Platz da! Hier kommt der Mazda!

02.06.2012

Was gibt es doch für abenteuerliche Autonamen. Aber auf einen "Platz" aus Japan musste man erst mal kommen.

Der "Platz" ist natürlich kein Mazda. Das rafinier//te Tier// tat’s hier// nur um des Reimes willen. Er ist ein Toyota und in verschiedenen Ländern heißt bzw. hieß er auch immer wieder ein wenig anders. Aber anscheinend hieß er in Europa - bzw. in Deutschland - eben nicht "Platz", obwohl es dort doch recht passend gewesen wäre. Die Fahrer hätten sagen können: "Fahren Sie doch mit mir mit, in meinem Platz. Da ist Platz drin, für uns alle." Oder: "Was meinen Sie damit, die japanischen Autos sind immer so beengt? In meinem Platz hab ich massig Platz, und ich bin 1.85." Oder: "Ich parke meinen Platz mühelos in der Innenstadt. Da ist immer genug Platz für ihn."

"Nehmen Sie doch Platz in meinem Platz. Da haben wir beide reichlich ... äh ... Fußraum." Alle Bilder: Tom Appleton

Aber nein - Platz hieß der Platz vornehmlich in Japan. Ich vermute, um den Käufern zu suggerieren, sie führen ein "deutsches" Auto, etwa einen kleinen Mercedes. Wobei das für Japaner schwer auszusprechende "L" im Namen bewusst mit einkalkuliert wurde. "Ich fahre einen Pratz", müssen sie dann stolz verkündet haben. Was auf Japanisch, soweit ich das erkennen kann, nichts weiter bedeutet. Aber es ist ein kurzes, einsilbiges Wort, der Lernprozess ist also relativ leicht bewältigbar.

Das letzte deutsche Auto, das einen vergleichbaren Namen hatte, war der Blitz von Opel. Ein Lastwagen. Zu Kriegszeiten. Die schräg in einem gezackten (blitzartigen) Schriftzug gegeneinander versetzten Worte Opel//Blitz haben sich wortlos im "Blitz" erhalten, der das heutige Opel-Markenzeichens durchzieht.

Vorher soll es ein Zeppelin und sogar eine Rakete gewesen sein, die den Rüsselsheimern als Kühlerfigur dienten. Man kann sich leicht vorstellen, was für ein Export-Hit die Opel-Autos in England gewesen sein müssen, wo man sich mit deutschen Raketen und Blitzen bekanntlich bestens auskannte.

Später hat man sich bei Opels von der Luftwaffe weg und mehr zur Marine hin orientiert; die Autos hießen nun "Kadett", "Kapitän" oder gar "Admiral". Bei der Konkurrenz benannte man die Fahrzeuge nach deutschen Landschaften, "Eifel", oder "Taunus".

Ein kleiner Amerikaner mit Tarnkappe: Der Ford Taunus 12m

Bekanntlich waren und sind Opel und Ford in Deutschland lokale Ableger ihrer amerikanischen Mutterfirmen, die deutschen Namen dienten damals als Tarnbezeichnungen, um die Marken stärker lokal zu verankern. Der "Mini-Buick" von General Motors hieß in Deutschland "Opel Rekord", in England war er ein Vauxhall; der Ford "Taunus" wurde in England zum "Escort".

Die englischen Automarken waren zum Gutteil auch Amerikaner, und ihre Fahrzeuge wirkten wie geschrumpfte US-Straßenkreuzer, selbst wenn sie, wie der Nash Metropolitan, von der Firma Austin in England hauptsächlich für den Export nach Nordamerika gebastelt wurden.

Heute ist der Baby Detroit Dinosaurier ein beliebtes Sammlerobjekt. Die spaßigen Namen der zahllosen Zwergen-Töff-Töffs, die in England gebastelt wurden, als da wären, "Minx", "Imp", "Mini", "Triumph" oder "Herald", sollten mit Ironie oder Bravado über die geschrumpften Maßstäbe der Nachkriegsjahre hinwegtäuschen. Heute gibt es davon nur noch den - stark geschwollenen - Mini; der fast schon ein Maxi ist. (Auf alle Fälle ist er heute ein BMW!)

Amerikanische Autos wurden oft mit Schlangennamen belegt, vor allem, wenn es sich um Sportwagen handelte. Der Dodge "Viper", der Ford "Cobra". Einen Python gibt es auch, aber das ist ein Amphibienfahrzeug, eine umgebaute "Corvette". Nun war eine Corvette immer schon ein kleines Kriegsschiff, der Name hätte einfach bleiben können. Die Python, als Schlange, bevorzugt Bäume; jedenfalls zieht sie den Aufenthalt auf Bäumen dem im Wasser vor.

