Der Feminismus und die "freie Begegnung der Geschlechter"

16.05.2012

Ralf Bönt über Männerdiskriminierung, Political Correctness und Beruhigungsmittel in Kondomen

Der Schriftsteller Ralf Bönt plädiert in seinem Essay"Das entehrte Geschlecht - Ein notwendiges Manifest für den Mann" dafür, ein neues Männerbild zu entwerfen. Seiner Ansicht nach hält das vom Feminismus geprägte alte Klischee vom Mann den neueren gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten nicht mehr stand.

Herr Bönt, warum ist der Mann "das entehrte Geschlecht"?

Ralf Bönt: Weil er keinen angemessenen Platz in der Moderne für sich reklamiert, den Platz des modernen Menschen in der modernen Gesellschaft als Mann. Früher machte Muskelkraft einen zum Mann, aber seit Faraday gezeigt hat, wie man Elektrizität herstellt und verwendet, ist der Mann als Maschine überflüssig. Deshalb sahen Männer damals auch die Elektrizität als etwas an, das für Frauen war. Eine ziemlich alberne Reaktion: Elektrizität war weiblich.

Das andere offensichtlich männliche Attribut, die stete Zeugungskraft, ist ebenfalls diskreditiert. Obwohl wir längst zu wenig Kinder bekommen, um unseren Lebensstandard noch halten zu können, ist Kinderreichtum kein sozialer Mehrwert und galt vor kurzem sogar noch als asozial. Im gesellschaftlichen Diskurs kommt die maskuline Sexualität nicht mehr als Lebensspender und Schaffenstrieb, sondern nur noch als Belästigung und Bedrohung vor. 

Man hat manchmal den Eindruck, männliche Sexualität sei eine ansteckende Krankheit, die die Gesellschaft zersetzt. Man redet vom Trieb statt vom Liebessinn, wie August Bebel ihn noch nannte. Wir haben uns auch einen sexistischen Diskurs vom schlechten Testosteron aufschwatzen lassen. Ohne Testosteron säßen wir aber noch in Höhlen und schlotterten vor Kälte und Angst, dass uns bald ein Raubtier holte oder eine Mikrobe. 

Verehrung ist dagegen ein sehr wichtiger Aspekt in asiatischen Sexualtechniken und Ritualen, von denen wir viel lernen können. Und auch wenn Ehre etymologisch vielleicht nichts mit Ehrlichkeit zu tun hat, sollte der Mann eine ehrliche Bestandsaufnahme seiner Situation wagen. Er wird dann feststellen, dass er sein Selbstbild nicht mehr hauptsächlich auf Leistungsfähigkeit gründen kann, wie er es noch im frühen 19. Jahrhundert getan hat. Seine Leistungsfähigkeit ist heute ersetzbar und war eh niemals ein Grund für Liebe.

Ralf Bönt. Foto: © Jo Schwartz.

Würden Sie sagen, dass der Mann von heute diskriminiert wird?

Ralf Bönt: Ian Walker, ein Verkehrspsychologe der Universität in Bath, hat festgestellt dass eine Perücke mit langen Haaren den Radfahrer im Stadtverkehr sehr viel besser schützt als ein Helm. Das ist ein kleines Beispiel für die alltägliche Gewalt gegen Männer.

"Männer bekämpft eure Privilegien!" - Was halten Sie von diesem feministischen Slogan?

Ralf Bönt: Finde ich sehr gut. Das Hauptprivileg besteht nämlich darin 5-7 Jahre früher zu sterben als Frauen das tun. Durch das 19. Jahrhundert hindurch und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges betrug diese Lücke übrigens nur 3 Jahre. Die Klosterstudie von Mark Luy ist jetzt auch schon fast 20 Jahre alt. Sie zeigte, dass in sozialen Systemen, in denen Männer und Frauen das selbe Leben leben, im Kloster oder im Kibbuz, die Lebenserwartung nur ein Jahr auseinander liegt.  Aber ich halte auch ein Leben auf der Autobahn, im Büro oder im Schloss Bellevue nicht für die große Freiheit und für ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Was freilich kein Grund ist, es einer Frau vorzuenthalten.

