Schlafprobleme, Angstzustände, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen

30.04.2012

US-Soldaten werden zunehmend mit Psychopharmaka kriegstauglich gemacht und dann öfter auch mal für mental unzurechnungsfähig erklärt

Die Zahl von US-Soldaten, die verschreibungspflichtige Medikamente zu sich nehmen, steigt seit Jahren dramatisch. Die Folgen sind Wutausbrüche, Gewalt gegen Zivilisten oder Amokläufe. Militärgerichte aber machen aus den Tätern zusehends Opfer. Sie bescheinigen ihnen "geistige Unzurechnungsfähigkeit" durch Medikamentenmissbrauch.

Ein Soldat ist auf dem Rückflug vom Persischen Golf in die USA. Nach 19 Stunden setzt Patrick Burke seinen B-1B-Bomber im US-Bundesstaat South Dakota sicher auf den Boden. Er geht mit einem Kollegen etwas Essen und Trinken. Eine Frau nimmt die beiden Soldaten danach in ihrem Auto zur Luftwaffenbasis mit. Im Auto prügelt Burke plötzlich auf seinen Kollegen ein, schreit etwas von Jack Bauer, der Hauptfigur der TV-Serie "24", von Terroristen und davon, dass man ihn entführen wolle. Er ringt die Frau zu Boden, übernimmt das Steuer und setzt das Auto ein paar Meter weiter gegen die Leitplanke. Burke wird wegen Autodiebstahls, Trunkenheit am Steuer und zweifacher Körperverletzung angeklagt.

Die Szene, welche die Los Angeles Times vor kurzem in einem Bericht beschreibt, wäre wohl kaum eine Erwähnung wert gewesen, wenn Burke nicht im Oktober 2011 von einem Militärgericht in allen Anklagepunkten freigesprochen worden wäre. Vier Militärpsychologen kamen zu dem Ergebnis, dass Burke bei der Tat unter einem "Delirium ausgelöst durch die Mischung mehrerer Substanzen" litt: Schlafmangel, Alkohol und 40 Milligramm Dexedrine, ein Amphetamin, das ihm die Air Force verschrieben hatte, um während des Fluges wach zu bleiben, und von dem Burke alle vier Stunden eine Pille einnahm.

Anzeige

Nicht schuldig "durch das Fehlen mentaler Verantwortung", so der Richterspruch. Übersetzt heißt das: Der Angeklagte war temporär unzurechnungsfähig. Wäre Burke lediglich betrunken gewesen, ohne Spuren des verschreibungspflichtigen Medikaments im Blut, er würde heute in einer Gefängniszelle sitzen. Der Freispruch offenbart das Dilemma, in dem sich die US-Army seit einigen Jahren befindet, zwischen dem Anstieg des Konsums verschreibungspflichtiger Arzneimittel bei ihren Soldaten und dem Umgang mit den Folgen des Medikamentenmissbrauchs.

Durch die bisher längsten Kriege der USA im Irak und in Afghanistan macht auch der amerikanische Soldat des 21 Jahrhunderts Geschichte: Er dient länger als jeder andere in der Militärvergangenheit des Landes. Drei oder mehr aufeinander folgende Einsätze von jeweils 12-15 Monate sind keine Seltenheit. Die körperliche Belastung ist groß, die mentale noch größer: Zum Alltag der Soldaten gehören Schlafprobleme, Angstzustände, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen. Mehr als ein Drittel des Militärpersonals leiden laut einer Studie des San Francisco Veterans Affairs Medical Center an einer psychischen Störung.

Mit einem Koffer voll Medikamenten in den Krieg

Gleichwohl müssen die Soldaten weiter funktionieren. Und so greifen sie immer häufiger auf verschreibungspflichtige Medikamente zurück, die vom Armee-Arzt angeboten werden. Insgesamt 110.000 aktive Soldaten allein im letzten Jahr, schreibt die Times und beruft sich auf Zahlen, die der Generaloberstabsarzt der US-Armee der Zeitung offengelegt hat. Demnach nehmen fast 8 Prozent des aktiven Militärpersonals Beruhigungsmittel, über sechs Prozent greifen zu Antidepressiva. Die Zahlen haben sich in den vergangenen sieben Jahren verachtfacht.

