Die wahre Religion

16.04.2012

Vertreter der Aktion "Lies!", die kostenlose Koranausgaben in Städten verteilen, wehren sich mit Einschüchterungen gegen "Diffamierung"

Auch am vergangenen Wochenende verteilten Mitarbeiter der Aktion "Lies!" in mehreren deutschen Städten kostenlose Exemplare des Koran. Die Aktion sorgt für einiges Aufsehen. Das liegt vor allem an Drohungen, die sie begleiten. Berichtet wurde von Drohungen gegenüber kritischen Journalisten, Beschimpfungen von Personen, die sich in der Nähe der Verteiler befanden und die Aktion kritisch kommentierten. Auch der Initiator der Aktion, der Kölner Prediger, Ibrahim Abu Nagie, wird in der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Sonntagszeitung mit einer Drohung zitiert: "Christen, Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen!" Ein Sprecher des hessischen Verfassungsschutzes bezeichnet Abu Nagie als "wirklich gefährlichen Islamisten". Ist das übertrieben, betreiben die Kritiker Hetze?

Für den jungen bärtigen Mann, der auf der Website Die wahre Religion die Mission in einer 20-minütigen Ansprache propagiert, ist eindeutig Hetze im Spiel: "Hetze gegen den Islam", "gegen den heiligen Koran", "gegen Prediger". Das Vorgehen gegen die Aktion stellt er als Vorgehen gegen den Islam dar. Eine wohlfeile Vereinnahmung, die für Islamgegner ebenso wohlfeiles Futter ist. Der Vortrag bestätigt viele Vorurteile, die von Islamgegnern geäußert werden, was Toleranz angeht, Missionierungsabsicht ("bis zum letzten Millimeter"), der Drang zum Absoluten und auch an Drohungen mit der Hölle , dem jüngsten Gericht und blutigen Tränen wird nicht gespart.

Geht es nach einer Reportage aus einem Verlag, der nicht im Ruf steht, sich mit der Mission von Islamisten gemein zu machen, so zeigten sich Passanten, die an den Koran-Verteilerständen vorbeikamen, von den skeptischen, kritischen Medienberichten über die Aktion unbeeindruckt. Sie sollen kräftig zugreifen, schreibt das Hamburger Abendblatt. 500 Exemplare sollen am Samstag in Wuppertal verteilt worden sein. Die interviewten Interessierten werden als offen geschildert: "Mich könnte jetzt hier keiner zu irgendwas verführen oder bekehren. Ich finde das einfach interessant", so eine Dame. Und ein Herr meint über Berichte, die der Aktion und ihren Akteuren Extremismus unterstellen, dass "sich jeder seine eigene Meinung bilden müsse", dass viel Panikmache im Spiel sei und man nicht immer darauf hören solle, was die Presse sagt.

Von Falschmeldungen spricht auch Abu Nagie in dem Bericht der FAS, der wiederum Vorbehalte bekräftigt. Dort ist die Rede davon, dass der Verfassungsschutz Belege für die Annahme fand, dass die Koranverteilung doch irgendwie mit Konversionen zum Islam in Verbindung steht, was nicht so ganz stimmig ist mit den Verlautbarung der Aktionisten, wonach die kostenlose Verteilung der Koranausgaben ohne jeden Hintergedanken durchgeführt werde. Zum anderen wird vom Verfassungsschutz eine Verbindung zu einem Salafisten-Verein namens DawaaFFM gezogen, dazu ist vom Verdacht die Rede, dass es sich bei Abu Nagie um ein wichtiges Mitglied "eines riesigen Islamisten-Netzes, das weit über Deutschland hinausreicht", handeln könne.

Konkreter sind die Äußerungen einer SPD-Politikerin, die am Samstag nahe an einem Koran-Verteilerstand Flugblätter gegen die Aktion verteilt hat und ihren Angaben nach heftig beschimpft wurde ("Tier", "Zecke", "schlimmer als Adolf Hitler"). Auch von anderen Einschüchterunmgsversuchen ist die Rede. Vor ein paar Tagen wurde ein Journalist der Frankfurter Rundschau bedroht, der kritische Berichte über die DawaaFFM verfasst hatte.

Führt man sich die eingangs erwähnte Ansprache des Aktion-"Lies!"-Mitarbeiters vor Augen, so mag man die Anschuldigungen gegen die Aktionisten nicht unbedingt für willkürlich halten. Denn sie folgt einem beunruhigenden Muster, in dem zunächst die Harmlosigkeit und das Gute an der Koran-Verschenkaktion betont wird ("eine ganz natürliche, normale Sache"), um wenige Sätze später mit der Hölle und anderen Einschüchterungen für alle jene zu kommen, die nicht vom rechten Weg überzeugt sind.

Nur mäßig zurückgehaltene Rage bringt den Mann immer wieder aus der Fassung ("Wer uns jetzt in den Rücken fällt, hat Allah verraten"). So spricht er einerseits davon, dass die Muslime sich auf keine Diskussionen mit den Ungläubigen einlassen sollten und sich gut benehmen sollen, zum anderen bezeichnet der den Zentralrat der Muslime als Heuchler, die sich "ihre Distanzierung in die Haare schmieren können". Mal von dem recht ungenauen, schlampigen Umgang mit der Wahrheit in dem Vortrag abgesehen. Das weckt größeres Misstrauen, Presseberichte braucht es dazu weiter gar nicht. Deutlich wird auf der Website auch, dass weltliche Gesetze keine Geltung haben, nur die Scharia zählt. Man vertritt also einen Gottesstaat und lehnt den demokratischen Rechtsstaat ab.

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