Die Energiewende kann weitergehen

16.05.2012

Die Energie- und Klimawochenschau: Bestechung statt Korrekturen bei der abgelehnten Solardemontage. Vier weitere AKWs vom Netz und Biblis wird abgerissen. Normale Gaskraftwerke werden zur teuren Notreserve umdeklariert

Bild: Matthias Brake

Bestechung statt Korrekturen

Nach der klaren Ablehnung der EEG-Novelle sollen die Länder im jetzt folgenden Vermittlungsverfahren anscheinend mit Forschungsgeldern geködert werden, um substanzielle Änderungen der radikalen PV-Kürzungen und der erzwungenen, aber nicht funktionierenden Selbstvermarktung zu verhindern. In Vertretung des in den letzten Tagen doppelt abgewatschten Umweltministers bot Katherina Reiche, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, 30 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung an, wenn es im Gegenzug im Vermittlungsausschuss eine genehme Einigung ohne wesentliche Änderungen gebe.

Warum die überhasteten und so nicht funktionierenden Solarkürzungen aber abgelehnt wurden, hat Reiche anscheinend nicht verstanden. Dass nämlich gleich in mehreren Bundesländern gerade erst aufgebaute Industrie- und Handwerkszweige vor dem Ruin stehen. Sie wiederholte stattdessen die alte Begründung für den Fotovoltaik-Kahlschlag, dass eine "Überförderung" bestehe. Und beruft sich auf ein quasi sozialdarwinistisches Konzept, wonach am Ende die Solarunternehmen, die "exportieren und innovativ sind", überleben würden. Dass aber die Energiewende hier vor Ort stattfinden muss, scheint ihr nicht klar zu sein.

Philippe Welter vom Solarmagazin Photon kommentiert die abgelehnten Kürzungspläne so: "Just in dem Moment, wo die Stromkunden von viel billigem Solarstrom profitieren könnten, wollte das Duo Rösler-Röttgen genau das verhindern." Die Ablehnung der missratenen EEG-Novelle sei jetzt ein erster Schritt für eine grundlegende Überarbeitung der Solarstromvergütung. Statt auszubremsen müsse es um einen möglichst gleichmäßigen Zubau von Solaranlagen im ganzen Land gehen. Welter schlägt dazu eine regionale Ausdifferenzierung der Solarvergütung vor. Diese vermeide unnötig hohe Renditen einerseits und nutze andererseits die bestehenden Stromnetze besser, als wenn regenerativer Strom erst aufwändig über weite Strecken transportiert werden müsste.

Die Grünen fordern für die kommenden Nachverhandlungen die Beibehaltung der alten differenzierten Vergütungsklassen bei den Dachanlagen, die Abschaffung des vorgesehenen Vermarktungszwanges sowie die Vergütung von großen Freiflächenanlagen auch über 10 MW. Eurosolar schließlich kritisiert am bisherigen Entwurf, dass versucht werde, den Umbau mit allen Mitteln zu verhindern, anstatt den Strommarkt so zu reformieren, dass er für einen wachsenden Anteil erneuerbarer Energien vorbereitet ist.

Verunsicherung bleibt aber erst einmal bestehen, denn eine endgültige Entscheidung über die Kürzung der EEG-Vergütung für Solarstrom kann sich noch Monate hinziehen. Anlagenbetreiber in spe und die Solarbranche sind weiterhin verunsichert, statt klarer gesetzlicher Regelungen für die Fotovoltaik gibt es zur Zeit nur eine Art Scherbenhaufen. Aber es besteht Hoffnung auf substanzielle Verbesserungen, denn der Bundesrat hat mit seinem "Nein" zur letzten EEG-Novelle eine vollständige Überarbeitung des Gesetzentwurfes gefordert. Im Wesentlichen fordern die Länder:

  • andere, differenziertere Vergütungsklassen, als sie im vorgelegten Gesetzentwurf geplant waren
  • sie lehnen das unausgegorene "Marktintegrationsmodell" ab (wonach bis zu 20% des erzeugten Stroms nicht EEG-vergütet worden wären), auch weil es nach Ansicht der Länder keine zusätzlichen Anreize zur Stärkung des Eigenverbrauchs schafft
  • es fehlen Regelungen zur sinnvollen Integration des PV-Stroms in das Netz, aus Sicht der Länder insbesondere Anreize für dezentrale Speichersysteme, die eine Lastverschiebung ermöglichten
  • das übereilte Gesetzgebungsverfahren und die vorgesehenen rückwirkenden Übergangsfristen zerstörten Vertrauen, statt dessen soll von den ersten Planungen über die Investitionsentscheidung bis hin zur tatsächlichen Umsetzung eine verlässiche EEG-Novelle formuliert werden.
Stromgestehungskosten für PV, CSP (Concentrating Solar Power) und Wind an Standorten in Deutschland und Spanien. Der Wert unter der Technologie bezieht sich auf die solare Einstrahlung in kWh/m²/Jahr. Stand Mai 2012. Bild: Fraunhofer ISE

