Das Schleckersyndrom oder: Wie ich lernte, die Arbeitsbedingungen zu lieben

Seit das Unternehmen des Anton Schlecker in finanzielle Schieflage geriet, hat sich die Sichtweise der Angestellten zum Arbeitgeber Schlecker gewandelt

Vom "ich kann nicht mehr" …

Bevor das Unternehmen Schlecker in finanzielle Schwierigkeiten geriet, war die Einstellung zum Thema Schlecker klar definiert. Diejenigen, die sich Gedanken um faire Arbeitsbedingungen machten, lehnten das Unternehmen bzw. dessen Umgang mit den Arbeitnehmern ab. Es wurde zum Boykott aufgerufen und viele, die bei Schlecker arbeiteten, sparten nicht mit Kritik an ihrem Arbeitgeber. Allerdings äußerten Arbeitskräfte sich eher selten erkennbar und namentlich. Fragen, die den Mitarbeitern dazu öffentlich gestellt wurden, wurden nicht selten mit diskretem Blick auf die allgegenwärtige Videokamera ignoriert.

Schlecker-Filiale in Kronberg/Taunus. Bild: AAlias, Public Domain

In kleineren Ortschaften, in denen Schlecker neben anderen Supermärkten fast den einzigen Arbeitgeber darstellte, zeigte sich schnell, dass gerade die ungelernten Kräfte, bei denen es sich größtenteils um Frauen handelte, zwar einen Lohn erhielten, der über dem Standard lag, aber auch eine kräfteraubende Totalverantwortung über den Laden übernahmen. Längere Schichten, die nur von einem Mitarbeiter getragen wurden, machten es schwer, zwischenzeitlich die Toilette aufzusuchen und stellten auch im Hinblick auf die .Sicherheit ein Problem dar, denn ein Schleckermitarbeiter war "Mitarbeiter für alles" - Wareneingang, Kassieren, Putzen, Inventur ... alles lag in einer Hand. Reparaturen wurden teilweise von den Ehemännern der Mitarbeiterinnen übernommen, schließlich zeigte man dadurch Solidarität und Loyalität.

"Ich kann hier nicht mehr. Mir wird das alles zuviel - ich kann noch nicht einmal während der Arbeitszeit mal schnell ein Wasser trinken, wenn gerade kein Kunde da ist. Immer heißt es: Es ist immer was zu tun. Die Kamera zeichnet alles auf und jeder Kunde kann ja ein Testkäufer sein. Und wenn das Lächeln dann nicht warmherzig genug ist oder ich zu langsam bin, gibt es gleich das "Gespräch". Zwischendurch immer noch putzen, selbst die Toilette muss ich selber putzen. Ja, ich finde nichts anderes, aber das hier zermürbt mich."

So hieß es noch vor einiger Zeit von einer Schleckermitarbeiterin, die ich persönlich kenne. Ihren Namen wollte sie natürlich nirgends sehen, viel zu gefährlich. Aber wann immer sie über ihren Arbeitgeber sprach, herrschten Resignation und Frustration sowie Wut vor.

… zum "aber ich will doch"

Seit das Unternehmen jedoch vom Bankrott bedroht war, ging eine seltsame Wandlung in den "Schleckerfrauen" vor. Politik und Medien schafften es, durch den Begriff "Schleckerfrauen", der vor der prekären Situation des Unternehmens niemals zur Schilderung der prekären Umstände der Mitarbeiter genutzt worden war, die Situation auf eine emotionale Ebene zu heben. Kritik an dem Unternehmen wich der Betonung seiner Wichtigkeit, die Lage von Schlecker wurde mit der Lage der einzelnen Mitarbeiter gleichgestellt und die unausgebildete, oft aus Osteuropa stammende Frau, die ohne Anton Schlecker doch nie eine Chance gehabt hätte, überhaupt eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, wurde zur Trümmerfrau des Jahres, zur Heroin und zum Opfer einer verfehlten Unternehmenspolitik, dem nun geholfen werden müsse - als sei ihre Situation einfach aus dem Nichts heraus entstanden.