Erschreckend ist zudem, dass sich die Liste der Einsatz-Grundausstattung eines Armee-Psychologen heutzutage liest wie eine Textpassage eines Hunter S. Thompson-Romans: Neun verschiedene Pillen für die Behandlung von Depressionen sollen sie laut Times-Recherche dabei haben. Dazu Benzodiazepine für Angstzustände, vier Arten von Nervendämpfungsmitteln zur Einnahme bei Bipolarer Störung oder Halluzinationen, Amphetamine zur Behandlung von Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen (ADHS). Die Arzneipackung, mit der ein Soldat in den Einsatz geschickt wird, ist ausreichend für ein halbes Jahr - angeblich um Soldaten, die an einer chronischen Krankheit leiden, in entlegenen Gegenden die Möglichkeit eines konstanten Zugangs zu garantieren.

Niemals zuvor, sagt der ehemalige Militärpsychologe Bart Billings, hätte man die Truppen so mit Medikamenten versorgt wie heute. Der gegenwärtige Anstieg von Tötungsdelikten beim Militär sei daher seiner Meinung nach kein Zufall. "Die Medikamente sind mit so vielen Gefahren verbunden", dass das systematische Austeilen der Pillen "die Einsatztruppen zerstören" würde, erklärt die Marine-Psychiaterin Grace Jackson dem Internet-Journal NextGov.com. Sie quittierte 2002 ihren Posten, weil sie die Arzneiausgabe nicht weiter mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Experten wie Billings und Jackson sind überzeugt, dass viele der Medikamente anormales Verhalten wie Paranoia und unkontrollierbare Wutausbrüche auslösen können. So wie im Fall von Patrick Burke.

Sein Freispruch könnte den Wendepunkt markieren bei der Urteilssprechung von ähnlichen Fällen: Ende vergangenen Jahres wurde David Lawrence verurteilt, einen Taliban Verdächtigen in einer Gefängniszelle tödlich ins Gesicht geschossen zu haben. Als während des Prozesses herauskam, dass Lawrence an Schizophrenie litt, vor der Tat über Halluzinationen geklagt hatte und überzeugt war Stimmen zu hören, wurde sein Urteil reduziert. Statt zwölfeinhalb Jahren könnte der 20-jährige bei guter Führung nun nach acht Jahren wieder auf freien Fuß kommen. Lawrences Medikamenten-Cocktail zur Tatzeit: Zoloft, ein Antidepressiva, und das Schlafmittel Trazodol.

Der Soldat als Opfer seines durch Tabletten vernebelten Geistes - es ist ein Urteil, auf das offensichtlich auch die Anwälte des amerikanischen Unteroffiziers Robert Bales hoffen. Vor wenigen Wochen soll ihr Mandant in Afghanistan bei einem Amoklauf 17 Zivilisten darunter neun Kinder erschossen haben. Heute will sich Bales an die Bluttat nicht mehr erinnern können. Anklage wurde bisher nicht erhoben ("Er ist einfach übergeschnappt"). Seine Verteidiger haben bereits vorsorglich nach einer Liste aller vom 38-jährigen Soldaten benutzen Medikamente gefragt. Ein Team von Militärpsychiatern klärt jetzt, ob er geistig zurechnungsfähig ist und damit für seinen Taten überhaupt verantwortlich gemacht werden kann.

Es wird nicht der letzte Fall dieser Art sein. Der nordamerikanische Fachverband für Psychologie (APA) drängte zusammen mit dem Verband US-amerikanischer Psychiater während einer Anhörung beim US-Kongress 2010 die US-Armee, ihren eingeschlagenen Weg der Verteilung von Psychopharmaka an Militärpersonal wie bisher weiterzugehen.

Die wirkliche Gefahr sei nämlich, mahnten die Fachverbände, wenn die Soldaten keinen Zugang mehr zu den mutmaßlich lebensrettenden Medikamenten hätten. Und die Arznei-Beraterin des Generaloberstabsarztes der US-Armee gibt ihnen Recht: Man verschreibe die Medikamente ja nicht öfter oder anders als in der zivilen Welt, erklärt sie. Es wäre wie mit jedem Arzneimittel: man müsse eben die Risiken und die Vorzüge abwägen.

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36804/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Telepolis Gespräch

Wege aus der Krise

Sparen, Geld drucken oder Wettbewerbsfähigkeit steigern? Mit Heiner Flassbeck, Professor für Ökonomie.

Am Montag, den 5. Mai, im Amerika Haus in München.

Anzeige
Die Neurogesellschaft Postmediale Wirklichkeiten SETI
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS