When Attitude becomes Art

03.05.2012

Die ästhetische Form der 7. Berlin Biennale oszilliert zwischen Wandzeitung, Infostand, interaktivem Happening und Videopräsentation - die Feuilletons sind nicht angetan

"Ein Künstler, der sich dem politischen Bewusstsein verschließt, ist nur ein Designer." Dieses Zitat des russischen Künstlerkollektivs "Voina" (Krieg), das mit Aktionen im öffentlichen Raum die Behörden herausfordert und dafür mit Verfolgung und Inhaftierung einen hohen Preis zahlt, weist die Richtung, die die 7. Berlin Biennale unter Leitung des Künstlers und Kurators Artur Żmijewski zusammen mit seinen Kollegen Joanna Warsza und "Voina" eingeschlagen hat.

Wie schon in seinem "Manifest Angewandte Gesellschaftskunst" positioniert Żmijewski die Kunst auf der Grenze hin zum sozialen Aktivismus. Żmijewskis Diagnose der Situation in Europa und der Welt ist düster und seine Kritik an der Kunst findet sich im Vorwort der Biennale-Publikation: "Kunst handelt nicht und funktioniert nicht"1, schreibt er dort und stellt die Frage, wie Kunst helfen könne, die "Realität performativ zu gestalten". Denn die Politik hat ihre Handlungsspielräume verloren und das Vertrauen verspielt. Banken und die Global Player in der Ökonomie diktieren in Grundzügen die Politik. Der einzige Hoffnungsschimmer sind die Grassroot-Bewegungen. Als pars pro toto, recht jung und an vielen internationalen Orten operierend, ist Occupy in die Berlin Biennale integriert. Politik selber gestalten, auf den Straßen und Plätzen, das wollen immer mehr Bürgerinnen und Bürger, darunter auch viele Künstler.

"New World Summit" von Jonas Staal, Foto: Marta Gornicka

Nun bietet der Kunstraum schon lange ein Forum für Kapitalismuskritik und auch die letzten zwei Biennalen, 2010 von Kathrin Rhomberg und 2008 von Adam Szymczyk und Elena Filipovic, spürten mit ihren Kunstparcours seismographisch den internationalen und gesellschaftlichen Konflikten nach. Artur Żmijewski und Kollegen jedoch drehen die Schraube noch weiter und öffnen den Kunstkontext für die Aktivisten, bis hin zu einem Projekt des niederländischen Künstlers Jonas Staal, der Vertreter von Organisationen, die auf internationalen Terrorlisten aufgeführt sind zu einem Gipfel lädt. In den Kunstwerken dient ein Modell eines Saals mit rundem Konferenztisch und den Flaggen der Organisationen als "Platzhalter" für den am 4. und 5. Mai stattfindenden Gipfel in den Sophiensälen. Staal stellt damit die Parameter auf den Prüfstand, die für die Definition von Terrorismus angewandt und je nach Opportunität fallen gelassen werden. Erinnern muss man an den häufigen Paradigmenwechsel in diesem Bereich, der z.B. auch den ANC als Terrororganisation führte. Selbst Nelson Mandela war bis 2008 in den USA auf einer Liste internationaler Terroristen verzeichnet.

"New World Summit" von Jonas Staal, Foto: Marta Gornicka

Die ästhetische Form der Biennale oszilliert zwischen Wandzeitung, Infostand, interaktivem Happening und Videopräsentation. In Anlehnung an Marx und im Geiste von Żmijewski könnte man formulieren: "Die Kunst hat die Welt hinreichend kommentiert, es kommt darauf sie zu verändern." Mindestens Beuys hätte seine pure Freude gehabt.

Ob Netzfreiheit, erneuerbare Energie, Umverteilung des Reichtums, der Konflikt zwischen Palästina und Israel, Spekulation mit Nahrungsmitteln, die Diktatur der Drogenbosse in Kolumbien, fündig wird man bei der Biennale in jedem Fall. Und das ist vielleicht das größte Problem, dass sie zu einem Jahrmarkt der Beliebigkeit wird. Etwas mehr thematische Stringenz hätte ihr gut getan. Gleichwohl wäre die fast durchgängige Ablehnung der meisten Feuilletonisten dann auch nicht anders ausgefallen. Die Taz verspürt "körperliches Unwohlsein" und diagnostiziert die "Selbstabschaffung der Kunst", während der Cicero eine "Salatbar des Protests" erkennt, die FAZ die Biennale als "Politkitsch" wertet und die SZ wie auch die ZEIT enerviert abwinken.

Der Übergang von künstlerischen Aktionen hin zu politischer Praxis von "Bürgerinitiativen" ist fließend. Und in der Tat bietet der Gang durch die international renommierte Biennale dieses Mal kaum die bildungsbürgerliche Katharsis, sich mittels kritischer Kunst erschöpfend mit den Problemen der Welt befasst zu haben, um anschließend in den BMW zu steigen und ins nächste Restaurant zu fahren. Denn die Biennale kitzelt die Aktivierung heraus, drängt zur Positionierung und provoziert die Frage nach der eigenen Rolle in den Konflikten der heutigen Gesellschaft. In Anlehnung an die legendäre Ausstellung von Harald Szeemann im Jahr 1969 könnte man nun formulieren: When Attitude becomes Art.

Artur Zmijewski: Berek, 1999, Videostill, © Artur Zmijewski (Courtesy Foksal Gallery Foundation)

Artur Żmijewski, dessen eigenen künstlerischen Arbeiten auf der Provokationsskala immer weit oben angesiedelt sind, interessiert die Wirkung, die Interaktion zwischen Kunst und Publikum. Einem Chemiker ähnlich experimentiert er im Laborbereich Kunst, um Reaktionen zu testen. Der 2009 von einem internationalen Gremium zum Kurator der 7. Berlin Biennale gekürte Künstler ist preisgekrönt, aber nicht unumstritten. Aus der großen Ausstellung "Tür an Tür: Polen - Deutschland" (2011/12 im Martin-Gropius-Bau), zusammengestellt von der polnischen Kunsthistorikerin Anda Rottenberg wurde eine Arbeit Żmijewskis entfernt. Das 1999 gedrehte Video zeigt nackte Männer und Frauen u.a. in einer KZ-Gaskammer beim Fangspiel ("Berek" lautet der Titel). In einem Akt der Zensur, nämlich ohne Rücksprache mit Kuratorin und Künstler, wurde es nach einem Brief der Empörung entfernt. "Aus Respekt vor den Opfern der Konzentrationslager und deren Nachfahren", wie es in der offiziellen Begründung hieß. Żmijewski schockte mit diesem jahrelang im internationalen Kontext gezeigten Video und stellt dennoch implizit wichtige Fragen zum ritualisierten Erinnern und Gedenken, die erst durch die schnell als geschmacklos empfundene Tabuverletzung evoziert werden.

Artur Zmijewski: Berek, 1999, Videostill, © Artur Zmijewski (Courtesy Foksal Gallery Foundation)

Doch zurück zur Biennale, deren Pressekonferenz sich bereits mit der Sitzordnung von üblichen Ereignissen absetzte. Kreisförmig waren die Stühle um ein leeres Zentrum angeordnet. Neben dem Initiator der Kunstwerke, Klaus Biesenbach, der es sich nie nehmen lässt, mit seiner Anwesenheit daran zu erinnern, dass das Ganze maßgeblich seiner Initiative zu verdanken ist, saßen Żmijewskis und Warsza, die kurze Bemerkungen zu ihrer Konzeption machten und danach an die Occupy-Aktivisten abgaben.

Nachdem diese mit verteilten Rollen ihr globalisierungskritisches Manifest verlesen hatten, drehten sie das Ritual einer Pressekonferenz um und baten die anwesenden Journalisten sich zu positionieren. Das Ganze hatte den Touch einer Uni-Hauptversammlung zu Sponti-Zeiten. Interessanterweise hatten zuvor die Occupy-Aktivisten in New York auch das MOMA, Biesenbachs Dienststelle, belagert. Sie hatten jedoch keinerlei konkrete Forderungen und wollten nur auf die gesellschaftliche Macht und den "Marktfaktor" des MOMA aufmerksam machen, dessen Beirat personell auch mit Leuten von Sotheby’s bestückt ist.2 Damit knüpfen sie wissentlich an die Aktionen der Artworkers Coalition und ihrem Speertrupp "Guerilla Art Action Group" im Jahr 1969 an. Die führte in der Eingangshalle des Museums ein blutiges Happening auf und wiesen zur Zeit des Vietnamkriegs auf die Verquickung von MOMA und Rockefeller-Clan hin, der an der Napalmproduktion beteiligt war.

Die 7. Biennale - in stärkerem Maße als jemals zuvor - umfasst unzählige Veranstaltungen, inkorporiert verschiedene Protestformen bis hin zur revolutionären 1. Mai-Demonstration. Żmijewski hatte, anstatt Studiobesuche vorzunehmen, Ende 2010 dazu aufgerufen, Arbeiten, Ideen, Projekte und Konzepte einzureichen. Nahezu 5.000 internationale Künstlerinnen und Künstlern sowie Künstlergruppen meldeten sich. Sie sind nun in einem ArtWiki online verzeichnet und konnten ihre Daten dort selber verwalten:

Einige der von den Kuratoren ausgewählten Arbeiten werden erst im Laufe der Biennale entstehen, wie z.B. die "Peace Wall" der aus Bosnien stammenden und in London lebenden Künstlerin Nada Prlja. Ihre Mauer möchte sie auf Höhe der Friedrichstraße 226 errichten, um damit symbolisch die ökonomische Spaltung der Stadt zwischen dem sozialen Brennpunkt der südlichen Friedrichstadt und der nördlich gelegenen Shoppingmeile zu markieren. Der von Pawel Althammer initiierte Kongress der Zeichner in der Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße lädt alle Interessierten ein, zeichnerisch Stellung zu beziehen und den weißen Wänden ihren Stempel aufzudrücken.

