Eine Unkultur des Schmutzes, bei der vermutlich selbst Charlotte Roche die Haare zu Berge stehen würden

Die vielleicht relevantesten Seiten des Buches sind jene, in denen das Hauptproblem - nicht nur der Mongrels, sondern des gesamten Banden-Unwesens in Neuseeland - quasi nebenher, als Nebensache, erwähnt wird. Das ist zum einen die sexuelle Gewalt, der jedes spätere Mob-Mitglied schon als Kind ganz regulär ausgesetzt war. Vor allem auch die sexuelle Misshandlung und Vergewaltigung durch Erwachsene oder in etwa Gleichaltrige.

Und obwohl der nun schon in Ehren ergraute Ex-Mobster sich mir als liebenswürdiger älterer Herr mit Lebensgefährtin und Motorrad vor die Kamera stellte, wohl auch als Verkäufer seines eigenen Buches, aber mit der Hand-Geste für "Aroha" ("Liebe") deutlich im Vordergrund - so scheint ihm doch, bei der Schilderung des "Blocking" früherer Tage, die Zunge noch mal geschmäcklerisch über die Lippen zu fahren.

Mob-Opa Tuhoe "Bruno" Isaac mit Motorrad und Lebensgefährtin beim Verkauf seines Buches auf einem Gemüsemarkt in Wellington. Auch Jesus ist, als unsichtbarer Dritter, mit von der Partie. Bild: Tom Appleton

Mit "Blocking" bezeichnen die Mongrels ihre Praxis, als Gruppe, einer nach dem anderen, eine junge Frau zu vergewaltigen. Der Autor versichert seinen Lesern, dass es nie einen Mangel an willigen Frauen gegeben habe, manche erst 14 Jahre alt, die sich den Mongrels anschlossen - und die eben wussten, was sie dort erwartete.

Der Gedanke, dass diese Mädchen und Frauen spiegelbildlich schon als Kinder die gleichen Gewalt- und Missbraucherfahrungen gemacht hatten wie die männlichen Bandenmitglieder, scheint ihm dabei nicht gekommen zu sein.

Als besonderes Merkmal ihrer eigenen "Hündigkeit" - ihrer im (Marken-)Zeichen des "Bulldog" vollführten Selbst- und Fremd-Erniedrigung - pflegten die Mongrels dabei eine eigene Unkultur des Schmutzes, bei der vermutlich selbst Charlotte Roche die Haare zu Berge stehen würden. Jedenfalls hat sich bislang noch keine neuseeländische Autorin gefunden, die ihre Zeit bei den Mongrels literarisch hochleben ließ.

Bild: Tom Appleton

Zur eigenen Schmutzigkeit gehörten die "Reggies" - ein Ausdruck, der sich von der "regulär" ausgegebenen Gefängniskleidung herleitet - in diesem Fall doppelt übereinandergenähte Jeans, die dann, in der Art von "krachledernen" Lederhosen nie wieder gewaschen werden. Da die eigene Körperhygiene ebenfalls vernachlässigt wurde, galt es als unabdingbar, dass auch beim "Blocking" die Hosen angelassen wurden, und Blut- und Sperma-Spuren nicht entfernt, sondern als Trophäen an der Kleidung belassen wurden. Auch das Sperma des jeweiligen Vorgängers wegzuwischen galt als uncool. Und falls die solcherart Geblockte irgendwann einmal Zeichen von Unwilligkeit äußerte, galt es als normal, beim Geschlechtsakt auf sie einzuschlagen.

Vaterschaft im Kollektiv

Ab und an fand ein solches Vergewaltigungsopfer trotzdem den Weg zur Polizei, und da die Mongrels ihr Treiben auch gerne fotografisch festhielten, war die Identifizierung der Täter nachher relativ einfach. Der Autor "Bruno", der auch einige Male wegen Vergewaltigung einsaß - jeweils immer wieder "zu Unrecht", wie er seinen Lesern versichert - lässt dabei zwei Aspekte unerwähnt. Einerseits das Thema Geschlechtskrankheit, andererseits natürlich die Schwangerschaften, die sich die Frauen dabei zuzogen.

Nun hat die Vaterschaft im Kollektiv in der Maori-Kultur - auch außerhalb des Banden-Milieus - eine lange Tradition und sie besteht heute noch in abgewandelter Form in der übrigen Gesellschaft weiter. Mütter, die fünf Kinder von ebenso vielen verschiedenen Vätern haben, und Väter, die ihrerseits ungezählte Kinder bei verschiedenen Frauen gezeugt haben, sind eher die Norm als eine Seltenheit. Hier kommt ein polynesisches Verhaltensmuster zum Tragen, bei dem eine kleine, dem Untergang geweihte Gruppe, die sich in einem evolutionären Flaschenhals befindet, versucht, durch möglichst breite Streuung ihrer DNS, ihr Überleben zu sichern. Das ist pazifisch-polynesische Tradition. Die sexuell promisken Hawaii-Mädchen, die sich einst den weißen Matrosen an den Hals warfen, handelten aus den gleichen Motiven. Eine matrilinear organisierte Gesellschaft macht die Vaterschaft zur wichtigen - aber gewissermaßen beliebigen - Nebensache. (Pech nur, dass die europäischen Lover so viele tödliche Geschlechtskrankheiten einschleppten ...)

