Warten auf die Kaufleute

Mona Sarkis 13.04.2012

Ist die Wirtschaft die Schwachstelle des syrischen Regimes?

Erst jüngst erklärte David Butter, Nahost-Spezialist des britischen Economist Corporate Network, gegenüber der BBC, dass der Zusammenbruch der syrischen Wirtschaft auch den Regimekollaps nach sich ziehen könnte. Wo die Opposition dem Staat militärisch nicht beikommen könne, sei die Wirtschaft "der wichtige schwache Punkt des Regimes", so Butter. Diese auch von syrischen Oppositionellen vertretene Auffassung bewahrheitete sich bislang nicht.

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Nach 13 Monaten Revolte nimmt sich Syriens wirtschaftliche Bilanz tatsächlich verheerend aus: Aufgrund des Exportverbots von Rohöl in die EU, ging Syriens Handel um 16 Prozent zurück. Der Tourismus, der zirka 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes stellt, brach weitgehend ein. Und Syriens Zentralbüro für Statistiken vermeldete, dass 14,9 Prozent von 23 Millionen Einwohnern 2011 arbeitslos gewesen seien – eine Steigerung um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die reale Ziffer mag noch weit höher liegen, da inoffizielle Schätzungen bereits 2010 von einer Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent ausgegangen waren.

Sinkende Währung, steigende Preise

Zeitgleich explodieren die Preise. Laut der Webseite des Syrian Banking Forum, stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel allein in den letzten beiden Monaten um 44 Prozent. Eine Stiege Eier (30 Stück) für 2,70 Euro, ein Kilo gegrilltes Fleisch für 5 Euro oder ein Liter Benzin zu über 50 Cent können die Menschen in einem Land, in dem bereits ein Monatseinkommen von 16.000 Pfund (ca. 180 Euro) als hoch eingestuft wird, nicht lange verkraften.

Umso provokanter fragen Syriens Oppositionelle, wie lange die Monatsgehälter – etwa die der zahllosen Staatsbeamten - überhaupt noch gezahlt werden können. Die Antwort liefert die syrische Zentralbank, indem sie seit Monaten den Währungskurs nach unten drückt. Erhielt man vor einem Jahr für einen Dollar noch 47 syrische Pfund, so sind es jetzt – je nach Schwankungen – 70 bis 90 Pfund. Syriens Angestellte erhalten de facto also nurmehr die Hälfte ihres Vorjahresverdienstes. Für den Politikwissenschaftler Joshua Landis von der Universität Oklahoma ist dies ein durchaus gekonnter Zug des Regimes, reduziere es doch so seine Haushaltsausgaben und halte dabei noch den Arbeitssektor bei Laune. Zugleich, so Landis, handle es sich angesichts der galoppierenden Inflation freilich um ein Spiel mit dem Feuer.

Im Fadenkreuz: Aleppos Händler

Die Opposition gießt noch kräftig Öl dazu. So schürt sie das Misstrauen in die Kaufkraft des Pfundes durch Meldungen, die stimmen können, für die aber keine Beweise vorliegen. So heisst es, dass Falschgeld in Umlauf sei oder aber dass das Regime alte 500-Pfund-Scheine in Russland habe nachdrucken lassen und zwar in einer derart schlechten Qualität, das die Deckung fehle.

Vor allem aber versucht sie, Druck auf die Kaufleute im reichen und an der Revolte bislang recht unbeteiligten Aleppo auszuüben. Vergangenen Dezember rief sie dort zu einem groß angelegten Boykott all jener Händler auf, in deren Läden noch das Porträt von Staatspräsident Baschar al-Assad hängt. Wenig später brannte in Aleppo die Textilfabrik von Bassam Al'Albi – eine der wichtigsten und modernsten im Mittleren Osten – bis auf die Grundmauern auf.

Laut staatlichen Angaben betrug der Verlust 2 Milliarden syrische Pfund. Hauptaktionär Al'Albi erlag einem Herzinfarkt. Regimenahen Medien zufolge haben einige seiner Angestellten das Feuer gelegt, weil er sie entließ, nachdem sie an einem Generalstreik zur Unterstützung der Revolte teilgenommen haben. Die Opposition beschuldigte indes das Regime: Al'Albi soll sich geweigert haben, dieses durch grosszügige Spenden zu unterstützen.

Neue Business-Elite

Auch dies mag zutreffen, ist es doch, so Landis, in Syrien ein offenes Geheimnis, dass das Regime seit jeher Kaufleute zusätzlich "besteuert". Nicht umsonst wird Rami Makhlouf "Mister fünf Prozent" genannt: Jeder, der unternehmerischen Erfolg in Syrien haben will, muss den Cousin des Präsidenten beteiligen. Zugleich ist Syriens Geschäftswelt keineswegs nur das hilflose Opfer von Repressalien.

Vielmehr entstand seit einer Dekade eine völlig neue Business-Elite, die ihr beträchtliches Vermögen Baschar al Assads Wirtschaftspolitik verdankt: Er öffnete den bis weit in die Neunziger noch stark abgeschotteten Markt gegenüber ausländischen Erzeugnissen. Innerhalb weniger Jahre gingen lokale Produktionen und Großhändler zurück und der Siegeszug von Vertretern internationaler Handelsmarken begann – von Sony bis Benetton, BMW und Jaguar.

Gegen diese Kaufmannsschicht kann die syrische Opposition freilich nicht ankommen – ja, es scheint, nicht einmal das Regime selbst vermag dies noch: So erließ es vergangenen September ein Importverbot für Luxusgüter, für die Zollgebühren von mehr als fünf Prozent erhoben werden. Sinn und Zweck war es, die inländische Produktion zu reaktivieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Zwei Wochen nach Erlass des Verbotes wurde dieses wieder aufgehoben: Zu groß war der Aufschrei der neuen Elite.

Das Geld entscheidet doch

Doch nicht einmal die somit neuerlich auf der Strecke gebliebenen lokalen Händler werden in absehbarer Zeit mehrheitlich ins Lager der Aufständischen wechseln. Das Regime hat seine militärische Macht in den vergangenen Wochen eindrücklich demonstriert, in der Opposition mangelt es an einer überzeugenden Führungskraft und die Zukunft ist völlig ungewiss.

Also werden die Händler weiterhin warten - und zwar vor allem darauf, ob Saudi-Arabien tatsächlich wie angekündigt die syrische Oppostion aufrüstet. "Wenn der Westen die Bevölkerung weiterhin leiden lässt und Saudi-Arabien die Regimegegner bewaffnet und entlohnt, werden sich die Kräfteverhältnisse zugunsten der Opposition verschieben. Dann ziehen auch die Kaufleute mit", sagt Landis. Das Geld gäbe somit letztlich doch den Ausschlag. Nur anders als angenommen.

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36760/1.html
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