Hilfe von den libyschen Rebellen für den syrischen Aufstand?

Eine Reportage aus den Nafusa-Bergen

Dichter Nebel hängt über den Bergen. Nur langsam zieht sich der alte Toyota über die Serpentinen hinauf. Die Sicht wird immer schlechter, obwohl es gleich Mittag ist und die Sonne durchkommen müsste. Vorbei an schroffen Felswänden und wie tief es rechts neben der Strasse hinunter geht, kann man nur ahnen. Von Tripolis dauert die Fahrt in die Nafusa Berge zwei Stunden. Ein Hochplateau im Westen Libyens, 1000 Meter über dem Meeresspiegel, das sich bis an die Grenze zu Tunesien erstreckt. Von hier aus wurde im vergangenen August die libysche Hauptstadt erobert und Diktator Muammar Gaddafi und sein Regime gestürzt.

Die meisten Einwohner der Berge sind Amazigh (Berber), deren Sprache unter Gaddafi verboten und ihre Kultur verpönt waren. "Wir durften nicht einmal unseren Kindern Berber-Namen geben. Aber heute können wir endlich leben und sprechen, wie wir wollen", sagt Nadar Massud, als er in seiner Heimatstadt Jefran die Schäden des Kriegs zeigt. Gaddafi-Truppen hatten sie besetzt, verwüstet und geplündert. "Aber die Revolution ist noch nicht zu Ende", fügt der 38-Jährige ernst hinzu. Die Berber sind unzufrieden mit der neuen libyschen Übergangsregierung in Tripolis. Im Kabinett haben sie keinen Ministerposten. Aber, was noch schwerwiegender ist: Im Entwurf der neuen Verfassung sind die Berber nicht als eigenständige Kultur, noch ihre Sprache, das Tamazight, als zweite offizielle Sprache, neben dem Arabischen, genannt.

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"Das ist sehr, sehr bitter", sagt Abdelhamid, ein ehemaliger Rebellenkämpfer, im Sitzungssaal des lokalen Rats von Al Galaa. "Ohne uns Berber wäre Gaddafi wahrscheinlich noch immer in seiner Residenz von Bab al-Asisa in Tripolis." Drei Monate lang war seine Stadt unter Dauerbeschuss der Gaddafi-Truppen gestanden. Die meiste Zeit ohne Wasser und Strom, wie so viele andere Orte in den Nafusa Bergen.

Safit - der entscheidende Durchbruch

Abdelhamid fährt zum vier Kilometer entfernten Hügel von Safit ("Ich möchte in den Kampf, um Gaddafi so schnell wie möglich zu Fall zu bringen"), auf dem römischen Ruinen stehen und in jedem Libyen-Reiseführer zu finden ist. Bei den Berbern ist Safit zum Symbol für den Freiheitskampf geworden. Am 7. Juni letzten Jahres wurde der strategisch wichtige Hügel erobert, von dem Gaddafi Truppen in einem Radius von 40 Kilometern die umliegenden Städte Tag und Nacht mit Raketen beschossen hatten.

Freiluftmuseum Safit

"Das war der entscheidende Durchbruch in den Nafusa Bergen", sagt Mohammed Al-Aljili oben auf dem Hügel, von dem man eine wunderbare Sicht über das Plateau hat. Al-Aljili wurde in der Schlachtschwer verwundet. Er zeigt eine lange Narbe, die vom Hals bis zur Schulter reicht. "Ich war in der Türkei zur Behandlung. Nun geht es einigermaßen, aber Nerven sind durchtrennt", erklärt er mit lapidarem Unterton, um dann plötzlich mit einem breiten Schmunzeln von den getöteten Gaddafi-Soldaten zu erzählen.

Wir haben in Tripolis beim Militär nachgefragt. 80 Tote und 160 Verwundete sind dort aufgelistet. Wir Rebellen haben dagegen nur acht Mann verloren.