Die Schleckersituation stellte sich immer mehr dar, als sei sie eine Katastrophe, ein Drama, ohne jede Vorwarnung und Planung. Vergessen waren die jahrelangen Beschwerden, die vielen gesetzlichen Regelungen, die es Schlecker und Co. erst möglich machten, ihre Mitarbeiter auszubeuten und sie den diversen Schikanen auszusetzen. Vergessen wurde gleichermaßen auch das Verhalten jener, die günstige Waren wollten und denen Arbeitsbedingungen etc. egal waren. Solidarät mit den "Schleckerfrauen" nahm den Platz der Kritik ein. Nur die FDP weigerte sich, in den allgemeinen Tenor des "Schlecker is too (un)social too fail" einzustimmen, der mit Argumenten wie dem der armen alten Frau, die nun, wenn denn die Schleckerfiliale schließe, nicht einmal mehr ihre Haftcreme bekäme, Eingang in die Medien fand. Als die Schleckerfilialen die Tante-Emma-Läden verdrängten, hatte das dagegen kaum jemanden interessiert. Und auch 2012 blieb eine Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern die "Hauptsache-billig"-Käufer zu der Misere beigetragen hatten, außen vor.

Und die betroffenen Mitarbeiterinnen? Die werden vom Opfer der schlechten Arbeitsbedingungen zu den heroisch kämpfenden Schleckerfrauen, zu denjenigen, die mit Stärke und Mut "ihre Schleckerfilialen" weiterbetreiben würden, da sie ja wissen, was die Menschen um sie herum wirklich benötigen. Videoüberwachung? Ach, gar nicht so schlimm, daran hat man sich ja gewöhnt. Testkäufer, die jederzeit auftauchen konnten? Kein Problem, schließlich ist doch Freundlichkeit eigentlich selbstverständlich. Der helfende Ehemann, der die Ladenlampe repariert? Na ja, eigentlich doch nur selten und überhaupt hilft man sich sonst doch auch gegenseitig, in der Schule, in die die Kleine geht, hat man doch auch gerade mitgeholfen, die Wände zu streichen. Und schließlich will man es zuhause doch auch schön haben, wieso nicht auch in den 4 Wänden, in denen man tagtäglich viele Stunden lang sitzt? Irgendwie ist doch die Arbeitsstätte ein zweites Zuhause und verdient es, hübsch auszusehen.

Aus dem vorherigen Lamento über Schlecker ist ein lautes Juchzen geworden, meine Bekannte will noch immer nicht ihren Namen sagen, hofft aber darauf, dass "ihr Schleckerladen" irgendwie gerettet wird, empfindet es als absolut ungerecht und unverständlich, dass niemand "ihrem Schleckerladen" hilft und meint, dass (wenn schon den Banken zig Milliarden in den Rachen oder den Hintern geschoben wird) bitteschön auch Gelder für "ihren Schleckerladen" übrig sein müssten. Wo sollte sie denn auch hin? Arbeitsplätze gäbe es dort, wo sie wohnt, nicht - und sie hätte ja auch keine Chance, wenn es welche gäbe; Schlecker hätte ihr immerhin Arbeit gegeben, auch wenn sie nichts zu bieten gehabt hätte - und es wäre doch alles viel besser gewesen als womöglich in Hartz IV abzurutschen. Früher hätte sie wohl alles nicht wirklich realistisch eingeschätzt. Jetzt aber, da wüsste sie, wie gut sie es doch bei Schlecker gehabt hätte - und das möchte sie gerne auch weiter haben.

Die diversen Versuche, über die früheren Arbeitsbedingungen zu sprechen, sind fehlgeschlagen. Stattdessen lautete die letzte Frage zum Thema "Sag mal, kannst du nicht, du als Journalistin, was schreiben, was hilft, damit mein Schleckerladen bleibt?"

Diese völlige Identifikation mit dem Geschäft würde (wenn sie statt des Unternehmens oder des Ladens eine einzelne Person zum Thema hätte, die in den letzten Jahren keineswegs liebevoll, freundlich, höflich oder respektvoll mit demjenigen umging, der davon spricht) auf das Stockholmsyndrom schließen lassen. Auf eine Möglichkeit, sich mit dem Peiniger zu solidarisieren und ihn als wohlmeinenden Gönner zu akzeptieren, der höchstens ein selbst verschuldetes Fehlverhalten (ich hab' vielleicht nicht genug gelächelt) sanktioniert, nicht aber selbst Fehler aufweist. "Eigentlich hab ich es doch immer gut gehabt" lautete der bisher letzte Satz zum Thema zwischen mir und der "Schleckerfrau".

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