Nicht versöhnt

03.06.2012

Der Algerienkrieg, die Folter und die Folgen

Die Schlacht um Algerien - Teil 2

Teil 1: Krieg gegen den Terror: Kolonialismus ohne Lernfortschritt

In Die Schlacht um Algier teilt Colonel Mathieu bei einer internationalen Pressekonferenz mit, dass Ben M’Hidi tot aufgefunden worden sei. Dann kommt die Rede auf gegen die Fallschirmjägertruppe erhobene Foltervorwürfe. Mathieu antwortet so, wie es auch Trinquier und seine Kameraden taten. Damals fragten sich viele, wie es sein konnte, dass ehemalige Résistance-Kämpfer, die von den Deutschen in Konzentrationslager verschleppt und gefoltert worden waren, nun selbst zu solchen Methoden griffen. Mathieu dreht das um, geht zum Gegenangriff über und verwahrt sich dagegen, dass Überlebende von Dachau und Buchenwald als Nazis und Faschisten bezeichnet werden. Das ist ein geschickter Rhetorik-Trick.

Letztlich, meint der Colonel, laufe es auf zwei konträre Positionen hinaus. Die FLN wolle die Franzosen aus dem Land werfen. Die Franzosen hätten beschlossen zu bleiben. Nur mit "Polizeimethoden" - und unter Ausschluss von juristischen Verfahren, die zu lange dauern - könne man die FLN erfolgreich bekämpfen. Andere Möglichkeiten gebe es nicht. Deshalb wolle er nun eine Frage an die Journalisten stellen: "Sind Sie dafür zu bleiben oder zu gehen?" Wer für ein Bleiben sei, müsse die notwendigen Konsequenzen akzeptieren. Pontecorvo und sein Drehbuchautor Solinas fassen da in ein paar Dialogsätzen ein grundlegendes Problem zusammen. In Frankreich war die große Mehrheit, auch wegen der einen Million europäischstämmigen Pieds-noirs, für ein Bleiben. Deshalb wurden die Truppen aufgestockt und die Fallschirmjäger mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet. Wer das mit der angeblichen Alternativlosigkeit geschluckt hatte, der schwieg wie die Journalisten bei Mathieus Pressekonferenz und wollte lieber nicht so genau wissen, was geschah. Dabei ist die "Alternativlosigkeit" (verbunden mit dem Zeitdruck, unter dem man stehe) nur ein weiterer, sehr undemokratischer Rhetorik-Trick. Auch heute funktioniert er, bei Kriegen wie bei Finanzkrisen, noch erstaunlich gut.

Die Folter-Frage

Nach der Pressekonferenz zeigt Pontecorvo die Konsequenzen. Menschen werden mit Methoden gefoltert, die auch schon die Gestapo angewendet hatte. Morricone hat eine abgrundtief traurige Musik dazu geschrieben, und Pontecorvo ergänzt die schockierenden Bilder mit solchen von Leuten, die Zeugen dieser Martern werden und nun auch die Franzosen hassen, falls sie das vorher noch nicht getan haben sollten. Der Konflikt wird dadurch noch brutaler. Aus einem durch das europäische Viertel von Algier rasenden Lieferwagen schießt ein Mann mit einer Maschinenpistole wahllos in die Menge. Am Ende der Amokfahrt werden einige Passanten überrollt, dabei sterben auch die Insassen des Wagens. Pontecorvo friert das Bild ein und lässt es lange stehen. Inzwischen ist der Hass so groß, dass die Aufständischen lieber weiter töten, als sich selbst zu retten.

Der Jurist Paul Teitgen, einst bei der Résistance und jetzt Generalsekretär der Polizei von Algier, war im Zweiten Weltkrieg nach Dachau gebracht und gefoltert worden. Er war der Meinung, dass sehr wohl ein Zusammenhang zwischen der Folter durch die Gestapo und der "eindringlichen Befragung" durch die Fallschirmjäger bestand. Teitgen versuchte erfolglos, das Militär unter zivile Kontrolle zu stellen. Als weiter gefoltert wurde und Internierte in großer Zahl verschwanden, reichte er am 29. März 1957 seinen Rücktritt ein. Vom Generalgouverneur zunächst abgelehnt, wurde der Rücktritt im September 1957 wirksam. Robert Lacoste hatte sich ganz General Massu und seiner Truppe ausgeliefert.

