Christlicher Salafismus

07.05.2012

Rolf Bergmeier zum Anteil der Religion am Untergang der antiken Welt

Rolf Bergmeier ist ein Bundeswehroffizier im Ruhestand, der von 2004-2008 an der Gutenberg-Universität Mainz Alte Geschichte und Philosophie studierte. Er erregte vor zwei Jahren mit einem Buch über die Legenden um Kaiser Konstantin Aufsehen. Nun hat er das Nachfolgewerk Schatten über Europa veröffentlicht, in dem er postuliert, dass das lateinische Christentum den Verfall der römischen Zivilisation maßgeblich beschleunigte.

Herr Bergmeier - war das Christentum der Salafismus der Antike?

Rolf Bergmeier: Ich möchte das frühe Christentum nicht abwerten. Der Gedanke der Nächstenliebe ist - wenngleich nicht neu - sicherlich bewahrenswert. Aber grundsätzlich ist der Monotheismus mit seinem Wahrheitsanspruch weniger konsensfähig als der Polytheismus, wie wir ihn beispielsweise im Imperium Romanum erleben. Mit der Ernennung zur Staatskirche im Jahre 380 (Cunctos Populos) durch Kaiser Theodosius erhält das katholische Christentum die Macht, seine radikalen Vorstellungen in der Gesellschaft durchzusetzen. Ab diesem Zeitpunkt, so denke ich, kann man nicht zu Unrecht von einem christlichen Salafismus sprechen. Die folgenden Jahrhunderte belegen diese These.

War das frühe Christentum auch ähnlich gewalttätig intolerant?

Rolf Bergmeier: Ja. Zahlreiche Äußerungen der damaligen "Kirchenväter" belegen die auch für damalige Zeiten ungewöhnliche Intoleranz gegenüber "Heiden" und "Häretikern". Insbesondere die christlichen Glaubensrichtungen, die sich nicht den trinitarischen Vorstellungen anschließen wollten, wurden verdammt und verfolgt. Wenig später wurden die Juden an den Pranger gestellt und noch etwas später die Muslime. Letztere sind übrigens gegenüber Juden und Christen deutlich toleranter gewesen als die katholische Kirche. Ein ganz wesentlicher Grund für das erstaunliche Aufblühen der islamisch-arabischen Hochkultur zwischen 700 und 1400.

Sie sehen das Christentum als einen Hauptschuldigen am Untergang der römischen Zivilisation und postulieren, dass es unsinnig sei, zu viele einzelne Gründe für den Untergang aufzulisten, weil dadurch der Blick für das Wesentliche verloren gehe. Was gibt es denn noch - außer den Bereichen Barbareneinfall, Sklavenhalterwirtschaft, unfähige Eliten und kulturelle Faktoren wie die Religion?

Rolf Bergmeier: In der Forschungsliteratur werden etwa 200 Gründe für den Untergang des Imperium Romanum aufgelistet (Demandt). Es versteht sich, dass diese unterschiedliche Qualität haben. So werden beispielsweise bleiverseuchtes Wasser, aber auch die Pest angeführt. Im allgemeinen gelten aber "Völkerwanderung" und "Dekadenz der Römer" als Hauptursache des Verfalls des Imperium, soweit nicht von einer "Kontinuität" über die Epochengrenzen gesprochen wird. Ich spreche aber in meinem "Schatten"-Buch über den Verfall der antiken Kultur und nicht über den politischen Verfall des Imperiums und weise in diesem Zusammenhang auf eine andere Hauptursache hin, nämlich auf die Bedeutung des "ideologischen Überbaus".

Jahrhunderte alte Kulturen versinken nicht, weil Kriege durchs Land ziehen oder die Herrscher wechseln. Dann müsste Deutschland längst ein kulturloses Land geworden sein. Der Untergang großer Kulturen ist stets Folge der Veränderung ideologischer Vorgaben. Nennen wir es, Karl Marx folgend, "ideologischer Überbau". Die Zusammenhänge von Ideologie und gesellschaftlicher Wirklichkeit sind so offensichtlich, dass man sich nur wundern kann, dass diese Zusammenhänge im Falle des Untergangs der antiken Kultur bisher nur ausnahmsweise betrachtet worden sind.

