Intelligente Stromzähler: "Einfallstor für Angriffe"

04.04.2012

In Österreich sollen intelligente Stromzähler zwangsweise eingeführt werden, passend ist zu den sich damit öffnenden Sicherheitslücken von einem Österreicher der Thriller "Blackout" erschienen

In manchen Ländern wie in den USA, in Kanada, in Italien oder Schweden wurden so genannte intelligente Stromzähler (Smart Meter) bereits in größerem Maß eingeführt. Die EU hatte vor 6 Jahren in der Richtlinie 2006/32/EG über Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen beschlossen, dass zur Verbesserung der Energieeffizienz - "soweit es technisch machbar, finanziell vertretbar und im Vergleich zu den potenziellen Energieeinsparungen angemessen ist" - "alle Endkunden in den Bereichen Strom, Erdgas, Fernheizung und/oder -kühlung und Warmbrauchwasser individuelle Zahler zu wettbewerbsorientierten Preisen erhalten, die den tatsachlichen Energieverbrauch des Endkunden und die tatsächliche Nutzungszeit widerspiegeln". In neuen Gebäuden sind sie zu liefern.

In Österreich will nun die Regierung über eine Einführungs-Verordnung praktisch alle Bürger mit intelligenten Stromzählern zwangsbeglücken. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) strebt an, dass bis 2016 mindestens in 45 Prozent und bis 2018 mindestens in 95 Prozent aller Haushalte solche Zähler vorhanden sein sollen. Allerdings kommt der Minister mit der Verordnung nicht recht voran, beschlossen wurde bislang nur im letzten Jahr die Intelligente Messgeräte-Anforderungs-VO 2011. Am Dienstag letzter Woche befasste sich noch einmal der Energiebeirat damit, die schon länger vorgetragenen Bedenken wurden jedoch nicht ausgeräumt.

Die Kritik an der Einführung nimmt derweil zu. Die Mietervereinigung hat eine Unterschriftenaktion mit dem Slogan "Zwangszähler - Nein Danke!" gestartet. Unterzeichnet haben die Petition aber erst ein paar tausend Bürger. Hans Zeger, der Vorsitzende der ARGE Daten und Mitglied des Datenschutzrats im Bundeskanzleramt, kritisiert gegenüber dem Standard die Eile, weil bislang noch keine technischen Standards der Verschlüsselung, so dass man eine Infrastruktur schaffe, die sich nicht als sicher erweise. Datenschutzrechtlich sei noch vieles ungeklärt, das Hauptproblem bestehe aber in der Möglichkeit der Fernabschaltung.

Die Stromzähler sollen nicht nur über eine "bidirektionale Kommunikationsanbindung" verfügen, wie es in der Verordnung heißt, sondern eben auch die Möglichkeit bieten, "die Kundenanlage von der Ferne abzusperren oder für die Wiedereinschaltung und Freigabe durch den Kunden aus der Ferne zu unterstützen sowie deren maximalen Bezug an elektrischer Leistung zu begrenzen". Die Gefahr bestehe, dass Angreifer, wenn sie viele Stromzähler unter ihre Kontrolle bekommen, "auch die Netze beeinflussen" können.

Die mit den "intelligenten Stromzählern" ins Haus geholten Sicherheitsgefährdungen - "Einfallstor für Angriffe" - moniert auch die Mietervereinigung. Ebenso wird der mangelhafte Datenschutz beanstandet, schließlich werden die Stromverbraucher zu gläsernen Kunden. Der Stromanbieter, Sicherheitsbehörden oder Hacker könnten erkennen, wie Wohnungen und Häuser genutzt werden, wann niemand Zuhause ist, welchen Lebensstil jemand pflegt. "Ungeklärt ist, wer wann auf welche Daten Zugriff hat. Die Rechtsgrundlagen sind schwammig formuliert und es besteht die Gefahr, dass das persönliche Nutzerprofil in falsche Hände kommen kann. Zudem gibt es in Österreich den Kündigungsgrund der Nichtbenützung einer Wohnung. … Es entstünde somit die groteske Situation, dass sparsame Mieter beweisen müssten, dass sie an der Wohnung ein dringendes Wohnbedürfnis haben."

Und nicht zuletzt ist nicht klar, ob die Energiekosten wirklich durch Stromzähler gesenkt werden können. Für die Mietervereinigung ist dies keineswegs klar, schließlich muss der Abnehmer nicht nur das Gerät und die Installation zahlen, sondern auch die Betriebsführung, die zudem auch mehr Strom verbraucht. Von zwei Milliarden Euro Umstellungskosten geht die Mietervereinigung aus und folgert: "Pro Haushalt mit Zähler sind das rund 360 Euro, für die laufende Betriebsführung wird mit € 60 bis € 240,- gerechnet. Dem stehen vielleicht Kosteneinsparung von 9,- bis 42,- Euro pro Jahr und Haushalt gegenüber - für die AbnehmerInnen also ein Verlustgeschäft."

Ähnliche Berechnungen gibt es auch für Deutschland, nach einer Forsa-Studie sind auch die Deutschen "nicht vom Kosten-Nutzen-Verhältnis überzeugt". Mit den Sicherheits- und Datenschutzaspekten haben sich die Menschen meist noch nicht beschäftigt.

Schön ist, dass just zur Diskussion über die Zwangseinführung von intelligenten Stromzählern in Österreich Marc Elsberg, ein österreichischer Autor, mit Blackout. Morgen ist es zu spät einen Thriller vorgelegt hat, in dem er von den allseits bekannten Sicherheitslücken bei intelligenten Stromzählern und den smart grids ausgeht. Hacker konnten in Italien und Schweden über einzelne Stromzähler Schadsoftware verbreiten, was nach und nach große Teiles des europäischen Stromnetzes lahmlegt, was sich natürlich allmählich über die Beeinträchtigung von kritischen Infrastrukturen und wichtigen Versorgungsleistungen auf die gesamte Gesellschaft auswirkt, die in großen Teilen vom Strom abhängig ist und schon nach wenigen Tagen ins Chaos abdriften könnte.

Elsberg hat sich nicht nur im IT- und Energiebereich, sondern auch im Geflecht der Behörden und der Katastrophenszenarien kundig gemacht und einen außerordentlich gut recherchierten Thriller geschrieben, der auch spannend zu lesen ist, auch wenn alles dann doch zu sehr auf eine Katastrophe oder Apokalypse zutreibt. Gleichwohl sei das Buch jedem Energiepolitiker und allen Befürwortern und Gegnern von intelligenten Stromzählern als "erbauliche" und aufklärende Lektüre ans Herz gelegt.

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