Wie Einwanderer zu "wandelnden Krankheitsbomben" werden

Law-and-Order-Wahlkampf mit Hexenjagd auf Traffickingopfer?

Es ist gut, dass Griechenlands Wahlkampf sich am Sonntag dem Ende zuneigt. Die Sündenböcke gehen aus. Denn nach den Immigranten haben die um Stimmen ringenden Politiker schnell noch eine weitere Randgruppe als populistisches Hassobjekt entdeckt: die Prostituierten. Eine Nachricht und ihre Hintergründe.

Wahlkampfende - die Pasok feierte mit einer Konfettishow Venizelos' Abschlussrede. Bild: W. Aswestopoulos

Nachdem jahrelang Kontrollen der überwiegend ohne Zulassung betriebenen Bordelle unterlassen wurden, begann pünktlich in der letzen Woche vor den Wahlen eine wahre Gesundheitskontrollwelle. Immer mehr mit HIV infizierte Liebesdienerinnen werden entdeckt. Gesundheitsminister Andreas Loverdos möchte ebenso wie sein Kollege, Bürgerschutzminister Michalis Chrysochoidis, den Law-and-Order-Garanten der nominell sozialistischen PASOK spielen.

Loverdos bezeichnete wiederholt die im Land befindlichen illegalen Einwanderer als "wandelnde Krankheitsbomben", Chryssochoidis assistierte, indem er hervorhob, dass zahlreiche Asylsuchende gefährliche übertragbare Krankheiten hätten.

Der Bürgerschutzminister handelte noch in der letzten Wahlkampfwoche und eröffnete das mehrfach umzäunte Gefängnislager Amygdaleza in einem Vorort Athens. Dort werden Asylsuchende zusammen mit Wirtschaftsflüchtlingen eingepfercht. Chryssochoidis ließ die Eingesperrten medienwirksam von Seuchenspezialisten untersuchen.

Loverdos wollte etwas Analoges unternehmen und sandte seine Gesundheitskontrolleure auf Straßenstrichsuche und in Bordelle. Ziel der Aktion war es offenbar, möglichst viele illegal eingewanderte Prostituierte als krank zu identifizieren. Anfänglich schien es zu klappen. Die erste erwischte HIV-infizierte Prostituierte war eine illegal ins Land eingewanderte Russin. Die Dame warb im Internet für ihre Dienste und hatte unter anderem Oralverkehr ohne Verhütung im Angebot.

Der erste diesbezügliche Polizeibericht vermerkte, dass in einem illegal betriebenen Bordell zahlreiche gesundheitsbehördlich nicht erfasste Prostituierte arbeiteten und dass dieses Freudenhaus von einer neunundvierzigjährigen Ausländerin betrieben wurde. Eine der getesteten Frauen, eine zweiundzwanzigjährige Ausländerin, sei HIV-positiv, vermerkt der Bericht und verweist auf ein Protokoll der Gesundheitsbehörde.

Kurze Zeit später wurden von der Staatsanwaltschaft die Daten und Fotos der illegal eingewanderten Russin zur Veröffentlichung frei gegeben. Die Hexenjagd hatte begonnen. Allein am ersten Tag der Bekanntgabe der Identität der Infizierten hatten sich 700 Männer beim Gesundheitsamt gemeldet. Sie baten um AIDS-Tests, dass sie mit der erst seit wenigen Monaten im Land befindlichen Russin ungeschützten Geschlechtsverkehr ausgeübt hatten. Bei einigen von ihnen gibt es, so besagen durchgesickerte Informationen der Behörde, bereits positive Testergebnisse.

Ein Protestplakat gegen die Anprangerung der HIV-positiven Huren, aufgenommen gestern in Athen. Bild: W. Aswestopoulos

"Böse Ausländerin steckt Griechen an"

Die Medien hatten ihr gefundenes Fressen, "eine böse Ausländerin steckt Griechen an". Sie fanden heraus, dass die Russin bereits in ihrer Heimat als HIV-infiziert identifiziert wurde. Vor Gericht in die Enge getrieben gab die Prostituierte an, sie habe direkt nach ihrer Ankunft in Griechenland einen Test gemacht, der sie frei vom Virus zeigte. Man glaubte ihr nicht. Sie kam mit dem Vorwurf der vorsätzlichen gefährlichen Körperverletzung und vorsätzlichen versuchten Tat sowie der Gefährdung der öffentlichen Gesundheit in Untersuchungshaft.