Der Atomausstieg verstetigt sich - Biblis wird abgerissen, vier weitere AKWs vom Netz

Fast im Stillen und kaum noch von der Öffentlichkeit bemerkt wurden im April gleich vier weitere Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Das AKW Brokdorf (1.480 MW) wurde wegen Problemen an den Niederhaltefedern heruntergefahren. Das AKW Grafenrheinfeld (1345 MW) wurde vom Netz genommen, um Sicherungen von elektronischen Baugruppen zu überprüfen. Das AKW Grohnde (1430 MW) war vom 5. bis zum 22. April wegen Brennelementwechsels vom Netz. Und Block B vom AKW Gundremmingen (2 × 1344 MW) wurde am 30. März abgeschaltet und ist seitdem in Revision. Dass mit den Abschaltungen fast 7 GW AKW-Leistung von Netz gingen, verlief ohne Störungen.

Und das AKW Biblis soll jetzt nach Plänen von Betreiber RWE vollständig abgerissen werden. Am Freitag kündigte RWE an, bei der hessischen Genehmigungsbehörde den Abriss der beiden AKW Blöcke Biblis A und B zu beantragen. Wenn die Genehmigungsbehörden ihr ok gebe, könne der Abriss in der zweiten Jahreshälfte 2016 beginnen. Nach Auskunft des hessischen Umweltministeriums müssen aber zuerst die Brennelemente aus der Anlage entfernt werden. Sie sollen bis 2016 in Castorbehälter umgeladen und in anderen Zwischenlagern deponiert werden. Die folgenden Abbrucharbeiten sollen voraussichtlich zehn bis 15 Jahre dauern.

Unabhängig von seinen Abrissplänen bleibt RWE aber weiter bei seiner Verfassungsklage gegen den Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland, hier dürfte es vor allem um den Versuch gehen Entschädigungszahlungen zu bekommen.

Sollten sich der Abriss und die Beseitigung der alten AKWs als möglich und zeitnah durchführbar erweisen, könnte der laufende Umstieg auf eine regenerativ gespeiste Stromversorgung zeitgleich mit der Demontage der alten Kraftwerke stattfinden. Das klingt alles sehr erfreulich, wäre nicht die weiter ungelöste Frage: Wohin mit dem strahlenden und kontaminierten Abrissmaterial?

Global kumulierte installierte Kapazität 2000-2011 von PV-, CSP- und WEA. Daten: Fraunhofer ISE, GWEC 2009, Sarasin 2011. Bild: Fraunhofer ISE

Gaskraftwerke sollen zur lukrativen "Notreserve" umdeklariert werden

Neue Gaskraftwerke lassen sich kurzfristig zu- und abschalten und sollen einspringen, wenn Sonne und Wind nicht genug Strom liefern. E.ON kündigte jetzt aber an, mindestens drei seiner älteren und ineffizienten Gaskraftwerke stillzulegen: im nächsten Jahr Block 3 des Gaskraftwerks Irsching in Bayern und Block 4 des Gaskraftwerks Staudinger in Hessen, ab 2014 dann auch Franken 1 in Nürnberg. Damit wären dann weitere 1.420 MW konventionelle Kraftwerksleistung vom Netz.

Allgemein sinken die Einsatzzeiten konventioneller Kraftwerke immer mehr, weil Wind- und Solarstrom einen größeren Anteil der Versorgung übernehmen und insbesondere den an der Strombörse lukrativen Spitzenstrom bedienen. Kohle- und Gaskraftwerke werden aber, obwohl sie für die Betreiber weniger lukrativ werden, dennoch noch längere Zeit gebraucht. Besonders die Politik möchte mehr Gaskraftwerke, um die CO2-intensive Kohleverstromung einschränken zu können.

E.ON hat die Schließung der drei Gaskraftwerke bereits bei der Bundesnetzagentur angekündigt, mit der Begründung, ihr Betrieb sei unter den neuen Bedingungen unwirtschaftlich geworden. So seien die relativ ineffizienten Generatoren aus den 70er-Jahren im vergangenen Jahr nicht einmal 100 Stunden gelaufen. Die Strategie zielt darauf ab, dass neue flexible Gaskraftwerke eine wichtige Schlüsselstellung im Stromnetz übernehmen können. Damit sich das auch wirtschaftlich wieder mehr lohnt, zielt E.ON auf eine Deklarierung der Gaskraftwerke als Reserve- und Ausgleichskraftwerke. Ihr Strom soll dann, durch Umlagen aus den Netzentgelten, entsprechend höher vergütet werden.

