"Die Weltwirtschaftskrise ist eine Krise der Urbanisierung"

25.05.2012

US-Ökonom David Harvey über die Geschichte des Kapitalismus als eine Abfolge von Immobilienblasen, das merkwürdige Weiterleben des Neoliberalismus und die Stadt als Ausgangspunkt für eine neue Bewegung

"Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ist eine Krise der Städte", sagt der amerikanische Geograph und Ökonom David Harvey. Überall auf der Welt seien es die städtischen Unterschichten, die am meisten unter Sozialabbau, steigenden Mieten und Verdrängung litten. Gleichzeitig sieht er in neuen urbanen Bewegungen, zum Beispiel in Lateinamerika, den stärksten Gegner des Neoliberalismus. Aber der Zusammenhang zwischen Stadt und Krise geht darüber hinaus: Eine fortschreitende Urbanisierung war seiner Meinung nach eine der Voraussetzungen dafür, dass der Kapitalismus bisher seine Krisen überwinden konnte - ein Prozess, der nun ins Stocken gerät ...

David Harvey

Professor Harvey, ich bin auf eine bemerkenswerte Medlung aus England gestoßen: Im Zuge der Sparpolitik wurde eine Obergrenze für die Wohnbeihilfen festgelegt. Weil aber die Mieten in London immer weiter steigen und es kaum noch Sozialwohnungen gibt, gehen einige Stadtbezirke offenbar dazu über, Menschen, die von der Obdachlosigkeit bedroht sind, in anderen Landesteilen unterzubringen - 150 Kilometer und mehr von ihrer Heimatstadt entfernt. Was sagen Sie dazu?

David Harvey: Mich überrascht das nicht. Die Verdrängung von Armen aus den Städten verschärft sich. Überall auf der Welt sind es die städtischen Unterschichten, die am meisten unter den Krisenfolgen leiden, unter steigender Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, aber eben auch unter den Kürzungen von staatlichen Hilfen. In den verschiedenen Weltregionen nimmt der Krisenverlauf natürlich unterschiedliche Formen an, aber überall sind die ohnehin verarmten Bevölkerungsteile einem scharfen Angriff auf ihren Lebensstandard ausgesetzt.

Ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass es sich dabei um politische Entscheidungen handelt, nicht um sogenannte Sachzwänge. Die Krise ist eine willkommene Ausrede, um alle staatlichen Programme anzugreifen, die Wohlstand von oben nach unten umverteilt haben. Das ist nicht nötig, um aus der Krise zu kommen, im Gegenteil - die Daten gerade aus Europa zeigen meiner Meinung sehr deutlich, dass Austerität eben nicht funktioniert, sondern in nächste Rezession führt. Aber aus Sicht der oberen Klassen ist Rezession gar kein Problem, solange es ihnen gut geht - und es geht ihnen einigermaßen gut, teilweise sogar besser als vor 2007.

Reurbanisierung der Innenstädte durch die wohlhabenden Schichten

Gentrifizierung, also die Verdrängung von ärmeren Haushalten aus ihren Stadtvierteln ist nichts Neues. Gewinnt sie in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise eine neue Qualität?

David Harvey: Nein, Gentrifizierung ist tatsächlich keine neue Erscheinung. Seit es kapitalistische Städte gibt, werden Arme vertrieben. Aber die politische Einstellung und die staatliche Regulierung zu solchen Verdrängungstendenzen haben sich verändert. Mittlerweile setzen viele städtische Verwaltungen ganz bewusst auf Gentrifizierung als Strategie der Stadterneuerung. Selbst in der akademischen Debatte unter Stadtsoziologen gibt es immer mehr Stimmen, die sie als ein geeignetes Mittel darstellen, um Innenstädte wiederzubeleben.

Es gibt Berichte, beispielsweise aus Griechenland oder Indien, dass manche Menschen die Großstädte verlassen müssen, weil sie dort kein Auskommen mehr finden. Sind das Einzelfälle oder ist das ein Trend?

