Die Eroberung von Istanbul

19.04.2012

"Tod den Türken!" - der türkische Blockbuster "Fetih 1453" bietet Anti-Propaganda als Propaganda. Westliche Zuschauer sollten ihn sehen

Lange ist kein Kostümfilm mehr derart Maske von Gegenwärtigem gewesen: Die Eroberung von Konstantinopel - im Abendland ist eher vom " Fall von Konstantinopel" die Rede - durch osmanische Truppen liegt zwar schon eine ganze Weile, genau gesagt 559 Jahre, zurück. Doch eigentlich geht es hier nicht um exakte Darstellungen historischer Vorgänge, sondern schlägt Faruk Aksoys so saftiger wie reaktionärer Kostümschinken die aktuellen innenpolitischen Schlachten. Und wird dadurch zum Abbild der kulturellen Verwerfungen der türkischen Gegenwartsgesellschaft.

Alle Bilder: Kinostar

Es beginnt in Medina, im Jahr 627. Der islamische Religionsgründer Mohammed ist aus Mekka ausgewandert, und sammelt seine Anhänger in seinem neuen Sitz. Bedeutungsschwanger murmelt er - dem islamischen Abbildungsverbot gemäß für uns so unsichtbar wie einst in Hollywood der US-Präsident - eine seiner Hadithen (i.e. Prophentenworte): "Wahrhaftig, ihr werdet Konstantinopel erobern! Welch wunderbarer Führer wird euch führen, und welch wunderbare Armee wird das sein!" Die Hofschranzen um ihn begreifen sofort: "Mit diesen Worten haben sie uns den Weg zum Heiligen Krieg offengelegt, mein Prophet." Und laut rufend: "Unser Prophet hat verkündet: Eines Tages wird Konstantinopel befreit." So weit die Exposition.

Ganz bleibt der religiöse Elan der Jünger nicht erhalten, es dauert noch das Weilchen von 826 Jahren, bis die Prophezeihung in Erfüllung geht. Aber vor Allah sind 1000 Jahre wie ein Tag und für diesen Film und seine Macher sieht es nicht wirklich anders aus. Im Steilflug pflügt ein moslemischer Falke durch die Jahrhunderte, guckt schlau und ein bisschen von oben herab, wie Falken das im Kino halt tun, auf das Gewusel der Menschen da unten. Dort sieht man wieder eines der üblichen Wimmelbildchen digital choreographierter Geschichte - und Schwups!, ein Sturzflug im Stuka-Stil und wir sind nach nur fünf der insgesamt 160 Minuten im Hier und Jetzt des Jahres 2012, pardon: des Jahres 1432. Am 29.3.1432 wird in Edirne nämlich der vierte Sohn Murads II. geboren, der später - bereits kurz für zwei Jahre, dann nach einem Interregnum ab 1451 als Mehmed II. auf den Thron des Osmanischen Reiches kam.

Der Luke Skywalker des Islam

Jetzt wird alles, aus Gottes Perspektive betrachtet, langsam und zäh, für die Menschenaugen im Kino ist es immer noch hektisch und flink: Mehmed kommt auf den Thron, es gibt Zweifler an seiner Eignung zur Macht, es gibt zwielichtige Berater, ein schmachtendes Weib, einen Sohn, der den Vater bewundert und darunter leidet, dass der nie Zeit hat. Und es gibt Mehmed selbst: Ein Führer, zu Großem geboren, mit Weissagungen und Auspizien versehen, die ihm Außergewöhnliches verheißen.

Er selbst ist überzeugt, dass er tun muss, was er tun muss, woher die Überzeugung kommt, erzählt uns der Film so wenig, wie er Zweifel zeigt. Der Mann hat auch keine. Er ist insofern übermenschlich. Er redet auch mit keinem, schaut stur und verkniffen zu Boden oder auf ein Modell der Metropole Konstantinopel, die er, wie wir wissen, erobern will und, wie wir auch wissen, erobern wird. Ein Nerd. Der Film hat überhaupt keine Argumente, sondern immer nur Esoterik, wenn es darum geht, Handlungen zu motivieren:

"Es ist, wie es ist. Es ist halt so"

Im Traum begegnet er dann auch Osman I., jenem mittelalterlichen Gründer der Osmanischen Dynastie. Der redet mit ihm, sagt auch noch mal, wo es lang geht, und der junge Herrscher folgt. Ein Mann mit Mission. Ein Luke Skywalker des Islam, ohne Fehl und Tadel, insofern überaus langweilig - der Kinozuschauer, man weiß das, will lieber, wie schon Prinzessin Leia, einen hedonistischen Spaßmacher und sauflustigen Hurenbock wie Han Solo. Es gibt hier auch keinen Obi Wan Kenobi, sondern nur einen toten Vater.