Der einzige hochrangige Offizier, der sich während des Algerienkrieges offen gegen die Folter aussprach, war General Jacques Pâris de Bollardière, ein Held des Zweiten Weltkriegs. De Bollardière wurde Ende 1956 zum Kommandanten eines militärischen Sektors nahe Algier ernannt. Empört über die Folterungen und die Liquidierungen, die er der französischen Streitkräfte für unwürdig hielt, bat er um seine Versetzung. Zurück in Frankreich, schrieb er einen Brief an die Wochenzeitung L’Express. In dem am 27. März 1957 veröffentlichen Brief übte er heftige Kritik an Massu und seinen Methoden. General de Bollardière wurde daraufhin zu 60 Tagen Festungshaft verurteilt. Sein Brief aber zeigte trotzdem Wirkung. Aus Algerien zurückgekehrte Wehrpflichtige erzählten Journalisten von ihren Erlebnissen. In Zeitungen und Zeitschriften erschienen regelmäßig Berichte über die Vorgänge. Angeführt wurde der Protest von Intellektuellen wie Jean-Paul Sartre.

Für großes Aufsehen sorgte der Fall von Maurice Audin, Mathematikprofessor an der Universität von Algier. Der Kommunist und Antikolonialist Audin wurde im Juni 1957 von Massus Leuten festgenommen. Tags darauf wurde auch der Journalist Henri Alleg verhaftet, als er den Freund in dessen Wohnung besuchen wollte. Alleg und Audin sahen sich im Gefängnis wieder, wo sie beide gefoltert wurden. Audins anschließendes Verschwinden erklärte die Armee damit, dass er geflüchtet sei. Ein aus Kommunisten, Antikolonialisten und Bürgerrechtlern gebildetes "Comité Audin" wies zahlreiche Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung nach. Höchstwahrscheinlich war Audin unter der Folter gestorben, oder man hatte ihn ermordet und beseitigt, weil sein Körper Verletzungen aufwies, die sich mit "polizeilichen Maßnahmen" nicht erklären ließen.

Henri Alleg schrieb im Gefängnis heimlich auf, was ihm in französischem Gewahrsam widerfuhr, und es gelang ihm, den Text herauszuschmuggeln. Am 18. Februar 1958 erschien sein Buch unter dem Titel La Question bei den Editions de Minuit - einem Verlag, der 1941 im besetzten Paris gegründet worden war, um mit Untergrund-Publikationen die deutsche Zensur zu umgehen. Alleg schildert in einer sehr nüchternen Sprache, was man mit ihm gemacht hat: von Elektroschocks bis zu dem, was heute Waterboarding heißt. Der Titel ist klug gewählt. Im vorrevolutionären Frankreich war la question der Terminus technicus für die Folter. Alleg fragt nach deren Legitimität und erinnert zugleich an die revolutionäre Tradition und die Menschenrechte. Damit spricht er das Selbstverständnis der Nation an.

In Frankreich schlug das Buch ein wie eine Bombe. Das Militär beklagte eine Schwächung der Truppenmoral, warnte vor nicht absehbaren Folgen für die Landesverteidigung und übte Druck auf die Behörden aus, die in der Folge gegen Zeitungen und Zeitschriften vorgingen, in denen La Question besprochen oder in Auszügen abgedruckt wurde. Konfisziert wurde etwa eine Ausgabe von L’Express mit einem Artikel von Jean-Paul Sartre. Der dann auf anderem Wege verbreitete Essay erschien als Vorwort der ersten englischsprachigen Ausgabe. Die erste deutsche Ausgabe von La Question (Die Folter) ist noch um einen Text von Eugen Kogon ergänzt, Autor von Der SS-Staat.

Nachdem bereits mehr als 60.000 Exemplare verkauft waren, wurde La Question am 27. März 1958 verboten. Knapp 7000 Bücher wurden beim Verlag konfisziert. Zwei Wochen später wurde La Question in der Schweiz nachgedruckt und von dort nach Frankreich gebracht, wo bis Ende des Jahres mehr als 160.000 Exemplare im Umlauf waren. Für General Massu und alle, die ihn gewähren ließen, war das ein PR-Desaster ersten Ranges. Der Widerstand gegen den Algerienkrieg nahm nun ständig zu.