Telepolis hat die Fakten der Woche gesammelt und mit Anna Kouroupou, einer bis zu Beginn der Eurokrise legal arbeitenden transsexuellen Prostituierten diskutiert. Frau Kouroupou hatte mit einem Beitrag in ihrer regelmäßigen Kolumne im Online-Magazin Eyedoll Thesen aufgestellt, die entgegen dem allgemeinen Trend kritischer Zeitgenossen eine gewisse Berechtigung zur Aufdeckung der Identität der Russin sahen.

Noch bevor Frau Kouroupous Beitrag erschien, waren weitere 12 Prostituierte entdeckt worden. Auch diese wurden an den öffentlichen Pranger gestellt. Ein Vorgang, der selbst das ansonsten wenig zimperliche, deutsche Boulevardblatt mit den vier Buchstaben auf den Plan brachte. Die griechische Presse dagegen ergötzte sich in der Veröffentlichung der Fotos die auf den Titelblättern der jeweiligen Printmagazine landeten.

Mittlerweile liegt die Zahl der innerhalb der letzten Tage kontrollierten und als AIDS-Virus-Trägerinnen polizeilich angeprangerten Frauen bei 13. Rein statistisch ergibt sich, dass mehr als 15 Prozent der untersuchten Frauen potentielle HIV-Überträger sind. Mehr als 7.000 Männer (Stand 5.5. 2h) hatten mit ihnen ungeschützten Geschlechtsverkehr. Menschenrechtsorganisationen, Frauengruppen, Bürgeranwälte sowie Parteien des linken Spektrums laufen Sturm gegen die konzertierte Minister- und Polizeiaktion.

Chryssochidis gab an, dass in der Güterabwägung zwischen dem Recht auf Privatsphäre, dem ärztlichen Geheimnis und der öffentlichen Sicherheit die Sicherheit der Bürger Vorrang hätte. Loverdos sah sich in seiner Virenbombentheorie bestätigt und setzte im Wahlkampf noch einen drauf. Der Gesundheitsminister möchte im ganzen Land für alle den ungeschützten Geschlechtsverkehr unter Strafe stellen lassen. In seinem vom Wahlkampf geprägten Eifer übersah er offenbar, dass solche Akte auch für die natürliche Zeugung von Kindern dienlich sind. Ebenso entging dem regen Minister die Tatsache, dass bis auf zwei alle anderen infizierten Prostituierten drogenabhängige Griechinnen sind.

Das System der Bordelle und die Kunden als "Virenbomben"

Warum geht die Aufdeckung der Identität der Frau für Sie in Ordnung?

Anna Kouroupou: Bei der ersten Liebesdienerin war meiner Meinung nach die Bekanntgabe der Daten berechtigt, denn sie arbeitete in einem bekannten, viel beworbenen Athener Bordell. Mittlerweile sehe ich einige Dinge differenzierter.

Inwiefern.

Anna Kouroupou: Ist die Puffmutter nicht verpflichtet, Gesundheitszeugnisse anzufordern? Sollte ein europäischer Staat nicht auch bei der Prostitution seine Kontrollfunktion vernünftig erfüllen?"

Wieso erfüllt der Staat seine Aufgabe nicht?

Anna Kouroupou: Es gibt in ganz Athen kaum ein legales Bordell. Denn damit finanziert sich ein komplettes System. Laut Gesetz muss ein Bordell 200 m Abstand von einer Schule oder Universität, auch einer Tanzschule, einem Kindergarten, oder einer Kirche haben. Selbst wenn dies der Fall ist, kann die entsprechende Gemeinde, also der Bürgermeister und das Bistum, die Genehmigung untersagen. Bis zur negativen Antwort einer Gemeinde vergehen Monate. In dieser Zeit ist das Bordell zwar illegal, kann aber in einem rechtsfreien Raum betrieben werden.

Und dann?

Anna Kouroupou: Dann wird das Bordell geschlossen, versiegelt und von einer neuen Puffmutter nach wenigen Stunden unter neuem Namen wieder eröffnet.

Das erklärt, warum das Freudenhaus, in dem die Russin arbeitete, in den letzten Jahren mehr als sieben mal versiegelt wurde und heute erneut geöffnet ist.

