Zehn Jahre Verspätung beim Kampf gegen die Droge "Krokodil"

07.06.2012

Seit dem 1. Juni gilt in Russland Rezeptpflicht für Kodein haltige Schmerzmittel. Jahrelang machte die russische Pharmaindustrie Riesengeschäfte mit Schmerzmitteln, die für die Billig-Droge "Krokodil" benötigt werden.

Junge Leute sitzen in schummrigen Kellerräumen. Ihre Haut ist von eitrigen Wunden übersät. Auf einem Tisch steht ein kleiner Gaskocher. Auf der Tischplatte werden Schmerztabletten in eine Papierrolle gesteckt und dann zerdrückt. Spritzen gehen von Hand zu Hand. Die jungen Leute injizieren sich gegenseitig eine der härtesten Drogen Russlands, Desomorphin. Das Rauschmittel in der Umgangssprache auch "Krokodil" genannt, wird aus Kodein haltigen Schmerztabletten, Benzin, Jod und dem Schwefel aus Streichholzköpfen gemixt.

Schockierende Bilder gingen im letzten Jahr durch die internationalen Medien. Nun machte die russische Regierung einen ersten Schritt im Kampf gegen "Krokodil". Ab 1. Juni gibt es in den Apotheken Kodein haltige Schmerzmittel und Hustensaft nur noch gegen Rezept.

Starker Andrang in den Apotheken

Am Donnerstag vergangener Woche gab es in den Apotheken Russlands nach Medienberichten noch einen starken Andrang nach Schmerzmitteln. Viele Bürger deckten sich mit einem Vorrat ein. Denn in der Poliklinik für ein Rezept Schlange zu stehen, ist besonders für ältere Menschen keine angenehme Sache. Die Rezeptpflicht komme "zehn Jahre zu spät", meint der Experte Jefgeni Rojsman in einem Iswestija-Interview. Rojsman leitet die privat finanzierte Organisation "Stadt ohne Drogen" in Jekaterinenburg. Die von Rojsman betriebene Einrichtung für Drogenabhängige ist nicht unumstritten, weil die Abhängigen nach der Einlieferung in die geschlossene Anstalt an ihre Betten gekettet werden.

Strukturformel von Desomorphin. Grafik: Yikrazuul. Lizenz: Public Domain.

Die offizielle Zahl der Menschen, die von der Droge Krokodil abhängig sind, seien weit untertrieben, meint Rojsman. Statt 50.000 Personen seien "in den Regionen Hunderttausende" von der Droge abhängig. Der Experte geht davon aus, dass nach der Einführung der Rezeptpflicht für Schmerzmittel, die Zahl der Drogenabhängigen, die sich bei Spezial-Kliniken melden, steigen wird. Andere Abhängige würden zu Trinken anfangen. Wieder andere würden versuchen, die Schmerzen der Entwöhnung zuhause alleine zu überstehen.

"Die Kinder von Golikowa"

Rojsman, der im letzten Jahr Russland-weit auch als Politiker bekannt wurde, weil er zusammen mit dem Milliardär Michail Prochorow an dem inzwischen gescheiterten Partei-Projekt "Rechte Sache" beteiligt war, beschuldigt in dem Iswestija-Interview die ehemalige Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa der Untätigkeit. Die Ministerin, die bis Mai dieses Jahres dem russischen Kabinett angehörte, habe es zugelassen, dass die russische Pharmaindustrie Riesengeschäfte mit Kodein haltigen Schmerzmitteln machte, obwohl unter Experten bekannt war, dass Drogen auf Kodein-Basis 40 Prozent des russischen Drogenmarktes ausmachen. Nicht umsonst heißen die von der Droge "Krokodil"-Abhängigen "im Volksmund ´die Kinder von Golikowa´", meint Rojsman im Iswestija-Interview.

Droge des armen Mannes

Desomorphin gilt als Droge des armen Mannes. Ein Päckchen Schmerztabletten kostet in Russland fünf Euro. Eine Dose Heroin dagegen umgerechnet 125 Euro. Die Droge "Krokodil" war zuerst 1992 im Gebiet Leningrad aufgetaucht. Seit Anfang der 2000er Jahre findet das Rauschmittel, das von den Abhängigen unter primitiven Bedingungen selbst hergestellt wird, in ganz Russland Verbreitung. Wer die hochgiftige Droge intravenös nimmt, hat nach Meinung von Experten nur eine Überlebenschance von einem Jahr. "Krokodil" heißt die Droge, weil sich die Haut an der Einstichstelle grün verfärbt und damit der Haut eines Krokodils ähnlich wird. Desomorphin zerstört Organe und Muskeln. Der Abhängige wird praktisch von Innen aufgefressen wird. Im Spätstadium kommt es zu Amputationen der Beine.