"Der Feminismus gefällt sich in der Kampfpose"

Was hat der Feminismus positiv erreicht und an welchen Punkt ist die gute Absicht in ihr Gegenteil umgeschlagen?

Ralf Bönt: Was er erreicht hat, liegt auf der Hand: Sexuelle, wirtschaftliche und politische Selbstbestimmung der Frau. Theoretisch ist diese erreicht, weil niemand sie ernsthaft infrage stellt. Auch praktische Mängel werden nicht mehr geleugnet. Unter den unblutigen Revolutionen ist sie vielleicht tatsächlich die größte. 

Dennoch steht der Feminismus heute zu oft einer freien Begegnung der Geschlechter im Wege. Er gefällt sich in der Kampfpose und hat den Blick auf den Menschen verloren. Das ist für eine Revolution natürlich alles andere als untypisch, sie liebt sich selbst mehr, als sie ihr Ziel erreichen will, an dem sie ja überflüssig wird. Man muss jetzt aber vom Rausch des Sieges in die Mühen des neuen Alltags kommen.

Das ist ein Kater und Feministinnen reagieren auch auf kleinste Kritik ausgesprochen allergisch. Hier und da trifft man auch auf das Wilkomirski-Syndrom. Vor allem können viele Frauen und leider auch manche Männer vom Mann als Gegner nicht lassen, der dadurch eine falsche Aufwertung erfährt. Männer müssen jetzt klarmachen, dass auch sie viele Veränderungen wollen und vor allem die volle familiäre Habilitation.

Alle Statistiken deuten darauf hin, dass die Familie der Ort ist, an dem Gesundheit entsteht. Ich meine hier natürlich nicht die traditionelle vormoderne Familie, sondern eine moderne Familie, die vom Staat geschützt wird, deren Aufgaben aber auch dort vom Staat übernommen werden, wo sie nicht funktioniert. In der Familie ist der Mann so wenig gleichberechtigt wie es früher die Frau in Politik und Wirtschaft war. Wir brauchen dringend die Gleichberechtigung des Vaters.

"Asymmetrien zwischen Vater und Mutter"

Welche Rollen spielen dabei die politische Korrektheit und die Genderforschung?

Ralf Bönt: Ich bin ausgebildeter Wissenschaftler und schon deshalb nirgends gegen Korrektheit. Aber bekanntlich wird der Begriff der politischen Korrektheit in der Kampfzone dialektisch verwendet. Wie man Frieden sagt und Krieg meint, wie man Freiheit sagt und Kontrolle meint, wie man sich groß fühlt und dabei kleinkariert ist, so führt man politische Korrektheit ins Feld, wenn es ums Redeverbot geht. Und das betrifft vor allem die Interessen des Mannes. 

Politische Korrektheit würde einen Gewalt verherrlichenden Text wie Alice Schwarzers 'Beyond Bitch', den man beim steuerfinanzierten Archiv der Emma bestellen kann, und der gekürzt auf Focus online zu lesen ist, verbieten. Statt dessen stellte sich sogar die FAZ hinter diese Äußerung niedriger Instinkte und bezeichnete meine Kritik, die sich an Olympe de Gouges' Formulierung der Rechte der Frau, den Menschenrechten also, orientiert, als haarsträubend. Eine komplette Verirrung. 

Wenn Genderforschung Begriffe wie Gender mainstreaming produziert, ändert sich für den Müllfahrer, der am Mutter-Kind Café vorbeifährt, gar nichts. Er bleibt, um ein Wort von Paul Nizon zu verwenden, unberührbar. In meinem Buch habe ich versucht zu erzählen, wie schwierig es ist, als Vater ein vitales Verhältnis zum Kind herzustellen. Es geht um Asymmetrien zwischen Vater und Mutter, es sind Erzählungen vom Mangel, davon, wie verloren sich der Vater in der Familie fühlen kann und welch weite Wege er für die kleinsten Glücksmomente geht, die für die Mutter nur Selbstverständlichkeiten sind. Sie sind das eigentliche Wagnis meines Buches, und für so manchen Leser und so manche Leserin sind sie eine Zumutung. Genderforschung ist nicht Politik und nicht Kunst, sie möge Statistiken liefern, aber für den Erfahrungstransport, die Grenzüberschreitung und die Formulierung von Sehnsüchten sind Romanciers und Filmemacher verantwortlich.