Henri Alleg war nach dem Verbot einer von ihm in Algier herausgegebenen Zeitung untergetaucht. Ein Terrorist war er nicht. Er wurde gefoltert, weil er nicht bereit war, die Namen von Leuten zu nennen, die seine Zeitung unterstützten. Der von Trinquier, Bigeard und anderen bemühte Sprengsatz, der explodieren wird, wenn man nicht vorher foltert, war ein Vorwand. Bei einer Lagebesprechung in Pontecorvos Film nennt Colonel Mathieu das wahre Ziel. Die FLN, erläutert er, sei wie ein Bandwurm, der immer nachwächst, wenn man ihm nicht den Kopf abschneidet. Deshalb müsse man die Führungsriege ausschalten. Durch die Folter hoffen die Franzosen, mehr über Personen und Strukturen der FLN zu erfahren.

Mathieu erstellt - wie Trinquier in der Wirklichkeit - ein Organigramm der FLN, in das er nach und nach die Namen der Führungsfiguren einsetzt. Die Erstellung eines solchen Organigramms mit Hilfe der Folter, dieses Mal zum Vietcong, war ein wesentlicher Bestandteil des "Phoenix-Programms" im Vietnamkrieg, und von da wanderte es weiter zum "Krieg gegen den Terror". George W. Bush ließ ein Organigramm von al Qaida anfertigen, und anschließend wurde versucht, die dort eingetragenen Personen festzunehmen oder zu töten. Schon anhand des Algerienkrieges hätte man sehen können (denkt sich der außenstehende Beobachter), dass gegen einen sozial verwurzelten Terrorismus nur eine langfristige politische Strategie hilft, kein Schießbuden-Organigramm. Inzwischen liegt das Organigramm auf dem Schreibtisch von Barack Obama, der unverdrossen so tut, als sei man mit einer streng hierarchisch aufgebauten Organisation konfrontiert, nicht mit einer sich rhizomartig verbreitenden Bewegung. Kürzlich, zum ersten Jahrestag der Tötung von Osama bin Laden, hat er das baldige Ende von al Qaida verkündet. Wie viele Namen im Organigramm dafür noch durchgestrichen werden müssen, behielt er für sich.

Schlacht gewonnen, Krieg verloren, Monarchen bekommen

Am 24. September 1957 wurde Saadi Yacef (alias El-Hadi Jaffar im Film von Pontecorvo) festgenommen, der letzte verbliebene FLN-Führer in Algier. Damit war die Organisationsstruktur der FLN in der Hauptstadt zerschlagen, die (vorläufige) Niederlage besiegelt. Ali La Pointe war eine wichtige Figur bei Anschlägen, und er hätte als solche noch einigen Schaden anrichten können, doch zum engeren Führungskreis gehörte er nicht. Im Film ist er Teil der vierköpfigen Spitze der FLN in Algier (in der Realität scheinen es fünf Personen gewesen zu sein). Ich nehme an, das hat dramaturgische Gründe. Yacef sagte später, er sei selbst nicht gefoltert worden. Aussaresses behauptet dagegen, dass Yacef es gewesen sei, der das Versteck von Ali La Pointe verriet. Falls dem so gewesen sein sollte, geschah es wohl unter der Folter. Wahrscheinlicher ist, dass Aussaresses nachträglich versuchte, den am Ende siegreichen Feind zu diffamieren (was noch nicht bedeutet, dass Yacef tatsächlich nicht gefoltert wurde). Der 24-Stunden-Regel der FLN folgend, hätte Ali La Pointe ausreichend Zeit gehabt, sein Versteck in der Kasbah zu wechseln.

