogar Soria gibt die Wahrscheinlichkeit nur mit 20% an. Dass außer zur Beseitigung von Öl-Fladen an Stränden durch die geplante Ölförderung Jobs auf den Inseln entstehen, glaubt niemand. Nach der bisherigen Rechtslage würde praktisch auch kein Geld in die Inselkassen fließen. Die Kritiker setzen lieber auf Erneuerbare Energien, die ein großes Potential haben und deutlich beschäftigungswirksamer seien.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Konservativen, eng verflochten mit den großen Energiefirmen des Landes, dieses Projekt realisieren wollen. Schon 2001 wurde unter dem Ministerpräsident José María Aznar das Projekt vorangetrieben, dann aber 2004 vom Obersten Gerichtshof gestoppt. Die Genehmigung wurde zurückgezogen, weil eine Umweltverträglichkeitsprüfung nicht einmal durchgeführt worden war. So ist auch jetzt die Eile auffällig, mit der das Projekt durchgezogen werden soll. Auf Lanzarote wird vermutet, dass schnell Fakten geschaffen werden sollen. Schließlich arbeitet die EU-Kommission an schärferen Normen für Erdölförderung als Konsequenz aus der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Und die sollen 2013 in Kraft treten.

Aber auch internationale Konflikte stehen auf der Tagesordnung. Denn das Gebiet ist genauso umstritten wie die Petersilieninsel (Leila). 2002 hatte Aznars PP-Regierung fast einen militärischen Konflikt mit Marokko um einen von Ziegen bewohnten Felsbrocken vom Zaun gebrochen. Der liegt direkt vor der marokkanischen Küste, wird aber weiter von Spanien beansprucht (Streit zwischen Marokko und Spanien um die Petersilieninsel). Doch genauso einseitig hat Spanien einen 200 Seemeilen breiten Streifen um die Kanarischen Inseln zum Staatsgebiet erklärt, die Hoheitsgewässer sind aber nicht limitiert. Marokko bekräftigt, dass das Gebiet, in dem die Ölvorkommen vermutet werden, dem Königreich gehört. Es ist zu erwarten, dass sich Marokko nicht einfach durch Militärs wie von dem unbedeutenden Felsbrocken vertreiben lässt, wenn es um viel Geld für das arme Land geht.

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