Safit ist heute ein Freilichtmuseum. Kanonenrohre, Munitionshülsen und zerstörte Panzer sind dort ausgestellt. Am Fuße des Hügels 34 Gräber von fünf Familien. Sie wurden aus Rache für die Niederlage fünf Tage später aus ihren Häusern entführt und exekutiert. Daneben liegen zwei neue Gräber. "Das sind zwei Bauern, die erst diesen Monat von Minen getötet wurden", sagt Abdelhamid. "Das ist ein großes Problem. Gaddafi-Truppen legten viele hunderte von Minen, von denen bisher nur ein Bruchteil markiert wurde." An der Strasse nach Zintan zeigt er ein Minenfeld, vor dem ein fluoreszierendes Totenkopfschild postiert ist. Die Reste eines zerstörten Militärfahrzeugs liegen auf dem Feld.

Zintan - Auseinandersetzungen zwischen berberischen und arabischen Milizen

"An Ihrer Stelle würde ich nicht nach Zintan fahren", meint Abdelhamid zum Abschied. "Wir haben miteinander gekämpft, es ging ja nicht anders. Aber das ist eine schlechte Stadt mit schlechten Leuten." Das Übel der 40.000 Einwohner von Zintan, der größten Stadt des Hochplateaus, besteht darin, dass sie Araber sind. Und Araber sind "völlig andere Menschen." Ein Ressentiment, das jedoch auf Gegenseitigkeit beruht. Für die arabische Bevölkerung sind Berber nicht minder dubios, wenn nicht Menschen zweiter Klasse. Seit Beendigung des Bürgerkriegs gibt es immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen berberischen und arabischen Milizen.

Zintan. Alle Fotos: Alfred Hackensberger

Zintan ist eine keine einladende Stadt. Besonders bei Nebel und Regen wirkt es mit vielen unverputzten Häusern, ungeteerten Straßen und dem überall umher liegende Müll trostlos und abstoßend. Das Hauptquartier der Milizen liegt abseits der Hauptstrasse, in einem heruntergekommen Verwaltungsgebäude, in dam es zwar Strom, aber immer noch kein fließend Wasser gibt. Der Militärkommandeur Abubaker Emhamed ist einer der mächtigsten Männer Libyens. Er befehligt 60 Milizen mit mehr als 10.000 Mann. Die Zintan-Brigaden kontrollieren Ölförderanlagen, den internationalen Flughafen von Tripolis und halten das einzige Mitglied des Gaddafi-Clans gefangen: Seif al Islam, den Sohn des ehemaligen Diktators, der das politische Erbe seines Vaters hätte antreten sollen.

Saif-al-Islam

"Das ist Topsecret", sagt der Kommandeur. "Er wird von zwei Leuten bewacht, die völlig unabhängig arbeiten. Nicht einmal ich weiß, wo sich al-Islam gerade befindet." Der Gaddafi-Sprößling werde alle zwei, drei Tage in ein anderes Haus gebracht, versichert Mustah Aburawi. "Es kann sein, dass man ihn befreien will. Aber bei uns ist er absolut sicher", ergänzt der Assistent des Militärchefs von Zintan.

Nach seiner Verhaftung am 19. November im Süden Libyens war al-Islam von Ärzten aus dem Krankenhaus von Zintan an seiner verwundeten Hand behandelt worden. "Nein, wir haben damit nichts mehr zu tun", sagt der aus der Ukraine stammende Dr. Igor Anpiologow, der im Hospital gerade Sprechstunde hält. "Ein Arzt wird jetzt aus Tripolis, mit verbundenen Augen hier her gebracht."

Wann al-Islam den Behörden der Übergangsregierung in Tripolis übergeben wird, steht noch nicht fest. "Die Verhandlungen laufen", meint Emhamed, der Militärkommandeur beim Mittagessen in einem Schnellimbiss der Stadt und nimmt noch etwas Fleisch aus der Kouskousschale. Nach einer Weile fragt er, ob man sich noch an die großen Stapel von Akten erinnere, die auf dem Tisch in seinem Büro lagen. "Das sind die Unterlagen unserer Milizionäre, die darin festlegen, ob sie zur Armee, bei den Flughafenbehörden oder bei einer Ölfirma arbeiten wollen." So würde man die ehemaligen Rebellen integrieren. "Das ist unser Beitrag", sagt Emhamed. Die Waffen der Milizen, von Kalaschnikow bis zum Panzer, blieben jedoch in Zintan. "In großen Lagerhäusern." Bis die Lage sich geklärt habe.

