Die Präsenz des Autors

27.05.2012

Die Lösung des Urheberrechtsstreits liegt in der Ausdifferenzierung der Kunst- und Werkformen

Es herrscht ein babylonisches Stimmengewirr in der Welt der Kreativen. Jeder glaubt, für jeden anderen reden zu dürfen, nicht nur Partei ergreifen zu können sondern auch zu wissen, auf welcher Seite der Barrikaden, die von Tag zu Tag größer werden, die Guten und auf welcher die Bösen stehen. Dabei ist die Lage um die Interessen von Urhebern, Verbreitern und Konsumenten von Kunst viel unübersichtlicher, als uns das politische Freund-Feind-Denken glauben macht, das uns die meisten Beteiligten aufzuzwingen versuchen.

Abhängig davon, welche Art von Kunstwerk ein Künstler schafft, ist die Situation sehr unterschiedlich. Somit wird auch eine Lösung des Urheberrechtsstreits, wenn sie für alle akzeptabel sein soll, in verschiedenen Bereichen des künstlerischen Schaffens sehr verschieden aussehen.

Die erste Frage ist die der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst. Die zweite ist, ob die Kunst das Werk eines Einzelnen oder ob es notwendigerweise Produkt eines Teams ist. Natürlich kann man sofort einwenden, dass heute jedes Werk irgendwie reproduzierbar ist, und dass kein Künstler ganz alleine arbeiten kann. Aber es lohnt sich, ein paar Vereinfachungen vorzunehmen und einige Unterscheidungen zu treffen um zu sehen, dass man das Problem des Urheberrechtes nicht ohne Differenzierung zwischen den Arten von Werken und ihren Produktionsmodellen betrachten kann.

Einzelkünstler mit Einzelwerken

Maler und Bildhauer sind Einzelkünstler, die Einzelwerke schaffen. Wenn jemand ein Foto eines Gemäldes ins Internet stellt, dann hat der Maler kein Problem. Sein Werk ist einmalig und kann nicht technisch reproduziert werden – und wenn es doch getan wird, dann ist es eine Fälschung, die strafbar ist und sicherlich auch strafbar bleibt. Daran ändert kein Filesharing und kein Internet etwas. Maler haben kein Urheberrechts-Problem. Sie sind in ihren Werken selbst präsent, sie haben selbst Hand angelegt und nur, wenn sie das wirklich getan haben, ist es überhaupt das Werk. Ein Foto eines Gemäldes ist zumeist selbst kein Kunstwerk, sondern eben sein Abbild, sozusagen ein Vorgeschmack des eigentlichen Kunstgenusses.

Es ist interessant, sich anzusehen, wie Fotografen sich die Methode der Maler zueigen gemacht haben, um in ihren Werken persönlich präsent zu bleiben. Sie haben den Produktionsprozess so gestaltet, dass es nur wenige Originale eines Fotos geben kann, die signiert werden. So werden auch von Fotografen heute einzigartige Werke geschaffen, die zwar kopiert, fotografiert und abgebildet werden können – aber auch dabei entstehen eben nur Abbilder, das Werk wird nicht technisch vervielfältigt, sondern nur vorgestellt.

Der eigentliche Kunstgenuss findet beim Gemälde, bei der Skulptur und auch bei solchen Fotografien da statt, wo man dem wirklichen Original begegnet. Die Kunstausstellung ist die Performance des Werks. Das Abbild des Werkes in Büchern, auf Postern und im Internet mag auch schon Genuss bereiten, aber der wahre Kunstgenießer pilgert zu den Stätten der Kunst-Performance. Wer das nicht glaubt, der schaue einmal auf die langen Schlagen der Wartenden vor den Ausstellungen eines Gerhard Richter oder am Folkwang-Museum in Essen.

Die Performance der Musik

Nun kann man fragen, wo z.B. bei einem Musikstück die Performance der Kunst stattfindet. Durch die jahrzehntelangen Produktions- und Verwertungsprozesse der Musikindustrie ist es selbstverständlich geworden, die Geräusche aus dem Radio oder dem MP3-Player für das Werk zu halten. Aber das ist nicht selbstverständlich. Man könnte das Hören eines Liedes aus dem Wohnzimmerlautsprecher oder unter Kopfhörern auch für den Vorgeschmack, das bloße Abbild des Werkes nehmen, so wie das Foto des Gemäldes auf der Webseite des Museums oder wie das Poster, den ich im Museumsshop kaufen, oder den Katalog, den ich auf der Webseite einsehen kann.

Die Performance der Musik findet da statt, wo der Künstler präsent ist. Der Musiker hat natürlich den Nachteil, dass er seine Originale nicht auf Vorrat produzieren kann, dass sie ohne seine Anwesenheit nicht auskommen. Das macht seine Performance teurer. Andererseits kann er sich beim Fotografen abschauen, wie sich kleine und mittlere Auflagen von Werken schaffen lassem, in denen die Präsenz des Künstlers transportiert wird. Schon ein CD-Cover mit persönlicher Unterschrift, nach dem Konzert mit einem Lächeln und einem ganz individuellen Blick von Hand zu Hand gegeben, ist bekanntlich von keiner Musikdatei aus dem Netz aufzuwiegen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant daran zu erinnern, dass Musik schon länger der Gefahr des Kopierens ausgesetzt ist, genauer gesagt, seit der Erfindung und Verbreitung des Tonbandgerätes. Zwar haben die Verwertungsgesellschaften auch die Magnetbänder schon als Gefahr für das Urheberrecht beschworen. Die große schwarze Langspielplatte mit ihrem respektablen Plattencover hatte jedoch eine ausreichende physische Präsenz, um Ziel der Begierde des Konsumenten zu sein. Erst in dem Moment, in dem durch die Digitalisierung die höchste technische Qualität der Wiedergabe an keinen physischen Träger mehr gebunden war, entstand das Problem. Es liegt aber vor allem darin, dass die Ästhetik des physischen Produktes von eben dieser Industrie selbst lächerlich gemacht wurde und die Ästhetik der technischen Perfektion über alles gestellt wurde.

Aus der Tatsache, dass zum Musikgenuss aber mehr gehört als das pure Hören eines technisch optimierten Klangs, könnten Musiker und Produzenten neue Ideen entwickeln, bei denen der Konsument seine heruntergeladene oder kopierte Datei selbst als das ansieht, was sie ist: Ein simpler Vorgeschmack auf das, was er wirklich haben möchte. Das, was früher die LP war, wird irgendetwas anderes sein, aber es wird etwas Physisches sein, in dem die Präsenz des Musikers und der Produktion des Werkes noch spürbar ist. Diese Dinge werden dem Katalog der Ausstellung oder dem hochwertigen Kunstdruck eines Gemäldes entsprechen, sie sind nicht das Original, aber in ihnen sind das Original und sein Schöpfer noch spürbar, wenn auch nicht mehr präsent. Sie sind nicht mehr die Kunst selbst, aber sie sind noch akzeptable und damit werthaltige Kunst-Produkte.

Die wirkliche Performance, in der der Musiker präsent ist, ist das Konzert. Auch immer mehr Autoren von Büchern entdecken die Möglichkeiten, die die persönliche Performance ihnen bietet, um ganz neue Formen von Werken zu schaffen. Die Lesung muss nicht eine vertriebsunterstützende Maßnahme für den Verkauf eines Buches sein, so wie die Konzerttournee nicht dem Marketing der neuen CD dienen muss. In beiden Fällen ist es genau umgekehrt: Das Buch und die CD sind der Vorgeschmack, der die Begierde zum Erleben der eigentlichen Performance weckt.

Schreiber und Redner

Die großen Autoren der Vergangenheit – vor der Erfindung des Buchdrucks – waren vor allem große Redner, und das gesprochene, direkt vernommene Wort wurde höher geschätzt als der geschriebene Text. Bei den Musikern ist es natürlich ganz genauso, und das Konzert wird noch immer so hoch geschätzt, weil die Zeit der technischen Reproduzierbarkeit des Tons noch nicht so lang ist wie die Geschichte des Buchdrucks. Vielleicht ist die Zeit, in der wir ein totes Ding, das in einem technischen Prozess ohne direkte Präsenz des Künstlers beliebig oft vervielfältigt werden kann, für ein Kunstwerk halten und darüber die hautnahe Präsenz des Künstlers selbst vernachlässigen, ja nur eine vorübergehende Episode, die bald vorbei ist.

Natürlich werden wir dann weiterhin Musik aus Lautsprechern hören und Texte auf Papier oder Displays lesen. Aber darin wird dann keiner mehr einen Urheberrechtsverstoß sehen, weil sie ja nicht das Kunstwerk selbst sind, sondern nur sein Abbild, dem zum wirklichen Genuss die Präsenz des Künstlers fehlt. Und für das Erlebnis dieser Präsenz werden wir – da bleibt uns gar nichts anderes übrig – auch ordentlich in die Tasche greifen.

Zweifellos wird sich einiges dazu ändern müssen. Lektoren, Produzenten, Techniker, Vertriebsleute und Agenten müssen weiterhin bezahlt werden, damit hochwertige Kunst-Produkte entstehen. Nicht jeder Autor ist auch ein begnadeter Leser und Live-Entertainer. Aber auch heute sind nicht unbedingt die besten Autoren die erfolgreichen, sondern die, die sich am besten präsentieren können.

Wenn der Kunstgenuss sich durch die Präsenz des Künstlers und nicht durch die Benutzung einer technisch beliebig reproduzierbaren Kopie seines Werkes definiert, dann gewinnt das große, einmalige Erlebnis des Künstlers mit seinem Werk an Wert. Dieses Erlebnis, das Genuss für alle Sinne ist, braucht gar kein Urheberrecht, es ist durch Kopieren oder Herunterladen irgendwelcher Dateien überhaupt nicht gefährdet.

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