Sie schreiben: "Alice Schwarzer ist der Franz-Josef Strauß des Feminismus." Was meinen Sie damit?

Ralf Bönt: Wie Strauß polternd Bauernkopf und Versuchsreaktor zusammenbrachte und damit vorbereitete, was heute Laptop und Lederhose heißt, so schaffte Schwarzer es, Monatsbinde, Wochenbett und Stilldemenz in Einklang zu bringen mit der Professur, dem Bundestagsmandat und dem Posten im Aufsichtsrat. Ich respektiere das, bin trotzdem von beiden kein Fan.

"Frauen sind aus ihrer Passivität kaum herausgekommen"

Machen Sie an der Weise, wie heutzutage über Sexualität debattiert wird, einen ideologischen Konflikt aus?

Ralf Bönt: Oh ja. Heute wird ja noch der schlecht bezahlte Autoschlosser, der sich einen Playboy ansieht, als Ausbeuter der Frau bezeichnet, die sich fotografieren ließ. Dabei werden oft Posen favorisiert, in denen Frauen in ihrer Begehrlichkeit baden oder sich gar auf eine zweite Frau beziehen. Man geht offenbar davon aus, dass der Mann durch Entzug zu seinem Glück kommt, wie noch Rousseau es annahm.

Dem Mann wird hier vor allem mitgeteilt, dass sein Körper nicht begehrt wird und er aufgrund seines Begehrens, wenn nicht schon durch bloße Existenz in der Schuld ist. Das ist das schreckliche Motiv des Homo Faber. Man darf schon sagen, dass wir es statt mit einer Befreiung der Geschlechter aus ihren Rollen oft mit im Gegenteil einer gesteigerten Koketterie zu tun haben, wie wir sie aus dem  Viktorianismus kennen.

Der Mann hat in Vorleistung zu gehen, seine Integrität, seine Gefühle, seine Verletzlichkeit, also all jenes, das ihm in Abrede gestellt wird, zu offenbaren und in die Hand der Frau zu legen. Sie möchte ohne Vorleistung, ohne Vertrauensvorschuss die Intimität erlangen, über die sie dann richtet.

Der Feminismus hat gut daran getan, das Werbeverhalten der Männer als einengend zu kritisieren, die Sache blieb aber fiktiv. Frauen sind aus ihrer Passivität kaum herausgekommen. Nur wenn Männer ihren Aktionismus einstellen, tun sie es doch, wie ich aus Erfahrung sagen darf.

Sie behaupten in Ihrem Buch, dass in zahlreichen Kondomen ein Betäubungsmittel beigemengt wäre, um das gute Stück länger funktionsfähig zu halten. Können Sie uns das erklären? Um welche Kondome handelt es sich dabei?

Ralf Bönt: Es ist schon einige Jahre her, dass ich auf Benzocain stieß. Es gab nie eine Kennzeichnungspflicht. Ich kontaktierte damals das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, wo man nichts darüber wusste. Ich schrieb dann einige Hersteller an und erhielt dort entsprechende Auskünfte. Ich gehöre nicht zu den Männern, die glauben, mit einem Betäubungsmittel auf dem Genital besser lieben zu können, weil sie dann langsamer sind. Ich führe lieber die richtige Relativbewegung der beiden Becken aus und übe mich in Varianz, denn den Quickie finde ich so aufregend und gesund wie die komplette neotantrische Massage des ganzen Körpers, die drei Stunden beansprucht, in einer Richtung.  Was Kondome angeht, habe ich welche gefunden, mit denen ich gut klar komme.

Sie fordern, dass sich Männer jenseits ihrer Arbeitsleistung definieren können. - Braucht es hierzu nicht eine andere Form von Gesellschaft?

Ralf Bönt: Nein, ich denke es ist alles schon da. Die technische Moderne und der Feminismus, die Bereitschaft der Frauen, alles das, was Männer tun, auch zu tun, macht uns frei. Wir müssen das nur begreifen.

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