ARD und ZDF - die letzten oppositionellen Massenmedien?

13.04.2012

Mediale Opposition fand jahrzehntelang nicht im Fernsehen, sondern in Printmedien statt - das hat sich verändert

"Das Ministerium/die Firma wollte uns kein Interview geben." Dieser lakonische Satz weist immer häufiger darauf hin, dass die Dokumentarfilmer und Reporter von ARD und ZDF als unbequeme Investigatoren unerwünscht sind. Offensichtlich haben einige ihre Chefredakteure keine Angst mehr davor, von Politikern und Wirtschaftsführern herbeizitiert zu werden, mit der Bitte, den lästigen Frager unehrenhaft zu entlassen. Zivilcourage als Staatsauftrag?

Einst galten die Onkels und Tanten der Quotenhits Tagesschau und Heute als Vorleser regierungsamtlicher Propaganda. Mit den Rundfunk- und Fernsehräten, in denen die Parteien, Kirchen und Gewerkschaften das deshalb öffentlich-rechtlich genannte Programm überwachen, schien gesichert zu sein, dass zumindest dem Pluralismusverständnis der Regierung Rechnung getragen wurde.

Mediale Opposition fand deshalb jahrzehntelang nicht im Fernsehen, sondern in Printmedien wie Spiegel, Stern, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Zeit und taz statt. Dort kamen die Dissidenten und Whistleblower, die Querdenker und Außenseiter zu Wort. Redakteure galten als politische Avantgarde und pflegten Kontakte zum rechten und linken Untergrund, zur Mafia und zum Milieu. Investigative Reporter schlichen sich in die Redaktion der BILD ein, wurden Bhagwani und schrieben die Geschichte von Christiane F. am Bahnhof Zoo. Sie brachten den Contergan-Skandal, die Rheinverschmutzung und die illegalen Spenden Kohls ans Tageslicht - doch all das scheint Jahrzehnte entfernt.

Die Printmedien sind boulevardesk geworden. Sie deuten ihre sinkenden Auflagen als Müdigkeit an detailliertem, aufgeklärtem Reportagejournalismus. Ihre Kommentatoren melden sich erst, wenn sie - wie in den Fällen Wulff und Grass - auf kollektive Zustimmung hoffen können. Und dann bringen sie tausendfach die Hymne (Gauck) oder den gesenkten Daumen (Wulff). Redakteure möchten bei den Lesern, Inserenten und Eigentümern nicht anecken. Der Preis dafür ist eine weitgehend herdenkonforme Berichterstattung, in der die investigative Reportage eine seltene Ausnahmeerscheinung darstellt. Anders in den Öffentlich-Rechtlichen:

So wurde am 7. März 2012 im ZDF die Dokumentation Die Fukushima-Lüge von Johannes Hano gesendet. Dieser fuhr nicht nur heimlich in das verseuchte Gebiet, sondern fand heraus, dass der ursprüngliche Standort des explodierten AKW 25 Meter höher lag, der Boden aber abgesenkt wurde, um das Kühlwasser leichter zuführen zu können. Hano bekommt gar den ehemaligen japanischen Premierminister Naoto Kan vor die Kamera, der ihm freimütig erzählte, dass Tepco ihn nicht informiert hatte. Obwohl der Film nur 29 Minuten hat, erfahren wir mehr über Fukushima als in der gesamten Berichterstattung von Print und Internet seit immerhin einem Jahr.

Im WDR betreut Jo Angerer als Redakteur das Format "Die Story". 2005 fand dort Detlef Flintz in "Die Sibirien-Conncetion" unter anderem heraus, dass unter Peer Steinbrück als NRW-Finanzminister die Westdeutsche Landesbank 440 Millionen Euro Kredit an die Ölfirma Sibneft vergab, die Roman Abramowitsch gehört. Die Ölförderung von Sibneft, so zeigten die Autoren, mit denen in Sibirien niemand sprechen wollte, verursacht gigantische Umweltschäden und Krebsfälle. Auf die Missstände und die Rolle der WestLB angesprochen, verweigerte Peer Steinbrück die Stellungnahme.

Doch auch im eher betulichen Bayerischen Rundfunk stießen Rundfunk-Redakteure auf einen betrügerischen Krebsarzt, für dessen Aufsicht sich niemand für zuständig erklärte, da er niedergelassener Arzt sei. Bei der Recherche kam ganz nebenbei heraus, dass es fast unmöglich ist, einem Arzt die Approbation zu entziehen und die Therapiefreiheit bei Krebs jede beliebige Behandlungsart ermöglicht. Die Reportage auf Bayern 2 (Hörfunk) und im Magazin "quer" von Christoph Süß beinhaltete auch eine Anfrage an das bayerische Gesundheitsministerium. Dieses verweigerte ein Interview. Der Online-Bericht musste entfernt werden, denn der umstrittene Arzt überzieht Kritiker mit Abmahnungen. Seitdem führen die reichlich vorhandenen Tweets zu dem Beitrag ins Leere.

Die heute-show hat - Adieu Harald Schmidt - einen eigenen Fanblog und kann sich rühmen, von 30 Minuten 10 Minuten der Verhöhnung der FDP und immerhin fünf dem Spott über die Bundesregierung zu widmen. Die Verweigerung von Interviews ist in der heute-show ein Standardelement, deren Reporter sich um Kanzleramt und Reichstag schleichen und sogar vergeblich versuchen, das Ausflugsschiff des SPD-Vorstandes zu entern. Wie Oliver Welke glaubwürdig versichert, hat die heute-show bereits alle namhaften Politiker vergeblich eingeladen. Wer kam, waren bisher Claudia Roth und Rainer Brüderle - Zufall, dass er Mitglied des ZDF-Fernsehrates ist?

Es mag sein, dass die öffentlich-rechtliche Aufklärung in MDR, NDR und RBB eher weniger Chancen hat, ins Programm zu gelangen, als in ZDF und WDR. Aber bereits die Magazine Monitor, Report, Frontal21 und Panorama gehen in ihrer aktuellen Gesellschaftskritik weit über alles hinaus, was uns FAZ, SZ, ZEIT und SPIEGEL derzeit bieten. Wann startet eine Bürgerinitiative zur Verteidigung der Rundfunk- und Fernsehgebühren?

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