Das frühe Christentum vereint alle Elemente einer Ideologie in sich, wie Wahrheitsanspruch, Radikalität etc. Es ist, ausweislich zahlreicher Zitate der "Kirchenväter", anderen Ideologien gegenüber feindlich eingestellt. Zur damaligen christlichen Ideologie gehört auch die Wissenschaftsfeindlichkeit. Diese wissenschafts- und asketisch-bildungsfeindliche, anti-heidnische Ideologie schafft ab dem 5. Jahrhundert ein Klima, in dem Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Kultur außerhalb der rein theologischen Sphäre auf der Strecke bleiben.

Die Folge ist ein ökonomischer Absturz Mitteleuropas und ein kulturelles Desaster ersten Ranges. Dass es auch anders geht, zeigt das islamisch-arabische Großreich des 7. bis 14. Jahrhunderts. Nur durch die Pyrenäen getrennt, entwickelt sich das islamische al-Andalus zu einer prachtvollen Wohlstands-Hochkultur, während nördlich der Pyrenäen das "finstere Mittelalter" einzieht. Dies hat nachweislich seine Gründe in der Offenheit des Islam gegenüber anderen Kulturen, respektive in der Abgrenzung des lateinischen Christentums gegenüber anderen Einflüssen.

Byzanz wurde ja auch christlich - warum ging diese Zivilisation nicht gleich unter und hatte noch ungefähr tausend Jahre lang Bestand?

Rolf Bergmeier: Das byzantinische Christentum des griechischsprachigen Ostens unterscheidet sich, was antike Tradition betrifft, ganz wesentlich vom lateinischen Christentum des Westens. Byzanz, das ehemalige 330 von Kaiser Konstantin gegründete Konstantinopel, lebt in der Tradition der griechischen Väter. Es ist weitaus mehr auf sich bezogen und hat nie eine weltliche Herrschaft angestrebt. Anders als im Westen wird zwischen antiker Gelehrsamkeit und religiösem Glauben kein Gegensatz gesehen. Und so werden dort auch weiterhin die antiken Bücher gepflegt, die 700 Jahre später ihren Weg via al-Andalus (Hauptstrom) und Sizilien (Nebenstrom) in das lateinische West-Christentum finden. Erst jetzt, wir nennen diesen Neubeginn "Renaissance", erst jetzt ändert sich im Westen das Verhältnis zur antiken Kultur, begleitet von der Inquisition.

Wie bewerten Sie den Arianismus? Mit dem, könnte man sagen, ging ja eine militärische und wirtschaftliche Verbesserung der germanischen Barbaren einher?

Rolf Bergmeier: Vermutlich repräsentiert der Arianismus mit seinem Glauben an einen herausgehobenen Propheten Jesus (keine "Wesenseinheit") das eigentliche Christentum. Wäre es bei dieser im vierten Jahrhundert sehr starken christlichen Richtung geblieben, gäbe es heute kaum die Grundsatzkonflikte mit Juden und Muslims. Es ist nicht unbegründet anzunehmen, dass es den Islam nie gegeben hätte, wenn sich der Arianismus durchgesetzt hätte. Übrigens hat sich die trinitarische Richtung des Christentums nicht als Folge seiner angeblichen Überlegenheit durchgesetzt, sondern der "Erfolg" ist das Ergebnis von rund 60 Erlassen, die Kaiser Theodosius im Jahre 380 ff erließ.

Was die Germanen anbetrifft, so ist es richtig, dass diese arianisch glaubten. Die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Lage hat aber eher damit zu tun, dass sie sich im Imperium Romanum ansiedelten und dort an all den kulturellen und wirtschaftlichen Erfolgen teilhaben konnten. Vandalen und gallische Goten galten als "römischer als die Römer".