Es gibt dafür etwas sehr typisch Türkisches in diesem Film: Immer wieder kreisen türkische Filme - darin den amerikanischen nicht unähnlich - um vätergestörte türkische Männerbuberl, die irgendwie verkrampft unter Druck stehen und etwas machen müssen, was der Papa für sie entschieden hat, oder was er nicht geschafft hat und ihnen auftrug. Und die klugen Christen, Darth Vader in Rom und das Hauptquartier der imperialen Flotte erkennen es natürlich als erstes:

Er will vollenden, was sein Vater nicht schaffte. Sein nächstes Ziel wird ohne Frage der Zug gegen Rom.

Mehmed II. sagt im Fortgang des Films, der sehr sehr lange braucht, bis wir endlich bei der Belagerung Konstantinopels angekommen sind, Sätze wie: "Es gibt keine wichtigere Aufgabe als Konstantinopel zu erobern - aber wir brauchen Geduld." Oder: "Wenn die Zeit kommt, wird das Volk verstehen." Er will nämlich ein Reich schaffen, die meisten Osmanen aber haben keine Lust auf Feldzug. Und er sagt Sätze wie: "Geschichte schreiben ist keine Aufgabe für Feiglinge."

Weil ein solcher Held auch für das türkische Publikum auf Dauer schwer erträglich ist, bekommt der Film unterhalb solcher erhabenen staatstragenden Passagen eine fett aufgetragene Soap-Ebene. Da ist zum Beispiel Era eine schöne und gebildete Türkin, die sich aus irgendeinem Grund in Genua aufhält und dort andauernd von Giovanni Giustiniani Longo angebaggert wird. Erfolglos, klar, denn nur ein keusches Mädchen ist ein gutes Mädchen. Sie kommt deswegen alsbald heim ins Türkenreich, trifft dort auf Ulubatli Hasan, einen edlen Helden, der am ehesten der Han Solo des Films ist, und kehrt zu ihrem Ziehvater Urban zurück, jenen christlichen Kanonenmeister, der dann irgendwann die Kanone gießt, mit der die Mauern Konstantinopels fallen. Und weil sie mitkämpfen will, tarnt sie sich halt als Mann.

Die christlichen Kreuzritter dagegen sind anständig böse, sie morden Frauen und Kinder oder versklaven sie. Man erlebt auch Orthodoxe als Feinde "der Latiner", und sieht die völlig angemessene Verfolgung eines Rasputin. Doch spürbar ist hier eine klammheimliche Sympathie des Films mit den Orthodoxen. Denn die sind ja immerhin Fundamentalisten.

Derweil hangelt sich der Film durch die Jahre 1451 und 1452, hakt historische Fußnoten ab und bringt einem auch etwas bei: So sieht man, wie im April 1452 Mauern festungstauglich gemacht wurden: Mit einem Leim, in den unter anderem Eiweiß gerührt wurde. Es gibt auch - huhu Guido! - römische Dekadenz, wenn der byzantinische Kaiser Konstantin XI. mit mehreren halbnackten Bikini-Schönheiten in Rosenwasser planscht.

Vieles ist Unsinn. Doch die nationalreligiösen türkischen Historiker geben aus politischen Gründen Bestnoten, obwohl sie wissen, dass der Film immense Fehler enthält. Keine dreitägige Plünderung Konstantinopels durch das osmanische Heer, dafür eine anständige Beisetzung des toten Kaisers nach den Regeln "seiner Religion".

"Gott mit uns! Nieder mit den Türken!!"

Immer wieder ist "Fetih 1453" hier auch pathetisches, gutes Kino, etwas billig gemacht, aber so ist es halt, wenn man keine Erfahrung hat und nur 17 Millionen statt 170. Die digitalen Effekte sind trotzdem ok, und so sieht man einen satten Schinken, der zwischendurch richtig saftig wird, wenn Blut fließt, und wenn Mehmed schließlich seine Rüstung anlegt, derweil sein Sohn anerkennend, bebend zusieht, und die Frau erregt. Voll übertrieben ist alles.

Dann wird es ernst: Die Christen heißen in den Dialogen nur noch "Die Ungläubigen" und vermutlich meint der Film da gleich ein paar Einheimische mit. Sie brüllen "Nieder mit den Türken!", "Tod den Türken!", und "Gott mit uns! Nieder mit den Türken!!" Und ein paar christliche Kriegsgreuel müssen auch sein, wenn zum Beispiel Kriegsgefangene getötet werden. Die Türken dagegen sind energisch und rufen "Zu Befehl, mein Sultan!" oder "Wir folgen der Lehre des Korans."

So muss es klappen, erst recht, als der erste Angriff scheitert, und die Minenarbeiter, die einen Tunnel, unter den Stadtmauern buddeln, den Opfertod suchen, indem sie sich selbst in die Luft sprengen: "Allah u Akhbar! Wir werden nicht vergebens sterben."... Hm, irgendwie doch. Denn auch die Explosion bringt außer Blut im Boden - gutes Bild - nichts ein.

Es wird nicht besser: Irgendwann fällt eine Fahne in den Schmutz. Ooooh, macht das Kino und der Film. Kitschmusik - die stammt übrigens wie die Kanone, die die Schlacht entscheidet von einem christlichen Überläufer, einem Jüngelchen namens Benjamin Wallfisch - und dann müssen ein paar Türken sterben für die Fahne. "Wir vergessen unsere Märtyrer niemals!", ruft einer - da darf man dann tatsächlich mal an Nazikino denken. Ansonsten genügt für die zweite Hälfte die Beschreibung "reaktionärer S***", für die erste "Kostümschinken im Mainstreamstil".

"Ben-Hur" unter umgekehrten Vorzeichen

Trotzdem ist die westliche Aufregung nicht zu verstehen. "Lange hat man keinen Film mehr gesehen, der Töten und Sterben so inbrünstig verherrlicht", schreibt der sonst sehr geschätzte Micha Brumlik in der taz - da hat er wohl "300" verpasst, den "Untergang" nicht verstanden,und auch "Herr der Ringe" nicht gesehen und in einen Clint-Eastwood-Kriegsfilm oder in "Troja" schickt die taz-Redaktion keinen Politikwissenschaftler.

Genau betrachtet ist "Fetih 1453" trotz dramaturgischer Parallelen nicht wie "Star Wars". Er ist wie "Ben-Hur", nur unter umgekehrten Vorzeichen. Auch der war amerikanische kulturimperialistische Propaganda. "Fetih 1453" ist demgegenüber einfach Anti-Propaganda. Hier sind die Christen, die Bösen, die Moslems die Guten. So what?

Es tut jedem westlichen Zuschauer gut, diesen Film zu sehen, damit er aus der eigenen Irritation endlich lernt, auch von Hollywood ein wenig irritiert zu sein. Globalisierung bedeutet auch, dass die Christen im Kino nicht immer milde, und dass die Westler nicht immer die Guten sind.

Scharfe Waffe in einem Kulturkampf

"Fetih 1453" ist aus ganz anderen Gründen unsympathisch: Vergleicht man ihn mit einem 60 Jahre alten Film zum gleichen Thema, nämlich Aydin Arakons (1918 bis 1982) "Istanbul’un Fethi" von 1951, dann erkennt man, dass die Vorzeichen verändert wurden. Der neue Film ist selbst eine scharfe Waffe in einem Kulturkampf. Beim gerade beendeten Filmfestival in Istanbul, wo man viele Filme sehen konnte, die die moderne, urbane, liberale Türkei repräsentieren, blickten die türkischen Kritiker und Filmemacher betreten zu Boden, wenn man sie auf "Fetih 1453" ansprach.

Mit gutem Grund ist er liberalen und gebildeten Türken peinlicher, als er es uns sein muss: Der Film wird von der regierenden islamistischen "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) gefördert, er wurde von der AKP regierten Kommune Groß-Istanbul gesponsort. Und er bedient die Agenda des Neo-Osmanismus, die nicht so sehr eine außenpolitische ist, sondern sich nach innen richtet. Ihr Ziel ist eine konservative Revolution gegen die Republik, die laizistisch und rational von Mustafa Kemal Atatürk begründet wurde.

Fetih Beyoglu: Die Eroberung des Stadtteils Beyoglu

Zum Abschluss des Festival protestierten sie wieder: Eine Gruppe von wenigen hundert Leuten, die vor allem aus Studenten und jungem Bildungsbürgertum besteht. Seit zwei Jahren treffen sie sich regelmäßig und marschieren dann mit Transparenten die Istiklal Caddesi hinauf, die von den Einheimischen nur "Boulevard" genannt wird, eine der prächtigsten Einkaufsstraßen von Istanbul, unverkennbar beeinflusst vom Vorbild Paris.

