Der Weltuntergang als Chance

29.04.2012

Ein Plädoyer für den Weltuntergang aus einer rein ökonomischen Perspektive

Am 21. Dezember 2012 endet das dreizehnte "Baktun" der Maya-Langzeitrechnung. An diesem Tag werden eine Million und 872.000 Tage seit dem Anfang der Welt vergangen sein. Dies ist eine gute Gelegenheit nicht nur über den Maya-Kalender zu sinnieren, sondern auch über die Möglichkeiten, die durch das Ereignis für die mexikanische Tourismusbranche plötzlich eröffnet werden.

Meine Gastgeber beim Institut für Astronomie, Optik und Elektronik (INAOE) in Tonantzintla, Mexiko, haben sich neulich über mein plötzliches Interesse an allem Archäoastronomischen - vor allem in Bezug auf das für kommenden Dezember angekündigte Ende der Welt - gewundert. Am INAOE arbeiten nur ernsthafte Astronomen, die jüngst 2011 das "erste Licht" vom größten mexikanischen Teleskop (50 Meter Durchmesser in 4700 Meter Höhe) erhalten haben und wenig Zeit bzw. Geduld haben, sich mit der Literatur um das apokalyptische Jahr 2012 zu beschäftigen.

Besuche bei den dortigen Buchläden zeigten, dass in Mexiko selbst nur marginal über Endstation 2012 geschrieben wird. Die wenigen Werke über das Thema stammen vor allem aus dem Ausland, beschwören die Enthüllung der "Maya-Prophezeiungen" und ködern mit einer kleinen Vorschau des Weltuntergangs. Wie so oft sind andere Länder schneller und vermarkten die nationalen Erzeugnisse, bevor in Lateinamerika selbst Klarheit über deren Marktwert herrscht. Das sollte jedoch nicht so sein: Hier erfunden, hier vermarktet, sollte die Devise sein. Daher mein Plädoyer für den Weltuntergang aus einer rein ökonomischen Perspektive.

Der Maya-Kalender

Die Mayas, Ureinwohner Zentralamerikas aus den Gebieten im heutigen Südosten Mexikos, in Guatemala und Honduras, haben sich einen der aufregendsten Kalender aller Zeiten ausgedacht. Das Volk der Mayas genießt den Ruhm, talentierte Mathematiker und Astronomen hervorgebracht zu haben. Als in Europa noch mit römischen Ziffern und ohne Null gerechnet wurde, hatten sie bereits die Null und das Stellenwertsystem entwickelt.

Sie haben jedoch, wie auch die Azteken später, mit der Basis 20 statt 10 gearbeitet, d.h. gerechnet wurde mit Potenzen von 20 (wie z.B. 1, 20, 400, 8000, usw.). Unser modernes indoarabisches Zahlensystem mit Einern, Zehnern, Hundertern, Tausendern usw. hätten die Mayas auf Anhieb verstanden.[1]

Die Mayas hatten allerdings nicht nur einen, sondern mehrere Kalender mit jeweils weltlichen bzw. religiösen Funktionen. Der Kalender, um den es in 2012 geht, wird die "Maya-Langzeitrechnung" genannt. Gezählt wurde einfach die Abfolge der Tage. Auf die Frage nach dem Datum hätte ein Maya-Priester einfach mit der Anzahl der seit dem Anfang der Welt vergangenen Tage geantwortet. Der Anfang des Kalenders (und damit der Welt selbst) wurde auf das Jahr 3114 v. Chr. verlegt. Warum die Mayas ihren Tag Null so weit in die Vergangenheit gelegt haben, ist völlig unbekannt. Viele Autoren haben nach bedeutenden astronomischen Ereignissen (z.B. Sonnenfinsternissen) zu jener Zeit gesucht, ohne dass bis heute klar wäre, warum gerade dieses Datum als Anfang des Kalenders dient.

Kleiner Ausschnitt der Stele 1 in La Mojarra. Die Glyphen in der linken Spalte zeigen das Long Count Datum 8.5.16.9.7 an (das entspricht dem 23. Juni 156 v.Chr).

