Nanodrohnen und Formeln für die moralisch korrekte Kriegsführung

14.05.2012

Die israelische Luftwaffe hat, um sich für die Zukunft zu rüsten, drei Jahre lang ein "kreatives Brainstorming" durchgeführt

Die israelischen Streitkräfte wollen die Nase vorne haben. 2009, so heißt es auf der Website der IDF, wurde das Projekt IAF 2030 gestartet. Seitdem haben Hunderte von Soldaten darüber diskutiert und visioniert, wie sich die Luftwaffe auf die Probleme der kommenden Jahrzehnte vorbereiten können. Dabei soll es nicht nur um neue Techniken, sondern auch um Veränderungen des Menschen und selbst Umweltfragen gegangen. Neben dem natürlich "kreativen" Brainstorming seien auch Experimente durchgeführt worden. Die israelische Luftwaffe ist das wichtigste Element der Streitkräfte und auch eine der weltweit modernsten. Überhaupt ist für Israel überlegene Militärtechnik nicht nur ein Mittel zur Verteidigung und zum Angriff, sondern auch ein wichtiges Exportgut, mit dem sich neben der Erzielung von Gewinnen auch politischer Einfluss gesichert werden kann.

Ghost heißt die letztes Jahr von Israel Aerospace Industries vorgestellte 4 kg schwere Minodrohne. Bild: IAI

Die Pressemitteilung verrät nicht allzuviel darüber, zu welchen Schlussfolgerungen die neun Teams, inklusive einem Red Team, das die Thesen der anderen in Frage stellen sollte, gekommen sind oder welche der Ideen, die im Brainstorming gefunden wurden, überhaupt jemals umgesetzt werden. Manche seien bereits begonnen worden, beispielsweise "Umweltprojekte", um die Luftwaffe "grün" zu machen. Langfristig würden in die Ausbildung der Luftwaffenoffiziere auch wissenschaftliche Studien eingebaut werden. Wenig verwunderlich ist, dass der Cyberwar ein Thema war, nachdem die Luftwaffe immer abhängiger wird von Computersystemen, mit denen riesige Datenmengen verarbeitet werden.

Interessanter wären natürlich die etwas exotischeren Folgerungen. In der offiziellen Mitteilung hält sich Major Nimrod Segev, der Leiter des Projekts, aber zurück und versichert lediglich, dass die Luftwaffe auch weiterhin mit jeder Aufgabe zurechtkommen werde. Der Danger Room von Wired hat jedoch Genaueres von Segev erfahren, was dann vielleicht nicht wirklich Science Fiction, zumindest aber futuristisch ist und zeigt, was in den Köpfen von Militärs an Gedanken herumschwirrt.

Geträumt wird von Nanodrohnen, die man in die Hosentasche stecken kann, von autonomen Hubschraubern, die selbständig Verwundete retten, Überwachungsballons, die in der oberen Stratosphäre schweben und damit die Lücke zwischen Flugzeugen und Satelliten besetzen, von Möglichkeiten, eine gestartete Rakete möglichst frühzeitig zu erkennen, was "Datenkämpfer" voraussetzt, von kleinen Satelliten, die jederzeit einsetzbar sind, oder auch Programmen, mit denen sich die ethischen Probleme der Piloten lösen lassen. Was wirklich erarbeitet wurde, bleibt geheim.

Im Gespräch mit Wired erklärte Segev, dass man offenbar gerne "mathematische Formeln" hätte, "die auch die schwierigen ethischen Probleme anstelle der Piloten lösen". Man habe bereits Techniken entwickelt, die eine Rakete von ihrem Ziel ablenken sollen, wenn in der Nähe plötzlich ein Zivilist auftaucht. Es geht dabei darum, das Risiko für Kollateralschäden zu senken und damit mögliche Klagen wegen Kriegsverbrechen zu vermeiden. Auf der Hand liegt es aber, dass die Übertragung von Entscheidungsbefugnissen an Programme den Weg für autonome Kampfdrohnen oder andere Roboter ebnet. Israel gehört zu den weltweit führenden Ländern in der Entwicklung von Drohnen.

Interessant mag auch die Idee sein, komplizierte Programmierarbeiten und andere technische Aufgaben Schülern in Technischen Schulen der Luftwaffe anzuvertrauen. Sechs von diesen Gymnasien und Colleges wie das IAF Technological College in Be'er Sheva gibt es bereits. Sie sollen gewährleisten, dass die Luftwaffe ausreichend gut ausgebildete Techniker und Ingenieure bekommt. Bezieht man sie möglichst früh in anfallende "realistische" Arbeiten ein, so wohl die Hoffnung, könnten diese Schüler noch besser für das Militär gewonnen werden und bis 2030 bereits den Kern der erneuerten Luftwaffe bilden.

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