Verschlüsselter Text, eine unbekannte Schrift - oder bedeutungsloser Unfug?

01.04.2012

Voynich-Manuskript-Experten planen Kongress in Rom

Das Voynich-Manuskript ist ein verschlüsseltes Buch aus dem 15.Jahrhundert, an dem sich schon so mancher Kryptologe die Zähne ausgebissen hat. Telepolis hat bereits mehrfach darüber berichtet (Das Voynich-Manuskript: das Buch, das niemand lesen kann, Neue Datierung des Voynich-Manuskripts sorgt für Aufsehen). Der am 11. Mai 2012 stattdfindende Kongress "Voynich 100" könnte dazu beitragen, die bisher recht chaotisch ablaufende Forschung in professionellere Bahnen zu lenken.

Sowohl der Text als auch die Bilder des Voynich-Manuskripts geben zahlreiche Rätsel auf

Als der Antiquar und Sammler Wilfried Voynich 1912 einige antike Bücher aus dem Bestand der Villa Mondragone in Frascati (einem Vorort von Rom) erwarb, fand sich ein außergewöhnliches Werk darunter. Es handelte sich um ein handgeschriebenes und handgemaltes Manuskript, das in einer Schrift verfasst war, die Voynich nicht lesen konnte. Die zahlreichen Bilder sagten ihm ebenfalls nichts. Zahlreiche Fachleute, die Voynich zu Rate zog, konnten sich keinen Reim auf die unbekannten Buchstaben und die seltsamen Zeichnungen machen. Bis heute ist es niemandem gelungen, das inzwischen als "Voynich-Manuskript" bezeichnete Buch zu entschlüsseln.

1976 fand die erste und bisher einzige Veranstaltung statt, bei dem sich Voynich-Forscher zum Informationsaustausch trafen. Das Ergebnis dieses Treffens, an dem etwa zehn Personen teilnahmen, war ein inzwischen als Klassiker geltendes Büchlein mit dem Namen "The Voynich Manuscript An Elegant Enigma", das die Kryptologin Mary D’Imperio verfasste. Darin wird der damalige Forschungsstand zusammengefasst. Seitdem hat sich einiges getan in der Voynich-Forschung. Durch das Internet wurde das rätselhafte Buch immer populärer, wodurch die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema geradezu explodierte.

Die aktuelle Voynich-Forschungskultur ist aus Sicht eines Wissenschaftlers geradezu unerträglich. In anderen wissenschaftlichen Gebieten nutzen die Forscher Fachzeitschriften mit Gutachtersystem (Peer-Review) als Plattform für den Austausch ihrer Erkenntnisse. Arbeiten zum Voynich-Manuskript erscheinen dagegen größtenteils im Internet oder in selbstverlegten Büchern - eine nennenswerte Qualitätskontrolle gibt es nicht. Und während sich die Wissenschaftler anderer Disziplinen regelmäßig zu Kongressen treffen, tragen Voynich-Interessierte ihre Diskussionen bisher ausschließlich in Internet-Foren aus.

Die Folge: Es ist heute praktisch nicht mehr möglich, den Überblick über sämliche wichtigen Beiträge zum Voynich-Manuskript zu behalten. Ein Ärgernis sind vor allem die unzähligen pseudowissenschaftlichen Arbeiten zum Thema, in denen die seriösen Forschungsaufsätze oftmals untergehen. So haben schon über 20 Personen behauptet, das Voynich-Manuskript gelöst zu haben - eine "Lösung" wirkt unplausibler als die andere. Selbst Außerirdische mussten schon als Voynich-Autoren herhalten.

Angesichts dieses Chaos fragt man sich, warum sich die zahlreichen Voynich-Forscher seit über 35 Jahren nicht mehr an einen Tisch gesetzt haben. Diese Frage stellten sich auch die Voynich-Experten Claudio Foti, Michelle Smith und René Zandbergen. Sie beschlossen, erstmals seit 1976 wieder einen Voynich-Kongress auf die Beine zu stellen. Dieses Mal sollten allerdings deutlich mehr als nur zehn Teilnehmer zusammenkommen. Bezüglich des Veranstaltungsorts mussten die drei nicht lange überlegen: Der Kongress sollte in der Villa Mondragone stattfinden, wo Wilfried Voynich das Manuskript genau 100 Jahre zuvor aufgespürt hatte. Da traf es sich gut, dass es heute in der Villa Mondragone Veranstaltungsräume zu mieten gibt. Als Titel des Kongresses wählten Foti, Smith und Zandbergen "Voynich 100" - in Anlehnung an das Jubiläum. Die Voynich 100 ist eine nichtkommerzielle Veranstaltung, die Teilnahme ist kostenlos. Der eigentliche Kongress wird am 11. Mai stattfinden und nur einen Tag dauern. Am Folgetag werden die Teilnehmer jedoch Gelegenheit haben, sich ohne festgelegtes Programm auszutauschen.

Wichtig ist für Mit-Organisator René Zandbergen ein hohes wissenschaftliches Niveau: "Die Voynich 100 soll keine Fantasieveranstaltung werden, auf der die ausgefallensten Theorien präsentiert werden. Vielmehr soll es um die Fortschritte gehen, die die Voynich-Forschung in den letzten Jahren gemacht hat." Derer gibt es durchaus einige. Insbesondere ist das Alter des rätselhaften Buchs inzwischen bekannt: Eine Radiokarbon-Analyse, über die Telepolis berichtete (Das rätselhafteste Buch der Welt), ergab eine Entstehungszeit im frühen 15. Jahrhundert.

Trotzdem gibt es noch immer mehr Fragen als Antworten. Der Autor und der Entstehungsort des Voynich-Manuskripts liegen genauso im Dunkeln wie die Geschichte des Buchs in den ersten 200 Jahren seiner Existenz. Kryptologen rätseln nach wie vor, ob sie es mit einem verschlüsselten Text, einer unbekannten Schrift oder bedeutungslosem Unfug zu tun haben. René Zandbergen ist sich daher sicher: "Bei der Voynich 100 wird viel diskutiert werden. Wir werden das Rätsel vermutlich nicht lösen, aber neue Einsichten wird es zweifellos geben."

Klaus Schmeh ist Informatiker und Spezialist für historische Verschlüsselungstechnik. In seinem aktuellen Buch "Nicht zu knacken" (Carl Hanser Verlag, 2012) wird auch das Voynich-Manuskript betrachtet.

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