Zuerst eine Anmerkung zur Schreibweise. Die Ziffern des Maya-Kalenders werden von dem niedrigsten zum höchsten Stellenwert von rechts nach links geschrieben. Die Ziffern werden mit einem Punkt voneinander getrennt. Würden wir das Datum 13. März 2012 aus dem gregorianischem Kalender dem Maya-Stil folgend schreiben (mit eine 3 für den Monat März) hätten wir so etwas wie: 2.0.1.2.3.13. Wir benutzen die Ziffer 1 bis 31 für die Monatstage, 1 bis 12 für die Monate, und 0 bis 9 für die Dezimalstellen der Jahre.

Für die Zählung der Tage haben die Mayas, wie gesagt, das Stellenwertsystem mit Basis 20 benutzt, aber mit einer kleinen Abweichung bei der dritten Ziffer. Statt 1, 20, 400, 8000 Tage usw. haben die Mayas die Gewichtungen 1, 20, 360, 7200 und 144.000 Tage verwendet (die letztere Anzahl von Tage hieß ein "Baktun"). Wie man sieht, werden an der dritten Stelle statt 400 Tagen 360 benutzt. Die restlichen Stellenwerte werden danach jeweils mit 20 multipliziert (7200 ist 360 mal 20, 144.00 ist 7200 mal 20 usw.). Damit kommt die Anzahl der Tage bei der dritten Kalenderziffer sehr nah an ein Jahr, was einige Vorteile bringt.

Sind z.B. gerade 382 Tage seit dem Anfang der Welt vergangen, so lautet das Maya-Datum 0.0.1.1.2, d.h. 2 Tage plus einmal 20 Tage und dazu einmal 360 Tage. Diese Schreibweise der Maya-Zahlen von rechts nach links ist eine archäologische Konvention, die von den Mayas selber nicht benutzt wurde (Datumsangaben wurden mit aufgestapelten Symbolen, d.h. vertikal, dargestellt). Für den 13. März 2012 erhalten wir mit einem Kalender-Tool das Maya-Datum 12.19.19.3.17. Wegen der Basis 20 laufen die Maya-Ziffern von 0 bis 19 - außer an der zweiten Stelle (von rechts nach links), wo nur Ziffern zwischen 0 und 17 erlaubt sind (wegen der 360 Tage, d.h. 18 mal 20).

Damit wird zuerst einmal klar, dass der westliche Kalender mit dieser Notations-Konvention keine langen "katastrophalen" Folgen von Nullen kennt. Ein gregorianisches Datum wie z.B. 2.0.0.0.0.0 (nullte Tag im nullten Monat vom Jahr 2000) wäre schier unmöglich, da wir die Tage und Monate immer ab Eins zählen. Dies ist eine Folge davon, bei den vielen historischen Varianten des römischen Kalenders keine Null für die Zahlendarstellung parat gehabt zu haben. Es gibt keinen Tag Null und keinen Monat Null. Christus selbst ist im Jahr Eins geboren, und von da an wurde weiter gezählt. Und so sehr die französischen Revolutionäre den Kalender änderten, sie blieben bei der Konvention der römischen Ziffern, so dass ab 1792 das Jahr Eins der Revolution gezählt wurde. Revolutionäre bleiben auch manchmal konservativ.[2]

Jetzt sollte jedem das Ausmaß der herannahenden Umwälzung klar sein: Das obige Datum 12.19.19.3.17 liest sich wie ein Kilometerzähler, das ganz nah daran ist, auf eine lange Folge von Nullen zu schalten. Drei Tage plus 14 mal 20 Tagen ist alles, was ab dem 13. März fehlte, um das Datum 13.0.0.0.0 zu erreichen. Zum ersten Mal seit dem 12.0.0.0.0 (d.h. den 18. September 1618) hätten wir eine Folge von vier Nullen am Ende der Datumsangabe. Der 13.0.0.0.0 entspricht dem 21. Dezember 2012. Und so wie jeder auf das Hodometer eines Autos starrt, das gerade 100.000 Kilometer erreicht, so starren alle Mystiker der Welt auf die herannahende Vollendung von dreizehn Baktuns seit Anbeginn der Welt.