Gestellt wurde Ali La Pointe am 8. Oktober 1957, zusammen mit "Petit Omar", Hassiba Ben Bouali (im Film ist sie, auch aus dramaturgischen Gründen, eine von den drei Frauen, die die Sprengsätze des 30. September 1956 gelegt haben) und einem weiteren FLN-Kämpfer. Weil die Vier nicht bereit waren, sich zu ergeben, wurde das Haus, in dem sie sich befanden, von den Fallschirmjägern in die Luft gesprengt. Dabei sollen 16 weitere Menschen ums Leben gekommen sein. Für den Film, sagt Saadi Yacef, wurde auch dieses Haus wieder aufgebaut und dann erneut in die Luft gejagt. Er habe das persönlich finanziert, als Ehrerweisung gegenüber den alten Kampfgefährten. Wie alle Explosionen im Film sieht auch diese wieder sehr echt aus.

"Jetzt hat der Bandwurm keinen Kopf mehr", sagt General Massu bei Pontecorvo, und die Fallschirmjäger triumphieren. Von den Pieds-noirs wurden sie im Herbst 1957 als Helden und Retter gefeiert. Das war zu kurz gedacht. Die französischen Streitkräfte gewannen die militärische Schlacht von Algier. Den politischen Krieg um Algerien verloren sie. Sie gingen so rücksichtslos zu Werke, dass sich die Kriegsverbrechen nicht mehr vertuschen ließen. Dadurch begann die öffentliche Meinung in Frankreich zu kippen. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Algerien hatten die Soldaten sowieso gegen sich. Die Folterungen, Vertreibungen und Internierungen waren durch das Verteilen von kostenlosem Baguette nicht wettzumachen.

In den anderen Regionen Nordafrikas trat die Kolonialmacht Frankreich in den 1950ern den Rückzug an, oft auf internationalen Druck. Für die Grande Nation war das ein schmerzhafter, von den kurzlebigen Regierungen der Vierten Republik zumeist miserabel moderierter Prozess. Bei den Verfechtern eines Algerie française wuchs die Angst, dass Paris auch Algerien aufgeben könnte. Während einer der üblichen Regierungskrisen, am 13. Mai 1958, fand in Algier eine große Protestkundgebung radikalisierter Pieds-noirs statt, zu der auch General Raoul Salan aufgerufen hatte, der Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Algerien. Während dieser Demonstration stürmten Rechtsextreme den Palast des Generalgouverneurs. Die zur Sicherung der Kundgebung abgestellten Soldaten sahen untätig dabei zu. In der Residenz wurde eine von General Massu geführte Gegenregierung gebildet, die sich in Anspielung auf die Französische Revolution "Wohlfahrtsausschuss" nannte. Ihr gehörten auch viele Gaullisten an.

Kurze Rückblende: General Charles de Gaulle trat im Januar 1946 als Ministerpräsident einer provisorischen Regierung zurück, weil er sich nicht mit seinen Vorstellungen zur neuen Verfassung der Vierten Republik hatte durchsetzen können. Diese Verfassung konzentrierte die Macht beim Parlament. De Gaulle wollte mehr Befugnisse für den Staatspräsidenten. Offenbar dachte er, dass man ihn nach seinem Rücktritt zurückholen und Zugeständnisse machen würde. Als das nicht geschah, gründete er 1947 eine Sammlungsbewegung (Rassemblement du Peuple Français), die erfolglos versuchte, die vom General gewünschte Verfassung durchzusetzen. 1953 zog sich de Gaulle in die Provinz zurück, wartete ab und gefiel sich in der Rolle des über dem Parteiengezänk stehenden Elder Statesman, während seine Anhänger in Paris in seinem Sinne tätig waren und auch gegen die Koalitionsregierungen konspirierten, denen sie angehörten.

Der gaullistische Verteidigungsminister Jacques Chaban-Delmas schickte einen Vertrauensmann nach Algier, um die Entwicklung im Sinne seines Lagers zu beeinflussen. Am 15. Mai 1958 trat General Salan auf den Balkon des Gouverneurspalasts und rief ein "Vive de Gaulle!" in die euphorisierte Menge. Am 19. Mai gab de Gaulle eine Pressekonferenz, bei der er Verständnis für die frustrierten Offiziere äußerte, vor einer nationalen Krise warnte und tröstende Worte fand: diese Krise könne eine Art Wiederauferstehung sein (mit ihm als Retter des Vaterlands). "Wiederauferstehung" war dann der Deckname einer von in Algerien stationierten Offizieren geplanten Operation, an deren Ende Fallschirmjäger in Paris landen, die gewählte Regierung absetzen und de Gaulle zum starken Mann machen sollten. Um zu zeigen, dass man es ernst meinte, landete am 24. Mai eine Spezialeinheit auf Korsika und übernahm die Kontrolle. Die führenden politischen Kräfte des Landes knickten ein.