Unterstützung für Syrien?

Beim Thema Syrien verliert der Milizenchef seine Contenance. Libysche Rebellen sollen auf Seite der Freien Syrischen Armee (FSA) gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad kämpfen. Mehrere Libyer wurden in türkischen Krankenhäusern aufgrund von Schusswunden behandelt. Die Milizen der libyschen Stadt Misrata bestätigten, dass drei ihrer Mitglieder in Syrien getötet wurden. Ein FSA-Offizier behauptete, drei mit Waffen beladene libysche Schiffe, würden vor der türkischen Küste kreuzen.

"Wir begrüßen die Revolution in Syrien. Aber wir schicken niemand aus Zintan dorthin", sagt Emhamed entrüstet. "Auch nicht die libysche Regierung." Allerdings könne man niemand davon abhalten, gesteht er ein, über Tunesien oder Ägypten Richtung Syrien auszureisen. "Diese Individuen machen das in Eigenverantwortung und haben keinerlei offizielle Erlaubnis", betont der Kommandeur mehrfach. "Das Einzige, was wir tun, ist Geld für Syrien sammeln, Nahrungsmittel und Medizin zu schicken." Im Anschluss zeigt er uns ein Plastikzelt einer gemeinnützigen Stiftung, das im Stadtzentrum von Zintan aufgebaut ist. "Hier kann jeder seine Spende abgeben."

Abdelhakim Belhadsch

Sie marschieren zackig, demonstrieren Selbstverteidigung und Fahrtkünste im Angriffsfall. Es ist ein durchstudiertes Showprogramm, das aus Anlass der Vereidigung von Rekruten der neuen nationalen Armee in der Kaserne von Al-Hathba in Tripolis veranstaltet wird. Auf dem Podium für Ehrengäste einige Generale und natürlich auch der Militärchef der Hauptstadt: Abdelhakim Belhadsch. Der ehemalige Emir der radikalen Libyschen Islamistischen Kampfgruppe (LIFG) wirkt sichtlich abgearbeitet und lächelt müde zu den Darbietungen auf dem Exerzierhof.

Rekrutenvereidigung

Belhadsch gilt als Drahtzieher hinter der Beteiligung libyscher Kämpfer am Aufstand gegen das syrische Regime. Im Dezember war er am Flughafen von Tripolis von den Zintan-Brigaden verhaftet worden, weil er einen falschen Pass und große Summen Bargeld dabei hatte. "Ein Missverständnis", nannte es heute der Milizenchef aus Zintan lapidar. Nur durch das persönliche Einschreiten des Vorsitzenden der Übergangsregierung konnte Belhadsch doch noch in die Türkei ausreisen.

Auf diesen Vorfall angesprochen, lächelt Belhadsch nur ironisch in sich hinein und versichert: "Ich war in der Türkei, um mich um die Behandlung unserer Verwundeter zu kümmern, die wir dort zur medizinischen Versorgung hinschicken."

Von seinen Treffen mit dem syrischen Oppositionsrat in Istanbul und in den Ausbildungslagern der FSA an der Grenze zu Syrien, wollte der Militärchef Tripolis nichts wissen.

Die Versendung von Kämpfern als Kriegsverletzte wäre eine perfekte Tarnung. Alleine nach Jordanien schickte das libysche Ministerium für Verwundete offiziell 16.000 Ex-Rebellen zur Nachbehandlung. Wie es sich nun im Nachhinein herausstellte, waren davon tatsächlich nur 10 Prozent Verwundete. Das libysche Ministerium beklagte einen Verlust von insgesamt 350 Millionen Euro. Mehr oder weniger jeder konnte so unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einreisen.

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