Die drei Schöpfungen vorher

Das alles wäre an sich nicht weiter dramatisch. Wenn wir ohne Schaden den 12.0.0.0.0 überlebt haben, warum nicht auch den 13.0.0.0.0? Hier kommt aber die Maya-Mythologie ins Spiel, denn das Datum 13.0.0.0.0 hat es bereits einmal gegeben, nämlich vor der Schöpfung unserer Welt.

Jede Periode von 13 Baktuns entspricht einem Schöpfungszyklus. Die Zeit verläuft für die Mayas periodisch und am Ende jedes dreizehnten Baktuns wird die Uhr auf Null zurückgesetzt.[3] Die Maya-Götter hatten nämlich vor unserer Zeit bereits gescheiterte Anläufe zur Erzeugung der Welt gestartet. Bis zu drei Welten wurden vor unserer Zeit für missglückt erklärt und teilweise vernichtet. Irgendwann begann eine neue Zeitrechnung, die Zeitrechnung unserer heutigen Welt. Das damals bereits erreichte Datum 13.0.0.0.0 wurde auf Null resetet und die Welt auch (angeblich am 12. August im Jahr 3114 v. Chr.).[4] Seitdem zählen die Mayas die Tage munter weiter in dieser unseren vierten und hoffentlich doch stabilen Welt.

Dies ist die Geschichte, die im "Popol Vuh", dem heiligen Buch der Quiche-Maya, nachgelesen werden kann. Bei der ersten Schöpfung wurden nur die Tiere erschaffen; diese konnten aber die Götter nicht ehren, da es ihnen an Sprache fehlte. Bei der zweiten und dritten Schöpfung bestanden die Menschen aus Lehm bzw. Holz - sie waren ebenfalls unvollkommen und seelenlos. Erst bei der vierten Schöpfung waren die Menschen aus gelben und weißen Maismehl geknetet worden und konnten die Götter verehren. Sie waren so weitsichtig, dass die Götter sie teilweise blenden mussten, damit sie nicht zu Konkurrenten werden. Es ist allerdings merkwürdig, dass sowohl in der jüdisch-christlichen Tradition als auch im Popol Vuh der Baum der Erkenntnis bzw. die Weitsichtigkeit als die größte Gefahr für die Menschheit erkannt wurde. Die vierte Schöpfung ist unsere heutige Welt.

Wie jeder Gründungsmythos ist auch dieser wahre Dichtkunst. Wer Mexiko kennt, weiß, wie wichtig Mais als Grundnahrungsmittel ist und wie Maisplantagen die Landschaft des Hochplateaus beherrschen. Noch heute bezeichnen sich manche Ureinwohner stolz als die Menschen aus Mais.

So haben wir hier das Paradoxon: Der 13.0.0.0.0 hat nichts Ungewöhnliches an sich. Erst durch die Verknüpfung mit dem Schöpfungsmythos, mit der Wiederkehr der Zeit und durch die magische Bedeutung der Zahl 13 für die Mayas ergibt sich die heutige Weltuntergangsthematik.

Venustransit am 08.06.2004 um 7:49. Bild: Jan Herold/GNU FDL

Ein astronomisches Ereignis im Juni 2012 kommt allerdings nicht so häufig vor und ist auch in Verbindung mit dem Ende eines Maya-Zyklus gebracht worden. Am 5. und 6. Juni 2012 nämlich wird sich Venus zwischen Erde und Sonne stellen. Venus wird dann wie ein Fleck die Sonnenscheibe durchkreuzen. Ist dieser sogenannte Venusdurchgang das, was die Mayas die "Geburt Venus" nannten?[5] Im Jahr 3114 v. Chr. fand allerdings kein Venusdurchgang statt, sodass die mythische Geburt von Venus leider nicht in Verbindung mit dem Jahr Null gebracht werden kann (es sei denn, wir deuten 2012 als neues Jahr Null um). Der nächste Venusdurchgang findet erst 2117 wieder statt.

