12.000 Kleinkraftwerke für jeweils 50 bis 250 Schweizer

05.04.2012

Die Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke will ein Gesetz zur Renaturierung von Flüssen zum Energieversorgungsumbau nutzen

Wasserwirbelkraftwerk erzeugen über Staubecken mit geringen Höhenunterschieden Strom. Sie können aus Materialien wie Holz gebaut werden und sind mit Wirkungsgraden zwischen 42 und 50 Prozent deutlich effizienter als Atomkraftwerke (die mit 27 bis 35 Prozent arbeiten), aber weniger effizient als normale Wasserkraftwerke, deren Wirkungsgrad bei 80 bis 95 Prozent liegt. In der Schweiz will die Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke (GWWK) der Technologie zu Ihrem Durchbruch verhelfen. Telepolis unterhielt sich darüber mit dem Projektverantwortlichen Daniel Styger.

Herr Styger - was unterscheidet ein Wasserwirbelkraftwerk von einem normalen Wasserkraftwerk?

Daniel Styger: Da gibt es einige Punkte, technische und einsatzmäßige. Ich nenne Ihnen mal die Wichtigsten: Wasserwirbelkraftwerke sind klein und modular aufgebaut - und dadurch robust, wartungsarm und günstig. Der Betrieb von Wasserwirbelkraftwerken ist schon ab einem Durchfluss von 1.000 Litern Wasser pro Sekunde und bei minimalem Gefälle von nur 0,7 bis 3 Metern möglich. Optimal sind 1,5 bis 2,5 Meter.

Bei konventionellen Stauwasserkraftwerken wird der Sauerstoff aus dem Wasser gepresst, bei Wasserwirbelkraftwerken ist dagegen sogar eine Sauerstoffanreicherung nachgewiesen. Und da bei einem Wasserwirbelkraftwerk Wasser nicht gestaut wird, kann sich auch kein belastendes Methan bilden. Das belegt eine Studie der EAWAG, der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz.

Ebenfalls mit zwei Zwischenberichten dokumentiert ist, dass Fische und andere Wasserlebewesen wie Krebse und Schnecken durch ein Wasserwirbelkraftwerk gefahrlos ab- und aufsteigen können. Die abschließende wissenschaftliche Beweisführung läuft aktuell noch. Das ist unter anderem durch integrierte Schleusen gewährleistet. Und dadurch, dass sich der Rotor mit nur 16 bis 22 Umdrehungen pro Minute dreht. Darüber hinaus werden modernste Mittel wie Unterwasserkameras und GPS-Sender eingesetzt, die die Fischbewegungen aufzeichnen. Die hundertprozentige Durchgängigkeit sichert die Biodiversität und den genetischen Austausch.

Außerdem streben wir bei jedem Projekt eine (Teil-)Renaturierung und -Revitalisierung des Flusses an. Durch Mäandrierung wird die Grundwasseranreicherung des Flusses gefördert. In unberührten Gewässern bauen wir nie. Nur bereits kanalisierte und verbaute Flussabschnitte mit Staustufen und Verbauungen werden als Projekte ausgewählt.

Wie lange gibt es die Technologie schon?

Daniel Styger: Die Kraft des Wasserwirbels ist schon sehr lange bekannt und wurde durch einen Österreicher vor gut sechs Jahren wiederentdeckt. Mit diesem haben wir anfänglich zusammengearbeitet. Die Genossenschaft gibt es seit Mai 2009 - also bald 3 Jahre. Wir erforschen die Technologie laufend weiter, auch im Bereich Ökologie.

Wie viele Haushalte versorgt die Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke Schweiz?

Daniel Styger: Aktuell ist das kleine Test- und Pilotkraftwerk Dr. Bertrand Piccard in Schöftland im Einsatz. Dieses versorgt in der Schweiz circa 25 Haushalte - also etwa 50 Personen - mit Strom. Aktuell sind über 30 weitere Projekte in der Schweiz in Vorbereitung. Diese sind bis zu 5 Mal produktionsstärker (aber nicht bis zu 5 Mal größer) als die Testanlage in Schöftland. Aber das Potenzial ist riesig.

Was schätzen Sie - welchen Teil des schweizerischen Strombedarfs könnten Wasserwirbelkraftwerke abdecken?

Daniel Styger: Gemäß unseren Hochrechnungen gibt es in der Schweiz insgesamt circa 12.000 sehr gut geeignete Standorte an bereits verbauten, begradigten und mit Staustufen durchsetzten Flüssen. Diese müssen in den nächsten Jahrzehnten wegen eines neuen Gesetzes vom 2011 renaturiert und revitalisiert werden. An diesen Gewässern liegen circa 6.000 alte, in den 1960er und 1970 Jahren stillgelegte Flusskraftwerksstandorte. Diese wurden stillgelegt, da man damals auf Großkraftwerke setzte.

