Die französische Exzellenzinitiative

13.06.2012

Wie Frankreich es mit einer "großen Artillerie" schaffen will, mit seinen Universitäten weltweit in der obersten Liga mitzuspielen

Am kommenden Freitag werden die Resultate der zweiten Runde der Exzellenzinitiative für die deutschen Universitäten bekanntgegeben. Mehrere Hochschulen wetteifern um das Exzellenzprädikat der sogenannten "dritten Förderlinie". Dies ist eine gute Gelegenheit, auf die Folgen einer Exzellenzinitiative jenseits des Rheins, nämlich in Frankreich, zu schauen.

Die französische Regierung macht sich seit Jahren Sorgen um das Prestige und Zukunft ihrer Universitäten. Französische Hochschulen tauchen in den verschiedenen internationalen Rankings höchstens ab dem Mittelfeld auf. Im Shanghai-Ranking der internationalen Universitäten erscheinen nur drei französische Hochschulen unter den 100 ersten Plätzen und insgesamt acht unter den 200 besten Institutionen. Die entsprechenden Zahlen für Großbritannien sind 10 bzw. 19, wobei Cambridge, Oxford und University College London sich unter den Top 20 befinden. Dagegen ist die Universität Paris Süd die erste französische Institution in der Liste - auf Platz 40.

Sorbonne in Paris, von der Rue Ecole aus gesehen. Bild: P.R. Binter (Public Domain)

Hochschulrankings sind sicherlich ein umstrittenes Geschäft. Je nachdem, welche Parameter zugrunde gelegt werden und welche Gewichtung sie erhalten, wechselt die Reihenfolge der Universitäten. Einige Rankings mischen Umfragen bei den Professoren mit objektiven Indikatoren, wie z.B. das Times World University Rankings. Dies führt eigentlich dazu, dass größere Hochschulen bzw. Universitäten in bekannten Städten relativ häufig einen besseren Platz ergattern, weil man ja von diesen bereits "gehört hat". Seit Jahren werden deswegen Rankings anhand ausschließlich objektiver Parameter gefordert, aber da gibt es auch viel Spielraum. Das chinesische Universitätsranking beispielsweise legt großen Wert auf Nobelpreise, unabhängig davon, ob diese vor 80 oder 10 Jahren vergeben wurden, womit die Universität Cambridge mit seiner alten ununterbrochenen Tradition sehr gut bedient ist. Beim Times-Ranking straucheln die Franzosen weiter: Die vermeintlich beste französische Universität liegt auf Rank 59 (die École Normale Supérieure).

Es gibt wenige Rankings die mit handfesten Parametern erstellt werden. Eines ist das Leiden-Ranking, das Veröffentlichungen in der wissenschaftlichen Datenbank von Thomson-Reuters berücksichtigt. Diese Datenbank enthält Angaben von Tausenden von Zeitschriften, wie "Impact Factor" und Anzahl der "Citations" der gespeicherten Artikel. Im Leiden-Ranking ist das Übergewicht der amerikanischen Universitäten noch erdrückender. Ganz gleich, ob Artikel nach "Impact Factor" oder Anzahl der "Citations" aufgelistet werden, so dominieren überwiegend die amerikanischen Einrichtungen. Nur europäische Universitäten wie Cambridge, Oxford, bzw. die ETH oder EPFL kommen in die Nähe der oberen Plätze. Die erste französische Universität im Leiden-Ranking liegt weit abgeschlagen auf Platz 118 (im Fall Deutschlands schleichen sich nur die beiden Münchner Universitäten in die Tabelle der ersten 100 Plätze).

IDEX: Initiative d'Excellence

Vor diesem Hintergrund wurde 2009 die Exzellenzinitiative (IDEX) in Frankreich entworfen. Wie Le Monde schrieb, war es höchste Zeit die "große Artillerie" heraus zu holen. Die erste Runde wurde im Januar 2011 gestartet, die zweite Runde im Februar 2012. Anders als bei der deutschen Exzellenzinitiative sollten sich die Universitäten nicht einzeln für das Exzellenzprädikat bewerben, sondern als Konsortium. Ziel der Initiative war, "in Frankreich fünf bis zehn multidisziplinäre Entwicklungspole entstehen zu lassen, die durch Exzellenz in der Lehre und Forschung Weltrang erlangen". In diese Pole werden dann zunächst einmal 6,5 Milliarden Euros investiert. Acht Zusammenschlüsse von Universitäten wurden ausgewählt und jeder davon erfreut sich dann über zusätzliche Mittel zwischen 750 bis 950 Millionen Euro. Weitere 12 Milliarden sollen bei flankierenden Maßnahmen für Hochschulen und Forschung ausgegeben werden. Solche großen Investitionen in Hochschulausbildung wurden in Frankreich des 19. Jahrhunderts nur nach Kriegen ausgegeben.

Die verschiedenen Strategie-Dokumente der französischen IDEX identifizieren den Mangel an "kritischer Masse" in Forschung und Lehre als grundsätzliches Problem im Lande. Akademische Kolosse wie Harvard, MIT oder Stanford verfügen über Forschungshaushalte, die europäische Universitäten in den Schatten stellen. Nur im Jahr 2011 steckte MIT um die 700 Millionen Dollar in die Forschung, während die Universität Stanford sogar 1,2 Mrd. Dollar an Forschungsmitteln erhielt. Will man in solchen Dimensionen der Forschung (und der dazugehörigen Nobelpreise, Patente und Ausgründungen vorstoßen), muss man bereit sein, dementsprechend viel zu investieren. Man denke nur an den Katalysatoreffekt, den die Universität Stanford auf die umliegende Region ausübte, wo früher nur Obstbäume wuchsen. Im Laufe der Jahre entstand das berühmte "Silicon Valley", wo sich heute Firmen wie Google, Hewlett Packard, Intel, Apple und Oracle tummeln.

Aus dieser Motivation heraus wurden die französischen Universitäten dazu aufgerufen, Projekte vorzustellen, bei denen sich mehrere Institutionen vereinigen sollten um ihre jeweiligen Stärken in eine neue Einrichtung einzubringen. Mitte 2011 wurden die ersten drei Pole ausgewählt und im Frühjahr 2012 weitere fünf. Die acht neuen Exzellenzuniversitäten, die Anzahl ihrer Studenten, und ihre jeweilige Finanzierung (in Millionen Euro), sind:

KonsortiumStudentenFinanzierung (Mio. Euro)
Aix-Marseille University67000750
Paris-Saclay48000950
Bordeaux61000700
Paris Sciences et Lettres14000750
Université Sorbonne Paris Cité120000800
Sorbonne Université65000900
Université de Toulouse94000750
Université de Strasbourg42000750

Das Beispiel der neuen Sorbonne-Universität kann die Idee des Zusammenschlusses illustrieren. Die neue Hochschule setzt sich zusammen aus den vorherigen Universitäten Paris II, Paris IV, und Paris VI. Während einer Übergangsperiode von drei Jahren behält jede Universität ihre Organisation und jeder Universitätspräsident wechselt sich als Präsident der im Entstehen begriffenen Einrichtung ab. Am Ende der Übergangsperiode wird es eine gemeinsame Verwaltung mit mehreren Standorten geben. Die Hochschule wird 65.000 Studenten und 2.900 fest angestellte Professoren haben. Die wichtigsten Wissensgebiete werden vertreten sein, wobei jede Teiluniversität eine gewisse Spezialisierung im Konsortium einbringt. In der neuen Universität sind daher die Sozial- und Geisteswissenschaften, sowie die Naturwissenschaften vertreten. Inzwischen sind weitere Forschungseinrichtungen dem Konsortium als assoziierte Mitglieder beigetreten, wie INSEAD, die weltweit bekannte Business School.

Jenseits der Grand Écoles

Eigentlich hat sich das französische Universitätssystem seit jeher als ein duales System entwickelt. Neben den Universitäten gibt es die sogenannte "Grand Ecoles", die vor allem die zukünftige Spitze der verschiedenen Ministerien ausbildet. Manche Grand École wird nicht vom Bildungsministerium, sondern von dem jeweiligen Ministerium, je nach Fach, finanziert. Die Aufnahme ist hoch selektiv und erfolgt nach einem knallharten Wettbewerb. Es gibt nur wenige Studienplätze, die hoch begehrt sind. Die Hochschule für Verwaltung (ENA) z.B. hat nur etwa 500 Studenten. Auf die Prüfung bereiten sich manche Bewerber zwei Jahre lang vor und beim "Grand Oral" müssen sich die Kandidaten vor einer Jury behaupten. Politiker wie François Hollande, Ségolène Royal und Dominique de Villepin sind Alumni des EAN, da alle drei der Generation "Voltaire" von 1980 angehörten. Die Studenten jeder neuen aufgenommenen Generation werden nach der Immatrikulation mit Namen und Porträt in den Zeitungen vorgestellt. Sie werden bereits im ersten Semester berühmt.

In den Naturwissenschaften ist die École Polytechnique sehr anerkannt. Namen wie die von Poisson, Poincaré, Cauchy und Becquerel sind mit der Hochschule verbunden. Sie belegt die vordersten Plätze bei den französischen Rankings der Ingenieurwissenschaften, allerdings nicht bei den internationalen. Und das ist gerade der Widerspruch. Obwohl hier 600 Professoren um die 2.600 Studenten ausbilden (ein Betreuungsverhältnis von eins zu vier), spiegelt sich dies bei den weltweiten Rankings nicht wider. Und wenn es etwas gibt, was la Grande Nation nicht toleriert ist es, Nummer zwei zu sein.

Eigentlich scheint das europäische Universitäten-Modell insgesamt nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Für eine Zeit entworfen, in der nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung universitäre Studien aufnahm, ist es nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Eintritt von Millionen von Studenten an ihre Grenzen gestoßen.

Das französische Dualsystem war dabei besonders elitär konzipiert worden. Amerikanische Universitäten haben sich gradueller entwickelt und konnten sich langsamer umformen und auf die Zeit der Massenuniversität vorbereiten. Ein gutes Beispiel ist das System der Universität von Kalifornien. Es besteht aus einer "Bundesliga" mit der University of California in Berkeley, Santa Barbara, San Diego, usw., einer zweiten Liga mit dem System der "State Universities" und einer Aufbauliga mit dem System der zweijährigen Community Colleges. Für Kinder des Bundeslandes ist die Ausbildung trotz Studiengebühren relativ preiswert, und es ist auch möglich, hin und her zu wechseln. Es ist nicht so ungewöhnlich in Berkeley auf Studenten zu treffen, die die ersten zwei Jahre in einem Community College absolviert haben.

Kritische Masse für Forschung und Lehre

Das Beispiel der Grand Écoles macht deutlich, dass in der heutigen Welt eine Vermischung der Fächer und eine kritische Masse (nicht nur von Professoren sondern auch von Studenten) unerlässlich ist, um eine Institution von Weltrang aufzubauen. Die französischen Grand Ecoles sind dafür zu spezialisiert, "verbeamtet" und minimalistisch. Während dies vom fordernden Ministerium sicherlich gewollt wird, um die jeweilige zukünftige Führungselite auszubilden, verhindert die strenge Spezialisierung das Vorstoßen in innovative Forschungsgebiete. Heute finden die meisten interessanten Entwicklungen an den Disziplingrenzen und nicht innerhalb der Disziplinen allein statt. Die Frage der globalen Erwärmung, z.B., ist ein geologisches, physikalisches, mathematisches aber ebenso soziales und politisches Phänomen. Man muss die naturwissenschaftlichen Grundlagen verstehen, man muss aber auch über die gesellschaftlichen Auswirkungen nachdenken. Oder nehmen wir die Life Sciences. Heute, wo Informatik und Biologie in der Bioinformatik verschmelzen, wo die Entwicklung verschiedenster Arten von Prothesen zur Erforschung von neuen Materialien und Steuerungsmodi führen, können Biologen und Mediziner nicht mehr isoliert von den Ingenieurwissenschaftlern arbeiten. Interdisziplinarität ist heute gefragter denn je, sogar zwischen Philosophen, Juristen und Ingenieuren.

Das Beispiel der deutschen Universitäten ist hierfür ebenfalls interessant. Die ältesten deutschen Universitäten sind vor Jahrhunderten entstanden. Der universitäre Kanon umfasste Gebiete wie Geometrie, Philosophie bzw. Theologie, Jura und Medizin. Die Ingenieurwissenschaften als eigenständiges Forschungs- und Lehrgebiet entwickelten sich nach und nach im 19. Jahrhundert, vor allem in der Form von spezialisierten und kleinen Ingenieurschulen. So gab es Schulen für den Bergbau, für Architekten, für Verkehrsbau usw.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging man in Deutschland dazu über, diese Schulen in Technische Universitäten zu verwandeln. So wurde 1878 die älteste technische Hochschule in Deutschland, die Universität Karlsruhe (heute Karlsruhe Institute of Technology), gegründet. Während in anderen Ländern, wo Universitäten eher später entstanden sind, diese Trennung zwischen Technik und Geist nicht besteht und eigentlich eher merkwürdig anmutet, haben wir in Deutschland vielerorts immer noch die Aufspaltung zwischen Universitäten, die sich um die Ingenieurwissenschaften kümmern, und die klassischen Universitäten, wo philosophiert und gedichtet wird. Gewiss wurde diese Trennung in den letzten Jahrzehnten etwas aufgeweicht, sie besteht aber immer noch und ist ein Kuriosum für Wissenschaftler aus Asien oder USA, die andere universitäre Strukturen gewohnt sind. Universitäten wie Freiburg oder Dresden u.a. kommen dem Modell der Volluniversität langsam nah.

In diesem Sinne ist das französische Experiment höchst interessant. Es wurde festgestellt, dass gerade diese Verbindung zwischen Geist und Technik verstärkt werden sollte und dass die Interdisziplinarität und Vernetzung der Institutionen notwendig ist. Da, wo die Ressourcen fehlen, wie im Europa der Eurokrise, müssen sich die Universitäten dann zu größeren Verbunden zusammentun. Dies bedeutet nicht, dass alle Studenten in einem einzigen Campus untergebracht sind. Es bestehen weiterhin unterschiedliche Hochschulgelände und lokale Organisationsstrukturen, aber es wird am Ende eine gemeinsame Einrichtung mit gemeinsamen Studienabschlüssen und vielen angeschlossenen Forschungseinrichtungen geben.

Einen solchen starken Forschungsverbund hat in Deutschland nur die Universität Karlsruhe durch die Verschmelzung mit dem Forschungszentrum Karlsruhe geschaffen. Letzteres hatte sich schon lange nach dem Aus für die Kernenergie diversifiziert und war in Gebieten wie der Neurobiologie oder alternativer Energieforschung tätig. Durch die Fusion beider Institutionen ist ein neuer ansehnlicher europäischer Akteur entstanden.

Man darf weiter gespannt auf die Weiterentwicklung der französischen IDEX schauen. In Deutschland wird auch in eine ähnliche Richtung gedacht, nämlich, ob das Karlsruher Beispiel nicht auch an anderen Orten verallgemeinert werden könnte, um die Elfenbeintürme der Forschung mit den Universitäten zu vereinigen. Ich denke, dies würde beiden gut tun: sowohl der Lehre als auch der Forschung, die sich nur in der Einheit voll entfalten können. Das französische Beispiel macht auch deutlich, dass "Eliteuniversität" nicht dasselbe wie Forschungsexzellenz ist. Elite haben die Franzosen zuhauf, jetzt wollen sie aber mit ihren Universitäten ganz oben mitspielen und schrecken vor größeren Verbunden mit Zehntausenden von Studenten nicht zurück. Das ist eben die "große Artillerie".

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