David Harvey: Es gibt einen Abwanderungstrend, aber auch diese Entwicklung darf man nicht über einen Kamm scheren. Wenn erwerbslose Griechen oder Inder wieder aufs Land ziehen, dann tun sie das, weil sie in ihren Heimatdörfern unter Umständen noch ein Auskommen in der Landwirtschaft finden. Anderswo gibt es andere Gründe für die Abwanderung. In New York City, wo ich lebe, steigen die Mieten und Immobilienpreise trotz der Krise ungebremst weiter und Haushalte mit geringem Einkommen werden dadurch verdrängt. Weil die Chancen auf einen Job hier ohnehin miserabel sind, ziehen viele in kleinere Städte im Bundesstaat New York und nach Pennsylvania. Die Kehrseite davon ist eine starke Wanderungsbewegung in die entgegengesetzte Richtung, Wohlhabende ziehen wieder zurück in die Stadtzentren - nachdem jahrzehntelang die amerikanischen Mittelschichten in die wuchernden Vororte zogen und die Innenstädte den Armen und ethnischen Minderheiten überließen.

In den 1950er, 1960er Jahren sprach man vom "white flight" - der Flucht der europäisch-stämmigen Stadtbevölkerung aus den schwarzen und angeblich gefährlichen Innenstädten in die Vororte.

David Harvey: Der Politologe Alan Ehrenhalt hat in einem gerade erschienen Buch namens "The Great Inversion" gezeigt, dass sich dieses Muster umgedreht hat. Die Wohlhabenden gehen in die Zentren, während die Armen und Schwarzen an den Rand gedrängt werden, teilweise auch aus dem Stadtgebiet hinaus. Historisch hatte die Urbanisierung in den USA im 20. Jahrhundert die Form einer Suburbanisierung. Heute geht es aber ebenso sehr um eine "Reurbanisierung", um eine Wiedereroberung der Innenstädte, die in Einkaufsparadiese und exklusive Wohngegenden mit hochpreisigen komfortablen Eigentumswohnungen verwandelt werden

Bis auf einzelne Metropolen liegt der Immobilienmarkt in den USA und auch Großbritannien immer noch danieder. Was bedeutet das für die Weltwirtschaft?

David Harvey: Die Federal Reserve Bank von San Francisco hat vor einiger Zeit in einem ihrer Berichte einen Satz geschrieben, der mittlerweile sprichwörtlich geworden ist: "Amerika kommt aus einer Wirtschaftsflaute heraus, indem es Häuser baut und sie mit Sachen vollstopft!" Anders gesagt, um aus einer Rezession herauszukommen, wird der Immobiliensektor angekurbelt. Das Problem ist nur: Die Strategie funktioniert nicht mehr! Die USA können einfach nicht mehr neue Häuser bauen und sie mit Waren vollstopfen, denn es gibt fast in allen Landesteilen ein Überangebot. Dieser Krisenausweg ist also blockiert und ein anderer Ausweg ist nicht in Sicht.

Die Urbanisierung als Weg aus der Krise ist allerdings in anderswo nicht versperrt, nämlich in China. Der chinesische Immobilienmarkt ist regelrecht explodiert, in kürzester Zeit wurden neue Städten aus dem Boden gestampft - leider mit den gleichen ökologischen und sozialen Verheerungen wie in den USA mit Vorstadtsiedlungen, eskalierendem Autoverkehr und sozialer Segregation.

Urbanisierung zur Stabilisierung der Wirtschaft

Immerhin schauen Wirtschaftsexperten voller Angst auf die "chinesische Immobilienblase". Was geschieht mit der Weltwirtschaft, wenn sie platzt?

David Harvey: Gute Frage. Sicher gibt es in China Überinvestition und spekulative Exzesse, also muss die Regierung den Markt langsam abkühlen. Ob die bisherigen Eingriffe für eine sanfte Landung reichen werden oder ob es es einem Crash kommen wird, ist meiner Ansicht nach eine offene Frage. Auf jeden Fall wird die Verlangsamung des Wachstums auf die Weltwirtschaft zurückwirken. Der chinesische Immobilien-Boom war einer der wesentlichen Stabilisatoren der Weltwirtschaft nach 2007, weil die rapide Verstädterung einen großen Anteil Arbeitskraft und Kapital gebunden hat.

In den vergangenen fünf Jahren hat China die Hälfte der weltweiten Zement- und Stahlproduktion verbraucht. Durch die Krise gingen von 2007 bis Ende 2008, Anfang 2009 30 Millionen chinesische Arbeitsplätze verloren. Ende 2009 lag diese Zahl bei nur drei Millionen. Innerhalb weniger Monate entstanden also 27 Millionen neuer Jobs - ein Teil durch die Wiederbelebung der Exportindustrie, der größte Teil aber durch die gewaltigen staatlichen Investitionen in Infrastruktur und den Bauboom.

Sie betonen, wie wichtig die Bauwirtschaft und die Urbanisierung für die kapitalistische Entwicklung insgesamt waren und sind. Können Sie erklären, wie beides Ihrer Ansicht nach zusammenhängt?

David Harvey: Immobiliensektor und Stadtentwicklung sind keine Randerscheinungen, sondern sie haben die kapitalistische Entwicklung ganz entscheidend geprägt. Platzende Immobilienblasen waren immer wieder das erste Anzeichen von Wirtschaftskrisen und der Immobiliensektor immer schon eng verwoben mit neuen Finanzierungsmethoden, lange bevor es CDO oder andere strukturierte Finanzprodukte gab.

Der erwähnte Satz, dass Amerika aus der Rezession kommt, indem es Häuser baut, beschreibt das Vorgehen des Staates und der Finanzwirtschaft seit den 1930er Jahren ganz genau. Ein wesentliches Element der keynesianischen Strategie gegen die Weltwirtschaftskrise ab 1929 war, die Vergabe von Hypotheken und den Hauskauf zu fördern. Vorher besaßen nur knapp 40 Prozent der Amerikaner Wohneigentum. (Heute sind es fast 70 Prozent. M.B.) Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen der Bau der Vorstädte und die Schuldenfinanzierung von neuen Häusern entscheidend zur Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft und damit auch der Weltwirtschaft bei. Historisch betrachtet war das der erste Versuch, durch Urbanisierung die Wirtschaft zu stabilisieren und diese Strategie wurde die ganze neoliberale Ära hindurch verfolgt.

Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt gleicht einem "Schneeballsystem

Sie sind überzeugter Marxist - was sich unter anderem daran zeigt, dass Sie seit über vier Jahrzehnten Ihren Studenten "Das Kapital" nahebringen. Als Marxist gehen Sie davon aus, dass der tiefliegende Grund für wirtschaftliche Krisen eine stockende Reinvestition des Mehrwerts, eine stagnierende Akkumulation ist.

David Harvey: Genau, überakkumuliertes Kapital muss eine Anlage finden. Historisch wurde ein Gutteil des das Überschusskapitals durch die Urbanisierung und den Bau von Infrastrukturen wie beispielsweise Straßen absorbiert. Der Immobiliensektor kann diese Rolle erfüllen, weil er sich durch besonders lange Umschlagzeiten und Investitionszyklen auszeichnet. Bekanntlich vergehen oft Jahre oder gar Jahrzehnte, bis ein Gebäude fertiggestellt und in Betrieb genommen wird. Dazu kommt, dass Banken gleichzeitig die Produktion und die Konsumtion manipulieren können: Sie vergeben Kredite einerseits an die Bauwirtschaft und andererseits an die Hauskäufer.

Durch Urbanisierung lassen sich Krisentendenzen also aufschieben - aber sie können sich zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder geltend machen, unter Umständen noch stärker als zuvor. Das Problem ist daher, dass man nie sagen kann, ob es sich um eine Überinvestition handelt hat oder nicht, bis die Blase platzt. Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt hat grundsätzlich etwas von einem "Schneeballsystem".

Sie haben sich mit der neoliberalen Epoche beschäftigt. Wo stehen wir heute - ist der Neoliberalismus als gesellschaftliches System erledigt?

David Harvey: Ich interpretiere den Neoliberalismus als den erfolgreichen Versuch der herrschenden Klassen seit den 1970er Jahren, ihre Macht wieder zu festigen und auszubauen. Als gesellschaftliches System war der Neoliberalismus sehr erfolgreich darin, Wohlstand umzuverteilen, aber weit weniger, Wohlstand zu vermehren. So ist eine geradezu obszöne Ungleichheit ist entstanden. In New York, wo ich lebe, verdient das oberste Prozent der Bevölkerung im Durchschnitt 3,7 Millionen US-Dollar im Jahr, das heißt also ungefähr 10 000 Dollar am Tag, Gleichzeitig versucht eine Million New Yorker, sich 10 000 Dollar im Jahr durchzuschlagen. Meine Behelfsdefinition einer neoliberalen Gesellschaft lautet: "Kommt es zu einem Konflikt zwischen dem Wohlergehen von Menschen und dem von Finanzinstitutionen, dann gewinnen die Finanzinstitutionen." Das gilt offensichtlich weiter.

Aber für viele Menschen hat sich etwas geändert. Sie erleben, mehr oder weniger drastisch, dass es immer schwerer wird, ihren Lebensstandard zu halten. Wie wird ein Neoliberalismus aussehen, der keine Versprechen mehr machen kann oder dessen Versprechen nicht mehr geglaubt werden?

David Harvey: Schwer zu sagen. Es wird jedenfalls immer schwerer, neoliberale Politik zu rechtfertigen. Die Legitimität dieses Systems beruhte auf der Erwartung, dass es Wirtschaftswachstum geben und der Wohlstand dann von oben nach unten durchsickern würde (trickle down). Die Menschen erkennen, dass das nicht oder nicht mehr der Fall ist. Die Legitimität des Neoliberalismus besteht nur noch darin, alle vorstellbaren gesellschaftlichen Alternativen zu diskreditieren. Wie Margret Thatcher immer wieder gesagt hat: "Es gibt keine Alternative."

Das Prinzip der neoliberalen Stadtpolitik lautet: "Spalte und herrsche!"

Ihr neues Buch handelt von "rebellischen Städten", von urbanen Aufstandsbewegungen von der Pariser Kommune bis zu Occupy. Noch 2008 schrieben Sie, einigermaßen pessimistisch: "Heute wirkt die Idee weit hergeholt, dass eine Stadt als kollektiver Organismus fungieren könnte, in der fortschrittliche soziale Bewegungen entstehen und von der aus sie sich verbreiten." Wie erklären Sie den Niedergang des städtischen Gemeinsinns?

David Harvey: Ohne die damaligen Verhältnisse romantisieren zu wollen, Städte waren in den 1920er und 1930er Jahren kompakte Konzentrationen urbaner Bevölkerungen mit einer politischen Interessenvertretung, Städte waren eine wirksame politische Macht. Mit der Suburbanisierung wurde die Bevölkerung immer weiter räumlich verteilt. Heute ist auch das sogenannte Ghetto zersiedelt, die arme Bevölkerungsgruppen sind nicht mehr konzentriert genug, um sich zu organisieren.

Vor kurzem wurde in Florida Trayvon Martin, ein junger Schwarzer, erschossen, als er durch eine abgeschottete Wohnanlage lief. Der Täter gehörte zu einer Freiwilligengruppe, die die Nachbarschaft vor Kriminellen und Eindringlingen schützen will. Was sagen solche Ereignisse - und sie sind nicht selten - über Urbanität heute?

David Harvey: Das Prinzip der neoliberalen Stadtpolitik lautet: "Spalte und herrsche!" Durch diese Politik sind Enklaven entstanden, die sich von ihrer Umwelt abzuschotten versuchen und in denen die Paranoia wuchert, die Angst vor Menschen, die anders sind oder auch nur so aussehen. Der Fragmentierung der Stadt entspricht die verbreitete Haltung, man hätte das Recht, in der eigenen Nachbarschaft nicht mit Fremdem konfrontiert zu werden.

Das Ziel der kapitalistischen Urbanisierung war immer zu verhindern, dass Städte Zentren der politischen Opposition oder Willensbildung werden. Etwas wie die Pariser Kommune sollte sich niemals wiederholen. Ich sehe unsere Aufgabe darin, auf den Ruinen der kapitalistischen Urbanisierung eine sozialere Stadt aufzubauen, eine Stadt, die wieder als eine politische Einheit fungiert. Zu dieser Strategie gehört, Bündnisse zu schmieden zwischen den verschiedenen urbanen Bevölkerungsgruppen, die auf die eine oder andere Weise unter den Verhältnissen leiden. Das wird nicht einfach werden, aber es ist durchaus vorstellbar. An vielen Orten regen sich städtische Gegenbewegungen, die eine enorme Macht entfalten können.

An was für Bewegungen denken Sie da?

David Harvey: Die beiden eindrucksvollsten Beispiele sind die bolivianischen Städte Cochabamba oder El Alto am Rand von La Paz. Gerade El Alto ist ein Ausgangspunkt einer radikalen Opposition, die in den letzten beiden Jahren schon zwei Präsidenten gestürzt hat. Ähnlich in Brasilien, wir erleben es in Kairo …

In den USA denke ich an die "Recht auf Stadt"-Bewegung oder den Excluded Workers Comgress. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit nach den Attentaten vom 11. September, als ich gerade nach New York gezogen war. Damals kam die Stadt wirklich zum Stillstand. Keine Waren kamen durch die Tunnel oder über die Brücken, niemand kaufte ein, niemand tat irgendwas. Nach drei Tagen hielt der damalige Bürgermeister eine Rede im Fernsehen und flehte die New Yorker an, wieder zu konsumieren: "Um Himmels Willen, holt eure Kreditkarten raus und kauft etwas, geht abends aus!" Wer die urbane Zirkulation stoppt, stoppt die Akkumulation. Wer die Stadt lahmlegt, legt den Kapitalismus lahm. Hier liegt eine gewaltige latente Macht.

Recht auf Stadt

2011 war das Jahr einer "Bewegung der Plätze", Tahrir und Puerta del Sol sind die bekanntesten Beispiele. In welcher Beziehung stehen diese Bewegungen und die Städte?

David Harvey: Ich denke, es handelt sich bei diesen Besetzungen um erste und primitive Schritte in die richtige Richtung. Ein Teil der Bevölkerung beginnt, sich den städtischen Raum zurückzunehmen, damit dieser Raum als ein politisches Gemeinwesen fungieren kann, ein Ort, an dem auf neue Art diskutiert und entschieden wird. Ich war von der äußerst brutalen Reaktion der Polizei auf diese Bewegungen überrascht. Die einige Erklärung, die mir dafür einfällt, ist, dass die herrschenden Klassen eine Menge Angst haben und solche Bewegungen im Keim ersticken wollen.

Sie entlehnen von dem französischen Soziologen Henri Levebvre den Begriff eines "Rechts auf Stadt". Vermutlich werden die meisten Leser darunter das Recht verstehen, sich in der Stadt aufzuhalten, nicht vertrieben zu werden. Aber in Ihrer Definition beinhaltet das Recht auf Stadt viel mehr.

David Harvey: Ja, es geht um mehr, nämlich um das Recht, die Stadt zu gestalten und umzugestalten. Städte befinden sich in einem Prozess ständiger Veränderung. In New York hat sich unser Bürgermeister, der Milliardär Michael Bloomberg, mit der Immobilienwirtschaft verbündet, und sie gestalten die Stadt so, wie es ihnen gefällt, ohne auf die Bedürfnisse der überwältigenden Mehrheit Rücksicht zu nehmen. Eine Million Menschen leben hier von weniger als 10.000 US-Dollar im Jahr. Die Hälfte der Bevölkerung hat jährlich weniger als 30.000 Euro zur Verfügung. Für sie ist die Stadt ein äußerst abweisender Ort geworden. Sie haben keine Macht, sie finden kein Gehör. "Recht auf Stadt" bedeutet, dass die Ausgegrenzten ihre Interessen und Bedürfnisse zur Geltung bringen können.

Aber Sie gehen noch weiter - Städte sollen der Ausgangspunkt für eine Bewegung werden, die den Kapitalismus hinter sich lässt.

David Harvey: Progressive Politik hat sich in der Vergangenheit darauf konzentriert, die Menschen an ihren Arbeitsplätzen zu organisieren oder die Macht im Nationalstaat zu erobern, um die Gesellschaft umzugestalten. Wenn man dagegen die Stadt als Ausgangspunkt nimmt, bekommt man eine ganz neue Vorstellung davon, wer die Gesellschaft eigentlich verändern soll: nicht nur die Arbeiter, sondern ebenso sehr die Menschen, die sich gerade so durchschlagen, die nur teilzeitbeschäftigt sind …

Ich sage: wir leben in Städten, hier lieben wir, hier werden wir ausgebildet, hier arbeiten wir. Das Urbane gehört zu unserem Wesen; die Stadt macht uns zu dem, was wir sind. Wir alle zusammen produzieren die Stadt, also sollten wir auch entscheiden dürfen, wie die Stadt aussehen soll.

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