Retrotopia

01.05.2012

Alljährlich findet am Münchner Berg am Laim das Vintage Computer Festival Europa statt. Am vergangenen Wochenende zum 13. Mal

1998 fand es als kleines Sammlertreffen im kalifornischen Pleasenton erstmals statt und hat sich seit dem zu einer weltweiten Festival-Tour entwickelt. Auf dem Vintage Computer Festival Europa (VCFe) stellen jedes Jahr in München Privatsammler, Vereine und Museen besondere Artefakte der Technikgeschichte des Computers vor.

Das Thema des diesjährigen VCFe waren am vergangenen Wochenende in der dazu angemieteten Mehrzweckhalle des ESV München Ost Adventure-Spiele: Von den frühesten Textadventures, über "Zork" (1977) bis hin zu Varianten und Adaptionen des Genres auf Homecomputern, Minicomputern und Geräten, die nicht zum Spielen gebaut wurden, zeigten die Aussteller, welche Abenteuer mit alter Hardware möglich waren und sind. Neben diesem Thema gab es allerdings noch reichlich anderes zu bestaunen.

Die Flohmarkt-Ecke: vom ausgeschlachteten "Atari 800" über den Würfelmac bis zur VCS-Konsole kann man so gut wie alles (ver)kaufen.

Preisfragen

Das Festival ist stets eine Mischung aus Ausstellung, Diskussions- und Vortragsforum, Spielhalle und nicht zuletzt An- und Verkaufsstelle für alte Hard- und Software. Diejenigen, die alte Computer sammeln, haben in den vergangenen Jahren feststellen müssen, dass auf normalen Flohmärkten Technik, die älter als PlayStation ist, kaum noch auftaucht. Anstelle dessen ist Ebay zur bekanntesten Handelsplattform für "Klassische Computer" geworden. Schaut man sich die Auktionen dort an, könnte man jedoch schnell auf die Idee kommen eine "Technik- und Kulturgeschichte des deutschen Dachbodenfundes" zu schreiben.

Als Briefmarken noch schwarz-weiß waren: Adventures auf dem "Mac Plus" mit 9-Zoll-Bilddiagonale

Die Preise der dort angebotenen "unerwarteten Dachbodenfunde" sind allerdings zumeist ebenso hoch wie die Fundstellen und begehrte Geräte beim Auktionator sowieso nur selten zu bekommen. Die Käufer und Verkäufer auf dem Flohmarkt des VCFe halten oft nichts von Ebay, was sich schon an den realistischeren Preisen und der Häufigkeit der dort angebotenen Artikel ablesen lässt. In diesem Jahr war vor allem eine auffällig Häufung von Schachcomputern, Indigo-Workstations und VAXen dort zu finden und für erstaunlich kleines Geld zu bekommen. Daneben haben alten Fachliteratur, Software auf Kassette und Diskette und Fan-Artikel ihre Besitzer gewechselt.

Der C64 wird 30 … und wird immer noch weitergebaut.

We Be Geeks

Der Flohmarkt nimmt allerdings nur etwa ein Fünftel der Hallenfläche ein. Die Hauptattraktion sind die Aussteller. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: eine beachtliche Sammlung von Robotron-Personalcomputern und -Bildschrim-Terminals, Einplatinen-Rechner auf Basis des mc-CP/M-Bastelprojektes, Hewlett-Packard-Tischrechner der 70er- und 80er-Jahre, liebevoll verkleidete Retro-Computer-Repliken von Vince Briel, fast nur in Japan bekannte 16-Bit-Rechner von Sharp und Fujitsu, eine Sammlung GRiD-Laptops sowie Homecomputer von Apple, Commodore (der C64 wird bald 30 - das wurde gefeiert), Amstrad, Sinclair und anderen Herstellern. Auf einer Bühne an der Stirnseite der Halle waren Spielautomaten aus den Spielhallen und Wohnzimmern der 80er ausgestellt und eigentlich die ganze Zeit im Spieleinsatz.

Klassische Macs mit Adventure-Spielen

Neben solchen Sammlungen von (mit einer Ausnahme: der holländische Friden 5005 mit Lochstreifen-Einheit von 1967/68) funktionierenden und auf dem VCFe im Dauereinsatz befindlichen Computern gab es zahlreiche Bastel- und Experimental-Projekte zu sehen: eine i860-Karte im 486er, der durch diesen RISC-Prozessor Ende der 80er-Jahre in die Supercomputer-Liga aufstieg, ehemals sündhaft teure SGI Indigos und DEC-Minicomputer, auf die Spiele portiert wurden, eine PC632M-Emulation im FPGA und eine Z80-Implementierung auf ATMEGA-Basis.

Robotron-Tischrechner

CRAY on a Chip & CRAY on a Truck

Zu diesen Hard- und Software-Experimenten fanden parallel im Nebenraum Vorträge statt, in denen man sich über die Details der Exponate informieren konnte. Ein Assembler-lastiger Beitrag über den "Cray on a Chip"-RISC-Prozessor i860 von Intel, in welchem an Code-Beispielen erklärt wurde, warum die Pipleline-Programmierung die meisten damaligen Hochsprachen-Compiler überfordert hat. Ein Vortrag über die Emulation eines PC632M-Systems auf einem FPGA-Chip, die dabei helfen soll diese immer seltener anzutreffenden Hardware-Infrastrukturen zu bewahren, oder der minutiöse Bericht über eine Z80-Emulation mit ATMEGA, auf der dann Sinclairs ZX80, ZX81, Spectrum und sogar der seltene FORTH-Homecomputer Jupiter Ace laufen.

Der "KC 85" als modulares Monster - hier u.a. mit Scanner-, USB- und Netzwerk-Erweiterungen

Dass eine Vintage-Computer-Schau vor allem für Technikmuseen interessant ist, erscheint selbstverständlich und so handelten nicht wenige der Vorträge dann auch von bereits bestehenden und erst noch entstehenden Computermuseen. In München wird etwa gerade das Großrechner-Museum datArena aufgebaut, in dem - anders als etwa in Kiel - die Rechner auch noch funktionieren und in Betrieb vorgeführt werden.

Links: ein GRiD-Laptop, daneben: Selbsbau-Einplatinen-Rechner im Gehäuse: Der Nachkomme des berüchtigten "NDR-Klein-Computers"

Der Bildvortrag des Museums-Mitarbeiters berichtete auf amüsante Weise vom Verladen und Transport von Großrechnern quer durch Europa nach München. Das neue Oldenburger Computermuseum stellte sein Ausstellungskonzept und die spezifische Museumsdidaktik vor und der grade im Entstehen befindliche "digital retro park" (ein Zusammenschluss mehrerer im Rhein-Main-Gebiet befindlicher Computer-Clubs und -Vereine) gab Einblicke in die Planung des kommenden Museums.

Das italienische Museo del Computer aus Novara hat seine HP-Tischrechner mitgebracht.

Vereine und Magazine

Das gemeinsame Hobby "Computer" schmiedet nun schon 30 Jahre lang Leute zu Interessengruppen zusammen. Erstaunlich ist dabei immer wieder, wie aktiv und kreativ diese Gruppen auch heute noch sind. So waren auf dem VCFe Vereine wie die Apple User Group Europa e.V. mit Exponaten und aktueller Software anwesend, eine Gruppierung, die sich mit dem Ausbau und der Aktualisierung von Atari-8- und 16-Bit-Computer beschäftigt, stellte einen auf die neusten Multimedia-Techniken getunten Falcon-060-Rechner vor und der Verein zum Erhalt klassischer Computer e.V. mit seinem unverkennbaren Schwerpunkt auf Amstrad/Schneider-CPC-Hardware, hatte neben neuer Software für die Rechner und zahlreichen Computer-Stickern ein Andruck-Exemplare der in Kürze erscheinenden Zeitschrift LOAD dabei.

Ein in Restauration befindlicher "Friden 5005" mit Lochstreifen-Leser

LOAD ist keine Vereinszeitung, sondern neben dem RETURN- und dem RETRO-Magazin ein weiteres Classic-Computing-Heft, das künftig 1-2 mal pro Jahr erscheinen soll und sich (zumindest in der Nullnummer) komplett durch Spenden finanziert hat, weswegen es auch gratis verteilt wird. Der Verleger des Winnender CSW-Verlages, in dem auch die RETRO erscheint, war ebenfalls auf dem Festival und bot dort Bücher und Fan-Artikel zum Thema klassische Computer an. Im Mai soll bei CSW der dritte Teil der Retro-Roman-Trilogie von Constantin Gillies erscheinen, deren erste beiden Teile nicht bloß in der Retro-Szene zu einem beachtlichen Erfolg geworden sind.

Hacking the Smaller Machine: Funktionierender Nachbau eines Arithmetik-Teils des "Calcolatrice Elettronica Pisana" von 1957

GOTO 14

Das Festival wird auch 2013 wieder in München und dort am selben Ort wie üblich stattfinden. Aussteller und Referenten werden bereits gesucht. In diesem Jahr war der Besuch der Location mit kleinen Hindernissen verbunden, weil auf dem Gelände direkt nebenan durch den Abriss alter und den Bau neuer Gebäude eine Großbaustelle entstanden ist, an der man sich vorbei lavieren musste, um zum Ausstellungsgelände zu gelangen. Dieser Umstand und die hochsommerlichen Temperaturen haben dem Besucherstrom aber trotzdem keinen Abbruch getan. Die Halle war mit Besuchern aller Altersklassen und entgegen dem Klischee beiderlei(!) Geschlechts zeitweise so sehr gefüllt, dass man keinen Fuß vor den anderen setzen konnte.

Spielen auf 100.000-DM-Hardware: Ballerspiele für die Indigo

Mit dem Thema Platzmangel soll dieser Bericht auch enden und einen Aufruf des Veranstalters weitergeben: Der VCFe sucht für seine eigene Sammlung historischer Hardware (immerhin 1500 Geräte) eine neue Lagermöglichkeit, da die jetzige Halle, in der sich die Computer befinden, abgerissen wird. Wer also eine Location in München und Umgebung kennt, die mindestens 250 Quadratmeter Fläche hat und kurzfristig zu vermieten ist, melde sich beim VCFe.

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