Das schweizerische Bundesamt für Umwelt spricht in einer Untersuchung aus dem Jahre 2009 von über 100.000 Flusstreppen in der Schweiz. Für ein Wasserwirbelkraftwerk reichen 1 bis 5 Flusstreppen. Nehmen wir die Durchschnittsleistung (respektive die Produktion) der geplanten über 30 Wasserwirbelkraftwerke und rechnen nur mit der Hälfte der Standorte, könnten wir ein halbes bis ein ganzes Großkraftwerk ersetzen und gleichzeitig die Landschaft verschönern, ohne die Steuerzahler mit Renaturierungs-, Umwelt- und Entsorgungskosten zu belasten.

Die Schweiz verbrauchte 2011 circa 66 Milliarden Kilowattstunden Strom. Wasserwirbelkraftwerke könnten pro Jahr circa 2 bis 4 Milliarden Kilowattstunden produzieren. Also 3 bis 6 Prozent des heutigen Strombedarfs - und das als gefragte Bandenergie, die 24 Stunden am Tag und das ganze Jahr über bereitsteht. Rechnet man mögliche technische Weiterentwicklungen und Stromsparmaßnahmen ein, dann kann man sogar auf noch höhere Anteile kommen.

Wasserwirbelkraftwerk Dr. Bertrand Piccard in Schöftland

Gibt es auch außerhalb der Schweiz Wasserwirbelkraftwerke? Und wo könnten Sie sinnvoll sein? Österreich? Bayern?

Daniel Styger: Wasserwirbelkraftwerke nach unserem technologischen und ökologischen Stand gibt es aktuell keine weiteren. In Österreich sind eines oder zwei auf der Basis der Wasserwirbelnutzung im Einsatz. In Deutschland ist eines im Bau und in vielen weiteren Ländern sind welche in Planung. Aktuell haben wir Kontakte und teilweise konkrete Projekte in über 20 Länder, auch nach Japan. Jedes Land mit verbauten und renaturierungsbedürftigen Flüssen ist potenziell geeignet, um nachhaltigen dezentralen Strom mit Wasserwirbelkraftwerken zu produzieren. Für eine dezentrale (unabhängige) Stromversorgung sind Wasserwirbelkraftwerke sehr gut geeignet. Daher haben wir auch viele Anfragen aus weniger entwickelten Ländern.

Zum Beispiel aus?

Daniel Styger: China, Kamerun, den Philippinen, Rumänien, Afghanistan - um nur die letzten Anfragen zu nennen. Einige Anfragen kommen von Hilfswerken, andere direkt von den Regierungen. Zudem sind auch Schweizer Partnerfirmen in diesen Ländern vertreten und machen WWK-Projektvorbereitungen

Gibt es Schwierigkeiten mit Baugenehmigungen?

Daniel Styger: Nein, es gibt keine Schwierigkeiten. Aber die Bewilligungsverfahren bei den Behörden können relativ lange dauern. In der Schweiz und im Ausland. In der Schweiz muss man für den Erhalt der Genehmigungen mit einer Wartezeit zwischen 2 und 5 Jahren rechnen.

Legen Ihnen große Energiekonzerne Steine in den Weg?

Daniel Styger: Nein, überhaupt nicht. Teilweise unterstützen uns mittlere Energieversorgungsunternehmen sogar. Aber es hat schon Übernahmeversuche gegeben. Das ist aber bei einer Genossenschaft recht schwierig und bestätigt nur unser großes Potenzial.

Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass ein Unternehmen durch die Übernahme möglicherweise nur an Patente kommen wollte, um eine Konkurrenztechnologie zu blockieren. Gibt es solche Patente?

Daniel Styger: Ja es gibt in den Bereichen Fischdurchgängigkeit und Technologie sowie bei der Softwaresteuerung der Anlage Patente. Das Wichtigste ist aber das Know How und die Erfahrung - auch bei der Material- und Komponentenwahl.

Wie wird man Mitglied bei Ihnen. Und was muss man als Einlage einbringen?

Daniel Styger: Genossenschafter - also Mitglied - kann jeder ganz einfach werden. Über www.gwwk.ch das Anmeldeformular ausfüllen und abschicken, dann die Einzahlung vornehmen. Nach Erhalt der Zahlung und der Aufnahme durch den GWWK-Vorstand wird der Anteilsschein zugestellt. Die Minimumeinlage liegt bei 1000 Schweizer Franken und hat eine Rentabilität von 3,33 Prozent.

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