Was wäre Ihrer Ansicht nach aus dem Imperium geworden, wenn statt des Christentums der Mithraskult Staatsreligion geworden wäre? Oder ein gnostischer Kult?

Rolf Bergmeier: Das Imperium Romanum ist in dieser Größe und mit den außenpolitischen Problemen vermutlich kaum haltbar gewesen. Kaiser Diokletian hatte zu Beginn des 4. Jahrhunderts mit seiner Idee, das Reich unter zwei Augusti und zwei Caesares politisch aufzuteilen, sicherlich den richtigen Instinkt dafür. Sein Nachfolger, Kaiser Konstantin, machte diesen Gedanken zunichte, indem er sich wieder zum Alleinherrscher einsetzte. Letztlich ist das Reich an seiner Größe und an schlechter Staatsführung untergegangen. Die christliche Religion verstärkte diesen Prozess, in dem sie die römische Religionstoleranz aufhob und damit allerorten Widerstand auslöste. In welchem Umfang dies den politischen Verfall des Reiches beschleunigte, ist nicht belegbar. Sicherlich aber wurde der kulturelle Verfall eingeleitet. Denn Antike war ja in den Augen der "Kirchenväter" gleichbedeutend mit heidnischer, also abzulehnender Kultur.

Gegner Ihrer These argumentieren, dass das Christentum den Untergang der Zivilisation nicht beschleunigte, sondern in Klöstern zur Wiedervorlage nach dem Barbarensturm bewahrte. Sie halten diese Kontinuitätstheorie für falsch. Warum genau?

Rolf Bergmeier: Es bedarf keines ungewöhnlichen Scharfsinnes, um zu erkennen, dass eine Institution, die die antike Metamorphose aus Pantheon und Kultur strikt ablehnt, die im Konflikt zwischen Vernunft und Dogma dem Letzterem den Vorzug gibt, die nicht eine öffentliche Schule gründet, die bereits in frühen Jahren einen "Index verbotener Bücher" einrichtet, die die tausend Jahre alte Olympiade beendet und die Philosophen-Akademien schließt, die das Diesseits als belanglose Tändelei disqualifiziert und Freudlosigkeit stolz als Markenzeichen trägt, dass diese Einrichtung kaum Wesentliches zum Erhalt der antiken Carpe-Diem-Kultur beigetragen hat.

Anhand der Inventarverzeichnisse der Klosterbibliotheken aus dem 9. und 10. Jahrhundert können wir belegen, dass die Anzahl der überlieferten antiken Bücher bestenfalls im Promille-Bereich zu suchen ist. Erst später, ab dem 12. Jahrhundert, ändert sich die Situation langsam, aber die Gründe sind im islamisch-arabischen Umfeld zu suchen. Die Araber sind als die wahren "Lordsiegel-Bewahrer" der antiken Kultur zu bewerten. Anhänger der auch in Historikerkreisen kolportierten "Kloster-Rettungs"-Theorie dokumentieren einen bemerkenswerten Mangel an Einsichten in die Bedeutung dieses islamisch-arabischen Wissentransfers für die europäische Kultur.

Oder anders ausgedrückt: Die abendländische Kultur gründet auf der griechisch-römischen Kultur, die ab dem 11. und 12. Jahrhundert von der islamisch-arabischen Kultur - mit Elementen aus dem vorderasiatischen und indisch-chinesischen Raum angereichert - nach Mitteleuropa weitergereicht wird. Die christliche Kultur hat ihre Beiträge geleistet, im Wesentlichen aber erst nach dem 12. Jahrhundert und begrenzt auf sakrale und sakral-nahe Kultur. Diese in der Kulturwissenschaft kaum bestrittene Sichtweise hilft mehr beim Thema Integration als alle Bekenntnisse zur angeblich christlich-abendländischen Kultur unserer Politiker.

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