Anna Kouroupou: Ja, denn die Puffmütter sind lediglich Lizenzgeber. Es handelt sich um ehemals aktive Prostituierte, die meist das entsprechende Etablissement nie betreten. Oft sind es über Sechzigjährige, die zu Hause vor dem Fernseher sitzen.

Sind es immer Frauen?

Anna Kouroupou: Ja sicher! Denn ein Bordell darf laut griechischem Recht nur von einer lizenzierten Prostituierten betrieben werden. Diese Lizenz beinhaltet die Verpflichtung, alle vierzehn Tage zur Untersuchung zu erscheinen. Das frische Gesundheitszeugnis gibt man dann bei der Polizei ab. So eine Tortur macht doch kein Zuhälter mit. Der Witz ist aber, dass die Lizenz samt Untersuchungen nicht vor einer Anprangerung schützt. Denn jedes lizenzierte Mädchen, das in einem Bordell ohne Genehmigung arbeitet, wird bei einer Razzia festgenommen, erkennungsdienstlich bearbeitet und bis zum Schnellgericht in Haft gehalten. Das kann unter Umständen Tage dauern und gibt natürlich einen Eintrag in den öffentlichen, täglichen Polizeibericht. Beim Schnellgericht folgt regelmäßig der Freispruch. Dafür muss allerdings die gesamte Zeit der Haft vor dem Schnellgericht ein Beamter pro festgenommener Frau bei ihr bleiben. Das ist reine Geldverschwendung des Staats.

Was passiert beim Schnellgericht mit nicht lizenzierten Prostituierten?

Anna Kouroupou: Die zahlen 500 bis 700 Euro Strafe. Am ganzen System verdienen natürlich die Rechtsanwälte, wie mir ein Kripobeamter bestätigte. Und genau da fangen meine Einwände zur jetzigen Prangeraktion an. Wenn es ein staatlich kontrolliertes legales Bordellsystem gäbe, würde all dies so einfach nicht passieren.

Die HIV-positiven Mädchen wurden jedenfalls in Untersuchungshaft genommen. Hilft das bei der öffentlichen Gesundheit?

Anna Kouroupou: Gegenfrage. Warum werden die Daten der zahlreichen Männer, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit den Mädchen hatten, nicht an deren Ehefrauen gegeben? Meinen letzten Kontakt zur Prostitution als Beruf habe ich aufgegeben, als achtzig Prozent der Freier ungeschützten Oralverkehr wollten. Die wollten mir tatsächlich weismachen, dass das absolut ungefährlich sei.

Klar, denn schließlich wurde die Journalistin Maria Papagiannidou vor wenigen Jahren ausgezeichnet, da sie eben dies propagierte (mit englischen Untertiteln). Seinerzeit feierten eben die griechischen Medien, die jetzt die Prostituierten anprangern, Papagiannidous Aktionen und vor allem ihr Buch, in dem sie AIDS verleugnet und die Krankheit lediglich den Medikamenten zuschreibt. Sie bekannte offen, dass sie ungeschützten Geschlechtsverkehr praktiziere.

Anna Kouroupou: Schritt damals jemand ein?

Nein. Sie wurde teilweise auch noch als Pionierin gefeiert, als sie am 16.4.2012 an den Folgen der Krankheit starb.

Anna Kouroupou: Eben. Sollte man dies nicht auch beachten, wenn man jetzt ausgerechnet die drogenabhängigen Frauen verteufelt? Die wussten in ihrer Sucht auf den nächsten Schuss bestimmt nicht, was sie taten. Außer der Droge hatten die Nichts im Kopf. Die Freier dagegen rennen danach unbehelligt zu ihren Frauen zurück. Das Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht, ist der Ehering an der Hand vieler meiner Freier.

Soll man nun auch diese tausende Menschen an einen Pranger stellen?

Anna Kouroupou: Jein. Konsequent wäre es. Aber alles hätte ohne Anprangerung laufen können, wenn man die Orte der Festnahmen und nicht die persönlichen Daten veröffentlicht hätte. Ein Freier, der mehr wissen will, hätte sich dann persönlich melden müssen und wäre somit für die Gesundheitsbehörde erfasst. Wer sagt, dass jemand nach den anonymen Tests das Ergebnis an seine Frau oder Verlobte weitersagt? Sind das, um das Wort der Woche zu benutzen, keine Virenbomben?

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