Wirksamkeit der Rezeptpflicht umstritten

Die Nowije Iswestija zitierte Drogen-Experten, die an der Wirksamkeit der jetzt eingeführten Rezeptpflicht zweifeln, weil die Drogen-Abhängigen sofort neue Beschaffungs-Wege finden. Man rechnet damit, dass Rezepte für Schmerzmittel und Kodein haltige Tabletten aus China bald auf dem Schwarzmarkt auftauchen. Der Leiter der Stiftung "Neue Drogenpolitik", Lew Lewinson, geht davon aus, dass die Pharma-Industrie selbst neue Medikamente entwickelt, die nicht unter die Rezeptpflicht fallen, aber ähnliche Rauschmittel enthalten. Bei einer Hörerumfrage von Radio Echo Moskau am vergangenen Freitag, erklärten 58 Prozent der Hörer, die Rezeptpflicht werde die Probleme mit der Droge Krokodil nicht stoppen. 42 Prozent waren der gegenteiligen Meinung.

Nach Angabe des Direktors der russischen Drogenkontrolle – FSKN – Viktor Iwanow, sterben in Russland jährlich 100.000 Menschen wegen Drogengebrauch. Insgesamt fünf Millionen Menschen seien mehr oder weniger drogenabhängig. Die russische Anti-Drogen-Behörde sieht die Hauptgefahr für die russische Jugend im Einschleusen von Drogen aus Afghanistan. Der Handel mit Heroin sei – so Iwanow – Dank verstärkter Aktivitäten der Behörden seit 2007 zwar um ein Fünftel zurückgegangen. Dafür steige aber der Gebrauch von synthetischen Drogen und Desomorphin.

Isolation und Arbeitszwang

Iwanow meint, dem Problem der Drogenabhängigkeit könne man nur durch Zwangsmaßnahmen beikommen. Der Chef der Anti-Drogen-Behörde empfiehlt die Isolation der Abhängigen, um sie vor schlechtem Einfluss zu isolieren. Auch müssten die Süchtigen zur Arbeit gezwungen werden. Iwanow empfahl dem Landwirtschaftsministerium in den Dörfern Einrichtungen zu schaffen, wo ehemalige Drogenabhängige zusammen mit der einheimischen Bevölkerung arbeiten. Ein Rückfall in sowjetische Zeiten sei das nicht, erklärte der Chef der FSKN. Auch der Chef der "Stadt ohne Drogen, Jewgeni Rojsman, ist für Zwangsmaßnahmen. In dem Iswestija-Interview erklärt der Experte, die 1994 abgeschaffte Strafverfolgung von Drogenabhängigen habe für Jugendliche eine "abschreckende Wirkung" gehabt. Jeder habe gewusst, "wenn Du anfängst zu Spritzen, landest du im Gefägnis". Außerdem forderte Rojsman lebenslange Haft für Drogen-Dealer. Mit der Realisierung dieser Forderung dürfte es in Russland allerdings schwer sein, denn es ist allgemein bekannt, dass die Drogenmafia Gönner und Nutznießer auch unter hohen Beamten hat.

Methadon verboten

Welche Möglichkeiten für Drogenabhängige, die Aussteigen wollen, gibt es in Russland? Das Substitionsmittel Methadon ist verboten. Russische Experten meinen, die Effektivität der Methadon-Therapie sei wissenschaftlich nicht begründet. Neben Einrichtungen wie der "Stadt ohne Drogen" in Jekaterinenburg gibt es zahlreiche Einrichtungen christlicher Organisationen und auch Sekten, welche versuchen, die Drogenabhängigen über den Glauben von Drogen wegzubringen. Nichtreligiöse Therapie-Methoden bei denen keine Zwangsmaßnahmen eingesetzt werden, sind in Russland nicht bekannt. Dass gegen Drogen nur die harte Methoden helfen, ist eine in der Bevölkerung weitverbreitete Meinung.

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