Anaconda wäre hier die biologisch richtigere Namenswahl gewesen. Deutsche Schlangennamen hätten sich dagegen für Autos als ungeeignet erwiesen - Kreuzotter, Ringelnatter, Blindschleiche.

Im Großen und Ganzen, kann man sagen, haben sich Tiernamen als Autonamen wenig bewährt, allen Mustangs, Colts [wilde Hengstfohlen] und Thunderbirds [Donnervögel] zum Trotz. Üblicherweise fallen die Hersteller auf irgendwie Spanisch-Italienisch-Lateinisch verortete Namen [bitte lispeln: "Merfedef"] oder Phantasiewörter zurück, denen sich oft mit Vorliebe ein Drall zum "A" attestieren lässt. "Testarossa" (Rotkopf) ist ein Italiener. "Carrera" dagegen ist Spanisch für "einer Laufbahn folgen, den Weg finden, ein Rennen fahren, einen Wettstreit gewinnen." Das kann nur zu einem Porsche passen. Der Name des Autos muss selbstverständlich das Unterbewusstsein ansprechen. "Carina" bedeutet "meine kleine Geliebte" - oder? Auf Italienisch bedeutet es genau das: "Sweetheart" ("Süßherz") - aber auch adjektivisch, süß, schnuckelig, nett und was die Mädels sonst noch so sein dürfen. Auf Spanisch ist es dito "My Darling", aber auch "ein Gebäude, das die Römer in Form eines Schiffsrumpfes zu bauen pflegten". Huh?

Geliebter kleiner Schiffsrumpf aus Japan?

Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass die Japaner ihre Autonamen einfach nur anhand eines Wörterbuches im Computer rauspicken (oder mit einem Computer selber zusammenbauen) und erst dann in einem Wörterbuch nachsehen, ob es das Wort überhaupt gibt. Wenn "Carina" die Geliebte ist, dann muss "Barina" die Geliebte sein, die mit auf einen Drink in die Bar geht. Stimmts? Nicht ganz. Barina ist ein GM-Wagen aus Australien, sozusagen ein Opel aus dem Land des Opals, während "Carina" ein Toyota ist. Was Barina bedeutet? Auf den Philippinen ist "barina nga dekurente" ein Elektrobohrer. Auf Spanisch scheint es das Wort nicht zu geben. Farina ist das Mehl, aber ein Auto dieses Namens gibt es nicht; es gibt Zarina, Sobrina, Margarina, Gabardina, Mandarina. Das sind alles keine Autonamen. Barina: Ist wahrscheinlich ein Phantasiewort.

Keine japanische Freundin, die auf einen Drink mitgeht, sondern eine nüchterne australische.

Im Deutschen sagt man seit den Tagen des Spanienkrieges gerne: "Da sind wir mit Karacho runtergefahren", d.h. mit Krach und Tempo. "Carajo" ist ein spanisches Wort und bedeutet: Schwanz, aber auch: Scheiße! Verdammt! "Mit Karacho" bedeutet demnach, "Wir sind da runtergeknattert und haben uns einen Teufel darum gescheert, ob wir einen Unfall bauen oder ob uns irgendwas zustößt." Nun, kein Wunder, dass es noch kein Auto namens "Karacho" oder "Carajo" gegeben hat. "Caramba"? Auch nicht.

Die Japaner haben jedoch wirklich eine große Vorliebe für das Italienische, das geht sogar bis in die Farbgebung hinein. Ist das Auto hinten italienisch gefärbt (rot, grün und weiß) und heißt "Domani", dann ist es mit Sicherheit ein - Honda. Ist er farblich ähnlich abgestimmt und heißt "Altezza" ist es natürlich wieder ein - Toyota. Oder, wenn man den Namen unvermutet einmal im Rückspiegel liest, ein ATOYOT. (Was mich immer wieder vage an den Roboter Atorox erinnert; aber sei’s drum.) Bei "Lucino" denke ich an einen italienischen Filmregisseur, der seinen Namen allerdings Luchino schrieb. Bei Nissans dachte man wohl an Begriffe, die mit dem Licht zu tun haben, mit der Erleuchtung. Bei "Nubira" war ich mir nicht bewusst, das es auf koreanisch "fährt überall hin" bedeutet. Ich hielt es für italienisch, "die Nubierin." Der Name "Sentra" bedeutet, wie ein Witzbold herausgefunden haben will, S-special, E-edition, N-non, T-turbo, R-racing, A-automobile. Es kann auch einfach eine Kombination aus SENT für Sinneswahrnehmung//Sinnlichkeit und RA für Rationalität darstellen.

Morgen besteigen wir die Höhen und baden uns voller Sinnlichkeit im Licht der Erleuchtung.

Auch der Ford "Gran Torino", der Clint Eastwood zu seinem gleichnamigen "Eastern" (einem Western mit asiatischen Komparsen) inspirierte, verdankt seinen Namen einer italienischen Stadt. Turin. Wie das Grabtuch von Turin, weswegen der Film denn auch extrem katholisch unterwegs ist und Clint zum Schluss gleich massiv ans Kreuz genagelt wird. Es ist schwierig, sich den Film unter einem anderen Titel/Autonamen vorzustellen, "Legnum" (Mitsubishi) mag man mit deutschen Augen als "Leg-ihn-um" entziffern, was zum Tenor des Films nicht schlecht gepasst hätte. Aber das amerikanische Publikum wäre dabei außen vor geblieben. Auch Namen wie "Bluebird" [Nissan], "Outback" [Subaru] oder "MU -Mysterious Utility" [Isuzu] hätten als Filmtitel nicht viel hergegeben. Jedenfalls nicht für diesen Film.

Mit dem Feenvogel und dem Hengstfüllen bei einem geheimnisvollen Dienstprogramm im Hinterland ...

Aurion ist ein Toyota, dessen Name an das lateinische Wort für Gold (wie hier bei dieser gleichnamigen Firma) oder an das Wort Aura, oder an Auerochse anklingt. Und nicht nur das: Aurion ist auch ein kämpferischer Held. Die Japaner, das dürfte nun klar sein, lieben ihre quasi-lateinischen Namen, und deswegen kleben sie manchmal gleich zwei auf ein und dasselbe Auto. Der Nissan "Cefiro" heißt so auf der linken Seite, auf der rechten heißt er "Excimo". Cefiro ist das spanische Wort für Zephyrus; der Name eines altgriechischen Windgottes, der die lauen Frühlingslüftchen brachte. Und da gab es ja bereits den Vauxhall "Zephyr" seligen Angedenkens mit gleichem Namen. Excimo ist kein Fehldruck von Eskimo, dazu müsste der Wagen auf der linken Seite "Quinn" heißen. Ich vermute, excimo ist lediglich eine Abkürzung für "bereits gebrauchtes Modell, das billig ins Ausland verkauft wird."

Oh Nubierin die überall hinfährt, streck den Kämpfer im Frühlingswind nieder, leg ihn um....

Natürlich geht den Namen, die diesen Modellen umgehängt werden, jeweils ein intensives Brainstorming voraus. Und nicht allein das: Auch der jeweilige Font, der zur Gestaltung des Namenszugs verwendet wird, bedarf der genauen Prüfung. Ich bin überzeugt, dieser Artikel zeigt, dass das Fotografieren von Autonamen sehr wohl als eigene Stilrichtung im Rahmen der digitalen Lomographie betrachtet werden kann.

Es ist die kunstvolle Kombination von Schriftzug, markanten Details der Karosserie und den in der polierten/ staubigen/regennassen Oberfläche des Autos reflektierten Objekten hinter der Kamera, die den besonderen Reiz dieser Schnappschüsse ausmachen. Ich wollte an dieser Stelle noch etwas Tiefschürfendes anhängen, wie Roland Barthes in seinen Mythen des Alltags damals über die "Déesse" von Citroen. Vielleicht über den RAV4 (ein "recreational all-terrain vehicle" mit Vierradantrieb) (schon wieder ein Toyota!) oder über den Astina - und das wäre endlich mal ein Mazda gewesen. Aber dann sah ich diese drei Kringel auf dem Foto, mit den senkrechten Strichelchen, wie Krückstöcke links und rechts davon heruntergelassen und musste einfach mit diesem Satz enden: "Bitte nimm Platz. Opa."

"Fahren Sie mit meinem Opa. Oder nehmen Sie Platz in meinem Platz."
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
SETI

Seit nun mehr 50 Jahren suchen weltweit verstreute SETI-Radioastronomen mit ihren Antennen, Schüsseln und optischen Teleskopen passiv nach künstlich erzeugten intelligenten Radio- und Lichtsignalen. Auch wenn die Ausbeute bisher ernüchternd ist - schon morgen könnte es passieren ...

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS