Erste Erfolge gegen High-Frequency-Trader (HFT)

25.04.2012

Von großen Börsen werden erste HFT-Praktiken verboten und gerade verdonnerte die US-Aufsichtsbehörde einen Hochfrequenz-Trader, der 2007 den Ölpreis manipuliert hatte, zu 13 Millionen Dollar Strafe

Vor allem in den USA stehen die Hochfrequenz-Händler seit dem "Flash-Crash" im Mai 2010 schwer in der Kritik. Vermutlich nicht ganz zufällig gab die die US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) nur zwei Tage, nachdem Präsident Obama eine Initiative gegen illegale Öl-Handelspraktiken angekündigt hatte, am letzten Donnerstag einen Vergleich mit der Amsterdamer HFT-Firma Optiver bekannt. Ihr wurde vorgeworfen die Preise für Rohöl, Benzin und Heizöl an der weltgrößten Warenterminbörse NYMEX U.S. im März 2007 in 19 Fällen manipuliert und daraufhin die Kommission belogen und Vertuschungsversuche unternommen zu haben.

Der Hochfrequenz-Handel ist einer der jüngsten Cash-Generatoren der Wall Street und entsprechend mangelhaft ist deren Regulierung. Da ein Großteil der Erträge der HFT-Trader sich zudem in den Bilanzen der weltweit führenden Investmentbanken versteckt ist, kann nur geraten werden welche Gewinne die HFT-Trader aktuell tatsächlich generieren. Bekannt ist, dass die mit HFT befassten Hedge Fonds aktuell über rund 150 Milliarden Dollar an Kapital verfügen, während die Gewinnschätzungen für die gesamte Branche bei bis zu 25 Mrd. Dollar liegen. Jedenfalls darf wohl vermutet werden, dass sich die enormen Aufwendungen im Wettrennen um die schnellste Reaktionszeit für die meisten Marktteilnehmer durchaus lohnen.

Das Universum, in dem sich die Hochfrequenz-Trader bewegen, bleibt indes den normalen Investoren verschlossen. Ihre differenzierte "Weltsicht" wurde jüngst von US-XX Unternehmen Nanex dargestellt, das zuletzt weltweites Aufsehen erregt hatte, weil es den gescheiterten Börsengang der Plattform Bats Global Markets, der drittwichtigsten US-Börse, auf eine gezielte HFT-Attacke zurückführte.

Grafik: Nanex

Die "Welt" für normale Börsenhändler stellt sich gelegentlich nur als langer vertikaler Strich in einem Chart dar, währenddessen sich in der Zeitskala der HFT die Computer aber ein umfangreiches Ping-Pong-Spiel geliefert haben, dem ein Mensch niemals folgen könnte. Den normalen Trader wird dann nur bekannt, dass da anscheinend massive Preisschwankungen vorgefallen sind, wobei sie nur hoffen können, dass kein HFT ihre limitierten Positionen gerade zu Unzeiten ausgeübt hat.

Grafik: Nanex

Während die Erträge des HFT offenbar beachtlich sind, ist ein volkswirtschaftlicher Nutzen jedoch nur sehr schwer zu sehen. So bleibt den Befürwortern als einziges Argument für HFT, dass dadurch die Liquidität an den Märkten erhöht werde und etwa systematisch die "Spreads" zwischen Kauf- und Verkaufspreisen reduziert würden. Dem muss freilich entgegengehalten werden, dass es ja niemanden anderen gibt als alle anderen "normalen" Marktteilnehmer (mittelbar also auch alle, die Zahlungen z.B. aus einem Pensionsfonds erwarten), um Kosten und Gewinne der HFT zu finanzieren. Noch dazu verabschieden sich die HFT in ungewöhnlichen Zeiten sofort aus dem Markt, also genau dann, wenn Liquidität am meisten gefragt wäre – wobei sich ihr Rückzug dann auch stark destabilisierend auswirken kann.

So ist es oft die Essenz des HFT, sich bei großen "normalen" Orders dazwischen zu drängen und einen oft unmerklich kleinen "Spread" zu kassieren. Es bestehen aber auch enorme Möglichkeiten, die Preise zu manipulieren, etwa indem sie eine große Zahl an Verkaufsordners zu unterschiedlichen Preisen in den Markt zu stellen und sofort wieder löschen, bevor noch jemand darauf reagieren kann. Am wenigsten schädlich dürfte wohl noch die Profitchance sein, die sich daraus ergibt, bestimmte Indikatoren permanent zu verfolgen und daraus Kauf- und Verkaufsignale zu generieren. Hier ergibt sich der Zwang zur Geschwindigkeit, weil die HFT mit ähnlichen Modellen und weitgehend denselben Indikatoren arbeiten und deshalb zur selben Zeit sehr ähnliche Orders generieren.

"The Hammer" is "banging the close"

Anders der überführte Ölpreis-Manipulator Optiver. Der hatte mit seinem "the Hammer" genannten superschnellen Equipment unmittelbar vor Handelsschluss Salven an Orders abgesetzt, die den Schlusskurs in die gewünschte Richtung trieben – genannt "banging the close". Nun muss die in Amsterdam angesiedelte Optiver – ohne irgendetwas einzugestehen – eine Million Dollar an Gewinn und weitere 13 Millionen an Strafe überweisen und wird auf drei Jahre vom Handel in den USA ausgeschlossen, wird sich also auf Europa konzentrieren müssen. Die Strafzahlung erreicht dabei jedoch nicht einmal die 19,3 Millionen Dollar, die das Unternehmen in der 2010er Bilanz zurückgestellt hat, und nimmt sich auch gegenüber den Handelserträgen durchaus bescheiden aus. So habe das Privatunternehmen laut Reuters 2007 ein Handelsergebnis von 551 Millionen Euro und 2008 von 701,6 Mio. Euro erzielt.

Während Optiver dieses Jahr also gewinnsteigernd 5,3 Millionen Dollar an Rückstellungen auflösen kann, ist es für die US-Regierung der erste größere Erfolg gegen die unsauberen Praktiken der HFT. CFTC-Commissioner Bart Chilton trat dann auch mit stolzgeschwellter Brust an die Öffentlichkeit und warnte, hinter jedem her zu sein, der die Märkte manipulieren wolle.

Bei dieser vermutlich am weitesten verbreitete HFT-Manipulationstechnik wird eine große Zahl an Orders platziert, die aber so schnell wieder gelöscht werden, dass sie nicht ausgeübt werden können, wofür Nanex nach dem Flasch-Crash den Begriff Quote Stuffing prägte, der jetzt auch von europäischen und US-amerikanischen Börsen übernommen wurde.

Nicht zuletzt, um anstehenden Regulierungen der US-Behörden sowie Beschränkungen im Zuge der für 2013 erwarteten neuen EU-Finanzdienstleistungsrichtlinie Mifid II zuvorzukommen, sind zuletzt auch die großen Börsen offenbar koordiniert gegen diese HFT-Praktik vorgegangen. Da die Handelsplätze, die zuletzt viel Geschäft an "Black Pools" und neue elektronische Handelsplätze verloren haben, bei jedem Trade mitschneiden, sind die HFT gefragte Kunden, die für ihre in unmittelbarer Nähe der Handelscomputer angesiedelten Server enorme Mieten zahlen und dafür erhebliche Handels-Discounts herausholen können, wenn sie hohes Volumen bringen. Wenn aber ihr Verhältnis von Aufträgen und Handelsabschlüssen (order-to-trade-ratio) besonders weit auseinanderklafft, werden sie nun zusätzlich zur Kasse gebeten, beispielsweise von der Deutschen Börse und der NYSE, die allerdings erst dann einschreiten, wenn weniger als ein Tausendstel aller Orders eines HFT tatsächlich ausgeführt werden. Die neue Mifid II wird die HFT voraussichtlich ebenfalls etwas härter anfassen. So forderte etwa der CSU-Politiker Markus Ferber generell Gebühren, wenn Aufträge vor Ablauf einer noch festzulegenden Mindesthaltefrist storniert werden.

Angesichts der offenbar sehr hohen Gewinne und der damit verbundenen Einflussmöglichkeiten ist aber dennoch kaum abzusehen, dass dieser Geschäftszweig bald ernsthaft behindert wird - was etwa ebenso einfach wie radikal mit einer Tobin-Tax oder mit einer Mindestzeit von z.B. einer Sekunde, die jeder Trade dauern müsste, geschehen könnte.

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