Der Zug endet in einer kleinen Seitenstraße direkt vor dem "Emek Sinemasi" - dies ist der Name des schönsten Kinos der Stadt. 1920 gebaut, ist das Emek einer der letzten Tempel aus der großen Zeit des Kinos. Bis vor drei Jahren war es das Herz des Internationalen Filmfestivals, das im mittlerweile 31. Jahr jeden April in Istanbul stattfindet. Nun steht es leer, nicht, weil es etwa schlecht besucht wäre, sondern weil ein Investor den ganzen Block gekauft und weitgehend abgerissen hat. Gebaut wurde eine riesige Shopping-Mall mit Fassade im pseudoklassischen Zuckerbäckerstil und einem riesigen dreistöckigen Saturn-Markt im Inneren.

Nur das Emek steht noch wegen der vielen Proteste, auch dies will der Investor entkernen und in ein modisches Schachtelkino umwandeln. Mittlerweile ist das Emek zum Symbol geworden, für die Veränderungen, die die Türkei und besonders Istanbul zur Zeit erlebt: Wolkenkratzer schießen wie Pilze aus dem Boden, die Stadtbevölkerung (derzeit ca.15 Millionen) soll sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln, die Zahl der Autos gar vervierfachen. Noch stärker vergrößert sich die Zahl der Shopping-Malls. Kleine Läden werden verdrängt, gewachsene Viertel zunehmend zerstört. Und auf dem Boulevard, dem traditionellen Wochenendeinkaufsziel für Generationen von Istanbulern, schließen die alten Geschäfte zugunsten globaler Labelshops von "Nike" bis "Nordsee". Es klingt nur wie ein schlechter Witz, dass parallel zum Filmfestival auch ein vierwöchiges "Shopping-Festival" stattfand, das ebenfalls vom Kulturministerium (!) gefördert wird.

Das Plakat der diesjährigen Demonstration ironisierte das Filmplakat von "Fetih 1453": Erdigan war darauf zu sehen, der Bürgermeister, und einige Investorenköpfe: "Fetih Beyoglu" stand darüber: "Die Eroberung des Stadtteils Beyoglu".

Reinheitsideologie, Tugendterror und die Agenda einer Konservativen Revolution

Gleich ein halbes Dutzend neuer türkischer Filme nimmt solche Entwicklungen direkt in den Blick. "Ecumenopolis: City without limits" heißt Imre Azem beeindruckender Dokumentarfilm - nächste Woche in Berlin bei den türkischen Filmtagen zu sehen. Der Regisseur erzählt die Geschichte der zunehmenden Zerstörung des alten Istanbul und begleitet eine Familie, die durch die Abrissbagger aus ihrer Wohnung vertrieben wird, und mit anderen ganz normalen Bürgern um ihre Rechte kämpft.

Die in Istanbul geborene Norwegerin Annie Pertan portraitiert in "The Colours of Diversity" die gegenwärtige Kunstszene Istanbuls und beschreibt, ähnlich wie Aslihan Ünaldi, in ihrem "Overdrive: Istanbul in the New Millennium", wie das Bündnis aus neureicher Geldgier und gemäßigtem Islamismus, das sich in der Regierungspartei AKP zusammenfindet, diese Vielfalt zunehmend gefährdet.

Selbst der Titel der "Europäischen Kulturhauptstadt" für Istanbul wird zwei Jahr später von vielen Künstlern und Intellektuellen überaus kritisch gesehen, als kaum verhüllter Vorwand, traditionelle Strukturen durch aufgeblasene Events und Fast-Food-Kultur zu ersetzen - die AKP stellt auch Istanbuls Bürgermeister. Was da verlorenzugehen droht, beschreibt einfühlsam "Halic - Golden Horn". Der erste Dokumentarfilm des renommierten Regisseurs Erden Kiral ist eine ebenso melancholische wie sehr persönliche Beschwörung des multikulturellen Istanbul und der Altstadt auf dem Goldenen Horn.

Bei uns nennt man das Gentrifizierung - dahinter verbirgt sich in der Türkei aber mehr: Der Hass der Bauern auf die Metropole, der Hass der Bigotten auf den Sündenpfuhl Istanbul, der alles repräsentiert, was man am eigenen Land nicht mag. Die Reinheitsideologie, die Trinken, Rauchen, abends draußen sitzen, unverschleierte Frauen und bücherlesende Männer verbieten will. So wie Mehmed II. einst Konstantinopel eroberte, will Ministerpräsident Erdogan jetzt Istanbul erobern.

Ein Film wie "Fetih 1453" bringt diese AKP-Ideologie unter das Volk, auch in Deutschland. Er ist das präzise Dokument einer Gesellschaft, die sich zur Zeit eher rückwärts orientiert, sich ein wenig hilflos an überholte Traditionen klammert.

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