"Draftsmen’s Congress" in der St. Elisabeth-Kirche, Foto: Marta Gornicka

Timea Junghaus, die ungarische Kunsthistorikerin und Roma-Aktivistin, hat für den 2. Juni die Roma-Ältesten (aus verschiedenen Ländern) für eine öffentliche Zusammenkunft vor dem bislang immer noch nicht fertig gestellten "Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma" zwischen Bundestag und Brandenburger Tor einberufen. Nachdem die "Perspektive Berlin", die sich 1988 auf Initiative von Lea Rosh und andern zu dem Zweck gegründet hatte, ein Denkmal zu errichten, das ausschließlich dem Gedenken an die ermordeten europäischen Juden gewidmet ist, protestierten Vertreter von Roma und Sinti, stellvertretend Romani Rose, vehement gegen diese fatale Opferhierarchisierung. Infolgedessen beschloss der Bundestag 1992 ein "Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma".

Die Baustelle des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma (nach einem Entwurf von Dani Karavan) am 29.04.2012. Foto: Matthias Reichelt

Ohne vorherige Ausschreibung war der Auftrag an Dani Karavan ergangen und der Baubeginn 2008 erfolgt. Streit um technische Fragen sowie um den Widmungstext diente als Begründung für eine jahrelange Verschleppung. Wie verlautet, soll es noch im Oktober in diesem Jahr fertig gestellt und eröffnet werden. Bauaktivitäten waren jedoch kürzlich immer noch nicht festzustellen. Deshalb werden die Roma-Ältesten und junge Aktivisten vor der Baustelle gegen die Ignoranz in Politik und Gesellschaft gegenüber dem Schicksal der Roma und Sinti protestieren und versuchen "das Gedenken an die Opfer unter Sinti und Roma ins kollektive Gedächtnis einzumeißeln."3

Einige Künstler starteten ihre Projekte lange vor der Biennale. "Kunst hieß vor 1968 mal etwas Schönes herstellen!" Dieser Kommentar findet sich auf der Netzseite der Berlin Biennale als Reaktion auf den bereits am 12. Januar 2012 lancierten Aufruf des tschechischen Künstlers Martin Zet unter dem Motto: "Deutschland schafft es ab". Er bat um Abgabe des Sarrazin-Buchs bei Sammelstellen, um es zu recyceln. Auch wenn dem kaum Leute folgten, so löste Zet eine erbitterte Debatte aus. Ihm wurde gar vorgeworfen, er wolle eine neue Bücherverbrennung durchführen.

Khaled Jarrar: State of Palestine, Pass-Stempel, Foto: © Khaled Jarrar

Wie ein geschickter PR-Effekt hatte die Biennale damit bereits im Vorfeld mit Aplomb auf sich aufmerksam gemacht. Auch der palästinensische Künstler Khaled Jarrar hatte seinen Stempel für einen antizipierten "State of Palastine" bereits im letzten Jahr als Vorgriff zur Biennale am Checkpoint Charly in viele Pässe gedrückt. Jetzt schmückt das Staatssignet eine Wand in den KW, es gibt Briefmarken der Post AG des zukünftigen Staates Palästina zu kaufen.

Khaled Jarrar: State of Palestine, Briefmarke, Foto: © Khaled Jarrar

Diskursive Prozesse sollen in Gang gesetzt, in Aktionen münden, um so Realität zu gestalten. Die Kuratoren gaben der Biennale das Motto "Forget Fear". Und dass bei der notwendigen Positionierung und gesellschaftlichen Handeln auch Angst zu überwinden ist, z.B. auch die Angst, von politischen Gegnern als Antisemit beschimpft und ausgegrenzt zu werden, ist keine Erfindung, sondern bittere Realität.

Es [sein kuratorisches Modell, Anm. des Autors] basiert auf Moderation und Verhandlung zwischen konträren politischen Standpunkten in Form von künstlerischem Handeln. Das Einzige, was diese Arbeitsweise tatsächlich zunichte machen kann, ist Angst, die lähmende Furcht vor realen Folgen und davor, für die Folgen Verantwortung zu tragen. Angst macht es unmöglich, sich ein pragmatisches Handlungsschema überhaupt vorzustellen. Auch ich fürchte mich, aber ich versuche die Angst zu vergessen.

Artur Żmijewski
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