Römische Kirche

11.06.2012

Ein Kommentar zum Stichwort "Vatileaks"

Die omnipotente Zentralleitung der Römischen Weltkirche verbirgt hinter ihrer Fassade geistige Ignoranz, Visionslosigkeit und Inkompetenz auf ganzer Linie. Etwas Besseres als "Vatileaks" konnte dem Vatikan fast gar nicht passieren. Mit diesem tollen Ding hat man die Garantie, dass die öffentliche Debatte auf dem Skandalniveau der oberflächlichen Medienformate verbleibt und nichts Substantielles zur Sprache kommt. Da gibt es Intrigen. Ei, wer hätte das gedacht. Mitten in der Schaltzentrale … ja, der Macht.

Mit Geld kungeln die sogar. Das wird das System sicher nicht zusammenbrechen lassen. Dafür fährt man ja gerade den gegenwärtigen Kirchenkurs zurück ins 19. Jahrhundert, damit weltliche Geldmaschine und übernatürliche Heilssakramentsverwaltung sich gegenseitig nicht im Wege stehen. Man sollte die Glückspielautomatensüchtigen außerdem nicht nur in der ausgeschilderten Spielhölle suchen.

Gehen wir über zu sensibleren Themen. Ein Männerbund, mit dem wir im dritten Jahrtausend allen Ernstes darüber streiten sollen, ob Frauen und Männer hier auf dem Globus ohne alle Abstriche Partner, Geschwister mit gleichen Rechten sind? Liebe Medienmacher, lest doch einfach, was der Papst zum Thema "Frauen" und "Weiblichkeit" schreibt, und nehmt zur Kenntnis, dass die Männerkirche nicht einmal davor zurückschreckt, eine Apostelin sowie Diakoninnen aus der Bibel weg zu zensieren und den freien theologischen Diskurs zur "Frauenfrage" in Ermangelung von Argumenten durch Repressionen abzuwürgen. Und dann werdet mal etwas praktisch bei den Investigationen: Ein wenig Fokus nur auf das Phänomen "homosexueller Selbsthass" und das ganze Kartenhaus fällt zusammen.

Ob sie es wirklich wagen in Rom, mit irgendeiner windigen Erklärung zum letzten Konzil, das seinerzeit als Eintritt in die Menschenzeit der Freiheit eine echte Revolution war, die hartnäckigsten und judenfeindlichsten Traditionalisten wieder hinein ins Kirchenschiff durchzuwinken? Man sollte sich keinen Illusionen hingeben. Wer wie das Rom der Ratzinger-Ära Geschichtsfälscherwerkstätten im Dienste der eigenen Kirchen- und Dogmenideologie unterhält, bringt alles fertig.

Die Kirchenspalter stehen rechts und betreiben durch autoritäres Gehabe Anpassung an gefährliche Entwicklungen in der modernen Gesellschaft! Zu ihnen gehört auch der besonders Rom treue Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg, ein Mann mit schlechten Manieren und als Ökumene-Beauftragter der hiesigen Bischofskonferenz durch fortgesetzte Pöbeleien wider den Protestantismus ausgewiesen. Er hat zuletzt katholischen und ökumenischen Reformgruppen "parasitäre Existenzweisen" bescheinigen wollen. Sprachlich kommt dann demnächst vielleicht die innerkirchliche Ausmerzung von Ungeziefer ins Spiel?

Kann es bei dem planmäßigen Rechtsaußenkurs der Römischen Zentrale eigentlich noch schlimmer kommen? Ein deutscher Papst führt wieder eine Fürbitte "Pro conversione Judaeorum" (für die Bekehrung der Juden) ein? Eine ganze Generation von Menschen, die den industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden - daneben auch an Sinti, Roma, Kommunisten, Schwulen, Zentrumsleuten … - bekümmert als einen Hauptbezugspunkt ihrer geistigen Biografie empfindet, wird durch eine Herrenriege von vorgestern exkommuniziert, nolens volens. Fast möchte man meinen, das ist das ist das letzte Gefecht mit jenen, die noch in braunen Sümpfen groß und an den Lügen nach 1945 blind geworden sind. In der Kirche des letzten Konzils waren andere Geister am Werk.

Die Clique der platonischen Hierarchen betreibt mit frommer Miene und Machtbewusstsein knallharte Politik. Sie regiert die Kirchenzentrale so schlecht, dass es auch in den Augen besonnener Konservativer gar nicht mehr schlechter gehen kann. Zweck der ganzen Übung scheint es zu sein, eine Milliarde Katholiken von der dialogischen Ökumene für das Leben auf der Erde und für einen gerechten Frieden fernzuhalten. Etwas wirklich Neues ist das nicht. Priester und Leviten haben beim Anblick des geschundenen Menschen noch stets Gründe gefunden, das Naheliegende einem barmherzigen Samariter zu überlassen. Und dann wäre da noch die Kernfrage: Wann haben wir Jesus von Nazareth zuletzt im Vatikan gesehen oder gehört?

Ein Zauberwort der katholischen Soziallehre lautet "Hilfe zur Selbsthilfe". Doch was soll man tun, wenn eine in sich abgekapselte Kirchenleitung sich weigert, die eigene Bedürftigkeit einzugestehen und alle Geschwister um Hilfe zu bitten? Man muss die Dinge selbst in die Hand nehmen wie z.B. die stetig wachsende Bewegung ungehorsamer Priestergruppen, die Rom trotz seiner päpstlichen Allgewalt nicht wird kleinkriegen können.

Wenn "römische" Katholiken die eigene Scham immer wieder öffentlich machen, ist das natürlich auch eine Frage des Seelenfriedens. Als Christenmensch, der in dieser Kirche - manchmal unter Tränen - leidet, erwarte ich kein Mitleid von "Außenstehenden". Ich könnte ja gehen, wenn ich wollte. Aber wir kritischen Katholiken erwarten beim Blick der Medien auf eine zweitausend Jahre alte, noch immer mächtige Institution unseres Kulturraumes schon etwas mehr Mut und inhaltliche Substanz.

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37073/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Es werde Geld ...

Eine kurze Geschichte des Geldes

Kriegsmaschinen 9/11 - Der Kampf um die Wahrheit Vom Datum zum Dossier
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS