Piratenfischerei auf Hoher See

13.05.2012

Greenpeace-Walexperte Thilo Maack über die Wildfischerei und die Situation der Schweinswale in Nord- und Ostsee

Auf der Rio-Konferenz im Juni wird die Situation der Meere diskutiert werden. Überfischung der Ozeane, Schiffsverkehr, Gifte: Immer mehr Faktoren gefährden Gleichgewicht und Biodiversität der Meere. In Nord- und Ostsee sind es die heimischen Schweinswale, die wegen der Offshore-Windparks, Ölplattformen und Grundschleppnetzen der Fischerei verenden. Ihren Bestand schätzen die Umweltverbände, aber auch die Europäische Union inzwischen als sehr gefährdet ein. Thilo Maack ist Walexperte bei Greenpeace und häufig mit Schiffen auf der Nord- und Ostsee unterwegs. Im Gespräch weist er auf die Risiken und Möglichkeiten zum Schutz der kleinen Wale hin, die Flipper sehr ähnlich sind.

Gewöhnlicher Schweinswal. Bild: AVampireTear/GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Auf der Rio-Konferenz geht es um zwei Themenfelder: 1. Um die Erneuerung des institutionellen Rechtsrahmens, um die Umsetzung des Prinzips der nachhaltigen Entwicklung besser zu kontrollieren und 2. um die "green economy", mit den Unterthemen Städte, Energie und die Ozeane. Wird Greenpeace mit einer Forderung zum Walschutz in Rio präsent sein?

Thilo Maack: Wir sind insofern auch mit dem Walschutz präsent, als wir ein Umweltschutzabkommen für die Hohe See fordern. Das sind die Bereiche des Meeres, die nicht irgendwelchen Nationen gehören. Dafür brauchen wir ein Umweltschutzabkommen, denn zurzeit wütet dort die Wildfischerei, eine Piratenfischerei, die Grauzonen in der Gesetzeslage ausnutzt. Und diese Grauzone muss unbedingt geschlossen werden. Das ist unsere Hauptforderung bei der Rio+20 Konferenz im Rahmen der Debatte um die Ozeane. Wir brauchen ein Umweltschutzprotokoll für die Bereiche in der Hohen See.

Welche Länder oder welche Akteure fischen in der Hohen See illegal?

Thilo Maack: Das ist ein Netzwerk von international operierenden Firmen. In erster Linie werden dort Schwarmfischarten gefischt. Es gibt aber auf der Südhalbkugel auch eine Fischerei auf den schwarzen Seehecht. Hieran sind leider auch Nationen der Europäischen Union beteiligt. Hier führt Greenpeace gerade Untersuchungen durch, die bald veröffentlicht werden. Da kann man gespannt sein, was dabei herauskommt."

Der Liebling der Sylter Touristen wird nur noch selten gesichtet

Der Schweinswal ist die einzige heimische Walart in der Nord- und Ostsee. Im Frühjahr wandern die Wale in die flachen Küstengewässer, beispielsweise auch vor die Insel Sylt, und suchen erst ab Herbst die küstenfernen Gebiete auf. Die Internationale Vereinigung zum Schutz der Natur und der natürlichen Ressourcen schätzt diese kleinen Zahnwale als sehr gefährdet ein. Während im Schwarzen Meer noch der kommerzielle Fang erlaubt ist, ist er in allen Staaten der europäischen Union hingegen verboten. Welches sind ihrer Meinung nach die Gründe für das Verschwinden des sogenannten kleinen Tümmlers, der sich auch mal unter Badende mischt?

Thilo Maack: Die Hauptgründe für den zurückgehenden Bestand sind zwei Faktoren. Zum einen das Verenden der Tiere in den Netzen der Fischerei. Die Tiere verheddern sich in den Netzen und da sie nicht mehr an die Wasseroberfläche können, um dort Luft zu holen, ertrinken sie in den Netzen in der Tiefe jämmerlich.

Und der zweite Grund ist sicherlich, dass die südliche Nordsee mit einer der am meisten befahrenen Wasserstraßen der Welt Unterwasser unglaublich laut ist. Und – genauso wie die Welt der Menschen aus Bildern gefügt ist – besteht die Welt der Wale aus Tönen. Die Unterwassergeräusche von Schiffsschrauben, der Lärm von Ölbohrplattformen führen dazu, dass sich die Tiere nicht mehr richtig orientieren können, dass sich die Gruppen auflösen und sich die Tiere nicht mehr finden können. Die Lärmlaute beeinflussen auch das Jagdverhalten unter Wasser."

Bisher liefern wissenschaftliche Studien keinen gesicherten Gesamtüberblick des Walbestands in Nord- und Ostsee. Das liegt einerseits an den kleinen Untersuchungsgebieten per Hubschrauber oder Schiff, mit denen Einzelindividuen gezählt werden. Andererseits an den schnell wechselnden Wetter- und Sichtbedingungen, die eine korrekte Bestandsaufnahme erschweren. Eine Studie im westlichen Teil der Ostsee geht von 10.500 Exemplaren aus. Östlich von Rostock in der zentralen Ostsee schwankt die Schätzung hingegen auf zwischen 100 und 600 Tieren. Trotz der unterschiedlichen Statistik gehen Meeresinstitute von einer deutlichen Abnahme des Bestands aus. Wie sind sie von Greenpeace auf die Gefährdung der kleinen Walart, die eine Länge von bis zu eineinhalb Metern erreichen kann, aufmerksam geworden? Hat Greenpeace eigene Studien durchgeführt?

Thilo Maack: Greenpeace hat keine eigenen Studien erstellt. Wir sind tatsächlich durch die sehr guten Kontakte mit den Institutionen an der Nord- und Ostsee aufmerksam geworden, dass die Strandung zunimmt, dass wesentliche mehr Tiere in den letzten Jahren stranden als vorher. Und viele dieser Tiere tragen sogenannte Netzmarken. Das sind Verwundungen und Abdrücke von den Maschen der Stellnetze, die die Tiere am Körper tragen, so dass man davon ausgehen kann, dass die Tiere in den Netzen der Fischerei verendet sind. Das sind besorgniserregende Zahlen. Aber natürlich sind wir und andere auch auf unabhängiges Zahlenmaterial angewiesen und da gibt es einschlägige Studien, die zeigen, dass die Stellnetzfischerei im Besonderen eine große Gefährdung für die Schweinswalbestände in Nord- und Ostsee darstellt.

Auch Schutzgebiete schützen den Zahnwal nicht effektiv

Es ist bekannt, dass die Tiere zum Jagen nach Tintenfischen, Krebstieren, Plattfischen und Grundeln den Meeresgrund mit der kleinen flipperähnlichen Schnauze aufwühlen. Sie tauchen dabei 20 bis 90 Meter tief und können sechs Minuten unter Wasser bleiben, ohne Luft zu holen. Ein Hindernis beim Ab- und Auftauchen sind natürlich die Stellnetze der Fischer mit ihren reißfesten Nylonmaschen. Häufig sind sie ja auch kilometerlang. Warum ist eine solche ökologisch risikoreiche Fischerei, die die Artenvielfalt im Meer bedroht, überhaupt erlaubt?

Thilo Maack: Die Stellnetze haben häufig eine Länge von 5 bis 10 Kilometern. Wenn man die ganzen Stellnetze in der Nord- und Ostsee hintereinander stellen würde, käme man auf 10.000 Kilometer Netzlänge. Die Stellnetze sind zurzeit zumindest überall in der Nord- und Ostsee erlaubt. Wir arbeiten seit Jahren für die Einrichtung von großflächigen Schutzgebieten, wo diese Stellnetze nicht mehr erlaubt sind und wo die Schweinswale ihre Refugien hätten. Es gibt eindeutige Untersuchungen, die zeigen, dass im Bereich des Sylter Außenriffs sehr viele Mutter-Kalb-Paare sind, sehr viele Schweinswale, die dort ihre Jungen aufziehen und dort müsste man beispielsweise die Stellnetze heraushalten, um dem Nordseebestand eine Chance zu geben, sich wieder zu vermehren und zu einer gesunden Bestandsgröße heranzuwachsen.

Die Wale verständigen sich einerseits durch Klicklaute, die ihnen auch zur Orientierung im Wasser helfen und für Fressfeinde beispielsweise wie den Schwertwal nicht zu hören sind. Dennoch ihre Reproduktion ist nicht gesichert. Einerseits gebären die weiblichen Tiere nach der Paarung von Juni bis August nur einmal pro Jahr ein Junges. Andererseits sind die Schutzgebiete vor Fischern nicht sicher. Warum ist es politisch so schwierig, die Fischerei in den Schutzgebieten und Kinderstuben der Kleinwale herauszuhalten, wenn doch die Europäische Union den Schweinswal vor dem kommerziellen Fang sowieso schützt?

Thilo Maack: Die Fischereiseite hat eine sehr große Lobby und in den politischen Parteien gibt es niemanden, der sich an der großen Fischereilobby die Finger verbrennen will. Selbst die Fischer, die einsehen, dass die Fischerei in den Schutzgebieten den Schweinswalbestand gefährdet, fürchten einen Präzedenzfall und sagen: "Wenn dort die Fischerei mit Stellnetzen verboten wird, dann ist es der erste Fuß in der Tür, um auch andere Gebiete ohne Stellnetze zu haben und das führt letztlich zu einem Niedergang der Fischerei." Das ist aus unserer Sicht großer Blödsinn.

Wir sind der Meinung, man muss, um den Schweinswalbestand in der Nordsee zu erhalten, großflächige Schutzgebiete einrichten. Das hätte für die Fischer auch den ökonomisch wichtigen Effekt, dass sich in diesen Gebieten neben den Schweinswalen auch die Fischbestände wieder erholen, da es auf diese Fischbestände keinen Fischereidruck mehr gibt. Und die werden innerhalb der Schutzgebiete so zahlreich sein, dass die Fische aus den Schutzgebieten auswandern und außerhalb der Schutzgebiete der Fischerei wieder zur Verfügung stehen. Zurzeit gibt es keinen einzigen Quadratmeter in der südlichen Nordsee, der nicht unter dem Einfluss der Fischerei steht."

Greenpeace wirft mit Felsen gegen Fischerei

In Schweden haben Greenpeace-Aktivisten 2008 Steine in die Schutzgebiete der Wale geworfen, um die Jungtiere vor den tödlichen Stellnetzen zu schützen. In Deutschland gab es 70 Kilometer von Sylt entfernt eine ähnliche Aktion, die 2011 wiederholt wurde. Konnte sich der Schweinswalbestand dort zwischenzeitlich erholen?

Thilo Maack: Während die Schwedische Regierung das Versenken der Felsbrocken als Naturschutzmaßnahme gewertet hat, wurde dies in Deutschland verboten. Da gehen die Meinungen zweier Regierungen auseinander. Wir haben sowohl in Schweden als auch in den deutschen Gewässern diese Steine versenkt, um die Bereiche – es geht um Steinriffe – vor der Fischerei zu schützen. Wir machen einmal im Jahr Untersuchungen, was auf den Steinen gewachsen ist und ob es dort noch Fischereiaktivitäten gibt. Es stellt sich heraus, dass in diesen Bereichen keine Grundschleppnetzfischerei mehr stattfindet und dass dadurch eine andere Artenzusammensetzung im Vergleich zu den befischten Bereichen entsteht. Das ist gut so.

Hat sich auf den inzwischen mit Felsbrocken markierten Seekarten und Meeresbereichen der Schweinswalbestand erholen können?

Thilo Maack: Wir haben die Steine 2008 geworfen. Die Schweinswale bekommen ein Junges pro Jahr. Es wäre statistisch nicht sauber, wenn wir diesbezüglich bereits die ersten Schlüsse ziehen würden. Aber wir begleiten das Ganze mit einem Monitoring, mit Untersuchungen, die wir einmal pro Jahr durchführen. Und wir hoffen, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren auch messbare Effekte haben. Wir hoffen, dass, wenn die Fische dort in größerer Zahl wachsen, sich dann auch die Schweinswale besser etablieren können. Wir machen diese jährlichen Ausfahrten im Mai zu den Steinen in der Nordsee. Da wird getaucht und geschaut, wie viele Schweinswale vorkommen und wie viele Fische an den Steinen leben.

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