Mucki Seehofer im Einser

09.05.2012

Gefällt's? Der Vorsitzende der Mitmachpartei CSU lud zur Facebook-Party ins frühere Zentrum des Münchener Nachtlebens

Michael Graeter, der Monaco-Franze-Gesellschaftsreporter, war gestern nicht da. In den Glanzzeiten der Discothek P1 des Feinkost-Käfer-Erben wär er vielleicht schon gekommen. In den 1980er Jahren bis hinein in die 90er steckte München voller Angeber, darunter einige sagenhafte Angeber.

Und das P1, das "Einser", war ein grandioser Ort, wo sich die aufgebretzelten Angeber mit den Schönen und Jungen nach Mitternacht trafen, um zu feiern; um es richtig krachen zu lassen. "Wer mit wem und was?" - für die entscheidende Frage der Leute-Seite der Boulevardzeitungen war das P1 ein lohnendes Revier. Dabei ging es nicht immer nur darum, wer mit Mick Flick oder Gunther Sachs gesehen wurde oder mit dem alternden Mick Jagger abzog, sondern auch, wem zum Beispiel ein Fußballstar des Nobelclubs Bayern München eins in die Fresse gab.

Warten auf Horst.Alle Fotos: Thomas Pany

Jahre später, in einer anderen Lebensgefühl-Epoche, gestern, lud der CSU-Vorsitzende Seehofer zur Facebook-Party ins P1. Er wollte alten Glanz und Größe mit dem irgendwie vielleicht über Facebook fassbaren Neuen zusammenbringen, zeigen, dass die CSU nicht nur in Wirtshäusern, Bierzelten,Vereinen und auf der hölzernen Eckbank daheim ein Publikum findet. Dieses Publikum ist ja auch in seiner Spätzeit angekommen und viele der reiferen Wähler, die eigentlich zur Stammwählerschaft gehören, sind zu den Freien Wählern abgewandert.

Seehofer rief also via Facebook die Jugend (Wird die CSU angesichts der Piraten nervös?) und die Medien unterstützten mit Vorabberichten - die Münchener Abendzeitung, Michael Graeters Hausblatt, sogar mit dem Titel: "Party im P1 läuft aus dem Ruder. Seehofer in der Facebook-Falle. In die Nobeldisco passen nur 1300 Menschen, aber mehr als doppelt so viele wollen kommen."

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So war es dann doch nicht. Man hätte Fußballspielen können auf dem Parkplatz vor dem P1 und gerade mal zwei Mannschaften zusammengebracht. Der Platz vor dem P1 war weiträumig abgesperrt und der Einlass war überaus freundlich. Auch das ist Kultur und eine angenehme Gegendemonstration zum sonst demokratisch völlig unkorrekten P1-Getue mit der "strengen Tür".

CSU-Chef Seehofer ließ sich Zeit, er kam nach neun, umgeben endlich von einem Pulk: Kameramenschen, Leibwächter, von denen einer aussah wie der jüngere Mario Adorf, und einem Gefolge Fans, der graue Schädel von "Horsti" war stets gut beleuchtet, das Defilée erinnerte dann doch an einen Bierzelteinzug. Die meisten auf der mittlerweile gut besuchten Terrasse der Disco blieben sitzen. Vor allem die Medienmenschen standen herum oder auf Zehenspitzen hüpfend, um ein Foto zu machen.

Strahlende Piraten

Die Medien stellten zwanzig Prozent der Gäste, schätzte ein Pirat. Die Piraten waren auch ungefähr in dieser Prozentzahl vertreten und hatten einige hochrangige Vertreter ins Facebook-Nachtleben geschickt. Gesichtet wurden der Landesvorsitzende Stefan Körner und der politische Geschäftsführer Aleks Lessmann. Ansonsten CSU-Innenminister Herrmann. Gerüchte sagten, dass aus jeder Etage des Ministeriums ein Vertreter zur Party musste. So waren auch ein paar Grauhaarige zu sehen, die Mehrheit der Gäste war tatsächlich jung und leise - und brav.

Zu wenig "muckig"

Das stellte dann auch Horst Seehofer fest, als er nach etwa einer Stunde auf der Bühne im Herzen der Disco angekommen war, begleitet von einem Cover des Duck-Sauce-Stücks Barbra Streisand mit dem Namen "Horst Seehofer" als Lyrics. Auf die Frage der Moderatorin, die als eine der wenigen wie ein echter P1-Gast aussah, wie ihm das Fest gefalle, sagte "Horsti", es sei schon schön, aber nicht richtig frech, zu wenig "muckig".

"Gfallts eich?"

Auch ihm war aufgefallen, dass sich Piraten unter den Braven befanden und so lobte er sie für ihren Sportsgeist und sich dafür, dass er nun auch Mitglied der Piraten sei, mit der "Mitgliedsnummer 1337". Er wiederholte mehrfach den Satz "Das Internet ist ein Segen für die Menschheit", schützte mit Namedropping von Prozessoren eine Achtelbildung Computerwissen vor und bekräftigte dies mit dem Geständnis, dass er alle Computerzeitschriften lese, weshalb er dann auch wusste, wie einfach man Internetsperren umgehen kann und die Initiative gegen dieses Gesetz anführte. Auf Fragen zur Stimulierung von Hirnregionen, die mit sexuellen Aktivitäten im Zusammenhang stehen, durch Facebook-Einträge, wollte der CSU-Chef mit Hinweis auf sein Alter nicht eingehen.

Joachim Hermann gefällts

Schließlich wurde der Piratenlandesvorsitzende auf die Bühne geholt, den lobte Seehofer nochmal für den Sportsgeist und trickste gönnerhaft mit Freundlichkeiten herum, bis er diesen auf den falschen Fuß erwischte, als Körner, der sich anders als Seehofer nicht warmreden konnte, das Gespräch auf eine Gegeneinladung brachte und Seehofer ihn flugs zum"Aschermittwoch in Passau" einlud, was Körner nur mit einem Lächeln kontern konnte. Zur Freude des Publikums in der Erlebnisgastronomie P1.

Für jeden Gast gab es übrigens freundlicherweise einen CSU-Chip, den man an der Bar gegen ein kleines Getränk, auch Bier, einlösen konnte. Die Freibierfeste der CSU, als deren upgedatete Variation die gestrige Facebook-Party von hiesigen Medien bezeichnet wurde, haben da traditionell andere Dimensionen. Und wie die frühere CSU-Größe Strauß feierte, wenn er mit Freunden zusammen traf, das lässt sich an ellenlangen Schnapsrechnungen ablesen, die in Gasthäusern der Umgebung Münchens leicht vergilbt an die Wand genagelt sind.

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