Auch die Maori-Gesellschaft ist in dieser Hinsicht eindeutig anders strukturiert als die patrilinear/individualistisch organisierte weiße/europäischstämmige Gesellschaft, die das dominante Element in Neuseeland darstellt. Sie ist, wie die Gesellschaft, aus der die Maori einst kamen, kollektivistisch orientiert. Das "Wir" wird als Anti-Depressivum und dito als Barriere gegen Eindringlinge von außen empfunden - der demonstrativ zur Schau getragene gemeinsame Schmutz sollte also wohl zugleich als Schutz gegen Infektionen dienen. Dann aber kam Aids - und "Bruno" suchte Hilfe bei Jesus.

Mob oder Mafia

In Europa dienen Banden eindeutig einem anderen Zweck. Sie sind nicht eine frei marodierende Kriegerkaste (wie bei den Maori) und keine Killer/Sperma-Riege (wie die Bachelor-Horden bei den Schimpansen). In Österreich gibt es charakteristischerweise das Gesetz gegen Bandenbildung - vulgo Mafiaparagraf genannt. Niemand würde auf die Idee kommen, man könne die Mafia kaltstellen, indem man sich an Jesus wendet. In Sizilien ist die katholische Kirche allgegenwärtig, trotzdem gibt es die Mafia noch immer. "Bruno" Isaac mahnt an, dass weder die Polizei von früher, noch die bewaffnete Polizei von heute (die, nach amerikanischem Vorbild, einen recht lockeren Abzugsfinger einsetzt), noch die drakonischen Strafen bei Gericht, noch die mittlerweile zusehends privatisierten und profitorientierten Knäste dem Problem Herr geworden sind.

Zufällig ist die Mafia aus Italien exportiert worden und führt in Amerika, wie seit dem Film Der Pate mit Marlon Brando jeder weiß, ein virulentes Eigenleben. Zufällig wird die Mafia in Amerika "The Mob" genannt, ihre Mitglieder sind die "Mobsters". In Neuseeland bedeutet das Wort "Mob" einfach nur "Rudel, aufmüpfige Schar" - trotzdem gibt es natürlich viele Parallelen zwischen den Banden in Neuseeland und den verbrecherischen Clans in Italien, Albanien, Bulgarien und so weiter - von der Blutrache, in der Maori-Sprache "Utu" genannt, bis zur Omerta, der Schweigepflicht, die natürlich auch "Bruno" Isaac daran hindert, ein Plappermäulchen zu werden, wenn er nicht zusätzlich zur Hilfe der himmlischen Heerscharen auch noch ein Papamobil in Anspruch nehmen will.

Darüber hinaus überziehen die Gangs in Neuseeland mittlerweile das ganze Land mit einem Dauerfeuerwerk krimineller Aktivität. Während sich die alt gewordenen Gang-Bosse in einer Art halbseidenem Biedermeier einrichten, befördert die florierende Jugendarbeitslosigkeit und allgegenwärtige Armut den täglichen Einbruch und Diebstahl in Autos, Wohnungen, Geschäften, den gewalttätigen Raub und Überfall auf der Straße und den Drogenkonsum. Die verbreitetste Substanz ist dabei "P" eine lokale Variante des Metamphetamins, das seine Benutzer physisch und psychisch zugrunde richtet. Eine Seuche.

Wie man aus dem nachfolgenden Filmchen ersehen kann,

sind die Kids, aus denen sich die Gangs rekrutieren, eher lebhafte Poseure aus einem allabendlich auf den Straßen inszenierten Theaterstück. Ein bisschen Karate, ein paar Rap-Floskeln, ein bisschen Break-Dancing. Ihre Requisiten sind allerdings die realen Autos, in die sie einbrechen, ihre Aufführungen sind die realen Überfälle, die sie ausführen, und für ihre Gesellenstücke landen sie dann gewöhnlich schon im Knast. Mit 20 sind sie Meister-Kriminelle. "Dies sind unsere Terroristen. Sie terrorisieren die Gesellschaft. Wir müssen sie einfach gesetzlich verbieten", wird hier ein Offizieller zitiert. Im Grunde meint er damit wohl eine umfassende Reorganisation des Polizeiapparats in Richtung Polizeistaat. Eine Kriegsmaschinerie fürs Landesinnere.

Der neuseeländische Staat, der in den letzten 40 Jahren sein gesamtes Tafelsilber verscherbelt hat, steht nun vor dem Scherbenhaufen seines Porzellans. Eine Gesellschaft im Niedergang, die kein "Markt" der Welt mehr retten kann. Immerhin. Es wandern zunehmend mehr neue Festlandschinesen nach Neuseeland ein. Es dürfte sich also nur um eine Frage der Zeit handeln, bis es (zumindest in Auckland) auch chinesische Straßengangs gibt. Dann wird vermutlich dem Ruf nach dem Polizeistaat auch die Action folgen. Statt "gesetzlich verbieten" wird man dann "ausmerzen" sagen.

Bulldogge mit Stahlhelm und Jesus

Eine Unkultur des Schmutzes, bei der vermutlich selbst Charlotte Roche die Haare zu Berge stehen würden

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36802/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Telepolis Gespräch

Wege aus der Krise

Sparen, Geld drucken oder Wettbewerbsfähigkeit steigern? Mit Heiner Flassbeck, Professor für Ökonomie.

Am Montag, den 5. Mai im Amerika Haus in München.

Anzeige
9/11 - Der Kampf um die Wahrheit Die Neurogesellschaft Kriegsmaschinen
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS