Wann irren die tausend Fliegen?

20.04.2012

Wie erfolgreich ist Entscheidungsfindung in der Gruppe? Forscher zeigen, wann die Weisheit der Massen versagt und wann sie hilft

Mal wird sie als "Weisheit der Massen" gehyped, mal als "Tausend Fliegen können nicht irren" veralbert. Ob es es Erfolg verspricht, wenn wir für Entscheidungen die Meinung mehrerer Individuen einholen, ist durchaus umstritten. Einzelne Menschen haben schon ganze Länder in den Abgrund geführt. Doch auch amerikanische Geschworenen-Jurys sind für spektakuläre Fehlurteile berüchtigt. Die Vielzahl unterschiedlicher Studienergebnisse zeigt bisher vor allem eines: Eine eindeutige Aussage, die Gruppe oder auch das Individuum sei immer schlauer, ist nicht haltbar. Doch wovon hängt es ab, ob das Heranziehen anderer Meinungen die Chance vergrößert, am Ende Recht zu behalten?

Tatsächlich benutzt der Mensch im Grunde zwei Regeln, wenn er die Meinungen anderer einholt. Zum einen beurteilen wir, wie die Mehrheit denkt. Wird ein Urteil von genügend Mitmenschen vertreten, nehmen wir es als soziale Wesen lieber an als die abweichende Antwort weniger. Eine Rolle spielt aber auch, wie überzeugt die Befragten von ihrer eigenen Meinung sind.

Wenn ein Mechaniker absolut sicher ist, dass der Anlasser spinnt, sein Kollege aber auch die Elektronik im Verdacht hat, ohne sich 100prozentig festlegen zu können, dann kommt zunächst der Anlasser auf den Prüfstand. Schließlich sind wir auch noch in der Lage (wenn es sich nicht um ein Ja-Nein-Problem handelt), Meinungen anderer zu integrieren, indem wir uns für einen Mittelwert entscheiden. Tatsächlich zeigen Studien, dass so eine Strategie erfolgreich sein kann, weil sie die Fehlerwahrscheinlichkeit minimiert.

Wie erreicht man nun in jeder Situation die optimale Entscheidung? Dazu liefert ein Artikel des israelischen Psychologen Asher Koriat interessante Anregungen, den das Wissenschaftsmagazin Science publiziert hat. Koriat baut dabei auf einer früheren Arbeit auf, die feststellte, dass ein Zweierteam bei einfachen Aufgaben dann eine bessere Performance als jedes seiner Mitglieder liefert, wenn beide frei miteinander kommunizieren können. Der Effekt beruht offenbar darauf, dass sich die Probanden innerhalb des Versuchs auch frei(willig) mitteilten, wie sicher sie sich ihres Ergebnisses waren.

Genügt es darum, auf die Interaktion ganz zu verzichten und einfach die mit größerer Sicherheit geäußerte Meinung auszuwählen? Dieser Frage ist der Forscher in mehreren Versuchen nachgegangen. Zunächst ließ man Probanden über Fragen entscheiden, bei denen die Antworten im Sinne des gesunden Menschenverstandes klar sind: Bei der Frage, ob Paris oder Lyon die Hauptstadt von Frankreich ist, kann man sich zum Beispiel von Vermutungen über Größe oder Bekanntheit der Stadt leiten lassen. Die überzeugtere Antwort ist hier auch öfter die richtige und dementsprechend erreichten Teams bessere Trefferquoten als einzelne Probanden. Es zeigte sich auch, dass Kommunikation untereinander nicht nötig ist und das Ergebnis nicht verbessert. Ein dritter Proband im Team verbesserte das Resultat noch weiter.

Indoktrinierte Meinungen

In einem dritten Versuch allerdings änderte der Forscher die Art der Fragen: Er ließ die Probanden Entscheidungen zu bekannten optischen Täuschungen treffen. Dabei kehrte sich der Effekt um: Wenn die Teams sich der mit der größten Sicherheit geäußerten Meinung unterwarfen, schnitten sie am Ende schlechter ab als jeder einzelne Proband. Und die Meinungen, die mit der geringsten Überzeugung geäußert wurden, erwiesen sich am Ende mit der höchsten Wahrscheinlichkeit als richtig.

Die Folgerung: Wenn die "Masse" sich von der Täuschung hereinlegen lässt, ist es schädlich, ihrer Meinung zu vertrauen, dann hilft eher, den eigenen Verstand einzusetzen. In der Realität gilt das zum Beispiel auch, wenn die Mehrheit einer vorgefassten oder indoktrinierten Meinung anhängt. Wer auf die Meinung der Gruppe nicht verzichten will, sollte sich dann an den Individuen orientieren, die sich ihrer Antwort am wenigsten sicher sind.

Leider hilft die Arbeit jedoch nicht in jedem Fall weiter. Das Problem besteht darin, dass der Beobachter oft nicht erkennen kann, welche Art von Situation vorliegt. Kennt sich die Gruppe mit der Thematik aus, die sie beurteilen soll? Hat die Mehrheitsmeinung öfter recht als unrecht? Ein Indiz dafür, meint die Forschung, könnte die Tatsache sein, ob die Gruppe eher von Kooperation oder von Wettbewerb geprägt ist.

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