In die gleiche Richtung zielten die Aussagen von Peter Terium, RWE, dass der Bau von Gaskraftwerken bei Strom-Großhandelspreisen um die 50 Euro/MWh einfach nicht rentabel genug sei, für Neubauten müsse der Strompreis mindestens bei 75,80 Euro/MWh liegen. Dass soll jetzt indirekt durch die neue Bewertung von Strom aus Gaskraftwerken als integraler Bestandteil der Energiewende erreicht werden.

Lernkurvenbasierte Prognose von Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien in Deutschland bis 2030. Bild: Fraunhofer ISE

Nabucco wird abgespeckt, die Nord-Stream-Pipeline hingegen stark ausgebaut

Trotz des lauten Jammerns um angeblich zu niedrige Preise für Strom aus Erdgas wird hinter den Kulissen mächtig am Ausbau der Lieferkapazitäten gearbeitet. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA wird der Erdgasimport der EU bis 2030 auf jährlich 523 Mrd. Kubikmeter steigen, 211 Mrd. Kubikmeter mehr als heute. Neue Pipelines sollen her und die Pläne für deren Ausbau werden gerade revidiert.

Probleme gibt es bei der südlichen Pipeline Nabucco. Verzögerungen und Kosten machen die bisherige Kalkulation hinfällig. Statt der ursprünglich geplanten Kosten von 8 Mrd. Euro rechnet man inzwischen mit 15 Mrd. Die Pipelinepläne sollen abgespeckt werden, um eine "pragmatisch machbare" Lösung zu finden.

Dagegen soll die Nord-Stream-Pipeline massiv ausgebaut werden. Anscheinend ist es wesentlich einfacher, eine "bilaterale" Pipeline zu bauen, anstatt einen Pipelineverbund wie bei Nabucco zu schmieden, an dem dann auch noch alle beteiligten Länder (Türkei, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Österreich) mitreden wollen. Daher soll die Pipeline direkt vom russischen Lieferanten nach Deutschland ausgebaut werden. Der erste Leitungsstrang der Erdgaspipeline zwischen dem russischen Wyborg und dem deutschen Lubmin ging vor einem halben Jahr in Betrieb. Der zweite Parallelstrang soll ab Herbst 2012 folgen. Und das Firmenkonsortium Nord-Stream prüft bereits den weiteren Ausbau der 1.200 Kilometer langen Ostseepipeline um einen dritten und vierten Leitungsstrang. Die Anteilseigner (unter ihnen auch E.ON Ruhrgas!) haben dazu eine Machbarkeitsstudie zum Bau von zusätzlichen Leitungssträngen in Auftrag gegeben.

Verlängerung statt Fortschritte - Bonner Klimakonferenz startet ohne neue Konzepte

Derweil hat am Montag die UN-Klimakonferenz in Bonn begonnen. Nach den Vorgaben des vergangenen UN-Gipfels von Durban sollen die Delegierten in den nächsten zwei Wochen eine Vereinbarung vorbereiten, die als Nachfolger für das Kyoto-Protokoll dann ab 2020 den Ausstoß von Treibhausgasen begrenzen soll. Bei den Verhandlungen in Durban war, mangels Einigung auf neue Klimaziele, beschlossen worden, das Kyoto-Protokoll bei der nächsten Konferenz in Katar Ende des Jahres zu verlängern.

Die weltgrößten Klimasünder, die USA und China sind aber immer noch nicht dabei, während Kanada inzwischen ausgestiegen ist, weil es sonst Abstriche bei der Ausbeutung seiner Ölsandvorkommen machen müsste. Das heißt, selbst wenn man sich bei den Verhandlungen jetzt in Bonn und in einigen Monaten in Katar auf Emissionsminderungsziele einigt, die rechnerisch die Klimaerwärmung auf 2° begrenzen, so bleibt es fraglich, welche Länder sich danach überhaupt an deren Umsetzung beteiligen werden. Geschieht nichts, dann rechnen Klimawissenschaftler mit einer ungebremsten Klimaerwärmung um im Mittel 3 - 4° bis Ende dieses Jahrhunderts.

Während die Umstellung der Stromnetze bei uns mittlerweile so viel Eigendynamik entwickelt hat, dass der Umbau von Netzen und Erzeugern auch gegen Widerstände vorangeht, stottert die Klimapolitik weiter und hat noch keine neuen Konzepte, geschweige denn eine Einigung auf neue verbindliche Vereinbarungen zur Begrenzung des menschengemachten Klimawandels gefunden.

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