Staatspräsident René Coty nominierte de Gaulle am 1. Juni zum Ministerpräsidenten (obwohl gerade einer gewählt worden war), das Parlament stimmte seiner eigenen Entmachtung zu und stattete de Gaulle für ein halbes Jahr mit den von ihm geforderten Sonderbefugnissen aus. De Gaulle ließ eine neue Verfassung beschließen, die das Volk im September 1958 per Referendum mit einer Mehrheit von 83 Prozent absegnete. Das war die "Wiedergeburt" Frankreichs als Fünfte Republik - mit den weitreichenden, manchmal mehr an eine Monarchie als eine Demokratie erinnernden Machtbefugnissen des Präsidenten, die jetzt François Hollande fünf Jahre lang genießen darf.

Unternehmen Dampfwalze

Im Rückblick stellen sich die Dinge oft anders dar, als sie gewesen sind. De Gaulle ging als der Mann in die Geschichtsbücher ein, der aus dem wohlverdienten Ruhestand nach Paris zurückkehrte, um die Nation aus der Krise zu führen und den Algerienkrieg zu beenden. Seine Bewunderer vergessen dabei gern, dass er den Krieg noch schlimmer machte und dann den Rückzug antrat, weil in Algerien nichts mehr zu gewinnen war. Bei seinem ersten Besuch in Algier am 4. Juni 1958 rief er den ihm zujubelnden Pieds-noirs einen berühmten Satz zu, den später einige bedeutende und nicht ganz so bedeutende Politiker wiederholten (einer ist derzeit unser Außenminister), weil es ihnen an historischem Bewusstsein fehlte: "Ich habe euch verstanden!"

Charles De Gaulle (1945). Bild: Library of Congress

In Algier war die FLN geschlagen, nicht aber im Rest des Landes. Die von Leuten wie Colonel Trinquier und Colonel Godard institutionalisierte und von General Massu gebilligte Folter wurde besser und zentraler organisiert (verantwortlich war das Détachement opérationnel de protection, die "Operationelle Schutzabteilung"), was dabei half, sie aus den Schlagzeilen herauszuhalten. Aus offizieller französischer Sicht unterstützten die Moslems die FLN nur deshalb, weil sie von dieser indoktriniert und dazu gezwungen wurden (zu "Moslem" siehe die Begriffsklärung in Teil 1). Darum war alles, was man gegen die FLN unternahm, irgendwie eine Maßnahme zum Schutz der Zivilbevölkerung. Komplette Dörfer wurden eingeschlossen und dann, zur besseren Überwachung, auch umgesiedelt. Algerien sollte komplett besetzt und mit einem System miteinander kommunizierender Militärposten überzogen werden. Anfang der 1960er gab es etwa 7500 solcher Posten. Diese "schützten" die 1500 Gemeinden, die es seit der Gemeindereform von 1956/57 gab.

Am 19. September 1958 gründete die FLN in Kairo die "Provisorische Regierung der Republik Algerien". Zur Vorbereitung darauf begann sie, den Konflikt in das "koloniale Mutterland" zu tragen, um die Menschen dort mit Sprengsätzen daran zu erinnern, "dass in Algerien ein schmutziger Krieg im Gange ist" (FLN-Communiqué). Im August und September gab es in ganz Frankreich eine Serie von Anschlägen auf militärische, wirtschaftliche und politische Ziele. Das dürfte den Ausschlag dafür gegeben haben, dass Maurice Challe, General Salans Nachfolger als Oberbefehlshaber, 1959 eine Großoffensive startete, mit der Algerien von West nach Ost überrollt wurde, um die FLN ein für allemal zu vernichten.

Fallschirmjäger und Fremdenlegionäre durchkämmten die jeweils betroffenen Gebiete nach FLN-Kämpfern. Zum "Challe-Plan", auch als "Unternehmen Dampfwalze" bekannt, gehörte das Verbringen der Bevölkerung ganzer Regionen in "Umgruppierungslager". Challe übernahm die von General Massu in Algier erfolgreich praktizierte Einteilung in Sektoren und vervielfachte die bereits von Salan eingerichteten zones d’insécurité bzw. zones interdites (unsichere bzw. verbotene Zonen), in denen jeder erschossen wurde, den die Armee dort antraf. Sektor um Sektor wurde abgeriegelt und von den commandos de chasse nach FLN-Kämpfern durchsucht. Bei diesen "Jagdkommandos" kamen überwiegend die Harki-Einheiten zum Einsatz, in Algerien rekrutierte Hilfstruppen. Helikopter unterstützten sie aus der Luft. Für Challe waren die Harkis besonders wichtig, weil sie die französischen Streitkräfte entlasteten und ein politisches Signal senden sollten (die Moslem-Bevölkerung kämpft an der Seite der Franzosen gegen die FLN). Ihre Zahl stieg ständig weiter an.

Neben den militärischen gab es auch zivile Maßnahmen. De Gaulle versprach eine Anhebung des Lebensstandards, die Zuweisung von 250.000 Hektar Land an die Moslems sowie die Schaffung von neuen Wohnungen für eine Million Menschen und von 400.000 neuen Arbeitsplätzen (das war zufälligerweise die Zahl der beim "Unternehmen Dampfwalze" eingesetzten Soldaten, plus 40.000 Fallschirmjäger und Fremdenlegionäre plus Harki-Hilfstruppen, die speziell mit der Jagd auf FLN-Kämpfer beschäftigt waren). So sollten die Herzen und der Verstand der muslimischen Bevölkerung gewonnen werden, wie das heute heißt. In einem Land, das im Belagerungszustand war. Man fragt sich, ob ernsthaft jemand glaubte, dass das gelingen würde. Die zur Zwangsbeglückung auserkorene Bevölkerung war dieselbe, die unter den Übergriffen einer Besatzungsarmee litt; eine Bevölkerung, die gefoltert, massakriert, vertrieben, umgesiedelt und überwacht wurde.

Mit seiner Militärwalze brachte General Challe die Unabhängigkeitsbewegung an den Rand einer vollständigen Niederlage - zumindest den Teil, der nicht nach Tunesien oder Marokko geflohen war. Die Grenzen wurden mit Bunkern, Elektrozäunen und Minenfeldern gesichert. Das alles drohte Frankreich international zu isolieren und sich zu einem außenpolitischen Desaster auszuweiten. Einen ersten Vorgeschmack hatte Frankreich erhalten, als die Luftwaffe am 8. Februar 1958 den tunesischen Grenzort Sakhiet-Sidi-Youseff bombardiert und die französische Regierung danach in peinliche Verhandlungen mit der tunesischen hatte eintreten müssen, auf Druck der Briten und der Amerikaner. Auch Konservative waren zunehmend gegen die Verteidigung des Algerie française, in das enorme Summen aus dem Mutterland transferiert wurden statt umgekehrt, wie im Kolonialismus eigentlich vorgesehen. Das war Geld, das bei der Modernisierung Frankreichs fehlte.

Am 16. September 1959, bei einer Fernsehansprache, erwähnte de Gaulle erstmals das Recht der Algerier auf Selbstbestimmung. Im Januar 1960 gab General Massu der Süddeutschen Zeitung ein Interview, in dem er de Gaulle einen "Mann der Linken" nannte, was ihm eine Strafversetzung einbrachte. General Challe trat im Frühjahr 1960 einen neuen Posten in Europa an. Er meldete voller Stolz, dass die vollständige "Befriedung" der drei algerischen Départements unmittelbar bevorstünde. De Gaulle hatte vermutlich die Abrechnung studiert, verstand jetzt etwas anderes als zuvor und wandelte sich vom Kriegsherrn zum Dekolonisierer, der mit der FLN verhandeln wollte. Befördert wurde sein Umdenken durch die Unruhen vom Dezember 1960. Mit ihnen beginnt der Epilog von Pontecorvos Die Schlacht um Algier.

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