Die vierte Schöpfung

Nun mein Vorschlag: Wenn es beim westlichen Kalender der ganzen Welt lieb und teuer war, die Umschaltung auf das neue Millennium im Jahr 2000 ausgiebig zu feiern (eigentlich ohne Grund, da damals erst 1999 Jahre seit Christus vergangen waren!), so sollte es den Mayas (die es noch heute gibt) und allen Mesoamerikanern (die Menschen, die im amerikanischem Kontinent zwischen den Tropen leben) lieb und teuer sein, im Dezember die größte Party aller Baktuns zu feiern!

Kalender erfüllen ja nicht nur eine Zeitrechnungsfunktion. Sie haben auch eine soziale Bedeutung, indem sie die Gesellschaft in regelmäßigen Intervallen zu einer Gesamtheit binden. Mit seinem System der Schaltjahre hat unser westlicher Gregorianischer Kalender sicherlich den Vorteil der Regelmäßigkeit in Bezug auf die Jahreszeiten. Jährliche Feste, die ihrem Ursprung bei den Agrargesellschaften haben, finden über das ganze Jahr verteilt statt.

Nur noch wenige andere Großkulturen haben eigene Kalender entwickelt (und diese auch behalten). Der chinesische Kalender ist sehr kompliziert, während der iranische Kalender dem gregorianischen ähnelt. Sowohl in China als auch im Iran wird das Neujahr nach ihrem Kalender gefeiert, obwohl die offiziellen Datumsangaben sich an den westlichen Kalendern orientieren. Nach dem hebräischen Kalender befinden wir uns im Jahr 5772, nach dem chinesischem im Jahr 4710 (und im Jahr 220 der französischen Republik). Die alten Kalender bleiben deswegen ein Stück kulturelles Erbe, das weiterhin gepflegt wird und gepflegt werden muss. So wurde gerade im Januar 2012 das Empire State Building in New York in Rot und Gold beleuchtet, zu Ehren des chinesischen Neujahrs.

Auch der Maya-Kalender lebt noch derzeit, und zwar im Hochland von Chiapas und Guatemala. Es ist erstaunlich, dass in den Dörfern dort noch heute die Anzahl der Tage nach dem Maya-Kalender gezählt wird. Damit ließ sich übrigens durch die Korrespondenz mit dem Gregorianischen Kalender teilweise feststellen, wann die Maya-Zeitrechnung begann.[6]

So sollte der Maya-Kalender eigentlich weiterhin gepflegt werden. Mein Rat an die Außenministerien in Mexiko, Guatemala und Honduras wäre, am 21.12. die Party steigen zu lassen und bei den Maya-Städten den Beginn des neuen Baktuns ausgiebig zu feiern, um den ausländischen Tourismus, der seit 2010 etwas flach liegt, massiv anzukurbeln. So könnten wir beim Sonnenaufgang am neuen 0.0.0.0.1 wie beim Gründungsmythos in Popol Vuh sagen: Ta tschawäschoq, ta saqiroq kâch, ulêw! (Lass Himmel und Erde sich erhellen!).

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Cold War Leaks

Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg

Politik des Großraums

Rudolf Maresch 15.12.2000

Die "härtere" Seite der Virtualität - Zbig Brzezinski erläutert die macht- und geopolitischen Ziele der Pax Americana für die nächsten zwanzig Jahre

Zbig sprach ausführlich von "Lastenverteilung", von "Verpflichtung" und "Verantwortung", die Europa künftig übernehmen und im strategischen Konzept der USA einnehmen müsste, wenn es in Asien oder Amerika im Nahen Osten künftig für Ordnung sorgen und den Nachschub des Westens sichern soll. Amerika den Rücken frei zu halten, um Bewegungs- und Feuerfreiheit auf dem eurasischen Kontinent zu haben, hieß das wohl für Europa.

weiterlesen
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS