Heiligung der Gemeinschaft und Person

01.06.2012

Religiöse Praktiken werden zur Privatsache erklärt. Zumindest in Europa. Insgesamt wird die Welt aber immer religiöser, sagt Hans Joas, der in Regensburg als erster die Papst Benedikt Stiftungsprofessur bestreiten wird

"Politik" und "Religion" sind angesagt. Das beweist schon ein kurzer Blick ins Netz oder in eine der vielen Tages- oder Wochenzeitungen. Das "Ende der Aufklärung" muss das derweil aber noch nicht bedeuten. Auch nicht das "Ende der Vernunft", wie man Mitte der Achtzigerjahre noch befürchtet hatte, als Jürgen Habermas vehement für den "Diskus der Moderne" stritt und sich tapfer gegen die postmoderne Vernunftkritik und die Nietzsche-Renaissance aus Frankreich stemmte.

Religiöse Konstante

Mittlerweile sieht man diesen Dinge etwas klarer. Man weiß, dass sich "Staat" und "Religion" scheiden lassen, zumal in Europa, nicht aber "das Politische" und "das Religiöse". Kirche und Christentum sind vielleicht erfolgreich aus dem öffentlichen Raum entfernt und in den subkulturellen Kontext abgedrängt und verdrängt worden, das religiöse Gefühl, das tief im Individuum und in der Gesellschaft verwurzelt zu sein scheint, aber nicht.

Im Größeren Mittleren Osten, auch im "Reich der Mitte", wo die dortige Partei- und Staatsführung seit geraumer Zeit die Lehren des Konfuzius für ein Staatsideologie fruchtbar zu machen versucht, um dem europäischen Universalismus etwas substantiell Anderes entgegenzusetzen, wird es augenscheinlich und sogar virulent. Die Arabellionen sowie der Aufstand gegen das Assad-Regime wären kaum möglich gewesen ohne Zutun und Einfluss des Islam und seiner "Kämpfer".

Auch in Europa

Doch muss man mit den Augen wirklich so weit in die Ferne schweifen? In den arabischen Raum oder nach Fernost? Gibt es nicht auch in Europa, zumindest in den letzten Jahren, gezielte Versuche, den Kontinent politisch zu retheologisieren und ihn aufs "jüdisch-christliche Erbe" festzunageln?

Hans Joas, international gefragter Soziologe, Habermas-Schüler und bekennender Katholik, der in Erfurt, Berlin und Freiburg, in Chicago und in Harvard unterrichtete und lehrt, und neuerdings sogar die erste Stiftungsprofessur bestreiten darf, die zu Ehren Joseph Ratzingers alias Papst Benedikt XVI. an der Regensburger Uni neu geschaffen wurde, sieht diese Tendenz mit kritischen Augen.

Glaube = Vernunft

Nicht nur in der Regensburger Rede über "Glaube, Vernunft und Universität", wo Benedikt XVI. bereits den Gleichklang von "Vernunft und Glauben", von "Aufklärung und Religion" behauptet und dabei geflissentlich unterschlagen hatte, dass erst die Erklärung der Religion zur Privatsache es ermöglicht hatte, dass in Europa in zivilisierter Weise über "Vernunft und Glaube" diskutiert werden kann, ohne Gefahr zu laufen, von blutigen Religionskriegen heimgesucht zu werden.

Sondern besonders und erst recht in der Rede, die er letztes Jahr im Berliner Bundestag gehalten hat, wo der Papst erste Ansätze zu einer solchen "sakralen Selbstaufladung Europas" erkennen ließ. Ohne Rücksicht auf historische Befunde nahm er darin das geistig "kulturelle Erbe Europas" in Beschlag, unterstellte er dem "Kontinent der Aufklärung", der sich gerade im Widerstreit mit der christlichen Religion entwickelt hat, ein jüdisch-christliches Erbe, das es fortan gegen die Deutungshoheit von Szientismus und Rationalismus, die Ansprüche von Hedonismus und Vermittelmäßigung, Massenmedien und Konsumgesellschaft zu verteidigen gelte.

Religion als Kultur

"Die Kultur Europas", so der Papst vor den deutschen Parlamentariern wörtlich, "ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom - aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas." Dies "zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten", so Benedikt XVI. weiter, "wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben."

Gewiss gibt es eine Notwendigkeit zu einer politischen Einigung Europas. Ihr aber mit religiösen Inhalten, und sei es auch nur unterstützend, auf die Sprünge zu helfen, wie das der Papst in seiner "Vernunft und Natur", "Recht und Religion" verknüpfenden Art und Weise im alten Reichstagsgebäude gemacht hat, aber nicht. Die "Kulturalisierung der Religion", so Joas letzte Woche bei die Carl Friedrich von Siemens Stiftung, berge genau diese Gefahr der Vereinnahmung, nämlich der Instrumentalisierung religiöser Gefühle für politisch leicht durchschaubare Zwecke.

Faktum der Idealbildung

Dass Modernisierung oder Modernisierungsschübe schnurstracks zur "Säkularisierung" führen, bezweifelt und bestreitet Joas aufs Entschiedendste. Zwar seien die religiösen Praktiken, der Besuch von Gottesdiensten oder das öffentliche Sich-Bekennen zu Papsttum, Jungfrauengeburt und Zölibat, auf dem Rückzug. Daran könnten auch die Kirchentage oder die ausführlichen Berichte über sie im öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehen wenig ändern. Aber das Religiöse, mithin der Glaube an etwas Transzendentes, das die Kraft und die Macht des Menschen überschreitet, ist vitaler denn je.

Trotz dieser Virulenz des Religiösen in der Welt, glaubt Joas nicht, dass der Mensch anthropologisch auf Religion verpflichtet oder gar programmiert ist. Moralische Haltungen müssten nicht zwingend einen religiösen Background haben. Gleichwohl ist er aber auch keineswegs der Überzeugung, dass Religion etwas Überholtes oder gar etwas Rückständiges ist, sondern im "guten Menschen" per se verwurzelt sei.

Es geschieht

Ideale, aus denen dann Moralvorstellungen flössen, konstituierten sich erst in der Kooperation mit anderen. Dieses "Faktum der Idealbildung", wie Joas das nennt, vollzöge sich in der Vergemeinschaftung. Sie gründen eher in Evidenzerlebnissen als auf einer rationalen Begründung oder Herleitung. Die Menschen würden Ideale wie eine "Gabe" empfangen und sie nicht, wie Nietzsche das einst gelehrt habe, fabrizieren.

Diese "intellektuelle Intensität", die Menschen ergreife, bisweilen gar überwältige und die dem religiösen Gefühl innewohne, könne man rational nicht eingrenzen. Es passiere einfach, entweder schleichend oder plötzlich. Ist dies der Fall, dann verschöben die neuen Ideale die alten oder brächen einfach mit ihnen.

Darum habe jede "Idealbildung" auch immer eine Kehr- oder Schattenseite. Heil und Unheil, Gutes und Böses seien nicht trennscharf zu scheiden. Dies sei auch der Grund, warum er den Begriff der "Werte" tunlichst vermeide. Allerdings ließen sich gelungene von misslungenen Idealbildungen des Kollektivs differenzieren.

Wie diese allerdings zu unterscheiden seien und wer dann die Unterscheidung macht, diese wichtigen Fragen nach dem "Quis judicabit" beantwortet Joas nicht. Dieses Problem muss allem Anschein nach wieder die Gemeinschaft lösen. Womit man auf einmal mit einer Tautologie konfrontiert ist: Die Gemeinschaft empfängt Ideale, die sie dann, wenn es um deren Kraft, Geltung und Durchsetzung geht, wiederum an sich selbst adressiert.

Entsakralisierung von Macht

Schon zur Zeit der Jäger und Sammler habe es diesen Hang zur "Selbstsakralisierung des Kollektivs" gegeben. Da aber waren irdische und göttliche Welt noch eins und nicht voneinander geschieden. Besonders gewiefte Personen, die sich zu Mittlern zwischen den Welten erklärt hatten, Alte und Priester, Mediziner oder Schamanen, zogen daraus ihren Nutzen. Sie erfanden spezielle Riten und Rituale oder setzten andere Machtmittel ein, um ihre Herrscherrolle kosmisch zu begründen.

Zu den größten Leistungen der Weltreligionen in der sogenannten "Nach-Achsenzeit" (Karl Jaspers) etwa um 800 bis 200 vor Chr. gehört es laut Joas, mit dieser Tradition der Sakralisierung gebrochen und Strukturen politischer Herrschaft oder der sozialen Ungleichheit aus religiösen Gründen in Frage gestellt zu haben. Seitdem Gott nicht mehr zornig ist, er nicht mehr straft oder gar Rache fordert, sondern nur noch liebt und verzeiht, entfällt die Legitimation für politische Gruppen oder Bewegungen, das Recht Gottes in die Hand zu nehmen und sich als dessen Sprachrohr auszugeben.

Resakralisierung von Macht

Erst in der Moderne wird das Transzendente vom Weltlichen geschieden. Der dadurch entstehende Bruch zwischen "Religion und Politik" wird aber schon bald durch neue Formen der religiösen Legitimierung, durch neue Sendungs-, Heils- oder Erlösungsideologien erneut abgemildert, kompensiert oder sogar wieder geheilt. Was sich dem Beobachter oberflächlich als Säkularisierung von Idealen, Gütern und Idolen ausgibt oder kundtut, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als neue Form von Sakralisierung.

So könne etwa die Geschichte der Menschenrechte als eine Geschichte der Sakralisierung und Entsakralisierung betrachtet werden. Die "Sakralisierung der Person", die sich dadurch ergeben habe und worauf moderne westliche Gesellschaften und die liberale Demokratie ihre Legitimation gründen, habe sowohl eine Entsakralisierung der Nation als auch eine der politischen Herrschaft nach sich gezogen.

Sakralisierung des Subjekts

So habe sich im Westen als zentraler Bestandteil des Sakralen die Autonomie bzw. Freiheit des Individuums entwickelt und etabliert. Die Empörung gegen die Sklaverei, die im Amerika im 19. Jahrhundert seinen Ausgang nahm, oder die weltweite Ablehnung von Folter, die seit Guantanamo aber wieder auch in Frage steht, können als Belege dafür gelten. Aber auch das Grundgesetz hat sich in gewisser Weise daran orientiert. Die Würde des Menschen ist "unantastbar", heißt es dementsprechend im Artikel eins dieser Verfassung.

"Unantastbarkeit" war einst auch eine Definition für das Sakrale. Als "unantastbar", "heilig" oder "unrein" galten einst Frauen, die ihre Tage hatten, sie durften während dieser Zeit nicht berührt werden. Betrat eine Frau einen geheiligten Ort, so galt der als entehrt. Als "unantastbar" galten einst aber auch "Exkremente". Schließlich bekamen diesen Status einst auch der "homo sacer" ein, der zwar als "vogelfrei" galt, aber nicht geopfert werden durfte, weil er einer bestimmten Gottheit gehörte, oder der Leprakranke zugewiesen, der wegen seiner Ansteckungsgefahr aus der Stadtgemeinschaft ausgeschlossen wurde.

In der postmodernen Gesellschaft, in der aufgrund der herrschenden politisch-moralischen Korrektheiten alle als "rein" gelten, der Aids-Infizierte genauso wie Angehörige irgendeiner Minderheit, und folglich niemand mehr exkludiert werden darf, ist man jetzt dabei, nachdem man das für "außergewöhnliche Leben", von denen die Scissor Sisters auf ihrem brandneuen Albums singen, schon bewerkstelligt hat, dies auf die "Natur" bzw. auf "Tiere" und "Pflanzen" auszuweiten.

Von den Bürgern wird verlangt, sowohl dieser als auch jenen mehr Respekt entgegenzubringen, sie entweder per Vertrag (Michel Serres) an uns zu binden, oder sie in ein "Parlament der Dinge" (Bruno Latour) aufzunehmen, wo Menschen stellvertretend für ihre Belange streiten.

Resakralisierung des Absoluten

Was Neigung, Richtung und Tendenz moderner Gesellschaft, vor allem auch der hiesigen, zur "Überhöhung" von Dingen, Personen oder Werten angeht, kann man Joas gewiss nicht widersprechen. Grundsätzlich kann alles oder jedermann Objekt der Sakralisierung werden oder der Selbst-Transzendierung anheimfallen, ein Hund, ein Auto, ein Landstrich genauso wie eine Idee, eine Marke oder ein Verein.

Gleichwohl hat es den Anschein, als ob sich der Soziologe Joas, der eher eine US-pragmatische Herangehensweise an die Gegenstände pflegt, ein etwas geschöntes Bild vom Sakralen macht. Das Sakrale ist wesentlich ambivalenter als es bei ihm scheint. Gott mag zwar seinen Zorn vergessen haben, aber im Umkehrschluss das heißt nicht, dass die Gewalttätigkeit, die dem Sakralen immanent ist, verschwunden ist, oder sich Gruppen oder Gemeinschaften mit der "Überhöhung" des Individuums, wie westliche Gesellschaften das tun, abfinden.

Im Islam, im Zionismus, aber auch in Teilen Europas, ist dies längst spürbar, seitdem nicht nur die Gotteskrieger, sondern auch selbsternannte "Tempelritter" das christliche "Europa verteidigen" und zur Reconquista des Kontinents aufrufen. Für all diese Rückeroberer, die sich auf Gott als letztentscheidende Instanz berufen, steht die "Selbstsakralisierung der Person" in Widerspruch zum Einzigen, Wahren und Absoluten.

Rivalisieren um Sakrales

Die "Legitimität der Neuzeit" (vgl. Wie legitim ist die Neuzeit?), die der Philosoph Hans Blumenberg post WK II gegen Carl Schmitt verteidigt hat, wird sich auch daran erweisen, ob es ihr gelingt, ihr "Faktum der Idealbildung" gegenüber rivalisierenden Idealbildungen zu behaupten.

Entschieden wird das aber nicht im ideologischen "Prestigekämpfen" (Alexandre Kojève), sondern vermutlich auf dem Feld der Ökonomie. Es ist wohl eher eine Frage der Leistung und Effizienz, welche "Idealbildung" die Oberhand gewinnt (vgl. Die Entwestlichung ist längst im Gange). Aber auch dies ist selbstverständlich wieder ein Gebiet, das der Sakralisierung unterliegen kann oder könnte. Einerseits.

Ambivalenz des Sakralen

Andererseits bleibt, wenn wir Georges Bataille, auch ein Katholik, folgen, der gerade seinen 50. Todestag begeht (vgl. Welt der Abgründe), auch in der "rationalen Welt" stets ein "Grund von Gewaltsamkeit" erhalten. Weshalb es im Menschen immer ein unstillbares Motiv oder eine unstillbare Bewegung gibt, die unablässig über die Grenzen hinausdrängt.

Weil dem französischen Ethnologen Roger Caillois, einem engen Freund Batailles und Schüler Emile Durkheims, zufolge "das Heilige über eine Art Anziehungs- und Faszinationskraft" verfügt, es "äußerste Verlockung und höchste Gefahr in einem" ist, haben bereits archaische Gesellschaften das "Heilige" und "Profane", das "Verbotene" und das "Erlaubte" strikt voneinander getrennt.

Zudem haben sie bestimmte Zeiten eingerichtet, in denen dieses "Verbot" kurzzeitig außer Kraft gesetzt und eine "Überschreitung" zulässig war. Nicht nur um die Gewalttätigkeit zu kanalisieren und ihr so eine Richtung zu geben, sondern auch, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu erhalten und zugleich zu stärken. Das "Fest" und das "Ritual" gehörten etwa ebenso dazu wie die "Erotik", das "Opfer" oder der "Krieg".

Verbot und Überschreitung

Folgt man nochmals Bataille, dann werden auch alle Äußerungen der Erotik, die der Herzen genauso wie die der Körper, von "Gewaltsamkeit" beherrscht. "Das Gebiet der Erotik ist im wesentlichen das Gebiet der Gewaltsamkeit, der Vergewaltigung", heißt im "heiligen Eros" von 1957. Eine Erfahrung, die bekanntlich auch Nietzsche überaus vertraut war.

Nur wenn dieses Element erhalten bleibt, erreicht die erotische Aktivität, das Sich-Verausgaben und Sich-Verlieren im Anderen, ihren Höhepunkt. Zumal es in der Erotik immer auch "um die Auflösung konstituierter Formen" geht. Dann lässt sich auch das "Diskontinuierliche", das das Leben des Individuums prägt, in "Erfahrungen der Kontinuität" umkehren, das uns laut Bataille mit dem Sein, ergo dem Sakralen, verbindet.

Daher erfordert das Religiöse immer eine "persönlich gleichmäßige und widersprüchliche Erfahrung von Verbot und Überschreitung". Das "Verbot" wird aufgehoben, ohne es zu beseitigen. Denn nur wenn es erhalten bleibt, katholisch die Sünde erneut begangen wird, kann der Genuss, der dabei entsteht, wiederholt werden.

So haben schon die katholischen Mönche in den mittelalterlichen Klöstern nach Beendigung der Fastenzeit sich stets aufs Neue der Wollust und der Völlerei hingegeben, obwohl beides im Mittelalter zu den sieben Todsünden zählte. Nicht nur, aber auch deswegen wird die Religion, und nicht nur die Erotik, das Lachen, das Fest oder Krieg, unterderhand zu etwas Monströsem.

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